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Schande gereichen wurde, und lässt diese Prahlereien weg (oben S. 143). Aus gleichem Grunde ändert er die Beschreibung und die Bewirthung im Hause von Eniden's Eltern, die bei Christian im Widerspruch zu ihrer Armuth steht, naturgemäß ab (S. 144). Er lässt den Vater Enidens, dem Erec den Antrag macht seine Tochter zu heiraten, misstrauisch sein und an dem Ernste des Antrages zweifeln (S. 145). Das Misstrauen des Armen kann der feiner fühlende Erec Hartmanns nachempfinden und scheut sich es zu wecken und so den Armen zu verletzen (S. 149)* Bei Hartmann besteht Artus darauf, daß Erec an seinem Hofe die Vermählung feiere, während bei Christian Erec den König darum bittet (S. 153). Der Tadel Erec's über Eniden's unerlaubtes Sprechen geschieht bei Hartmann immer erst nach überstandener Gefahr (S. 159 ff.). Die schamlose Äußerung, die Christian, wenn auch eine als Verstellung, Eniden dem Grafen gegenüber thun lässt, hat Hartmann nicht in sein Gedicht herübergenommen (S. 162, Anm.). Das Nachtlager im Walde, mit dem Könige Guivrez, wird von Hartmann der Sache und den Umständen gemäß geschildert, daß sie unter Bäumen auf Laub geschlafen, vom Essen ist nicht die Rede, während Christian von mitgebrachten Zelten und Speisekisten spricht (S. 171).

Hartmann fügt psychologische Bemerkungen ein, die seinem Vorbilde fehlen und die uns den Charakter des deutschen Dichters von der liebenswürdigsten Seite zeigen: so über die Schämigkeit der Frauen (S. 149). Er bemerkt, daß die wilden Rosse sich Eniden's Leitung willig gezeigt (S. 160). Er fügt eine Charakterschilderung Kai's ein (S. 165) und setzt entschuldigend hiuzu, daß die Flucht vor dem vom Tode erstandenen Erec keine Schande gewesen (S. 170). Unwahrscheinlichkeiten der Erzählung sucht Hartmann so gut er kann zu erklären, , so den Umstand, daß Enide immer früher die Gefahr herankommen hört als Erec, durch seine Rüstung (S. 162). Als unwahrscheinlich erlaubt er sich Zahlen zu ändern, so, wenn Guivrez bei Christian tausend Begleiter mit sich nimmt (mit denen dann Erec in Kampf geräth), macht Hartmann nur dreißig daraus (S. 171); umgekehrt erhöht er die Dauer des Festes auf Brandigan, die Christian auf drei Tage angibt, auf vier Wochen (S. 177).

Andeutungen des Originals werden von Hartmann zu neuen Zügen und Situationen erweitert, so in der Schilderung von Erec's Eintritt und Ankunft bei Eniden's Vater (S. 143), und die erfundene Erzählung Enidens, daß sie von ihrem Gatten geraubt worden (S. 162).

In den Beschreibungen und Schilderungen von Äußerlichkeiten ist Hartmann theils kürzer, theils länger. Kürzer z. B. in der BeSchreibung der Kleider, die Enide von der Königin bekommt (S. 150), und einmal mit ausdrücklicher Bemerkung (S. 163). Meist aber ist er länger, so in der Schilderung der fünf alten Könige, die zum Turnier kommen (S. 154), inErec's Ausrüstung zum Turnier (S. 156) und überhaupt in der ganzen Turnierschilderung, die aber doch auf Christian beruht (S. 156—157). Ferner in demExcurs über Färnurgän (S. 165), die Hartmann auch später nochmals hereinzieht |S. 171), in der Schilderung der Burg (S. 171), in der Beschreibung von Enidens Pferde (S. 171 ff.), des Zeltes im Garten (S. 176) und des Ritters, mit dem Erec daselbst kämpft (ebd.).

Bis hierher können wir uns die Abweichungen erklären und den Gründen, aus denen sie Hartmann sich erlaubt, meistentheils nachgehen. Wir können jedoch nicht verschweigen, daß sich manche thatsächliche Unterschiede von größerer Bedeutung finden, die nicht so schlechthin als Willkür des deutschen Bearbeiters gelten dürfen, sondern bei denen die Frage nach einer andern Quelle berechtigt erscheint. Betrachten wir zuerst die Namen, so scheinen bald im Beginn des Gedichtes einige zu solcher Vermuthung Anlaß zu geben. Hartmann nennt das Schloß Tulmein, auf welchem der Herzog Jmäin, der Veranstalter des Sperberfestes, wohnt (S. 143); allein beide Namen sind durch Missverständniss zu erklären, vielleicht eines und desselben Wortes. Christian sagt 1347:

et sa cosine estoit germaine

et niece le conte domaine; daraus oder aus einer ähnlich lautenden Stelle machte Hartmann einen Mann, Namens Imain (d'Omain-e)*), und aus einer andern Stelle, 6200

niece, fait ele, sui le conte

qui tient Lalut en son domainne, ist das Ms Tulmein hervorgegangen. Ähnliche Missverständnisse sind in der deutschen Litteratur nicht selten: ich will hier nur an Herborts meisler Donjon erinnern, der aus Benorts /*' mestre donjons 'der Hauptthurm' entstand (vgl. Frommann in dieser Zeitschrift 2, 77).

In Hartmann's Erec selbst begegnen wir noch anderen Missverständnissen dieser Art, so die ros von Ravine (S. 177), die allerdings aus keiner Stelle des Bekker'schen Textes erklärlich sind, und die Ritter Venegus, Opinax und Libauz (S. 173). Dahin gehören auch die Namen Tanehroc und Prunn (Euroc), von denen ich schon oben (S. 156)

*) Ein ähnliches Missverständniss scheint sich ein neuerer zu Schulden kommen zu lassen, wenn er von einem pauvre preudhonime vassal die baron de Ceans spricht (San-Marte, Arthursage S. 303).

gesprochen habe. Endlich der Name des Zwerges Maledicur (S. 147), den Wolfram (Parz. 401, 14), ohne Zweifel aus Hartmann's Erec, Maliclisier nennt. In der Endung scheint letztere Form den richtigen Vocal zu haben: Wolfram reimt den Namen auf condewier. Auch dieser Name ist aus Missverständniss einer Stelle Christians zu erklären. Nachdem Yders, von Erec besiegt, sich an Artus Hof und zur Königin begeben, sagt diese zu ihm (1200):

puis qu'en ma merci ci es mis,
plus en iert la merci legiere,
ne n'ai talant que mal te quiere.

Las etwa Hartmann in der letzten Zeile ne demande que mal Ii guiere; so konnte er bei dem geringen Verständniss des Französischen, das er besaß, sie verstehen 'ich verlange nur Malliquier, und aus dieser Form konnte leicht Maldisier und ähnliches werden. Allerdings wird bei Hartmann der Name schon früher genannt, gleich nachdem Erec seinen Gegner besiegt hat (1076), aber derselbe Fall, das Heraufnehmen eines bei Christian erst später genannten Namens, begegnet bei Emdens Eltern, die Chr. erst am Schlüsse (6846. 48) *), Hartmann gleich am Anfang (427. 429), und bei Eniden selbst, deren Namen Christian zum ersten Male bei der Vermählung nennt (S. 154).

Wenn daher aus diesen Namen nur ein stellenweis abweichender Text, nicht aber Benutzung eines andern Gedichtes gefolgert werden kann, so müssen einige andere Züge geltend gemacht werden, bei denen solche Erklärungsweise nicht genügt. Zwar die Nennung anderer Ritter der Tafelrunde bei Hartmann lässt sich so erklären, daß er andere französiche Dichtungen über Artus gekannt und aus diesen weitere Namen hier eingetragen (S. 150 ff.). Dagegen rechne ich hierher die Bewirthung durch den Knappen im Walde und was ihr zunächst folgt (S. 160 ff.), die Einladung des Zwerges König Guivrez (S. 164J, die Einführung der achtzig Frauen auf Brandigan (S. 173. 177) und endlich der Schluß der Gedichte, der indess insofern übereinstimmt als beide Dichter eine Festschilderung geben, Christian eine lange, Hartmann eine gedrängte, und auf den ich insofern weniger Gewicht legen möchte, als das Abbrechen des Bekker'schen Textes zu deutlich hervortritt und andere Hss. das Gedicht um einen Schritt weiter zu führen scheinen (S. 178).

Ehe wir daher, gegenüber der unverkennbaren Übereinstimmung zwischen Christian und Hartmann im Großen und Kleinen, in der An

*) Was Pfeiffer (Germania 4, 196) entgangen ist.

läge des Ganzen wie in der Ausfuhrung des Einzelnen, uns der Ansicht anschliessen, es habe dem deutschen Bearbeiter ein anderer Erec vorgelegen als das Gedicht Christians, scheint es unerlässlich, die französischen Handschriften sowohl in einzelnen Lesarten als im Ganzen zu vergleichen. Sie werden das Resultat, zu welchem unsere zergliedernde Vergleichung gelangt ist, nicht umstoßen, vielmehr dazu beitragen, einen dem Hartmann'schen im Einzelnen noch näher stehenden Text zu ermitteln.

Eine in's Einzelne gehende Vergleichung der deutschen höfischen Dichtungen mit ihren französischen Originalen scheint für die richtige Würdigung beider Litteraturen von großer Wichtigkeit. Wir lernen dadurch in die Gedankenwerkstätte unserer Dichter blicken; wir sehen (und das wird auch vorstehende Untersuchung hoffentlich erreicht haben) die engen Grenzen, innerhalb deren sich die dichterische Kraft gegenüber der 'Quelle' bewegte, und lernen eben deswegen, soviel wir auf der einen Seite von der Selbständigkeit abziehen müssen, auf der andern Seite unsere Dichter doppelt lieb gewinnen, die, mit solchem Zwange umgeben, es doch verstanden, die mehr oder weniger trockenen Vorbilder 'mit warmem Leben zu erfüllen und ihnen, wie W. Grimm (Athis S. 372) es schön ausspricht, 'die deutsche Seele einzuhauchen'

ROSTOCK, im November 1861.

ZUM MÄRCHEN VOM ZAUNKÖNIG.

(Germania, 6, 80—106.)

Die zweite der von Pfeiffer besprochenen Bearbeitungen dieser Fabel (6, 87—89) ist nach einer vollständigeren Handschrift als die Stuttgarter ist, in Fichard's Frankfurtischem Archiv für ältere deutsche Litteratur und Geschichte 3, 316—323 abgedruckt. Die den Eingang bildende Anrede des Königs, die in der Stuttgarter Handschrift fehlt, lautet hier:

Ich byten uch herren alle gar
Das ir myner eren nement war
Und das myn lant in fryden sy
Das ich von laster leben fry
Und radent mir wy das ich
Möge bewaren min konigrich
Und wisent recht und eben
Wie ich solle in eren leben.

Dem Käthe des Geiers, der in der Stuttg. Hs. den Anfang bildet, gehen noch zwei Absätze von je sechs (im zweiten fehlt jedoch eine Keimzeile) Versen vorher. Die Namen der Vögel sind hier und in allen folgenden Absätzen nicht hinzugefügt. Im Ganzen sind es dreißig Absätze, also 29 Kathgeber; ein regelmäßiger Wechsel zwischen guten und bösen Rathgebern findet nicht statt.

Von der dritten Bearbeitung, die ich in der Einleitung zur Erlösung S. XLIII—XLV nach einer Nürnberger Handschrift habe abdrucken lassen, und von der Pfeiffer (S. 89) noch eine S. Florianer Handschrift anführt, gibt es oder gab es noch eine dritte, eine Papierhandschrift vom Jahre 1475 (8 Bl. fol.) auf der königl. Bibliothek zu Berlin, aus der Bibliothek des Christoph von Wolkenstein (1594) stammend. Hier hat das Gedicht 23 gute und 23 böse Kathgeber. Der Anfang lautet:

Das Chünigl.
Ir herren gebt mir ewren rat
Wye wir des landes er behalte.

Adlar.
Her du solt in milde gebn
So macht du wol in ern lebn.

Stockar.
Her du vrizz allain dein speys
So dunckest du mich weys.

Vgl. Serapeum 12, 339, wo zugleich bemerkt wird, daß die Handschrift nicht mehr vorhanden sei. Sie enthielt außerdem poeniata moralia cum figuris, wohl auch deutsche didaktische Gedichte.

Ein niederdeutsches Gedicht desselben Inhaltes ist abgedruckt in Brun's Gedichten in altplattdeutscher Sprache S. 135—140, aus einer Helmstädter (jetzt Wolfenbüttler) Handschrift. Als König ist hier nicht der Zaunkönig bezeichnet, aber die Übereinstimmung mit dem niederländischen Gedichte, welches Maßmann in der Germania 6, 232 niitgetheilt hat und von dem es gleichwohl verschieden ist (es stimmt z. B. wörtlich der Rath des Aaren, vgl. auch Germania 6, 95; ferner der Rath der Unke S. 137:

wen di arme lüde clagen, den scaltu richten unvorsagen, mit German. 6, 83:

und wenn die armen uch clagen,

daz süllent ir enden und nit vertragen;

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