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nigen Jahren noch eine wissenschaftliche Lese von Schweizersagen ganz fehlte, reiht sich jetzt Sammelwerk an Sammelwerk, nachdem Rochholz den glücklichen Wurf gethan und in seinen Aargauer Sagen gezeigt hat, wie man Sagen sammeln , darstellen und ihren Gehalt wissenschaftlich verwerthen solle. Sein vortreffliches Werk, dem die verdiente Anerkennung nirgends versagt wurde, mußte zur Nacheiferung anregen und selbst Verächter alter Volkstraditionen bekehren.

1. Von dem unermüdlichen Sammler , der mit scharfem Blicke die Entstehung und Entwicklung vieler Sagen durchforscht und aufgedeckt hat, liegt ein neues Werk vor, das sich von den schon vorhandenen Schriften über deutsche Sagenforschung und Götterlehre unterscheidet. Er zeigt darin die schweizerische Sagenbildung als bedingt durch den geologischen Bau des Gebirges und den Gang seiner Gewässer. In der trefflichen Einleitung zeigt er, wie den Sagen vom Türst und der wilden Jagd des Tösjägers mächtige Naturerscheinungen in den Alpen zu Grunde liegen. Die Sammlung selbst zerfällt in zwei Abtheilungen, deren erste die Abschnitte: die Wetterherren, der Kornweg, der wilde Jäger in Jura, Sturmthiere, die Zwerge in Jura, waschende Jungfrauen enthält. Die zweite behandelt die Hortsagen, das Irrlicht, Schlange und Drache, die Wolken, den Mond und die Hasenfrauen. Zu der Abhandlung über die Wetterherren S. 1 —16 glaube ich bemerken zu müssen, daß in Tirol Johann und Paul, und Oswald als die größten Wetterherren, St. Margaretha als Wetterfrau verehrt und gefürchtet werden. Sind in der benachbarten Schweiz diese Traditionen ganz verschollen? — Sehr zahlreich sind die Sagen vom wilden Jäger in Jura. Schon die erste „der Türst auf Froburg" interessirt durch den Namen, der an den Gott Frö erinnert. Sagen von kegelnden Kiesen und Geistern, von Schweinreitern u. a. folgen. Hat sich in den auch anderswo nicht selten auftretenden Sagen von Schweinerittern ein Anklang an den auf dem goldborstigen Eber reitenden Freyr erhalten? — Nicht weniger reichhaltig sind die Abschnitte von den Sturmthieren und den Zwergen in Jura. All die Züge, die anderswo von Erdmännlein und Wichtein erzählt werden, kommen hier wieder vor. Dasselbe gilt von den Hortsagen (S. 15 3), die auch das Capitel von Schätzen durch ihre Allseitigkeit beinahe erschöpfen. Viele neue Züge enthalten die Abschnitte: Schlange und Drache, der Mond und die Hasenfrauen. Wir haben hier selbständige Abhandlungen, die durch den Beichthum des Stoffes, scharfsinnige Forschung, neue Besultate und schöne Form in hohem Grade anziehen. Daß Hr. Rochholz in diesen, wie in den Anmerkungen zu den Sagen die ganze einschlägige Literatur berücksichtigt, braucht nicht erst bemerkt zu werden. Ein sehr zweckmäßig angelegtes Sachregister schließt das ausgezeichnete Buch ab, das gewiß alle Freunde deutscher Sagenforschung mit ungetheilter Freude begrüßen.

2. Hr. Lütolf verdient unsern Dank, da er es unternommen hat, den Sagenhort der Urcantone zu heben. Daß er die Sache nicht leicht nahm und erst nach gründlichen Vorstudien die Hand ans mühevolle Werk legte, beweisen die den einzelnen Sagen beigegebenen Anmerkungen, welche eine lobenswerthe Kenntniss der Sagensammlungen und der deutschen Mythologie bekunden. Das vorliegende Heft enthält Sagen von Gewittermächten, von dem wüthenden Heere, von Zwergen und Biesen, von schatzhütenden Geistern und der guten Frau. An der Spitze des Ganzen steht die mit großer Ausführlichkeit behandelte Pilatussage. Der Pilatusberg, an dem sich eine Menge von Sagen und Mythen abgelagert hat, war zweifelsohne eine heidnische Cultusstätte. Dies beweist hinlänglich das uralte strenge Verbot wider den Besuch des genannten Sees. An dem Pilatusberg haften auch die Sagen vom Domini. Dieser, wegen seiner Verbrechen verwünscht und versteinert, muß einen unermeßlichen Goldschatz so lange hüten, bis ihn Jemand zur Herausgabe des Hortes zwingen kann. Interessanter ist folgende Sage (S. 17): Der Domini, wohnhaft im Chirbel, war dort ein zauberverrufener Mann. Da es endlich mit ihm zu Ende gieng, jagte der Türst bei seinem Hause vorbei und man hörte rufen: Domini chumm, 'sist zit, Domini chumm, 'sist zit." Sogleich gab er den Geist auf. — Er ward somit vom wilden Jäger abberufen und in sein Gefolge aufgenommen. Diese Sage hat ein sehr altes Gepräge. Da der Pilatusberg das Lieblingsrevier des wilden Jägers (S. 28), dieser aber Wuotan ist, so gewinnt dadurch Rochholz und Runge's Ansicht, daß Pilatus hier von pileatus, der Behütete, abzuleiten sei, neuen Halt. — Unter den übrigen Sagen verdient namentlich die von Frau Zälti (S. 7 2) unsere Aufmerksamkeit. Denn unter diesem Namen lebt noch in der Urschweiz die von mittelhochdeutschen Dichtern so oft genannte „vrou Saelde" fort. An sie bat sich aber vieles angelehnt, was anderswo von der Frau Berchta und Hulda erzählt wird. Nirgends kann aber Frau Zälti, diese Glücksgöttin, ihre alte Güte und Freundlichkeit verleugnen. Die Anmerkungen sind mit großer Umsicht und Kenntniss geschrieben. Zu weit geht aber Herr Lütolf, wenn er hinter dem in Volksliedern so oft vorkommenden Namen Anneli die Göttin Nanna vermuthen möchte.

3. Geben Rochholz und Lütolf meist die Sagen einfach erzählt nach dem Inhalt geordnet, und fügen ihnen erklärende Anmerkungen bei, so verfolgt der uns schon früher rühmlich bekannte Verfasser eine andere Weise. Er liefert eine kleine Mythologie Churrhätiens und berichtet in fortlaufender Rede über Götter und Halbgötter, elbische Wesen, über Zauber, Thiere, Bäume und Kräuter. Grimms Mythologie und Mannhardts Götterwelt bilden gleichsam den Zettel, die Sagen aus Graubünden und Vorarlberg den Eintrag dieses Gewebes. Wir ziehen die von den andern befolgte einfachere Weise vor. Sind die Sagen einmal gesammelt und klar geordnet, dann kann sich einer das Vergnügen machen, eine Mythologie des betreffenden Stammes oder Gaues zu bilden, wie dies Hr. Quitzmann gethan hat. — Vonbuns Büchlein enthält neben den Belegen für lang bekannte Volkstraditionen auch manches Neue. Das Ganze ist mit feinem Sinne, großer Wärme und vielem Geschmacke geschrieben. Wir wünschten nur, daß er in seinen Verweisen auf die einschlägigen Sammelwerke der benachbarten Länder: Tirol, Baiern und Würtemberg mehr Rücksicht genommen hätte. Dadurch hätte das Buch viel gewonnen, und manche Parthie wäre dadurch viel mehr aufgehellt worden. Sehr werthvoll sind die Mittheilungen über das mit Musik umziehende, Kühe schlachtende Nachtvolk (S. 2). Irrig ist es aber, wenn das S. 12 erwähnte Todtenvolk oder die Nachtschaar geradezu mit dem Nachtvolk verwandt bezeichnet wird. Der aus mehreren Thalschaften Churrhätiens beigebrachte Volksglaube hat mit dem Nachtvolke nichts zu thun, er ist das zweite Gesicht, das namentlich in Westphalen, doch auch in Tirol vorkommt. Freilich sind auf dasselbe in Churrhätien Züge von dem Nachtvolke und dem wüthenden Heere übertragen. Der S. 20 mitgetheilte Reim kommt auch in Tirol vor. Wir können aber trotz alles Bemühens in den Versen: Gott alls grota lot Zwüschat alla stega und wega

nicht herausfühlen, daß sie wie ein alter Hymnus klingen. Zu weit geht Vonbun, ■wenn er in allen weißen Frauen (S. 25 u. 26) Holda-Berchta sucht. Dankeswerth und trefflich ist das über die Nornen (S. 88—38) Mitgetheilte. In dem Abschnitte elbische Wesen bespricht er den Schräthlig, das Doggi, die Fänken, Dialen und Bütze. Bei den Fänken hätten jedoch jene Sagen, die uns dieselben als gefrässige Riesen darstellen, ausgeschieden werden sollen. — Interessant ist die Mittheilung über die geographische Verbreitung der Wildfanggen (S. 6 3); die Thäler, die in näherer oder weiterer Entfernung vom Wurzelstocke des Selvretta auslaufen, sind die eigentlichen Heimatsitze der Fänken. Unter den Dialensagen zeichnet sich die von Selbst gethan (S. 67) aus. Der Abschnitt „Zauber" behandelt Hexen und Hexenakten. Da werden uns viele Namen der Hexenteufel und die Tanzplätze (S. 91 und 101) aufgezählt. Außerdem bietet dieser Abschnitt wenig neues. Das Verfahren bei Hexenprozessen, das angebliche Treiben dieser Unglücklichen war ja überall dasselbe. Der werthvollste Theil des ganzen Büchleins ist die Abhandlung über Thiere, Bäume und Sträucher (8. 104). Sie gibt viele neue Züge und hellt manches Dunkel auf. Ich verweise nur auf den Schwarzspecht, der mit der hl. Gertrud in Verbindung steht. Letzteres rührt daher, daß dieser Vogel als Frühlingskünder angesehen wird, wie die genannte Heilige als Frühlingsbringerin gilt (S. 110). Die S. 118 vom drachenbändigenden Zwerge mitgetheilte Sage kommt auch in Ulten vor. Zusammenstellungen des Python mit dem Lintwurm (S. 119) und der Io mit dem Kuhbauch (S. 121) sind zu gesucht und nutzlos. Beachtenswerth ist die beilige, dem hl. Georg geweihte Tanne (S. 124). Die Sage vom Rennthiermoos (S. 13 5) ist auch in Tirol weit verbreitet, wie ich in meinen Volkssitten und Sagen aus Tirol längst nachgewiesen habe. Die Mittheilungen über St. Johannsnacht und St. Johannstag (S. 133) verdienen unsern Dank und erwecken den Wunsch, der Verfasser möchte über die Sitten und Bräuche Vorarlbergs und Churräthiens bald mehreres veröffentlichen.

J. V. ZINGERLE.

GOLD, MILCH UND BLUT.

MYTHOLOGISCH

VON

E. L. ROCHHOLZ.

L DAS GOLDENE ZEITALTER.

Das Blut, das alle Körpertheile durchdringt, gehört mit zum Inbegriff der Lebenskraft und wird entweder als die Seele selbst oder als deren Stellvertreter gefaßt. „Die Seele des Fleisches ist im Blute. Das Blut ist die Seele selbst.« 3. Mos. 17, 11. — 5. Mos. 12, 23. War es nun der geistige Versuch eines jeden Zeitalters,, die bunte Reihenfolge der selbstbewussten Wesen geordnet zu überblicken, dieselben nach dem ihnen zukommenden Maße von Geist und Lebenskraft zu überzählen, und bedarf man dazu eines allgemeinen Gradmessers, so konnte man wohl meinen, am Blute zuerst einen solchen Maßstab gefunden zu haben. Das Alterthum hat im Allgemeinen die zu höchst stehenden Wesen als die Feinblütigen und Blutreichen angesehen, als Dickblütige oder ganz Blutlose aber diejenigen, welche auf der untersten Stufe geistiger Geltung und physischer Kraft standen. Vollständiger Blutmangel galt als vollständiges Aufhören von Leben, als vollständige Abwesenheit von Geist. Insgesammt bedürfen die alles erschaffenden und erhaltenden Götter ihres eigenen Geblütes, hierin allein schon liegt der Grund alles blutigen Opfers; denn je blutreicher ihr göttlicher Körper durch den Genuß eines gediegenen Opfermahles gemacht werden kann, um so ewiger wird ihre Gottheit und um so herrlicher vermögen sie fortzufahren, eine immer in den Tod zurück sinkende Menschheit zu entsühnen, zu erlösen, zu verjüngen. Die natürlichste Folge dieser Voraussetzung muß sein, daß solcherlei Götter auch verwundbar sind und ihr eigenes Blut vergießen, dieses aber muß, damit es sich vom menschlichen unterscheide, bald Gold, bald Milch, bald Milch und Blut zugleich sein.

Den Götterhimmel mit all seinen Gestirnen, den Leib der Götter selbst, nicht minder auch den ihrer Lieblingswesen, ihrer Gefolgs- oder Germanu vu. 25

Wappenthiere durchrinut ein Geblüt, das pures Gold ist. Dies wird hier sofort zum Erweis gebracht.

Den ganzen Himmelsraum durchrinnt ein goldenes Liebes- und Glückseligkeitsblut. Die Sonne streut im Aufgange Gold aus und geht im Westen wieder zu Golde. Morgenstund hat Gold im Mund. Wo der Regenbogen seinen Schenkel auf die Erde setzt, glaubt man die goldenen Atelspfenninge und Regenbogenschüsselein zu finden. Als das gutherzige Mädchen ihr Stück Brod, ihr Häubchen und Kleid der Reihe nach an die bettelnden Kinder hingegeben hat und zuletzt auch noch das Hemdchen, daß es Nachts nackt im Walde dasteht, fallen darüber alle Sterne gerührt vom Himmel in den Wald herein und lassen sich als Sternthaler auflesen. KM. Nr. 153 . Als das Marienkind im Märchen ein wenig an den Glanz der Dreieinigkeit rührt, wird ihm davon der Finger golden. Das Graumännchen erlaubt dem Knaben nicht, das siebente Zimmer, das verschlossen gehaltene im Hause, zu betreten, nicht im Garten bis an den Brunnen zu gehen. Als der Knabe hierauf den Finger wenigstens durchs Schlüsselloch jener siebenten Thüre steckt, als er dennoch in den Brunnen hineinlangt, wird der Finger drüber golden, denn dort hat er in den Himmel, und da in dessen Milchmeer (von welchem noch hernach) hinein gegriffen, und auf den ersten Trunk aus diesem wäre das Kind ganz golden geworden. Letzteres erweist sich im Märchen von den Goldkindern Nr. 85. Als da der Goldfisch gefangen und verzehrt ist, bekommt des Fischers Ross zwei Goldfüllen, des Fischers Frau zwei Goldsöhne, und dazu wachsen noch zwei goldene Lilien auf. Da nun der eine Sohn auszieht zu freien, muß er sich und sein Ross erst in ein Bärenfell verhüllen, als ob er nur ein armer grober Bettler wäre. Sobald er aber einmal im Königsschlosse über Nacht behalten wird und seine Bärenfelle vor dem Bette abgeworfen liegen, erblickt man staunend in diesem Schläfer einen herrlichen goldenen Mann. Der König schlägt nach dem armen Mädchen Allerleirauh, das bei ihm im Schlosse Magd geworden ist, einmal mit der Peitsche, da bekommt ihr Rauhmantel einen Riß, ein prächtiges Goldkleid schimmert drunter hervor, neugierig reißt der König den Riß größer und sie ist entdeckt als die schönste Königstochter der Welt (KM. 3, 116). Solcherlei kleine Züge zeigen uns also die Göttergestalt ganz golden; sie würden aber nur liebliche deutsche Zufälligkeiten heißen können, wenn sie nicht durch alle Welt giengen und bei allen Völkern wiederkehrten.

In den tatarischen Heldensagen, die Castren aus dem Munde der altaischen Völker gesammelt hat (Ethnologische Forschungen, Pe

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