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der Sippschaftspflichten, aber deren erste Folge ist dann das Gebot der Blutrache. Das Rachegelübde, das der Bataver Civilis gegen die Römer schwört, das die Chatten bei Tacitus ablegen (Germ. 30) und die 6000 Sachsen (bei Paul. Diaconus) gegen die Schwaben, lässt nicht den geringen Aufschub zu, erst noch die Hände zu waschen, die Nägel zu schneiden, die langen Haare zu kämmen und in Locken zu schürzen, ein Kleid zu wechseln, bevor der Feind und Todtschläger darnieder liegt. Hilde erweckt jede Nacht die erschlagenen Hedninge auf der Walstatt durch Zaubergesänge, damit sie die unentschieden gebliebene Schlacht von neuem ausfechten; denn Blut fordert immer wieder Blut. Und dieser Kampf, sagt Skaldaskaparmal, soll fortwähren bis zur Götterdämmerung, d. h. bis zum jüngsten Tage soll die Blutrache den Odhinnsdiener nicht ruhen lassen.

Längst ist dieses furchtbare Gesetz untergegangen, gleichwohl bricht ea noch allenthalben in der Empfindung und Erinnerung durch. Die Spuren rechtswidrig vergossenen Blutes lassen sich von keiner Mauer abwaschen, z. B. das Wallensteins in Eger; sie schlagen unter jeder Tünche frisch hervor. Von Conradins Tode zu Neapel gieng die Sage, ein Adler sei vom Himmel herabgeschossen, habe seine Fittiche durch das Blut des Enthaupteten gezogen und sich damit wieder in die Lüfte geschwungen, Blutrache, drohend; auch die Wände der Capelle, welche über jene Hinrichtungsstätte erbaut wurde, seien beständig feucht geblieben. H. Holland, Bayerns altd. Dichtkunst, 540.

Todschlag konnte zwar später mit Geld abgekauft werden, so daß nur der mit Blut bezahlen mußte, der keinen blutigen Heller mehr hatte, also nicht mit Gut bezahlen konnte. Aber man weigerte sich dieses Ersatzmittels; ich will, sagte der Vater, dem-der Sohn erschlagen war, meines Sohnes Seele nicht im Geldbeutel tragen. Und so hatte die am Mörder vollzogene Todesstrafe darin ihren rechtlichen Begriff, daß für das vergossene Blut des Ermordeten dasjenige des Mörders zum Ersatz dienen sollte. Blut an die Pfosten des Wohnhauses gestrichen, bezeichnete beim Hebräer schon eine neuerdings zum Leben bestimmte Stätte; an ihr gieng der Engel, der die Erstgeburt schlägt, unschädlich vorüber. Auch befiehlt Moses sowohl für den Todschläger, der eine Seele unversehens und unwissentlich schlägt, als auch für den Bluträcher selbst, Freistätten zu errichten, dahin er fliehen möge und nach Vollzug der Rache nicht noch durch die Sippschaft seines Gegners sterben müsse. Die deutsche Satzung verfügt Ähnliches. Dem durch das Gesetz Hingerichteten kommt kein Bluträcher mehr zu, Niemand aus seiner Sippschaft darf seinen Tod „äfern." Damit ist der Familie des Erschlagenen

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und des für den begangenen Todschlag Hingerichteten die Ausübung der Blutrache entzogen, und wie es im Alten Testamente heißt: „Mein ist die Rache, spricht der Herr," so ist hier Alles dem im Namen Gottes waltenden Gerichte übergeben. Dieses wurde nun selber die Verkörperung des um Rache schreienden Blutes; die Richter mußten nämlich einen flüchtig gewordenen Mörder an drei Gerichtsstätten zu dreien malen verschreien, oder man veranstaltete, wenn der gemuthmaßte Mörder sich stellte, jedoch die That leugnete, das Bahrgericht. Dieses stützte sich auf die Voraussetzung, daß beim Erscheinen des Mörders vor der Leiche des Ermordeten diese von neuem aus den Wunden Blut ausschwitzen oder aus dem Munde schäumen sollte. Man erwartete, wenn der Mörder den verlangten Reinigungseid-meineidig ablege, so werde das in der Leiche stockende Blut unter Mitwirkung der Gottheit sich empören und neu aufwallen. Das Blut kreucht, wo es nicht hingehen kann, sagt ein niederdeutsches Sprichwort. Es konnten Gährungsausbrüche des sich zersetzenden Blutes wirklich erfolgen, die man für ein Ausbrechen frischen Blutes hielt, wie denn aus dem Munde Erstickter unter wiederholtem Schäumen Klumpen schwarzen Blutes hervorgestoßen werden. Aber auch auf künstliche Mittel verfiel man. Der Beklagte mußte die Wunden mit einem wollenen Meißel, mit einem Pfropfen aus Schafwolle und ähnlichen Reizmitteln auf Befehl auffrischen, um sehen zu lassen, ob nicht mindestens Blutwasser fließe. Oder mit nackten Füssen, vom Henker am Stricke gehalten, mußte er über die am Boden liegende Leiche hinüber schreiten. Hier steigerte sich die Angst und erpresste unfreiwillig das Geständniss. „Denn wo du für gericht solt komen und die weit sampt deinem eigen gewissen dich überweisen kan deines unreinen lebens, so wird dir bald das blut unter äugen schießen." Luther 6, 61 in Grimms Wb. 2, 171. War das Bahrgericht unmöglich gemacht durch Verwesung der Leiche oder durch Zerstückung und Verschleuderung, so behalf man sich mit einem Wahrzeichen von ihr; ein einzelner Knochen wurde zu Gericht gebracht, die Mordklage angehoben und der Reinigungseid unter den gleichen Vorbereitungen auf das bloße Knöchlein abgelegt. Auch dieses sollte den Meineidigen auf der Stelle mit Blut überspritzen.

Hier muß ich für diesmal der Arbeit eine Schranke setzen. Die Rechtssagen selbst vom Bahrrecht und vom klingenden Knochen wünsche ich unter dem Titel „Der Ersatzknochen" in diesen Blättern später mitzutheilen.

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Durch die eindringliche und überzeugende Kritik, welche in diesen Blättern gewagt hat, den von Lachmann und Haupt aufgestellten Text des Erek nach verschiedenen Seiten hin zu beleuchten, ist der freien philologischen Forschung unlängst ein Feld zurückerobert worden, das lange Zeit hindurch nur wenigen zugänglich, vielen sogar unantastbar scheinen mochte. Wie viel es hier noch zu arbeiten giebt, was noch weggeräumt, was noch aufgebaut werden muß, ehe das genannte Gedicht in sprachlicher Beziehung auf gleiches Niveau mit den übrigen Werken Hartmanns von Aue gebracht ist, davon liefern auch die kürzlich von W. Müller gegebenen Beiträge einen sprechenden Beweis. Mit Anschluß an dieselben hat der Unterzeichnete gleichfalls versucht, einen Theil seiner Wahrnehmungen und Vermuthungen auf diesem neu erschlossenen Gebiete der Öffentlichkeit zu übergeben. Der Text jener einzigen und noch dazu aus einer so späten Zeit stammenden Handschrift des Erek hat auch nach der Läuterung und Sichtung, die er in jüngster Zeit von bessernden Händen erfahren hat, immer noch ziemlich viel Stellen aufzuweisen, in welchen man Sprachformen einer weit spätem Periode vermuthen darf. Beispielsweise sei hier auf die Bezeichnung der Negation hingewiesen. An nicht wenigen Stellen genügte dem Schreiber und seiner Zeit (16. Jahrh.) das bloße nicht; das mhd. ne (en-, -n) ist ihm schon nicht mehr verständlieh, daher äußerst oft entbehrlich geworden. Ganz dasselbe geschieht seitens der jüngern Handschriften aus der nämlichen oder nächst vorhergehenden Zeit im Iwein und im Gregor, und zwar in nicht wenigen Fällen, in denen die vollgiltigern Zeugen der ältern, Hartmann näherstehenden Ausdrucksweise einstimmig widersprechen. Nicht minder verdächtig ist der Gebrauch solcher Superlativformen, die erst in der späteren Zeit des Mittelalters allgemeiner zu werden beginnen, wie z. B. schcenste liebste tiurste jüngste, für welche die bessern Handschriften in den andern Gedichten Hartmanns nur schceneste liebiste tiuriste jüngeste aufweisen. Auf diese beiden beispielsweise hervorgehobenen Punkte ist im Laufe der hier folgenden Untersuchung erst jezuweilen Rücksicht genommen. Eine umfassendere Besprechung dieser und ähnlicher Fragen mag einer spätem Zeit vorbehalten bleiben.

21. Si bat in deir da bi ir twelte. ein junefrowen si üz w ehe]. Die Handschrift ist ohne Noth verändert. Warum nicht si bat in da bl ir iweln. Ein maget (froweri) begunde si üz wein? oder ein junefrowen begund si wein? Maget erscheint auch v. 47, ist überdieß im Iwein von den Schreibern öfter mit juncfrowe vertauscht.

34. Diu ist künigin üher daz lernt]. Bezeichnender wäre diust nigin über diz lant; vgl. 3785 ich bin diss landes herre.

46. Sine weste war nach si rite]. Für Hartmanns Zeit genügt war vollkommen, nach scheint Zusatz des Schreibers; vgl. 3516, 5289, 9588. 51—53. Daz gelwerc iverete ir den wec

(daz sach diu künegin unde Erec) daz ez si mit der geisel sluoc]. Vielleicht ist die Parenthese zu tilgen und zu schreiben: do gesach diu u. s. w.

56—57. se siner missewende

daz si mal davon gewan]. Das siner kann eine misverstandene Abkürzung sein für sdgetäner, vgl. 7754 und 7948, oder es ist seiher dafür zu schreiben.

66. der ritter wmr kein frum man] Cod. nit ein statt kein; daher wohl angemessener enwar kein (deliein); auch V. 125 ist ich wai/ß nit vom Schreiber gesetzt für ichn weiz.

87—90. ir sit niht wise Hute daz ir so vil Mute gefrdget von mime herren: ez mac iu wol gewerren]. Ich vermuthe: im sit niht u. s. w. und dann, da ich für einen Genitiv ntines herren nach frägen (wie im Biterolf 10696, Walther 98, 27) aus Hartmann keinen passenden Beleg aufweisen kann, daz ir gefrdget Mute so vil von mime herren. 97—98. mit der geisel ez in sluoc,

als ez der maget liete getan]. Sollte nicht der Zeit und dem Gebrauch Hartmanns entsprechender die maget stehen? tuon tritt bekanntlich gern, zumal in so eng angeschlossenen Nebensätzen, die wie hier mit als eingeleitet werden, in die Stelle und in die Construction des vorhergehenden Vollwortes, vgl. 990, Iw. 1379, 8096 und Ben. Wort. z. Iw. S. 444. Die von Haupt angeführten Beispiele treffen insofern nicht zu, als in V. 294 der Dativ durch die passive Form des Zeitwortes bedingt ist, in V. 1012 aber dertSatz selbständig dasteht.

347. man sol dem wirte län

sinen willen, daz ist guot getan]. Glatter lauten die Verse: man sol innen willen län \ dem wirte, daz ist guot getan. Über die Sache vgl. Ulrich von Z. 6333 ich wain ez noch ein site st daz man den wirten nach giht und Parz. 458, 22 iuwer zuht iu des niht giht, daz ir stritet wider deheinen wirf.

369 folg. erinnert an eine ähnliche Art zu schildern im Gregor 3209—3231. Nur scheint hier nicht Alles in Ordnung. So fällt besonders auf V. 372: dem daz golt was unerlogen; ich vermuthe: den da geza.lt tcas unerlogen, daz etc.

446—448. den wirt er fragen began

waz der schal von den Muten
möhle bediuten].

Auch hier scheinen die Worte verrückt zu sein. Ursprünglich war wohl die Stellung die: waz der schal bediuten \ möhte von den liuten.

502. mit mim orse bin ich wol geriten]. Sollte sich mim nicht streichen lassen? Vorher steht ohne Artikel — V. 498 — umb tsengewant, und diesem ist dem Gedankengange nach absichtlich mit orse gegenübergestellt.

533. iuwer rede ist vil verldzenlich]. Über verldzenlich = ausgelassen, frech, zuchtlos, gesetzlos, für welches Lachmann vrevellich vermuthete, vgl. Specul. eccl. 54: die haiden die verldzliche lebeten äne e; Fundgr. 1, 93, 10: die verldzenliche tage die sint vervarn, die gehaltenUche tage sint uns komen; Waith, v. Rheinau 28, 57: Maria pflag keiner Ungezogenheit mit keiner lachenlicher getät diu verläzenlichen etat; Anz. für Kunde d. D. Vorz. 3, 175: verlezenMchen (d.i. nachlässig, salopp, unzüchtig) gebunden locke machen und ander verldzenliche dinc; Joh. Rothe in des rätis zucht 971: biwilen ouch ein guoter muot also vorläzlichen tuot; Keller Erz. 608, 33: wd ein wiplich wip ist alle stunt in schäme und in bescheidenheit und nicht virlastlich (?) »ich dreyt; Rulman Merswin S. 30: sich an, wi si gont so gar unpfefliche und so gar fürlezenliche mit iren cleidern.

566. da bit ich mir sd helfen goi] statt dä? vgl. übrigens über diese Ausdrucksweise 1. Büchlein 1423 folg. 704—706. sine welle diemüete jehen, ez muoz under uns beiden diu ritterschaft sclieiden]. Die erste Zeile rührt von Lachmann her. Was sie ausdrücken soll, ist auf den ersten Blick nicht recht klar. Dem Zusammenhange nach könnte sie bedeuten: im Falle daß oder wo sie (iuwer friundinne f) sich nicht

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