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gegen das Gralreich zu führen. — Es würde nicht wohl begreiflich sein, wesshalb der Dichter gerade diesen Kampf so feierlich ankündigt, ihn mit den leidenschaftlichsten Gefühlen der Angst und Freude begleitet, und ihn zum Wendepunkt für Parzivals Schicksal macht, wenn ihm nicht ein besonderer, großer religiöser Gedanke und mehr als eine bloße sentimentale Rührung, daß Geschwister hier kämpfen, in der Seele gelegen hätte. Daher sagt Lachmanns Ausspruch (Parz. S. XXV): „Parzival habe im unverschuldeten Kampf mit Freund (Gawan) und Bruder das Härteste erfahren," viel zu wenig; denn wie groß wäre der Triumph der Hölle gewesen, wenn dieser neue und letzte Abgesandte des Bösen den von Gott auserwählten künftigen Gralkönig überwunden hätte? Wie groß aber auch dann, wenn Feirefiß von Bruderhand fiel und Parzival aufs Neue Blutschuld der Verwandtentödtung auf sich geladen, und so wiederum Gottes Huld und die Gralgemeinschaft verloren hätte? Darum ruft der Dichter: gelüeke scheidez äne tdt (P 738, 10). Hier wie nirgend anderswo im Gedicht wird der Gottesheld durchweg der Getaufte und Feirefiß der Heide genannt; jener ruft zu seinem Beistand den Gral und seine sacramental geliebte Kundwiramurs, dieser seine Heidengötter und unheilig geminnte Sekundille an; jener betet zu Gott, dieser vertraut der Zauberkraft seiner Edelsteine. Gott selbst entscheidet den Kampf, indem er Parzivals Schwert zerbrechen lässt — Andeutungen genug, daß nach dem Sinne des Dichters hier mehr als ein Sieg um Ritterpreis, Leib und Leben, daß vielmehr der Sieg des Lichtes über die Finsterniss und die Erringung des seligen Heiles für Parzival auf dem Spiele stehtOhne diesen Hintergedanken konnte dieser Kampf nicht zum Gipfelpunkt des ganzen Gedichtes erhoben werden. Und unmittelbar darauf folgt auch Kundriens Heilsbotschaft. — Diese Lösung des Kampfes, der Sieg über die Macht, „die stets das Böse will und stets das Gute schafft," führt Parzivaln zur Herrlichkeit und Feirefiß durch die Liebe zur Taufe, und entreißt somit letzteren den Gewalten, denen er bisher verfallen war; und er selbst ist es, der das Christenthum, wie der Gral es lehrt, im fernen Reich Sekundiiiens verbreitet. Alle jene schwarzen feindseligen Mächte sinken in Ohnmacht und Nacht zurück, und so vollendet im Gedicht sich zugleich neben des Amfortas Erlösung und Parzivals Heiligung die Erhebung der Gralkirche zur Ecclesia iriumphans. Mochte der überlieferte Sagenstoff auch noch so verstreut und durcheinander gewürfelt vorliegen, unser Dichter verstand es, aus seinem Material nicht bloß — ich wiederhole es — in der Geschichte seines Haupthelden die Bekehrung des Christen zum reinen Evangelium und in der Gemeinde des Grals das Ideal einer evangelischen Kirchengemeinschaft nach dem Typus des besten geistlichen Ritterordens seiner Zeit darzustellen, sondern damit auch die Feier des Sieges der Offenbarung des neuen Bundes über das Dämonenreich des allgemeinen Kirchenglaubens, und endlich die sittliche Erhebung des Ritterthums über seine unsittlichen Gebrechen zu verbinden, und Sekundille, Klinschor, Gawan, Orgeluse und Feirefiß sind ebensowohl nothwendige Träger des hohen dichterischen Gedankens, wie Parzival, Amfortas, Trevrecent und die Templeisen.

Wie hoch aber der Dichter das Gralreich über jenes Weltreich Arthurs und der Tafelrunde stellt, spricht er klar und gewaltig in den beiden großen Scenen von Kundriens Erscheinen aus. Parzival schien am Plimizoel das höchste irdische Glück erreicht zu haben: ein schönes treues Weib, ritterliche Triumphe der glänzendsten Art, allgemeine Bewunderung der höchsten Tapferkeit, die höchste Ritterehre durch Aufnahme in die Tafelrunde: und er schien dieses Glückes so würdig zu sein. Doch der Gralsbotin Wort schleudert ihn in den Abgrund der Schmach, schilt die Tafelrunde entehrt durch solchen Genossen, und zerschellt auf einmal all den Glanz und die Ehre Arthurs als eine werthlose Scherbe, und alles, was er aufgeboten, zerfließt als eitel Blendwerk vor der höheren Aufgabe, die dem Gott und nicht die Welt suchenden Menschen gestellt ist. Kundrie spricht es aus: wie der Herrlichste vor den Menschen doch der Verworfenste vor Gott sein kann: wie er von jenen gefeiert, von diesem gezüchtigt wird. — Und wiederum auf Joflanze, wo abermals Parzival nach den ruhmvollsten Kämpfen die höchste Ehre errungen, er wiederum durch Wiederaufnahme in die Tafelrunde mit erhöhtem Glanz verklärt wird, wo Artus und all die Seinigen sich in ihrem höchsten Ruhm und Glück wiegen, da erscheint wieder Kundrie mit der Verkündigung: daß Parzivals endlicher Lohn nicht hier, sondern beim Gral verliehen werde. — Gewiß erkennt Wolfram die sittliche Kraft des weltlichen Menschen, die hohe Würde des echten Ritters als ein Nothwendiges, Heilsames und Berechtigtes in der bestehenden Welt an, aber er erkennt es auch ebenso in seiner Unzulänglichkeit zur höchsten Aufgabe der Menschheit, und es wiederholt sich auch Artus und seinem Reich gegenüber der Grundgedanke: „Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren und allein Weisen sei Ehre und Preis in Ewigkeit" (1 Tim. 1, 17), den Spruch des Heilandes bekennend: „Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in Finsterniss, sondern wird das Licht des Lebens haben" (Joh. 8, 12). ÜBER NICOLAUS VON JEROSCHIN.

VON

FEDOR BECH.

Die Herausgabe des vollständigen Textes der preußischen Chronik des Nicolaus von Jeroschin, welche wir Strehlke *) verdanken, wird Kennern und Freunden der preußischen Geschichte eine um so willkommenere Gabe sein, je bedeutender die Stellung ist, welche dieses Werk neben der lateinischen Chronik des Peter von Dusburg in der Uberlieferung der vaterländischen Geschichte einnimmt. Aber die Geschichtsforschung ist es nicht allein, um derentwillen wir diesen Beitrag willkommen heißen. Nicht geringer, wenn nicht um vieles bedeutender ist das Interesse, welches in der jüngsten Zeit die deutsche Sprachforschung dieser reichen Fundgrube mitteldeutscher Sprachformen zugewandt hat. "Wieder angeregt war dasselbe bekanntlich in neuer Zeit durch das epochemachende Werk Pfeiffers, nachdem über hundert Jahre verflossen waren, seitdem J. L. Frisch in seinen „Miscellaneis Berolinensibus" und in seinem „deutsch-lateinischen" Wörterbuche vom Jahre 1741 durch Mittheilung einer Zahl von seltenen Ausdrücken die Aufmerksamkeit der Sprachforscher zuerst darauf gelenkt hatte. In den Auszügen, welche Pfeiffer aus dieser Chronik gab, und in dem mit seltener Sorgfalt und Genauigkeit ausgearbeiteten Glossar, welches derselbe beifügte, war bereits eine erschöpfende Darstellung des Sprachstoffes gegeben. Zugleich aber erwarb sich Pf. in der lehrreichen Einleitung zu dieser Schrift dadurch ein bleibendes Verdienst, daß er das besondere Sprachgebiet des Mitteldeutschen in klaren und festen Umrissen zeichnete und gegen alle Einwendungen auf überzeugende Weise sicher stellte, nachdem er bereits früher im ersten Theil der deutschen Mystiker das mitteldeutsche Laütsystem nachgewiesen und W. Grimm dasselbe weiter in Athis und Prophilias verfolgt hatte.

Eine neue Wichtigkeit, welche Nicolaus mit Heinrich Hessler, dem Verfasser einer paraphrasierten Apokalypse, theilt, besteht in der Mittheilung der Regeln, welche für ihn hinsichtlich der Metrik und des Reimes bei Abfassung seines Buches maßgebend waren. Die ausführliche Besprechung, welche nächst Pfeiffer besonders Bartsch im ersten

*) Di krvnike von Prüzinlant des Nicolaita von Jeroschin. Herausgegeben von Ernst Strehlke. Separatabdruck aus dem ersten Bande der Seriptores Kerum Prussicarum, herausgegeben von Th. Hirsch, M. Toppen und E. Strehlke. Leipzig, Verlag von S. Hirzel. 1861.

Bande dieser Zeitschrift S. 192 folg. diesem Gegenstande widmete, hat nicht wenig dazu beigetragen, auch nach dieser Seite hin das Interesse für Nicolaus zu steigern.

Die neue Ausgabe der ganzen Chronik, welche Strehlke besorgt hat, stützt sicli zum größten Theil auf die eben genannten Vorarbeiten. Der Herausgeber bekennt selbst, daß er „bei Bearbeitung des Textes in vielen Dingen an Pf. einen trefflichen Führer gehabt habe," daß er namentlich .bei der Erklärung seltener und fremdartiger Wörter in den bezüglichen Noten ihm häufig; folgren konnte."

Die hier folgende Beurtheilung wird nun eines Theils zu zeigen suchen, in wie weit Strehlke im Stande gewesen ist, vermittelst dieser Vorarbeiten und der neugewonnenen handschriftlichen Überlieferung einen befriedigenden Text zu beschaffen; anderen Theils und zwar zuerst soll hier von Neuem versucht werden, mit Bezug auf den nun vollständig vorliegenden Text die in mehrfacher Hinsicht schwierigen Versregeln Jeroschins und Hesslers zu deuten und auf die Verse des Dichters anzuwenden; denn für Jeroschins Texteskritik ist die genaue und sichere Kenntniss seiner metrischen Regeln unerlässlich. Um aus den verschiedenen Handschriften einen dem Original möglichst nahe kommenden Text zu gewinnen, muß der Herausg. vor Allem diesem Punkte seine Aufmerksamkeit zuwenden und ein bestimmtes zuverläßiges Resultat zu gewinnen streben. Mit anderen Worten: um zu bestimmen, ob in den vorhandenen Textesüberlieferungen die Verse in des Dichters Sinn und Weise gemessen und gereimt, oder durch Abschreiber und Correctoren verderbt und entstellt sind, muß zuvor festgestellt sein, nach welchen Regeln der Dichter seine Verse gemessen und gereimt haben wollte. Diese Regeln sind nun von Pfeiffer und von Bartsch selbst in den wesentlichsten Punkten verschieden aufgefasst worden. Die Schwierigkeit, sie für uns fassbar zu machen, hat aber hauptsächlich darin ihren Grund, daß es der Zeit des Mittelalters überhaupt an einer festen allgemein angenommenen Terminologie in Bezug auf diese Dinge zu fehlen scheint und daß es daher sehr schwer hält, sich mit dem Sinn der von diesem oder jenem Dichter gelegentlich gebrauchten Kunstausdrücke vollkommen vertraut zu machen.

Vergleicht man nun die von Nicolaus gegebenen Vorschriften mit der Art und Weise selbst, wie er seine Verse gemessen und gebaut hat, so lassen sich besonders folgende für uns wichtige Gesetze wahrnehmen:

1. Kein Vers darf unter sechs noch über neun Silben enthalten.

2. Die mit einander reimenden Verszeilen müssen in Bezug auf die Zahl ihrer Hebungen und Senkungen einander gleich sein.

Ausnahmen: a) Eine Senkung mehr bildet scheinbar der Auftact der einen oder der anderen Zeile, dieser wird indess nicht mitgezählt.

b) Ausfall einer Senkung in der einen oder der anderen Zeile des Verspaares ist bloß gestattet innerhalb längerer, zumal zusammengesetzter Wörter, welche neben dem Hochton unmittelbar noch einen Tiefton haben, mithin keine Senkung zwischen sich zulassen.

3. Die reimenden Endsilben des Verspaares müssen gleiche Laute und möglichst gleiche Betonung haben; die Quantität der Vocale wird dabei nicht weiter berücksichtigt.

4. Metrum und Rhythmus dürfen nicht mit dem geläufigen Ausdruck des Gedankens, dem Genius der Sprache, in Widerspruch stehen.

Diese flegeln werden von Nicolaus durch das ganze umfangreiche Werk seiner Chronik so streng gehandhabt, daß die verhältnissmäßig seltenen Fälle, in welchen gegen sie gefehlt scheint, durchaus nicht in Anschlag gebracht werden können, die meisten eher auf Rechnung schlechter Uberlieferung kommen. Beispiele werden dieß im Laufe der Auseinandersetzung darthun. Zuvor aber bedarf diese der bisherigen Erklärung zum Theil widersprechende Auffassung der metrischen Regeln, welche Nicolaus v. 235—301 aufgestellt hat, einer näheren Begründung, und zwar soll dieß geschehen unter Vergleichung der ganz ähnlichen Gesetze, welche Hessler in seiner Paraphrase gegeben hat. Vgl. Bartsch 1. 1.

Was nun 1) das Zählen nach Silben betrifft, von Nicolaus deutlich ausgesprochen v. 247 — 255 und 294 — 296 *), so darf man, wie

*) Sus ist {ich offenbäre | wurden der matSrjen stim. | Ouch ich diss getichtes rhu | tif di zal der Silben züne, sagt Nicolaus v. 293 folg., nachdem er den Inhalt seiner Chronik und die in derselben befolgte Anordnung angegeben hat. Was aber der matSrjen stim bedeute, ist Pfeiffer so wenig als Wackernagel im Stande gewesen bestimmt zu sagen; auch hat sich in deutscher Zunge stim bis jetzt nirgends finden lassen. Ich schlage daher vor, mit einer ganz leichten Änderung zu lesen der nwterjen stam: ram. Beide Ausdrücke, stam wie ram, von Dichtern zuweilen zur Ausfüllung ihrer Reime gebraucht, geben hier einen ganz erträglichen Sinn. Über stam und seine Bedeutungen sieh Grimm zu Ruoland 129, 1 und Köpke zum Pass. S. 77lb; und über ram -= Rahmen zum Sticken, Nähen, Würken, ein Gestell um die Zeuge darin auszuspannen, dann allgemein Einfassung, Begränzung, Umfang, Maß, vgl. Frisch 2, 84° und mhd. Wörtb. 2, 551. Der Sinn ist dann: auch ich das Mali, den Umfang meiner Verse, auf die Zahl der Silben beschränke. Das Missverstehen von ram oder die leichte Verwechslung mit rim war vielleicht die Veranlassung zur Änderung. Aber es ist auch möglich, daß der Dichter stim, nur nicht stim, im Sinne hatte, wenngleich dieß ungewöhnlich verkürzte

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