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EINIGE FÄLLE VON DISSIMILATION,

F. Bechtold hat in einer Göttinger Inauguraldissertation Zusammenstellungen gegeben von gegenseitiger „Assimilation und Dissimilation der beiden Zitterlaute (nämlich r und 1) in den ältesten Phasen des Indogermanischen.“ Dabei hat er einige eigenthümliche Fälle übergangen, die zwar nach dem Buchstaben seines Titels nicht unter die gestellte Aufgabe fielen, allein da er auch das Mhd. und Nhd. hereingezogen hat, die nicht gerade zu den „ältesten Phasen des Indogermanischen“ gehören, so hätte er auch noch etwas weiter gehen können. Ich meine einige Beispiele der gründlichsten Art von Dissimilation, die es geben kann, wenn nämlich der eine der beiden Consonanten gänzlich verschwindet:

mhd. querder = nhd. Köder.

fordern hat seit dem 14. Jahrhundert die besonders im 18. Jahrhundert gebräuchliche Nebenform fodern, die auch jetzt noch im Volksmund gehört wird.

fördern bietet die Nebenform födern.
marder erscheint im Mhd. auch als mader.
Ferner
mhd, allererst, alrerst = alrest.

widarort kann ich zweimal in der Form mit ausgestossenem zweiten r belegen, während Graff kein Beispiel hat. Es steht Otfr. I, 11, 21 widarot in der Wiener Handschrift (wo es Kelle Otfr. II, 379 als Schreibfehler ansieht) und in Hattemer's Denkmalen des Mittelalters I, 77 widaret tragan = reportare.

Die letztere Gleichung gibt willkommenen Aufschluss über die Adverbien herot, tharot, lwarot, die Grimm (Gr. III, 202) mit got. hvaþrô, þaþrô, *hidrô identificieren wollte. Das ist lautlich offenbar unmöglich, ganz abgesehen von der Bedeutungsänderung, die vorgenommen werden müsste. Auch die Zusammenstellung des -ot mit -aþ in got. aljab, dalaþ macht Schwierigkeiten. Zwar der Auslaut ist in Ordnung, miþ = mit, aber der Vocal erregt Bedenken. Ferner spricht dagegen und für eine jüngere, erst in den Einzeldialekten vollzogene Bildung der Umstand, daß die besprochenen Formen nur im Mhd. und im As. erscheinen. So ist also wohl herot, tharot, hwarot = herort – herawert, tharort — tharawert, hwarort – hwarawert. Tharawert ist übrigens in mehreren Beispielen belegt. Ganz analog mit diesen Bildungen ist frammort, heimort, hintarort, nidarort, ôstert, ûfort.

Im Ahd. ist herot, hwarot, tharot selten, im Alts. dagegen häufig. Der Heliand allein bietet herot 19mal, hwarod 4mal, tharod 22mal. Dies Verhältniss erklärt sich sehr leicht: im As. ist her = hic und huc, hwar = ubi und quo, thar = ibi und eo, während im Ahd. hiar — hera, hwâr — hwara, thâr — thará noch klar geschieden sind; es war also im As. bei der eingerissenen Zweideutigkeit weit mehr Anlass für die Anwendung der Composita gegeben. Lautlich ist zu bemerken, daß in den aufgeführten Beispielen der Schwund des r stets vor einer Dentale stattfindet: d. h. das Dissimilationsbestreben wurde dadurch, daß ein ganz hinten im Ansatzrohr zu bildender Laut vor einem ganz vorn zu bildenden stand, bestimmt, sich durch Auswerfen des r zu helfen. Ein anderer Weg wäre gewesen, das zweite r in l übergehen zu lassen, und er ist auch wirklich eingeschlagen worden: neben marder und mader, querder und köder findet sich ganz vereinzelt auch mardel und querdel (beide Beispiele bei Bechtel fehlend), wobei natürlich die Analogie des Suffixes -el massgebend gewesen.

Durch die Wahrnehmung, daß das po stets vor der Dentale ausfällt, erklärt sich dann ganz einfach, warum einmal das erste, einmal das zweite 'r ausfällt. Auch im Romanischen erscheint eine ähnliche Dissimilation, aber ohne die eben festgestellte Beschränkung und auch bei andern Consonanten:

frater = ital. frate (aber padre und madre).
granre (prov.) = ganre.
herberga, herberge = heberge.
proprius = ital. propio.
prenre = penre.
albioculus = aveugle (so Eccard und W. Grimm).
flebilis = faible.
halsadara, halsterel = hasterel.
bombantia = bobance.

Noch ein deutsches Wort scheint mir ein Beispiel von Dissimilation, allerdings ohne Ausfall eines der betheiligten Consonanten, zu bieten, das alem. chilihha. Betreffs der Etymologie von kirihha, as. kirika, ist wenigstens das eine wohl jetzt allgemein anerkannt, daß das Wort nicht ursprünglich deutsch ist. Schade in seinem ad. Wörterb. (2. Aufl., p. 491) nimmt Leo's Erklärung aus wälsch cylch oder cyrch, gal. cuirc, bret. kilc'h wieder auf (Ferienschriften I. 54. Anm.) Dagegen wie gegen Wackernagels Herleitung aus circus spricht das in der ältern Sprache durchaus festhaftende i nach ", das bei Isidor

GERMANIA. Nene Reihe XI. (XXIII.) Jahrg.

sogar als lang erscheint: chiriihha und danach vielleicht überhaupt ursprünglich als Länge anzusehen ist. Chiriihha als chirjihha aufzufassen, wie Hildebrand im DWB für möglich hält, geht nicht an, da j vor i im Ahd. sich nicht erhalten kann. Doch wenn i auch kurz wäre, so liesse es sich zwar allenfalls vor der Spirans des Ahd. aber nicht vor der Tenuis k des As. und Ags. als Svarabhakti auffassen. Es bleibt noch xvpiaróv als Ausgangspunkt, das lautlich keine Schwierigkeit macht, bei dem aber die historische Vermittelung zwischen Griechisch und Deutsch unklar ist. Indessen liegt das gleiche Dunkel über einem anderen Worte, das wir ganz unzweifelhaft griechischem Einfluss verdanken: das ai im got. ahd. kaisar kann nur auf griech. xaioaQ zurückgehen, und zwar nicht einmal auf das gesprochene Wort, da al lange vor Christus schon wie ae gesprochen wurde, sondern auf die gelesenen Buchstaben , also auf gelehrte Einwirkung. Es fragt sich nur noch, wie aus kirihha kilihha werden konnte, während Uebergang von r in 1 im Germanischen sonst unerhört ist. Ganz einfach, wenn man annimmt, dass die Alemannen uvulares r gesprochen (Sievers Grundz. d. Lautph. p. 54). Dieses r und gutturale Spirans liegen sich aber ausserordentlich nahe – r geht geradezu in die tönende gutturale Spirans über (Sievers p. 54 u. p. 73) — sie sind vollständig homorgan, und so trat das Bestreben nach Dissimilation ein, dem zwar nicht die Spirans, wohl aber das r nachgeben konnte, indem es in l auswich. HEIDELBERG, den 27. Juni 1877.

OTTO BEHAGHEL.

BEITRÄGE ZUR ERKLÄRUNG DER RELIGIÖSEN
DICHTUNGEN WALTHERS VON DER VOGEL-

WEIDE.
(Schluß.)

(Walthers Leich.) In den Versen 10 ff. wird als Grund, warum besonders göttlicher Beistand uns nöthig ist, die Tücke des bösen Feindes angegeben. Ebenso beginnt ein alter lateinischer „Hymnus de Christo“ (M. I, 26) mit dem Bekenntnisse der heiligsten Deifaltigkeit, wendet sich sodann zum Menschen als Geschöpf Gottes und fährt hierauf fort:

Hunc serpentis invidia
heu decipit prava etc. (v. 17 f.)

An die Darlegung des eigenen Unvermögens dem bösen Feinde zu widerstehen reiht sich die Bitte:

Sô tuo daz dînem namen ze lobe

und hilf uns etc. (v. 17 ff.)
Ähnlich: Pro tuo sancto nomine

emunda nos a crimine. (M. I, 18, 7 f.)
Ne des honorem nominis
tui, precamur, alteri. (M. I, 73, 27 f.)
Ad nominis laudem tui

confer medelam languidis. (M. I, 74, 11 f.) Nachdem der Dichter sich (seit v. 28) an die Muttergottes gewandt, beschäftigt sich ein großer Theil des Leiches mit dem Lobe dieser „reinen süezen maget“, indem verschiedene Ehrentitel und Vorbilder Mariae aus dem alten Bunde angeführt werden.

v. 31. „Magt unde muoter“ ein in der Kirchensprache sebr beliebter Titel der Muttergottes, in dem die wunderbare Mutterschaft bei unversehrter Jungfräulichkeit hervorgehoben wird. '

schouwe"; mitbegriffen: damit du uns helfest; weil nach menschlich natürlicher Anschauung beim Ausbleiben höherer Hilfe ein nicht Bemerktwerden von Seite Gottes oder seiner Heiligen vorausgesetzt wird. Durch die nun folgenden Ehrentitel soll Maria noch mehr zur Hilfe bewogen werden.

v. 32. „blüende gerte Ârônes“. Der Stab Aarons, welcher, obwohl dürr, Blüthen und Früchte trieb (4 Mos. 17) wird als Vorbild Mariae betrachtet, welche als Jungfrau Mutter wurde, vgl. M. II, 326, 23 ff.:

Virga Aaron fructifera
Mariae typum gesserat,

quae nobis fructum attulit etc. „ûf gênder morgenrôt“; vgl. cant. cant. 6, 9: „Quae est ista, quae progreditur quasi aurora consurgens ?« Maria wird so genannt, weil aus ihr, wie die Sonne aus der Morgenröthe, Christus , die Sonne der Gerechtigkeit“ hervorgegangen ist.

v. 33. 34 bezieht sich auf Ezech. 44, 2. 3: „Porta haec clausa erit: non aperietur, et vir non transibit per eam: quoniam dominus deus Israel ingressus est per eam, eritque clausa principi“. Hiernach wird Maria auch M. II, 420, 9 f. genannt:

Tu regis alti ianua
et porta lucis fulgida.

Dal Christus „Licht“ oder wie im folgenden Beleg „Sonne" genannt wird, leitet ganz natürlich auf das schöne Bild vom Glas, durch das die Sonne dringt, hinüber. M. II, 555, 4 ff. wird nämlich Maria folgendermaßen begriist:

Euge dei porta,
quae non aperta
veritatis lumen,
ipsum solem iustitiae
indutum carne,

ducis in orbem. v. 35. ganz geworbtez glas“ nach Pfeiffer unverletztes Glas; nach Wilmanns zu Fensterscheiben verarbeitetes Glas, also Fensterglas, worauf ihn wohl der Ausdruck „glasevinster“ im Arnsteiner Marienleich geführt. Doch lassen sich beide Erklärungen ganz gut vereinigen. Jedenfalls ist unter dem Glas, durch das die Sonne scheint, kein anderes gemeint, als Fensterglas; jedoch soll auch, damit das Bild zutreffend ist, ausgedrückt sein, dass das Glas durch das Eindringen der Sonnenstrahlen nicht verletzt wird, und das geschieht durch das Epitheton ganz geworhtez“. Dal geworhtez glas“ gerade ein zu Fensterscheiben verarbeitetes sein soll, dürfte wohl eine ziemlich willkürliche Annahme sein.

Dieses treffende Bild ist schon ausgeführt im Arnsteiner Marienleich (MSD). XXXVIII, v. 12 ff.); darum, und weil die ersten Verse (12-16) auch eine Parallelstelle zu v. 40 41 unseres Leiches bilden, sei der betreffende Pas us vollständig angeführt:

Sint dû daz kint gebêre
bit alle dû wêre
lûter unde reine
van mannes gemeine.
swenen sûn daz dunkent unmugelich,
der merke daz glas, daz dir is giliy
daz sunnen liet schinet dury mittlen daz glas:
iz is aline urd liter sint alsiz ê was.
dury dlaz alinge glas writ iz in daz him,
daz vinnsternisse iz verdrivet daran.
Dù bis daz alinge glas da durg quam,
daz vinexternisse der Werlde benam.
van dir schein daz godes liet in alle die lant,
do van dir geboren warth uuse heilant.

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