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mensche sunder spot, dô sîn diu reine maget genas." Jedoch gibt auch „ze worte" einen guten Sinn. Es liegt nämlich ein Wortspiel vor: v. 75 bedeutet „wort" das Wort der Verkündigung, v. 77 das göttliche Wort (Ao'yog). Der Sinn dieser Stelle ist demnach: Das, was aus dem Worte (der Verkündigung) hervorgieng, wuchs so heran, daß es sich auch äußerlich, nämlich durch das Lehren, als Wort (zweite göttliche Person, Ao'yog) zeigte.

v. 79. 80 „nach menneschlîcher art" soll hier wohl zunächst bedeuten: in der Zeit geboren und mit der Zeit sich allmählich entwickelnd, im Gegensätze zum vorausgehenden „ic gewesende"; vgl.: „Dens est ex substantia patris ante saecula genitus, et homo est ex substantia matris in saeculo natus" (Symbolum Athanas. v. 29); auch Walther 88, 9: „junger mensch und alter got"; ferner M. I, 33, 1 ff.:

Verbum supernum prodiens,

a patre olim exiens,

qui natus orbi subvenís

cursu declivi temporis. Zu v. 84. 85 vgl. den Weihnachthymnus „A solis ortus cardineu (bei Pauly II, 15):

Domus pudici pectoris

templum repente fit dei. (Strophe 4.) Nachdem im Vorausgehenden der Erlöser und die Muttergottes als die vorzüglichsten Quellen bezeichnet wurden, durch die uns das Heil zufließt, kommt der Dichter (von v. 95 an) auf die erste Vorbedingung, ohne welche es überhaupt kein Heil gibt, zu sprechen, nämlich auf die wahre Reue über die begangenen Sünden.

v. 101 (96) lesen Pfeiffer, Bartsch und Wilmanns: „uns ist daz allen vil wol kunt"; so kl. Lachmann hingegen hat nach C.: „den wîsen ist daz allez kunt." Wilmanns bemerkt hiezu: „Gieng die Aenderung in С vielleicht von einem Manne aus, der sich als Geistlicher dem Laienstande gegenüber fühlte?" Die Möglichkeit dessen nicht in Abrede gestellt, ergibt sich auch sonst ein ganz befriedigender Sinn: „wise" nämlich gefaßt als wohlunterrichtet, klug, gegenüber jenen „tumben", welche meinen durch bloße äußerliche Marienverehrung, ohne wahre Herzensreue die Gesundheit der Seele erlangen zu können.

v. 107 (103) „minnefiur" Liebesfeuer = der hl. Geist. Im Hymnus „Veni creator spiritus" (M. I, 184) heißt es Strophe 2 vom hl. Geiste:

„Qui diceris... ignis, charitas".

v. 108 (104) „gehiure" = vertraut, woran nichts unheimliches ist, lieblich, angenehm. Ahnlich wird in der Sequentia de s. spiritu (M. I, 186, 8) der hl. Geist genannt:

„dulcis hospes anima;." v. 110 (105) lesen Lachmann, Wilmanns, Bartsch „lîhtez leben". Wilmanns bringt hiezu nach Zacher verschiedene Belegstellen und folgert dann: „ein 'lîhtez leben ist also ein durch Reue, Beicht und Busse von der Sündenschuld erleichtertes und befreites Leben." Diese Leseart bietet к. С hat „reincz". Pfeiffer sucht nun nach k*l beide Lesearten zu vereinigen, indem er setzt „liehtez" = helles, reines. Es wird schwer zu entscheiden sein, welche Leseart vorzuziehen ist. In den von Wilmanns angeführten Parallelstellen findet sich keine, in der „leben"' mit „lîhte" verbunden wäre; aber auch „liehtez leben" im Sinne von: helles, reines Leben befremdet; ob nicht vielleicht „liehtez leben" = erleuchtetes, vor Irrwegen gesichertos Leben gefaßt werden könnte? Zumal der hl. Geist in den kirchlichen Hymnen besonders als Erleuchter gefeiert wird; vgl. Sequentia de s. spiritu (M. I, 186):

Veni sánete spiritus,

et emitte coelitus

lucis tuse radium. (1. Strophe.)

Veni lumen cordium! (v. 6.)

О lux beatissima! (v. 13.)
Im Hymnus: „Veni creator spiritus!" (M. I, 184).

Accende lumen sensibus (v. 13)

duetore sic te praivio

vitemue omne noxium. (v. 19 f.) v. 112 (107) schließt sich ganz natürlich an den vorausgehenden Vers an. Dem Gnadeneinflusse des hl. Geistes sollte niemand widerstreben (v. 111), denn nur einem bereitwilligen, nach ihm verlangenden Herzen spendet er die Grundbedingung geistlichen Lebens, wahre Reue. (v. 112 f.)

v. 116 (112). Lachmann, Wilmanns, Bartsch: „den rehten"; Pfeiffer nach k: „denselben". Erstere Leseart dürfte den Vorzug verdienen, da sie sich an einen in der Liturgie sehr häufig gebrauchten Psalmvers anschließt: „Spiritum rectum innova in visceribus meis." Ps. 50, 12. Vater und Sohn werden um den hl. Geist gebeten, weil dieser nach katholischer Lehre vom Vater und Sohne gesendet wird; vgl. Johan. 14, 26: „Spiritus sanetus, quem mittet pater in nomine meo." v. 117 (113) zu „fiuhte" vgl. in der Sequentia de spiritu saneto (M. 1,186):

„Dulce refrigerium!" (v. 9.) „Riga, quod est aridum" (v. 20).

Die Verse 118 und 119 (114 f.) stehen vielleicht im Verhältnisse des Gegensatzes zu einander: Zwar ist die ganze Christenheit voll unchristlicher Dinge, aber selbst dort, wo das Christenthum ganz besonders daruiederliegt, unterläßt man es, diesen Kranken zu pflegen und zu heilen. Der Dichter denkt wohl an die traurigen religiösen Zustände in Deutschland.

v. 124 (120). Lachmann, Wilmanns, Bartsch: „und ist er då sô friunde bar“. Pfeiffer änderte aus k in: „nû ist er alsô friunde bar". Nach letzterer Leseart tritt das Verhältnis der Folge aus dem im vor hergehenden Vers Gesagten deutlicher hervor. Der Sinn ist: Nun, in Folge der Simonie (welche keine wahren Freunde der Kirche zu kirchlichen Ämtern gelangen lädt) ist das Christenthum so von Freunden entblößt.

Zu v. 135–137 (128) ist zu vergleichen Jac. 2, 14: „Quid prod. erit, fratres mei, si fidem quis dicat se habere, opera autem non habeat?"

v. 139 (130) „, daz ist unser meiste nột" so lesen Lachmann und Wilmanns, was sich jedoch nicht recht in den Zusammenhang fugt. Pfeiffer und Bartsch haben dafür nach kl: „nû ist ab uns ir beider nôt“, nun bedürfen wir aber beider Dinge, nämlich dass wir uns mit dem Munde unerschrocken als Christen bekennen, und dieses auch durch unsere Werke zeigen.

Zu v. 139 (130) vgl. Jac. 2, 17: „Fides, si non habeat opera, mortua est in semetipsa.“

Zu v. 142-144 (134 ff.) zu vergleichen ausser jenen Stellen, wo Gott überhaupt davon spricht den Menschen gemacht zu haben (z. B. 1. Mos. 1. 26: Faciamus hominem"). Is. 29, 22, 23: „Non confundetur Jacob... cum viderit filios suos, opera manuum mearum.“ Jer. 18, 6: „Ecce sicut lutum in manu figuli, sic vos in manu mea. Ps. 118, 73: „Manos tuae fecerunt me at plasmaverunt me. Ferner im Fastenhymnus: „Ex more docti mystico“ (M. 1, 7:5, 25 f. :

Memento, quod sumus tui

licet caduci plasmatis. Viele Ähnlichkeit mit unserer Stelle hat auch in der Sequentia de Sta. Maria (MSD. XLII, 61 fi:

got „sebe an menniscliche nöt;
und daz er dur die namen dri
siner christenen hantgrtit
gnaedic in den slinden si.

Desgleichen (M. I, 47. 81 f.):

Christe qui nos propriis

manibus fecisti. Der Dichter wendet sich nun v. 145 ff. (135 fl'.) noch an die Gottesmutter, deren Lob er besingt und die er um Fürsprache bittet. Anklänge an v. 145 (M. II, 574, 5 ff.):

Fac tuum nobis tilium

pia prece propitium,

quem graviter offendimus,

tu mitem redde, quaesumus. (M. II, 356, 30 f.):

Ergo omnium domina

íiliuin placa, v. 147 (137). Die von Pfeiffer und Wilmanns angezogene Stelle cant. cant. 2, 2 paßt nicht hieher. Denn nach dem lateinischen Text der Vidgata lautet diese Stelle: „Sicut lilium inter spinas, sic arnica mea inter filias." Wenn auch Einige nach dem Hebräischen an unserer Stelle übersetzen: „Sicut rosa inter spinas", so hat das auf unsern Dichter keinen Bezug, der ja nur jenen Schrifttext kannte, der im kirchlichen Cultus gebraucht und in der Kirche erklärt wurde, und das war schon seit den Zeiten des hl. Hieronymus die Vulgata. Und selbst wenn die Leseart „rosa inter spinas" angenommen würde, so wäre durchaus nicht ausgemacht, daß eine Rose ohne Dornen verstanden wäre, sondern dem Context nach nur eine schöne Blume, eine Kose, unter Dorngestrüppe. In der hl. Schrift findet sich dieser Ausdruck überhaupt nirgends, wohl aber ist er später beliebt worden, die trotz der Mutterschaft unbefleckte Jungfräulichkeit Mariens zu bezeichnen; z. B. (M. II, 402, 28 f.):

virginum regina,

rosa sine spina. Denselben Titel, mit einem ähnlichen verbunden, welcher sonst nur der hl. Jungfrau beigelegt wird, ertheilt der Dichter auch der Gemahlin Philipps Irene, da er ihre Krönung besingt (100, 8. 9): „im sleich ein höcbgeborniu küniginne nach, rôs âne dorn, ein tube sunder gallen." v. 148 (138) zu „sunnenvarwiu klare" vgl. cant. cant. 6, 9: „Quae est ista, quae progreditur quasi aurora consurgens, pulchra ut luna, electa ut sol?" und Sequentia de sancta Maria (MSD. XLI v. 10 f.):

Magct aller magede

schoene als diu sunne.

v. 149 (139). Aehnlich wie in unserem Verse (M. II, 352, 9 f.):

Te nostra sonant carmina,

te angelorum agmina. und M. II, 579, 5:

Te canat primum chorus angelorum. v. 153 (143) „in stimmen oder von zungen". Wenn hier nicht eine pleonastische Zusammenstellung zweier Synonyma vorliegt, so versteht der Dichter unter „stimmen“ vielleicht die Engel, welche nicht wie die Menschen einer Zunge als Werkzeuges ihres Gesanges bedürfen ; und dann würden diese zwei Ausdrücke der Unterscheidung in v. 155 entsprechen: „ze himel und ûf der erde.“

v. 154 (144) „ûz allen ordenungen“ bezieht sich nicht auf die Engel allein wegen des folgenden Verses: „ze himel und ûf der erde;“ es sind hier überhaupt alle Gattungen jener Wesen, welche Maria loben, gemeint. Das Subject ,sie“ nämlich in v. 150, welches sich dort nur auf die Engel bezieht, wird hier durch eine kleine Ungenauigkeit im Gedanken erweitert, so dass auch die übrigen Maria preisenden Geschöpfe inbegriffen sind.

v. 160 (150) „der barmunge urspringe“ bezieht sich vielleicht auf 2 Cor. 1, 3: „Pater domini nostri Jesu Christi, pater misericordiarum.“ An v. 164 und 165 (154 f.) anklingend M. II, 334, 29 ff.:

Oramus, domina,
reorum beatrix,
absterge crimina,
inclita salvatrix,
nos ad cor contritum
ac deo unitum

perduc reos et miseros. Ganz ähnlich wie unser Leich schließt ein altes troparium de s. Maria (M. II, 356, 30 ff.):

Ergo omnium domina
filium placa,
supplices tuos adiuva.
Per quam solam
solus omnibus vitam

dat salvandis.
SALZBURG, im September 1876.

JOSEF FASCHING.

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