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besuchte, erhielt er neben den übrigen satzungsmäßigen Gerichten, dem bestimmten Quantum Tafelwein und den vorschriftlichen vier Schillingen Zehrgeld, ein weißes Weckenbrod von solchem Umfange vorgesetzt, daß nach seiner Versicherung alle damaligen Tischgenossen zusammen daran genug gehabt hätten. Eben dieses Fest der altsächsischen Gemeinwoche, die hillige menweke, welches in dreitägiger Dauer auf Ende Septembers fiel und das Erntejahr mit Höhenfeuern, Opfern, Volksversammlung und Tänzen schloß, ist uns durch Widukinds von Corvey Annalen als ein vorchristliches bestätiget. Jetzt noch fallen unsere Erntefeste vielfach auf Michaeli (29. Sept.), also ziemlich auf die unserer altdeutschen Jahreseintheilung entsprechende gleiche Zeitscheide, und sind begleitet von landschaftlichen Kinderumzügen, städtischen Festspielen und Ortsbräuchen, in denen sich der Wettkampf des Sommers und Winters scenisch ausdrückt. Denn mit der Bergung des Pfluges begann der altdeutsche Winters- und Neujahrsanfang. Seit nun nach Julianischem Kalender der Winterbeginn auf Martini, 11. November, gerückt wurde, sind auf diesen Termin auch unsere Schnitter- und Drescherschmäuse, Herbstgerichte und Zinstage mit hinausgerückt, und Martini schließt nun das Pacht- und Ackerjahr ab. Eben deshalb wiederholt jetzt dieser neuere Wintertermin das in dem früheren bereits vorhanden gewesene Erinnerungsfest für die im Laufe des landwirtschaftlichen Jahres Verstorbenen, nämlich das Opfer am Allerseelenfeste, welches nun am 2. November kirchlich begangen wird. Und seitdem das Sonnenjahr nun bei allen deutschen Volksstämmen gleicher Maßen in Geltung ist, gelten nach ihrem übereinstimmenden Volksaberglauben die jetzige Neujahrsnacht, die Zeit der Zwölften sammt der skandinavischen Julnacht gleichermaßen wieder als die ehemaligen Fahrtnächte der Geister und Gespenster. Als eine gleiche in Oberdeutschland bestandene Übung dieses alten Ernte- und Todtenopfers ist die berühmte Wurmlinger Mahlzeit in Schwaben anzusehen. Sie hat ehedem am Dienstag nach Allerseelen stattgefunden und wird jetzt im October am Dienstag nach der Großen Kirchweih daselbst gefeiert. Keiner dieser beiden Termine hat eine kirchliche Weihe für sich; ja auch von der jetzigen Großen Kirchweih behauptet man zu Wurmlingen im Orte selbst, sie sei kein kirchliches, sondern ein ursprünglich heidnisches Fest. Die Stiftung der Mahlzeit schreiben die schwäbischen Chronisten dem Grafen Anselm von Calw bei, der schon im Jahre 938 gelebt haben soll. Aber ein weit besserer Gradmesser des Alters dieser Stiftung liegt in der ursprünglichen Aufzeichnung ihrer Statuten. Die Stiftung soll nämlich zufolge des Schlußstatuts wieder an das Calwer Grafengeschlecht zurückfallen, wenn sie nicht in Allem treu beobachtet werden würde. Nun ist aber der Calwer Grafenstamin im Jahre 1219 ausgestorben, und somit gehört die ältere Aufzeichnung der Wurmlinger Satzung bestimmt dem 13. Jahrhundert an. Auch die Sage von der Wurmlinger Bergcapelle deutet auf ein sehr hohes Alter, sie wird nämlich unter die sogenannten Wandelkirchen gezählt; denn so oft man sie auf einem andern Platze hat aufführen wollen, namentlich als die Schweden sie niedergebrannt hatten, kehrte sie immer auf ihre alte Standstelle am Remiginsberge zurück. Sie hatte bis zur Reformation ein eigenes Landcapitel in Schwaben gebildet, in welches alle Priesterschaft der Städte Tübingen und Rotenburg sammt den Curaten der umliegenden Flecken gehörte. Jetzt noch steht sie unter ihrem eigenen Dekan und Kammerer. Alle diese Priester, jeder sammt seinem Sigrist und Pfarrschüler, hatte mit beim jährlichen Todtenmahl droben auf dem Berge zu erscheinen. Jeder Pfarrer kam beritten, Ross und Knecht, auch jeder des Tages ihm begegnende Fremde war droben zehrungsfrei und erhielt seinen Antheil an dem vorgeschriebenen Mahl. Zur Mahlzeit aber gehörten unabänderlich folgende Einzelheiten: ein heute geschlachteter Stier, dreierlei Mastschweine, ein- bis dreijährig, dreierlei Bier oder dreierlei Wein, dreierlei Brod nach jeder Einzeltracbt, Fische (wohl auch dreierlei: gesotten, gesülzt und gebacken), eine haselbraune Gans für je zwei Gäste, „in der gebratenen Gans soll stecken ein gebraten Huhn, und in diesem, damit aller guten Dinge drei sind, eine gebratene Wurst". Sobald sodann oben am Berge der Stier ausgeschlachtet ist, so wird seine Haut ins Dorf Sulgen am Fuße des Berges hinabgetragen und auf dem dortigen Kirchhof ausgespannt. Hier nehmen ringsum die Sondersiechen Platz und erhalten jede droben von der Chorherrentafel der Reihe nach abgehobene Speise sammt jeglichem Rest des mit abgeräumten Brodes und Weines. Besonders gekocht ist für sie der saure Pfeffer der Haselgänse nebst den drei gerösteten Schweinsköpfen. Denn gar nichts von Allem soll heute ungenützt und nngenossen bleiben. Selbst der nicht aufgefütterte Haber, jeder einzelne Tränkkübel, jede Rosshalfter, neu wie man dies Alles heute droben empfangen hat, verbleibt den betreffenden Reitknechten; und so erhalten auch die Siechen statt der Brodkrumen, die man ihnen von der Herrentafel doch nicht alle zu Thal bringen könnte, das eigene Ersatzbrod des Hüllwecken. Dies ist ein vorher ausgehöhlter Brodkipf, in den gleichwie in einen Opferstock jeder Herr und Gast der Tafel seinen Pfenning einlegt, der den Armen drunten Mann für Mann alsbald vcrtheilt werden muß. Und sollte dereinst, besagt die Urkunde, eine einzige dieser vorgeschriebenen Üblichkeiten nicht mehr gehalten werden, dann würde die gesammte Stiftung wiederum dem Ältesten der Calwer Grafen zufallen; dieser aber habe dann, auf seinem Rosse im Stegreif stehend, einen Goldgulden über den Thurm der Wurmlinger Capelle zu Thal zu werfen und damit Zeugniss abzulegen, daß er und seine Nachkommen die Stiftung voll auszurichten abermals verpflichtet seien.

Seit der Kirchenreformation hatten auch die protestantischen Pfarrer der Umgegend an dieser Mahlzeit theilgenommen, weil sich die eine und unzertrennbare Stiftung nicht nach beider Confessionen Eigenthum ausscheiden ließ, blieben aber in Folge des überall ausgebrochenen Dogmengezänkes schließlich weg. Nunmehr beziehen die nächstgelegenen Pfarreien statt des Mittagsmahles je sechs Gulden , und haben dafür das Seelenamt und die Vesper stiftungsgemäß auf dem Berge zu begehen, mit dem Unterschiede, daß dies nicht mehr wie ursprünglich am Dienstag nach Allerseelen, sondern am Dienstag nach der Großen Octoberkirchweihe geschieht. Den alten und neuen Hergang dabei hat Otmar Schönhuth (Burgen Würtembergs 1, 418) nach den darüber vorhandenen Urkunden beschrieben.

Nach demselben hl. Remigius, an dessen Capelle das Calwer Todtcnmahl geknüpft ist, hat sich das Stiftscapitel zu Herford Ramey (Remig) zubenannt und eine nach Alter und Ausgedehntheit eben so merkwürdige Todtenspende abgehalten. Die Herforder Capitelmitglieder mußten sich am 1. üctober, als am Tage des Heiligen, sammt allen ihren Behörigen auf dem Nordhofe bei Enger versammeln, um das Angedenken des hier begrabenen Sachsenherzogs Wittukind mittels der Wekingsspende zu feiern. Die benachbarten Höfe und Dörfer steuerten nach ihrer besonderen Pflichtigkeit bei, das ganze Kirchspiel schmauste mit. Dreimann in Dreiern hatte das Gestühle für die Volksmasse aufzuschlagen, Riepe in Westerenger gab das Weißbrod, Nordmeier das zur Spende Nöthige. Bei der späteren Verlegung des Festes auf Dreikönige schrumpfte dasselbe bereits zusammen; die Schüler erhielten noch die Timpen-Semmeln ausgetheilt, ein Zweckbrod, die Armen Brod und Wurst, nur für Geistlichkeit, Lehrerschaft und Bürgermeisteramt bestand noch eine Mahlzeit. Seit einigen Jahren unterbleibt auch dieses, wie Heusinger, Sachsenländ. Sag. 38 mittheilt. Bis zu welchem Betrag die jährlich wiederkehrende Vertheilung solcher localen Spenden zuweilen anstieg, darüber geben oft zufällige Bemerkungen der Chronisten überraschenden Aufschluß, z. B. Bruschius in Buchooiuno Parthenone. Das schwäbische Kloster Buchau bei Bibrach war von der Gräfin Adelindis, aus dem Stamme der bairischcn Grafen von Andechs , zum Seelenbeil ihrer Verwandten gestiftet worden, die in einer Schlacht gegen die Hunnen gefallen waren. Hier war Bruschius Augenzeuge, wie man am 28. August 1548 allen aus der ganzen Landschaft herzu gekommenen Leuten das Wcizenbrod der heiligen Adelindis vertheilte und damals 4000 Menschen dasselbe empfingen. Die Gestalt dieser Buchaucr Spendbrode, welche der Kupferstecher Sadler in Raders Bavaria Sancta 2, 123 (München 1624) abgebildet hat, kommt ganz derjenigen unserer oberdeutschen Seellaibchen gleich. Eine noch größere Zahl dieser Spendbrode hatte das Aargauer Kloster Königsfelden jährlich am Todestage des hier bestatteten Kaisers Albrecht auszutheilen, nämlich 4550. Die Urkunde steht zu lesen in den Eidgenössischen Bünden von Kopp 4, Abth. 2, 272. Häufiger ist es, daß man statt der Urkunden nur Legenden über das Entstehen solcher Stiftungen besitzt, aber trotz ihres Ungeschicks, das sie gewöhnlich in der Zeitrechnung verrathen, sind sie doch schon durch die naive Sicherheit belehrend und orientierend, mit welcher sie ihre Erzählung herkömmlich an die heidnische Vorzeit anzuknüpfen pflegen. Die Wekingsspende stützt sich auf die erste Bekehrung der Nordsachsen unter Karl dem Großen, die Adelindisspende auf die Hunneneinfälle unter Otto dem Großen, und bei der Wurmlinger Mahlzeit müßen dieselben Thiere, Stier, Schwein und Gans, nicht minder vorschriftsgemäß geschlachtet und vertheilt werden, wie sie vorher nach heidnischem Kitus und wohl auf derselben Stelle einst dem Gotte Fro und Wuotan geopfert worden waren.

So weit nun auch diese einzelnen Züge in die Geschichte unserer Vorzeit zurückblicken lassen, so sind sie doch noch nicht die älteste erkennbare Form, unter der das Todtenopfer aufgesucht werden muß. Dem Brodopfer muß das einfachere Kornopfer vorausgegangen sein. Noch bleibt beim Kornschnitt in Baiern und Hessen ein letzter Best der Frucht auf dem Halme stehen und man nennt dies Ernteopfer den Aswald, den Vogelzehnten, das Glückskorn, den Halmbock. Wie die Korngarbe allgemeines Erntesymbol ist, so war die Naturalleistung die ursprüngliche Form aller Abgabe und Steuer. Noch beziehen Pfarrer, Förster und Gemeindebeamten den Hauptbetrag ihres Gehaltes hie und da in Haber und Gerste. In den Grundsteinen unserer Kirchen findet sich Weizen, die Größe des Thurmknopfes hört man mit der Kedensart bezeichnen, er halte so und so viel Malter Korn. Alterthümlich sogt der Däne von einem nach schwerer Krankheit wieder Genesenen, er hat dem Tod einen Scheffel Haber gegeben; wie wir vom unabwendbaren Tod eines Hinsiechenden: dem ist sein letztes Brod gebacken. Gott Donar selbst, der mit seinen Gewittern das Saatkorn ans den Keimen lockt, antwortet auf die Frage, was er auf seinem heutigen Wege zu Nacht gegessen habe: Haberbrei; denn der nordische Bauer hat ihm von der täglichen Abendkost vorgesetzt. Überall also ist das Korn, diese materielle Grundlage der Cultur, an den Namen der Götter, an die menschliche Lebensdauer und an das örtliche Gesetz zunächst hintjerückt.

Wenn nach altnordischem Rechte bestimmt wird, wie weit der Königs- und Gottesfrieden gehalten werden soll, so heißt die Formel hiefiir in Adhelstans Gesetzbuch: Er soll sich von dem Burgthore, wo der König sitzt, nach den vier Seiten erstrecken drei Meilen, drei Ackerbreiten, drei Furchenlängen und neun Gerstenkörner weit. Den größeren Fernen und Maßen sind hier immer kleinere hinzugefügt, so daß offenbar das letzte, das Gerstenkorn, aller Landmessung zu Grunde liegt; ein echtes Zeugniss der Heiligung, in welcher die Gerste stand. J. Grimm, Berlin. Jahrb. 1842, 795. Neun Gerstenkörner in einem Glase frischen Wassers getrunken, heilen eine Krankheit, besagt der französische Aberglaube; und nach Berner Landesbrauch muß die Mutter drei Gerstenkörner dem Täufling in die Windeln, und drei Weizenkörner in die drei Taufscheine einbinden, die ihm seine drei Pathen ausstellen. Vorzugsweise in Gerste, deren Anbau im Hochnorden bis zum 70. Breitengrade geht und deren Reife, von der Aussaat an gerechnet, nur zwei Monate Zeit braucht, muß der Germane seine Opfer dargebracht haben. Noch gilt im jetzigen Kanton Thurgau der Gerstentag, ein von der Kinderwelt der ganzen Landschaft gemeindeweise begangenes Jugendfest. Er heißt eben so allgemein auch der Eßtag, denn an ihm wird jedes Schulkind des Landes auf Gemeindekosten ausgespeist. Im Städtchen Bischofszell nennt man ihn HohlesteinTag und begeht ihn folgendermaßen: Die Jugend versammelt sich am Osterdiensttage im Schulhause und hält hier nach Vorschrift eine Zweckrede zum Fenster hinaus. Darauf zieht sie mit der Ortsgeistlichkeit processionsweise singend auf den Grubenplatz in der Vorstadt, wo man zum Gedächtnisse ausgestandener örtlicher Kriegsleiden ein Gebet spricht, alsdann weiter ins Nachbardörflein Hohlestein und in die umliegenden Höfe. Hier in der Nähe der Nagelfluhhöhle, die dem Dörflein den Namen gegeben hat, entzünden die Bauernjungen das Osterfeuer, schlagen die Feuerscheiben und verzehren dabei die auf diesen Tag gebackenen Schmalzkücblein. Dies soll, sagt man, zur Erinnerung an alte Kriegsläufe geschehen, bei denen Bischofszeil verbrannt

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