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oder für fast gleichzeitig erklärte. Aber gegen eine so frühe Zeitbestimmung, gegen welche auch Rieger (S. 311) leisen Zweifel äußert, scheint mir mancherlei zu sprechen. Zuerst Einzelheiten der Rechtschreibung, von welchen selbstverständlich nicht eine jede für sich allein den Ausschlag geben kann, die aber in ihrer Vereinigung beweisen. Dahin gehören: die vielen Abkürzungen, der überaus häufige Gebrauch des y, die systemgemäße und richtige Anwendung des cz für z, die vereinzelte fehlerhafte für 7, das öftere Vorkommen des ck für k, Katherine für Katerine (einmal Katerina im Anfang). Sodann die Sprache, welche öfters im Vergleiche zu andern mitteldeutschen Denkmälern des 14. Jhds. jüngere Laute und Formen zeigt, während sich im Spiele selbst die ältere Gestaltung durch Reime und einzelne Archaismen kundgibt. Sprachlich bemerkenswerth ist auch a statt e in der Flexion des Namens Maria, ferner der Mangel der Correlativa sucer, swie u. s. w.; nur einmal in St. Kath. swelcherhande. Schließlich bezeugen eine jüngere Abschrift oder Bearbeitung mancherlei Fehler, Missverständnisse und unverkennbare Zusätze, was jetzt alles durch die jüngere Hs. seine Bestätigung erhält. Alle diese Wahrnehmungen bestimmen mich, den Mühlhäuser Codex im Allgemeinen der zweiten Hälfte des 14. Jhds. zuzuweisen. Nimmt man nun den alterthümlichen Ductus hinzu, so ergibt sich mit ziemlicher Sicherheit für die Entstehungsperiode der Hs. das dritte Viertel des genannten Jhds. Die Dichtung dagegen ist nach Sprache und Stil älter. Sie zurück in das 13. Jhd. zu setzen, verbietet ganz abgesehen von der Metrik schon die Thatsache, daß in dieser Zeit die uns bekannten Spiele noch der lateinischen Sprache den Vorrang geben und die deutsche Rede nur episodisch erscheinen lassen. Denn das älteste deutsche Passionsspiel, welches nach K. Öhlers Vorgange von K. Bartsch herausgegeben wurde (Germ. 8, 284 ff.), steht doch zu vereinzelt und trägt in seinem Stile zu sehr den Charakter der höfischen Poesie, als daß man auf dieses eine Beispiel hin irgend welchen Schluß wagen könnte. So bleibt für unser Spiel im Allgemeinen die erste Hälfte des 14. Jhds. Die Handschrift rührt von einem Thüringer her, und seine Sprache stimmt mit der des Gedichtes in der Hauptsache überein. Zudem findet sich am Ende des Spiels von St. Kath. eine deutliche Anspielung auf Erfurt (vgl. Stephan Stoffl. 2, 172, 73 und 154). Die Heimat einer Handschrift bis auf einen ganz kleinen Umkreis zu bestimmen, wird sich ohne äußere Anhaltspunkte kaum erreichen lassen; daß aber der Mühlhäuser Codex aus dem nördlichen Thüringen stammt, was mir jene Beziehung auf Erfurt nicht zu widerlegen

scheint, dafür spricht einigermaßen ihr Fundort, sodann bezeugen es einige Formen, die außerhalb des Reimes stehn, nämlich su fem. u. pl. des Personalpron. statt si, sie, ferner eder statt ader (hochd. oder), vielleicht auch selben im Nom.

Die Heimat des Spiels ist nach den Reimen im Allgemeinen in Mitteldeutschland, speciell in Thüringen zu suchen. Das zeigt der Vocalismus, die Zusammenziehungen sên, geschên u. a., mi = mir, die Apocope der Infinitive, die Form here für herre. Namentlich die beiden zuletzt berührten Fälle weisen entschieden nach Thüringen.

Fasst man nun zusammen, daß die Dichtung in die erste Hälfte des 14. Jhds. gehört, daß sie in Thüringen entstand, daß sie in einer ebenfalls noch im 14. Jbd. verfertigten und ebenfalls in thüringischem Dialecte abgefassten Niederschrift vorliegt, und daß diese für uns älteste Überlieferung gerade in einer Stadt Thüringens aufgefunden wurde, daß ferner die jüngere Hs. aus einem benachbarten und damals mit Thüringen staatlich und volksthümlich eng verbundenen Lande stammt, während sonst aus keinem Theile Deutschlands jemals etwas von einem Spiele von den zehn Jungfrauen verlautete: so ergibt sich doch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß die bekannt gewordenen Fassungen jüngere Abschriften und in gewissem Sinne Bearbeitungen des berühmten Eisenacher Spieles sind. Und betrachten wir den Inhalt des Spiels, welches vielleicht mit Ausnahme einiger empfindungsreicher Marienklagen alle andern Dramen des Mittelalters an Schönheit, aber auch an Gewalt der Idee überragt, füblen wir nur einigermaßen den lyrischen Schwung und die erschütternde und für das Gemüth eines mittelalterlichen Menschen gewiss doppelt erschütternde Wirkung des Schlusses nach, dann erhebt sich die Wahrscheinlichkeit fast zur unumstößlichen Gewissheit, daß eben nur dieses Spiel es sein kann, welches jenes tragische Ereigniss veranlasste.

Wenn also dieses Resultat von der Litteraturgeschichte ohne Rückhalt angenommen werden kann, so braucht das Jahr 1322 keineswegs stricte auch als das Entstehungsjahr des Spieles angesehen zu werden. Der Chronist berichtete gewiss nur deshalb von der Aufführung, weil sie einen so denkwürdigen Ausgang hatte. Ja die Stelle cui ludo marchio tunc intererat (bei Rothe: unde was lantgrâve Frederich keginwortig) deutet vielleicht gerade darauf hin, daß der sonst immer abwesende und ruhelose Fürst 'damals' erst Gelegenheit hatte, dem Spiel der Predigermönche beizuwohnen. Rothe wendet die Sache so, als sei die Abfassung und Aufführung des Stückes in Folge des glücklich errungenen Friedens geschehen, aber davon steht in der Nachricht des

Chronicon Sampetrinum nichts, sondern das Spiel knüpft sich an die Ablasfeier der Predigerinönche. Rieger gibt zu, dal der Chronist 'aus ungenauer Kunde von der Fürbitte der Heiligen neben der der Maria geschrieben habe, während beide Überlieferungen von einer solchen Fürbitte nichts wissen. Die Wendung: b. virginis Mariae et omnium kic'orum möchte ich eher mit L. Bechstein für eine Metapher oder geradezu für cine Formel halten. Übrigens ist schon in W'artbarg-Bibl. (8. 7) aufmerksam gemacht, dat die Heiligen in unserem Texte genannt werden, ohne das sie bandelnd auftreten. Die dritte der Thörichten sagt: .. Maria mac mir nicht [hs. b: nommer) zu staten gestá, mi sin ouch alle sîne heilgen gehaz (bs. b: mir sin die heiligen gar gehap) 38, 35 f. (537 f.). Es hindert also nichts, das uns bekannte Stück, abgesehen von den Veränderungen und Zuthaten einer jüngeren Zeit, wirklich als das historisch berühmte zu betrachten.

DIE SPRACHE. Die Eigenthümlichkeiten des Mitteldeutschen, wie sie in einer Reibe von poetischen und prosaischen Schriften sich darstellen, finden wir auch im Spiele von den zehn Jungfrauen entschieden ausgeprägt. Im Einzelnen gewahren wir Geltung der Nebenformen, was dem Charakter einer gemischten und verschiedenen Einflüssen ausgesetzten Sprache vollkommen entspricht. Die folgende Darstellung der Sprache des Spieles kann von der der Hs. A picht getrennt werden, indem beide zeitlich und örtlich einander nahe stehen; auch wurde die Hs. an sich als thüringisches Schriftdenkmal wegen ihres Alters Beachtung verdienen. --- Wenn für manche Vorkommnisse sich keine Reimbeweise aufstellen lassen, so findet dies in der Kürze des Gedichtes seine Erklärung

Zunächst sind diejenigen sprachlichen Erscheinungen ins Auge zu fassen, welche mit der Rechtschreibung verbunden sind.

Das sehr hänfig neben i angewandte y hat nicht wie bisweilen im 15. Jhd. (vgl. Liliencron im Glossar zu Rothe 712") eine durch folgende Consonanten bestimmte phonetische Bedeutung, sondern ist nur graphischer Art, Gr. 1', 162 bestätigend, weshalb auch in den Citaten vom bsl. y abzusehen ist. Hier einige Beispiele *);

y = md. u. mhd. î: by 16, 2. (dy (tibi) 22, 11. my (mihi: 25, 23.] sy (sit) 16, 19. mynen 15, 11. syn (suus) 15, 6. sy[n] (esse) 16, 22.

) Die Citate nach der Wartburg-Bibliothek 1. Zahl: Seite: 2. Zahl: deutsche) Zeile, Vers), in Klammer die Verszahl des Abdrucks von Rieger.

y=md. , mhd. ie: dy (rel. u. art.) 16, 8. 17, 7. Jy 21, 1. ny 29,40. 31, 2. wy (quam) 16, 28. ymane 21, 9. tufen 32, 11. inphy[n] 29, 39. y = i: wy (wi, wo = wir) 17, 9. myr 28, 33. myt 20, 18. dyngen (: gelingen) 17, 21. kyntheit 17, 9. y = i in ye =ie =ir 31, 17. ye =ie (semper) 18, 18. y = i= j: 31, 16. y in ei und ai: eya 16, 31 und so immer.icheyn 16, 16. 17, 1. eyme 16, 24. beyde 16, 34. meyde 31, 24. Jerczeleyt: wärheyt 16, 1. beyten: bereyten 16, 5. oleys 19, 23. 27. mayt: gesayt 23, 29. 31, 15. betayt 31, 20. Die Frage über die geschichtliche Wandlung des uo in i im Mitteld. ist noch nicht völlig gelöst (vgl. hierüber meine Ansichten Einl. zu Heinr. u. Kuneg. XIX, Germ. 6, 422 ff. und Germ. 8, 357 f. V, 2, die leider noch niemand eingehend zu widerlegen versucht hat). Wenn man auch annehmen kann, daß der Ring über u vielfach und in jüngerer Zeit durchaus die vocalische Natur bezeichnen soll, so müssen doch noch Beobachtungen angestellt werden, wann dies in den Hss. eintritt. Daß zur Zeit des Schreibers ü für uo durchgedrungen war, ist als bestimmt vorauszusetzen und lässt sich erweisen; auch für die frühere Zeit des Spieles trotz des Reimmangels wage ich nicht an uo festzuhalten und deshalb sehe ich wie von y auch von ü in den Citaten ab, zumal die Dichtung nicht für die stumme Lectüre, sondern für das Ohr bestimmt war. Dennoch werden einige Beispiele der Schreibart, da Stephans Abdruck nur u bietet, nicht überflüssig erscheinen: der für verschiedene Laute dienende Buchstabe zeigt uns, daß seine ehemalige Bedeutung verändert ist. – Der Ring in der Hs. ist gewöhnlich von schwacher Gestalt, nur selten ähnelt er dem e, öfters ist er aber auch ein deutliches, mit Grundstrich ausgeführtes o. ü= md. ü= mhd. uo: nü 30, 28. tü[n] 15, 3. vrü 16, 34. cz 15, 6 und so fast ohne Ausnahme auch wie hier in der Präposition. güt: müt 17, 19. güten 16, 20. müter 16, 16. süze (adv.) 15, 6. rüchen 19, 23. gerüchen (: versuchen) 19, 22. ü= md. ü= mhd. üe: erslüge (: get'ge) 27, 8. güte (ermüte) 24, 17. prüuet 20, 14. müwe (müejen) 32, 13. ü= md. u. mhd. ü: (mhd. anceps du, dü, bisweilen duo) 15, 10. 21, 31. sür 28, 28. his 24, 16. ü= md. M = mhd. iu: viär 26, 34. üwere 16, 26 (sonst vurer . .) enphlüt 17, 1. hüte 20, 12. 22, 17. tüfele 26, 35. rüwe 26, 30. Ferner ü fast immer in sü= si, sie 16, 5. 6. 9 u. s. f.

ü = md. u. mhd. u: stünt (: küt) 21, 10. vünden (: stüde) 21, 21. vorgünde 25, 29. alsüs 29, 7. – (mhd. auch ü) sül wi 19, 20 (sul wi 19, 16). sült 16, 33. süllit 21, 7. ü = md. u = mhd. ü: türe: vür 23, 5. sündere 26, 36. czüchten 20, 18. Vocalische Natur bezeichnend in prüvet 20, 14 und in ou : oüch 17, 18. oügen 21, 18. toüc 26, 30. toüfe 27, 13. – oü = md. ouch = mhd. öü: vroüde 17, 8. 15. Ergebniss: ü bezeichnet I. den Vocal u, 2. die Länge des Vocals, 3. vielleicht den Umlaut. In der Hs. findet sich nie ouw, sondern immer ow: schowen 19, 13 (: ougen). 28, 14. vrowe in der Regel abgekürzt v"we. Der Schreiber hat die Lautabstufung dargestellt, auf der andern Seite am organischen Laute festgehalten. Die Tenuis tritt ein : ap (vereinzelt) 30, 18. lp (carum) 24, 5. lpliche 16, 14. 23, 24. starp 27, 12. tumpheit 22, 25. töt 16, 33. tötlich 16, 32. kint 23, 19. kintheit 17, 9. kunt: hunt 27, II. wart (: zart) 27, 17. wirt (hds. w't) 16, 30. 17, 25. jogent 23, 1. mait (: gesait) 23, 29. – mac 18, 23. tac (: mag) 22, 20. trac 27, 2. éwic 16, 4. éwicliche 22, 6. mizic 19, 4. fliziclichen 19, 21. Die Media bleibt bewahrt: ab (regelmäßig mit nur einer Ausnahme s. o.) grab 32, 7. lib (carus) 18, 24. wb 25, 5. lob 22, 11. – töd (: got) 20, 10. – mag 17, 22 (: tac) 22, 19. einig 20, 28. drizzig 18, 7. wénig 19, 12. geng 26, 36. 27, 3. ging : enphing 26, 6. enphing: erhing 27, 13. Vereinzelt findet sich g für k in marg 20, 26, was im Mitteld. zu jener Zeit die gewöhnliche Schreibart ist (vgl. unter andern Myst. 244,40) und auf eine wirkliche Erweichung des Lautes hindeutet. Die Erweichung der Tenuis nach Liquiden ist regelmäßig, z. B.: alden: manicwalden 17, 7. alder 17, 11. hundertvaldigen 18, 20. werlde 21, 11. 15. solde 18, 4. wolden (: holden) 15, 12. Dagegen nur üz erwelten 22, 1. Die im Mitteldeutschen häufige und auf Aussprache beruhende Erweichung der Tenuis im Auslaut auch hier: tüd (2. p. pl.) 19, 26. Umgekehrt Verhärtung der Media im Anlaut: enpütit 16, 12. Im Spiel von St. Kath. auch häufig kein = gegen. ph erscheint für f oder v gebraucht in enphl: [n] (envliehen) 29, 39. enphlüt (envliuhet) 17, 1. für f in strophen = sträphen (: wäfen) 19, 2. Eine andere bemerkenswerthe Schreibart ist: kuchs = küsch 16, 22 (ähnlich richs = risch in St. Kath.) und hemelichsche = hemelische 16, 12.

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