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und namentlich die Todtenbeine sind es, die in den hierüber gewechselten Flug- und Streitschriften eine stehende Rolle spielen. Damals schrieb der erste deutsche Dramatiker des sechzehnten Jahrhunderts, der Basler Buchdrucker Pamphilus Gengenbach, ein jemerliche clag vber die Todtenfreßer; er legt darin einer Nonne, d. h. der bei Begräbnissen bezahlten Leidfrau, die Worte in den Mund:

die todten bain schmecken uns wol,

dobei wir tag und nacht sind vol. Gengenbachs Landsmann und Nachfolger in der Schauspieldichtung ist der Berner Nikolaus Manuel. Von ihm berichtet der Berner Chronist Valer. Anshelm zum Jahre 1522: „Es sind ouch diß Jahrs hie zu Bern zwey in wite Land ußgespreite Spil durch den Maler Niklausen Manuel gedichtet und offenlich an der Krützgassen gespilet worden; eins, nämlich der Todtenfrässer, berührend alle Mißbrüch des ganzen Bapstthumbs, uff der Pfaffen Fasnacht". Damals begann man die Beinhäuser auszuleeren, die Knochen zu beerdigen, die Obrigkeit untersagte den Luxus der gehäuften Todtenopfer, Seelmessen und Leichenschmäuse. Wollte eine Landschaft nicht alsbald die hergebrachten rituellen Schwelgereien unterlassen, so zog sie sich den Scheltnamen Todtenfresser zu, wie er deshalb bis heute der Bevölkerung des Zürcherlandes verblieben ist; vgl. Meyer Knonau, Beschreib, des Kt. Zürich 2, 154.

Das Stutenbrod, niederländisch stuite, das jetzt noch bei ostfriesischen Leichenbegängnissen vertheilt wird, gehört seiner Namensbildung nach dem niederdeutschen Sprachkreise an und hat daher seine Verbreitung von Holland und Schleswig an bis Köln und Halle gehabt. Es ist ursprünglich ein großes schenkeiförmiges Weißbrod, das an seinen dicken Enden abgerundet, wie der Bäckerausdruck sagt, gestoßen ist, und also gar nichts mit dem Thiernamen Stute, niederdeutsch stoot, gemein hat, obschon man Tiroler Todtenbrode auch in Form von Rösslein backt. Eine ganze Last solcher Stuten wird beim Begräbnisse der reichen Frau Richmond in Köln an die Stadtarmen ausgetheilt. Firmenich 1, 449. Das Staudenbrod zu Halle ist ein geklotzt stellendes Rundbrod und hat also seine ursprüngliche Form verloren; wogegen in Appenzell-Innerrhoden die alte Brodform, jedoch ohne Eigennamen, sich erhalten hat. Bei dem Begräbnisse einer Bäuerin im Hochthale des Sentis i. J. 1863 schritt die Nachbarsfrau dem Sarge voran mit einem kolossalen Wachsstock, dann folgte der Verstorbenen Ehemann, der ein eben so kolossales Langbrod auf einer Schüssel nachtrug. Riefstahl hat die Scene in einem hübschen Ölgemälde dargestellt.

Das im deutsehen Süden am weitesten verbreitete Weih- und Festbrod ist der sogenannte Zupfen, ein Eierwecken in Form einer spitz auslaufenden Haarflechte. In Handlange halten es die Weißbäcker das ganze Jahr über feil, in Ellenlänge aber backt es die Haushaltung auf Weibnachten und Neujahr, und der Katholik auf Allerseelen. Alsdann wird es in fast unglaublichen Quantitäten verbraucht. Im Jahre 1860 berichteten die Berner Localblätter, daß am damaligen Neujahrstage einer der Stadtbäuker zu Bern bis zu 1300 Frcs. Züpfenwecken verkaufte. Der Tauf- oder Firmpathe beschenkt sein Pathenkind damit und steckt ihm heimlich ein neues Frankenstück hinein, ebenso der Bäcker seine Kunden , der Wirth seine Stammgäste, der Herr sein Gesinde. Gänd üs au ne Wegge mit sibezich Zöpfe! betteln da die Kinder selbst guter Familien vor fremden Fenstern herum. Keinem wird die Gabe abgeschlagen, dem Dürftigen auch noch ein Geldstück, ein Kleidungsstück dazu verabreicht. Im Berner Kanderthale nennt man dies Brod geradezu den Ziebel (Zipfel), in Baiern Seelzopf, Seelwecken und Seelzelten, die Schwaben zuckern es und nennen es Zuckerseelen; mit Bierhefe angemacht nennt man sie Hefenseelen, mit Eierweiß bestrichen und als mürbe Kinglein gebacken, sind es die nackenden Seelen. Freilich bedeutet das Wort Seele hiebei auch die überschüssige oder nicht richtig ausgebackene Brodfülle, woher denn auch die Bäckersatzung stammt: Bretzen sollen keine Seele (Teigfiille) haben; allein Name und Bestimmung des Gebäckes bleibt dadurch unangefochten, es ist ein Todtenbrod, dessen Verwendungs- und Benennungsweise besonders nach Südosten so weit über das deutsche Sprachgebiet hinaus sich erstreckt, als dorten deutsche Niederlassungen bleibende gewesen sind. Bei Ungarn und Serben sogar ist es einheimisch, nur ist es dorten einen Tag nach dem Allerseelenfeste auf Allerheiligen verlegt und trägt davon den Namen Allerheiligen - Stritzeln. Eine Südslavin, die Tochter eines ungarischen Geistlichen in Szobb, hat ihren deutschen Verwandten in der Schweiz eine briefliche Beschreibung der Vorgänge gemacht, unter denen man in Ungarn dies Festbrod backt. Am Vorabend von Allerheiligen pflegen die Bäckermeister sämmtliche junge Leute ihrer Nachbarschaft zu sich ins Haus zu laden. Hier hat der Meister mit den Gesellen den Kolatschenteig bereits ausgeknetet, zu gleichen Theilen abgewogen, in lange Teigstriemen geschnitten und geordnet auf die blanke Tafel gelegt. An dieser bittet er die erschienenen Jungfrauen und ihre Galane Platz zu nehmen, und aus je vier solcher Teigstriemen einen Zopf zu flechten. Man legt je ihrer zwei übers Kreuz, flicht davon vierfache Zöpflein und drückt sie an ihrem Ende in eine gerundete Schleife zusammen. Die kleinen einfachen kosten ein paar Kreuzer und entsprechen unserm oberdeutschen Marktbrod von ähnlicher Form; die mehrzöpfigen und größeren unserm ellenlangen Züpfenbrod. Während das Fräulein flicht, hat ihr der beigeordnete Galan den Hof zu machen; er nimmt ihr die fertigen Stritzeln ab, füllt damit das Einschußbrett und überbringt es dem Bäckergesellen, der es in den Ofen schießt. Dies dauert bis Mitternacht. Schlag zwölf Uhr trägt die Beckenfrau den Kaffee und die ersten frischen Stritzeln auf, ein paar Stunden wird getafelt und gescherzt, dann geht es an den zweiten Theil der Arbeit. Den Mädchen werden nun längere und breitere Teigstriemen vorgelegt, aus denen fünftheilig gezöpfte Rosinenkuchen geflochten werden. Man nimmt an, dieser Brauch, der in den reformierten Gegenden Ungarns herrscht, stamme aus sehr alter Zeit. Ehedem, heißt es, da man hier zu Lande noch reicher und freigebiger war, hat man solche Stritzeln in jedem Hause die ganze Festnacht hindurch gebacken und sie Tags darauf an die Kinder und Armen verschenkt. Heute noch ist es daher dorten Kinderglauben, die lieben Heiligen brächten dies Süßbrod auf ihren eigenen Namenstag mit vom Himmel herab.

Auch dieses besondere Gebäcke der Stritzeln vermöchte hier seine eigene Geschichte zu erzählen, zieht sich doch sein Schmalzgeruch halb unangemessen bis in den Anbeginn der klassischen Periode unserer deutschen Litteratur herein Da ist es Lessing, der Leipziger Student, der mittellos und bei harter Winterskälte von den Eltern nach Camenz hehnberufen wird, um sich darüber zu verantworten, daß er die ihm von der Mutter überschickten Weihnachtsstritzeln mit den gottlosen Schauspielein der Neuber'schen Bande verzehrt hatte. Diese Anekdote lehrt mindestens, daß unsere Klassik, so häufig sie auch von den griechischen Göttern redete und mit Nektar und Ambrosia sehr verschwenderisch umgieng, in bäurischer Einfalt und Entbehrung aufwuchs und eben daher den verloren gewesenen Ton der Naturtreue und Wirklichkeit wieder anzustimmen vermochte. Doch anstatt hier noch weiter abzuweichen, ist es Zeit, das geschilderte Zweckbrod des Seelzopfes zu seiner noch ausstehenden Erklärung zu bringen und damit diesen Bericht abzuschließen.

Die Form der Haarflechte und des Frauenzopfes verräth sich außer an dem eben geschilderten Seelzöpfen, als einem üpferbrode zum Angedenken an die Verstorbenen, auch noch beim Ernteopfer. Wenn man einen Kornacker bis auf ein paar letzte Ährenbüschel, ein Flachsfeld bis auf wenige Stengel abgeschnitten hat. so lässt der bairische Bauer die noch übrigen Halme durch seine Schnitterinnen in einen Zopf zusammenflechten und sie bekränzen; dafür lohnt er dann die Mädchen mit Jungfernmilch und Jungfernschmarreu, d. h. er setzt ihnen außer dem Schnittermahl auch noch Milch mit Schmalzbrod vor. Jener geflochtene Ährenbüschel wird der Aswald genannt, man umtanzt ihn singend, weiht ihm die letzten Krumen des Brodkorbes und eine Libation des Restes vom Schnitterbier; jener Flachsbüschel wird ausdrücklich zu Ehren der Flurgöttinnen und Waldfrauen geflochten, der Spruch dazu lautet in Panzers Baier. Sag. 2, 161:

Holzfräule, da flecht i dir ein Zöpfle,

So lang als wie Weiden,

So klar als wie Seiden. Verwandte Volksvorstellungen in verschiedenen deutschen Landstrichen zeigen, daß man das besondere Merkmal eines Segensgeistes oder eines Koboldes je nach der Pflege oder Verwilderung seines Haupthaars bemaß. Dieses wallt bei guten Geistern lang und zart hinab, bei verwünschten ist es struppig und verworren. Schweizerischer Volksglaube ist es, daß die guten Hauszwerge den Rossen im Stalle Mähne und Schwanz höchst kunstvoll flechten, während der Hauskobold selbst den Kühen das Haar verfilzet. Der hübsch in einen Haarkranz gerundete Frauenzopf heißt nach Aargauer Benennung Ährizopf, Kornzopf; das ungeordnete Haar dagegen Heuel und Holle. Dieselbe Anschauung herrscht in Thüringen, wo man den Wichtel- und Weichselzopf Saellocke nennt; auch in Bremen, wo er Selkensteert, Seelentost heißt und auf Sterz, Schwanz und Locke der verwünschten Geister bezogen wird; in Sachsen und der Mark heißt er Hollenzopf, in Schlesien Alpschwanz. Unter Aufsicht der Göttin Holle wird wohl das Haupthaar der Kinder und Mütter gestanden haben, so gut wie der Flachs, welcher in Oberdeutschland gleichfalls Haar heißt. Wer daher um Neujahr den Rocken nicht abgesponnen, das Haar nicht sauber geschlichtet hat, dem wird Beides von der durch den Ort ziehenden Göttin in einen Hollenzopf verzaust. Das am Allerseelentag in Zopfform gebackene Brod versinnbildlicht daher nur die Fortsetzung jenes Liebesdienstes, unter welchem man einst den Verstorbenen ins Grab gelegt hatte. Die Edda schreibt vor: „Ein Hügel soll dem Heimgegangenen erhoben, gewaschen und gekämmt soll er bestattet werden." Kämme und Scheermesser aus Bronze, in Heidengräbern aufgefunden, verzeichnet Weinholds Schrift, heidnische Todtenbestattung 1, 89. Eiserne Haarscheeren sind in den Alemannengräbern zu bairisch Nordendorf und in der Gegend des mittleren Kochers in Würtemberg erhoben worden. Es ist noch Aargauer Bauernbrauch, dem Todten seinen Kamm mit in den Sarg zu geben; wer sich sonst damit kämmen würde, verlöre die Haare. Nur der eingefleischten Lieblosigkeit soll diese Pflicht der Pietät nicht gewidmet sein, der Hartherzige soll mit seiner Münze bezahlt werden; daher behauptet die Volksrede: Käufliche Richter und schlimme Waisenvögte werden einst von den Läusen gefressen. Aus solchem Grund ist es schon bei Homer höchster Beweis liebender Hingebung, wenn Achilleus in Trauer um seinen geliebten Patroklos sich das Haupthaar abschneidet und es dem Grabe des Freundes weiht. Nicht bloß des eigenen Hauptes Sinn und Gedanke sendet man damit dem Verstorbenen zu den Schatten nach, sondern dieser soll unter ihnen erscheinen wie sonst im Leben, nach dem Ausdrucke der Hellenen als ein hauptumlockter Achäer, nach christlicher Anschauungsweise als ein goldlockiger Engel. Die griechische Mutter weihte vor der Niederkunft und für die Gesundheit des Neugebornen ihren Haarschnitt der Gesundheitsgöttin Hygieia; und so eifrig, versichert Pausanias, war die mütterliche Liebe bei solchem Opfer, daß manche Bilder dieser Göttin vor der Fülle umgebundener Haare kaum zu erkennen waren. Der sich noch selbst überlassene deutsche Leichenbrauch weiht zwar den Todten nun keine Locke mehr, er schneidet sie ihnen wohl eher ab und bewahrt sie zum Angedenken; aber er überdeckt einmal des Jahres ihr Grab mit Opferbroden, in deren Form, Größe und Anzahl noch immer der Wunsch sich ausdrückt, wie vollkommen und stattlich das geliebte Haupt unter den Seelen erscheinen möge in der Locken fülle seiner Jugend oder Männlichkeit. So lebt die Sitte und Urtheilsweise der Ahnen, wenn die Geschichtsquellen nicht einmal ein nur kärgliches Zeugniss darüber ablegen, oft noch fort in dem unverstandenen Volksbrauche der Gegenwart. Diesen Brauch immer mehr verstehen und ihn in seinen humanen Gründen an die unsere Zeit bewegenden Gefühle anschließen zu lernen, ist deshalb ein gedeihliches Unternehmen, weil darüber nicht bloß unsere Heimatskunde, unsere Kunde aus der Vorzeit wächst, sondern zugleich auch deren bestes Kind, dieses patriotische Bedürfniss unserer Tage, unser deutsches Gesammtvaterland.

NU BEI HARTMANN RELATIV GEBRAUCHT.

Lachmann zu Iwein 2528 sagt: „ich glaube Hartmann gebraucht Mw niemals relativ". — Zarncke mhd. WB. 2, 42lb sub/: „bei Ilartmann scheint es nicht in relativer Bedeutung vorzukommen"; doch befriedigt ihn nicht Lachmanns Deutung von Erec 7027. Lachmann wie Zarncke haben übersehen a. H. 1241: nü er si alse schoene sach, wider sich selben er dö sprach. BERLIN. ADOLF MANNKOPFF.

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