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„ Zacher ist mir von jeher unbedeutend vorgekommen, doch einen so elenden und dabei sich übernehmenden Aufsatz hätte ich ihm nicht zugetraut." Dies ist und war auch stets meine Meinung, sie beruht auf eigenster Beobachtung und Erfahrung. Schmeichelhaftes liegt darin freilich nicht«, aber auch nichts Ehrenrühriges, nichts was man anderswoher als aus dem, was Hr. Z. geschrieben, zu wissen braucht, nichts also, das zu jenem letzten antiquarischen Briefe Lessings „einen praktischen Commentar" lieferte. Der Ausdruck „von jeher" deutet auf keine „vorübergehende gereizte Stimmung", wie Hr. Z. im Voraus darzustellen sucht, sondern zeigt, daß J. Grimm ihn stets richtig, von jeher so taxiert hat, wie er es verdient. „Unbedeutend" ist in der That das rechte Wort; wie sollte es auch anders sein können? hat doch Hr. Zacher nie etwas gethan, was ihm Anspruch auf eine bessere Note gäbe. Auch die Bezeichnung „elend" ist nicht zu stark, der erwähnte Aufsatz ist wirklich über alle Beschreibung elend; und ebenso mu3 der Ausdruck „übernehmend" vollkommen zutreffend genannt werden. Davon liefern seine Anzeige sowohl als das neuerliche Gewäsch wiederum die schlagendsten Belege. „Ich habe, sagt Hr. Z. an letzterem Ort, damals die eigene öffentliche Äußerung J. Grimms mit dem pietätsvollen Schweigen hingenommen, welches ich dem hochverehrten Lehrer schuldete, wie ja auch alle, die dem trefflichen Manne näher standen, seine reizbare Empfindlichkeit schonten und trugen." Wie, nachdem Hr. Z. ihm mit einer frecherlogenen Behauptung am Zeuge zu flicken gesucht und von ihm mit Fug darob zurechtgewiesen wurde, hat er noch den Muth, von „hoher Verehrung" und „pietätsvollem Schweigen" zu reden. Was hätte er auch darauf erwidern können? Nicht genug, ein Zacher spricht von Schonung und Ertragung, die er gegen einen J. Grimm und „seine reizbare Empfindlichkeit" geübt! Ein Knirps hat Nachsicht mit den Schwächen eines Riesen! Wahrlich die verkehrte Welt und ein seltenes Beispiel unberechtigtster Selbstüberhebung. Es kann mir nur lieb sein, wenn es Hrn. Z. noch gelingt, das vorstehende wohlbegründete Urtheil zu seinen Gunsten umzuändern. Eins aber sollte er dabei beherzigen: daß er dies auf dem bisherigen und dem zuletzt betretenen Wege nimmermehr erreichen wird.

An dieser kleinen Abschlagszahlung möge Hr. Z. sich vorläufig genügen lassen, hat er nun doch erreicht, wornach er sich gesehnt: in der Germania genannt und einem großen Leserkreis einstweilen im Schattenrisse vorgeführt zu sein. Später, in der versprochenen Rechenschaft über meine Walther-Ausgabe, werde ich ihn, nicht sowohl um seiner selbst willen (das lohnte sich der Mühe nicht), als wegen der Ansichten der Clique, die in seiner Anzeige zum Ausdruck kommen, vollauf zu befriedigen trachten. Dort werde ich dann auch Gelegenheit finden, ein kleines Colloquium über das Wort „ehrenhaft" mit ihm zu veranstalten, das er so oft im Munde führt, über dessen wahre Bedeutung er aber ebenso im Unklaren zu sein scheint, wie über die von Drohung, Schelte und Verleumdung.

Wien, 4. April 1866. Franz Pfeiffer.

tt'intckenl von Carl GervJd • Bohn ui Wi«k.

ÜBER DEN SYNTAKTISCHEN GEBRAUCH DES DATIVS IM GOTHISCHEN.

VON

ARTÜR KÖHLER *).

Wie eine jede Sprache in älterer Zeit eine äußerst einfache Syntax zeigt und in der Wortstellung und Satzfügung fast eine gewisse Dürftigkeit verräth, wie sie auf einer früheren Entwicklungsstufe noch eine Menge Partikeln entbehrt, welche späterhin zur Umschreibung einfacher bedeutungsvoller Formen, die verloren giengen, benutzt werden müßen, so zeigt auch der älteste germanische Dialect, auf welchen alle Forschungen im Gebiete der deutschen Philologie zurückgehen müßen, das Gothische, eine wunderbar klare und durchsichtige Syntax und vor Allem eine reiche Verwendung der Casus, welche in den übrigen älteren germanischen Sprachen schon weit mehr zurücktritt, und von der im Mittelhochdeutschen, noch mehr im Neuhochdeutschen, wenn ihre Spur überhaupt geblieben, nur noch Trümmer zu entdecken sind.

Den ausgedehntesten Gebrauch unter allen Casus findet im Gothischen der Dativ, welchem neben den Functionen des eigentlichen Dativs noch die des Ablativs und Instrumentals übertragen sind, soweit nicht als Stellvertreter des Ablativs, gleichwie dies im Griechischen geschehen, der Genitiv eingetreten ist. Von besonderem Interesse sind diejenigen Fälle, in denen wir die Frage, ob wir eigenthümlich gothischen Sprachgebrauch vor uns haben oder eine Nachahmung des griechischen Ausdrucks anzunehmen ist, zu entscheiden haben, eine Frage, die wir freilich oft nicht zu beantworten im Stande sind bei dem Übelstande, daß uns nur zwei Quellen vorliegen, die Bibelübersetzung des Ulfilas und die Skeireins, gleichfalls eine Übersetzung.

Über den syntaktischen Gebrauch des Dativs existiert bereits eine Abhandlung von Karl Silber**), die aber der Verfasser lediglich zu dem Zwecke geschrieben hat, um an einem beliebigen Casus die Frage nach der ursprünglichen Bedeutung der Casus zu erörtern, die Frage, ob die locale oder causale Bedeutung der Casus die ursprünglichere sei, und man könnte fast sagen, daß er ganz zufällig den Dativ herausgegriffen habe. Auf das Gothische hat der Verfasser sich beschränkt, nweil — wie er selbst sagt — in dieser Sprache der Dativ eine fast noch ausgedehntere Anwendung findet als im Griechischen." Diese Abhandlung ist durchaus eine sprachphilosophische Untersuchung: sie beschränkt sich fast ganz auf diejenigen Verwendungen des Dativs, die dieser Casus auch in anderen Sprachen findet. Der absolute Gebrauch des Dativs ist völlig bei Seite gelassen, für die Vertretung des Instrumentals auf eine spätere Abhandlung vertröstet: wir können also diese Schrift ohne irgend welchen Schaden für unsern Aufsatz ruhig unberücksichtigt lassen.

*) Inaugural-Dissertation zur Erlangung der philos. Doctorwürdo auf der GeorgAugusts-Universität zu Göttingen. Dresden 1864. 54 SS. 8°.

**) Karl Silber, Versuch über den gothischen Dativ. Im Programm des Domgrmnasiums zu Naumburg 1845.

GERMANIA XI. 17

Bei der Darstellung des syntaktischen Gebrauchs des Dativs habe ich mich im Allgemeinen an Jacob Grimm (im 4. Bande der Grammatik) gehalten. Die einzigen wesentlichen Abweichungen von seiner Eintheilung bestehen darin, daß ich die ablativischen und instrumentalen Functionen des Dativs möglichst auseinander halte und daß ich die den Dativ regierenden Verba und Nomina zusammen behandle, je nach den ihnen gemeinsam zu Grunde liegenden Begriffen.

Cap. I.
Der eigentliche Dativ.

§. 1.
Allgeraeines.

Beim Dativ haben wir im Gothischen drei Functionen zu unterscheiden: die des eigentlichen Dativs, des Ablativs und des Instrumentals. Grimm (Gr. IV, 683) fasst die beiden letzten Functionen zusammen, indem er einen eigentlichen und einen ablativischen oder instrumentalen Dativ annimmt. Mir jedoch scheint es geboten zu sein, diese beiden zu trennen. Im Lateinischen allerdings wird der verloren gegangene Instrumental durch den Ablativ mit ausgedrückt, im Griechischen aber übernimmt die Function des Instrumentals der Dativ, des Ablativs aber der Genitiv (der Ablativ ist als der Casus des Woher? anzusehen, woher denn auch die Präpositionen «uro, XQog, vxö, xazd und itagcc zur Bezeichnung des Ortes oder der Person, von welcher etwas ausgeht, den Genitiv regieren). Auch im Gothischen hat der Dativ zur Beantwortung der Frage nach dem Woher? entschieden ablativische, nicht instrumentale Geltung. Im Verlaufe unserer Untersuchung wird sich zeigen, daß der Mangel einer Unterscheidung zwischen ablativischer und instrumentaler Geltung des Dativs bei Grimm manche irrige Ansicht hervorgerufen hat.

Während der Accusativ der am Völligsten objective Casus ist, der Casus, in welchen diejenige Person oder Sache gesetzt wird, auf welche ganz direct die Thätigkeit des den Satz beherrschenden Subjects gerichtet ist, hat der Dativ eine bedeutend stärkere subjective Färbung, indem er das Verhältniss zu einer anderen, neben dem Subject und Object existierenden, entfernter stehenden Person oder Sache angibt, indem er aussagt, daß etwas für oder in Bezug auf Jemand oder Etwas geschieht, kurz, er ist der Casus des entfernteren Objects. Daher findet er sich ganz besonders häufig zur Bezeichnung desselben bei transitiven Verben neben dem Accusativ, der das eigentliche Object bezeichnet, z. B. Marc. 12, 14: skuldu ist kaisaragild giban kaisara; 12, 16: atbairip mis skatt; Luc. 7, 21: blindaim managaim fragaf siun; oft auch steht der Dativ als Casus des entfernteren Objects bei verschwiegenem Objectsaccusativ, der aus dem Zusammenhang oder aus dem Sinne leicht zu errathen ist, wie z. B. Marc. 10, 21: sva filu sve habais, frabugei jah gif parbam.

Grimm stellt zuerst, als den Dativ verlangend, die Vorstellungen des Näherns und Entfernens auf und begreift unter diese Kategorie die Verba, die ein Geben, Bringen, Zeigen, Sagen, Melden, Bergen, Entziehen, Vorenthalten bezeichnen (S. 638). Alle diese Verba haben den Accusativ der Person oder Sache, welche das directe Object ist, und den Dativ der Person oder Sache, welche das entferntere, das nicht so ganz unmittelbar von der Thätigkeit berührte Object ist. Dies ist derjenige Gebrauch des Dativs, der in seinem eigentlichsten Wesen begründet, der ihm specifisch eigenthümlich ist, den er in allen germanischen Dialecten, in allen Sprachen überhaupt hat. Diesen Gebrauch des Dativs können wir füglich hier bei Seite lassen, da wir es nicht mit den allen Sprachen gemeinsamen Gebrauchsweisen zu thun haben, sondern vorzugsweise mit den dem Gothischen eigenthümlichen, in denen eine Verschiedenheit von den übrigen germanischen Dialecten und den classischen Sprachen zu Tage tritt.

§•2. Der Dativ von Verbis und Nominibus abhängig. Daß die Verba, welche ein Erlauben und ein Wehren, Weigern ausdrücken, uslaubjan und varjan, den Dativ der Person erfordern, liegt auf der Hand, da sie nicht zu denken sind ohne ein Object, zu dem die Erlaubniss ertheilt oder verweigert wird. Ebenso ist es selbstverständlich, daß die Verba des Sagens, Antwortens, qipan und andr hafjan, den Dativ der angesprochenen Person bei sich haben; doch ist zu bemerken, daß qipan häufig auch die Präposition du mit dem Dativ zu sich nimmt; um nur einige Beispiele anzuführen, erwähne ich Mattb. 5, 22; 7, 22; 8, 4. 13 als Stellen, wo der bloße Dativ angewendet ist, und Matth. 8, 19. 20. 21 als solche, in denen die Präposition du zu Hilfe genommen ist. Ein Unterschied in der Bedeutung von qipan ist mir nicht bemerkbar gewesen, wonach die Construction mit dem Dativ oder mit der Präposition du und dem Dativ verlangt würde; Matth. 8, 9 scheinen sogar beide Constructionsweisen durcheinander zu laufen: jah qipa du pamma: gagg, jah gaggip, jah anparamma: qim, jah qimip, jah du skalka meinamma: tavei pata, jah taujip, wenn hier nicht vielmehr anzunehmen ist, daß der Dativ anparamma von dem kurz vorhergehenden du abhängt; der griechische Text hat keinen Einfluß auf die Construction dieser Stelle, da dort nur der Dativ steht nach Xsyetv. Bemerkenswerth ist noch, daß rodjan, welches mehr den Begriff des Redens mit Jemandem enthält, als den des einfachen Sagens, Mittheilens, häufiger die Präposition du mit dem Dativ, als den bloßen Dativ bei sich hat, wie es denn auch meistentheils zur Wiedergabe des griechischen kaksiv gebraucht wird, ksysiv und elnstv hingegen äußerst selten übersetzt, wofür der Gothe in der Regel qipan anwandte. An zwei Stellen, Marc. 9, 4 und Job. 9, 37, nimmt rodjan die Präposition mip mit dem Dativ zu sich, als Übersetzung von ovkkakelv C. Dat. und kakslv perü c Gen. An einen Einfluß des griechischen Originals ist keineswegs zu denken, da sowohl die Stellen, wo der bloße Dativ, als auch die, wo die Präposition du sich findet, im griechischen Text den Dativ aufweisen; unter den 22 Stellen, wo du angewendet ist, finden sich allerdings 7, wo kakslv die Präposition ngög c. Aec. zu sich genommen hat, hingegen unter denen, wo der Gothe den bloßen Dativ gesetzt hat, keine einzige; doch wird dies Niemand für einen Grund halten können, der zu der Annahme eines Einflusses des griechischen Textes berechtigte. Interessant ist die Stelle Luc. 2, 38, wo nach rodjan in c. Dat. steht: soh pizai hveilai atstandandei andhaihait ßraujin jah rodida bi ina in allaim paim usbeidandam la!pon Jairusaulymos. Es wäre dies keineswegs auffallend, wenn man die Stelle so auffassen dürfte, daß die Prophetin Hanna, von der hier die Rede ist, mitten unter den Gläubigen, unter den der Befreiung Jerusalems Harrenden gepredigt habe; dies verbietet aber der griechische Text, wo es heißt:

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