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I.
Die Annales Placentini Guelfi.

In der Vorrede zu seiner Ausgabe der Annales Placentini Guelfi und Gibellini, wie sie später von G. H. Pertz benannt wurden, stellte Huillard-Bréholles " die Vermuthung auf, dass der Verfasser der ersteren Annalen, der Placentini Guelfi, Johannes Codagnellus (Co d'agnello) – oder mit lateinischer Uebertragung des Zunamens Caput-agni – wäre. Zur Begründung seiner Vermuthung führte er an, dass diese Annalen da, wo sie allein überliefert sind, nämlich in dem Pariser Codex Lat. m. 4931, einer in Italien geschriebenen Handschrift des 13. Jahrhunderts, sich in Verbindung mit einer sogenannten Chronik, einem wunderlichen Gemengsel historisch-geographisch-chronologischen Inhalts, vorfinden, als deren Verfasser sich zu Anfang der Handschrift eben jener Johannes Codagnellus oder Caput-agni in einigen schlechten Versen ? deutlich bezeichnet. Nun konnte er nachweisen, dass zu der Zeit, in welcher die Annalen, die bis 1235 reichen, in Piacenza geschrieben sein müssen, ebendort ein Johannes Caput-agni urkundlich nachweisbar ist". Freilich wollte Huillard auf seiner Vermuthung nicht bestehen“, doch nahm sie B. Pallastrelli auf und sprach sie noch bestimmter aus . . Er zeigte, dass die Familie der Codagnelli im 12. und 13. Jahrhundert in Piacenza ansässig ist, dass viele Mitglieder derselben dort urkundlich vorkommen, dass namentlich jener Johannes von 1202 bis 1230 als Notar in nicht wenigen Urkunden nachweisbar ist, zum Theil in solchen über Verträge, die in den Annales Plac. Guelfi in besonderer Weise erwähnt werden. Gewiss ist damit eine erkleckliche Summe von Wahrscheinlichkeitsgründen für die Autorschaft des Johannes Codagnellus beigebracht. Dennoch wies G. H. Pertz diese Vermuthung kurz ab, ohne sich auf die Begründung seiner abweichenden Ansicht viel einzulassen. Im vorigen Jahre hatte ich durch die bekannte grosse Liberalität der Verwaltung der Pariser Nationalbibliothek Gelegenheit, die überaus werthvolle Handschrift Lat. 4931 hier mit voller Musse zu benutzen und fast ganz zu collationieren oder abzuschreiben. Das Ergebnis des Studiums derselben in Bezug auf jene Frage ist, dass nie eine gerechtfertigtere Vermuthung leichtfertiger zurückgewiesen ist, als es Pertz gegenüber der Ansicht des französischen und italienischen Gelehrten gethan hat. Sein einziger Grund ist: die von ihm gegebene Beschreibung der Handschrift (SS. XVIII, 357) zeige, dass die Partie der Handschrift, in welcher die Ann. Plac. stehen, dem Johannes Codagnellus nicht zuzutheilen sei, sondern nur der erste Theil derselben, welcher die Chronica de sex aetatibus mundi enthalte. Nun hat er p. 357 allerdings erklärt, dass die Handschrift verschiedene Werke enthalte, dass das Werk des Johannes Codagnellus auf f. 1–56 stehe, dass dann andere Stücke folgen, die er kurz angiebt. Das ist eine Behauptung, deren gänzliche Haltlosigkeit sich im Laufe unserer Untersuchung gründlich herausstellen wird. Richtig ist, dass f. 57" ein Stück ohne Ueberschrift, welches die Geschichte der Bekehrung Constantins des Grossen und die Verlegung seiner Residenz nach Constantinopel in gänzlich fabelhafter Weise behandelt, mit einer grossen ausgemalten Initiale beginnt, aber eben solche Initialen finden sich ausser auf dem ersten Blatt der Handschrift auf f. 9*, 9°, also kurz hinter einander in Partieen, die dem Johannes Codagnellus abzusprechen Niemand beikommen kann. Und gerade die Geschichte über Constantinopel ist durchaus im Charakter der übrigen Stücke der Chronik des Codagnellus. Da also, wie bemerkt, die davorstehende grosse Initiale kein Recht giebt, das Stück jenem abzusprechen, so berechtigt die Beschaffenheit der Handschrift wenigstens noch weniger, die folgenden Stücke einem anderen Autor zuzutheilen, denn sie beginnen alle mit kleineren Initialen, wie sie in den Partieen, die zweifellos dem Johannes angehören, sehr oft vorkommen, und gar zu Anfang der Ann. Plac., welche f. 70°–105° stehen, findet sich überhaupt keine Initiale, sondern nur das gewöhnliche Rubrikzeichen, wie es roth oder blau zu Anfang jeden Jahres innerhalb dieser Annalen und auch oft innerhalb der Erzählung eines Jahres steht. Also die äussere Beschaffenheit der Handschrift, auf die sich Pertz allein stützt, giebt gar keinen Anhalt zur Zurückweisung der Behauptung der fremden Gelehrten. Freilich, muss man hinzusetzen, ist diese aus der Einrichtung des Codex noch nicht bewiesen. Die Handschrift ist kein Original, doch ist sie so, wie sie ursprünglich bestand, von f. 1–116", ganz von einer Hand geschrieben ?, Einrichtung, Ausschmückung u. s. w. sind durchweg ganz gleich. Da es aber oft genug vorkommt, dass Schreiber Werke verschiedenen Charakters und verschiedener Autoren ohne unterscheidendes Merkmal hinter einander abschreiben, so hat die Untersuchung anderswo einzusetzen. Es wäre billig gewesen, dass Pertz, um sich ein sicheres Urtheil über die Frage zu bilden, über die er sich so kurz wie energisch äusserte, den Theil der Handschrift, welchen er selbst dem Johannes Codagnellus zusprach, sich näher angesehen hätte, ebenso wäre dasselbe Huillard-Bréholles, dem die Handschrift in Paris zur Verfügung stand, zu Statten gekommen, der eine hätte dann seinen Widerspruch schleunigst fallen lassen müssen, dem anderen hätten sich dann Beweisgründe überreichlich dargeboten, die er vermisste, seine Vermuthung zu erhärten. Doch führt dieser immerhin schon den sehr bemerkenswerthen Umstand an, dass eben die Verse, welche sich über die Zerstörung der Stadt Mailand 1162 und deren Wiederaufbau 1167 in den Ann. Plac. (SS. XVIII, 413) finden, auch auf f. 1° unmittelbar vor den schon erwähnten Versen stehen, in denen sich der Autor nennt. Da ist doch Johannes Codagnellus in eigenthümliche Beziehung zu den Ann. Plac. gebracht, man sollte meinen, er müsste sie wenigstens gekannt haben. Resumieren wir also: Johannes Codagnellus lebt zu Piacenza in derselben Zeit, da die Ann. Plac. Guelfi verfasst sind, wir finden ihn urkundlich in solchen Geschäften der Stadt thätig, von denen die Annalen eingehend berichten. Er ist litterarisch thätig gewesen, und zwar hat er, wie wir uns ausdrücken wollen, eine historische Sammlung angelegt. In der einzigen Handschrift, welche uns diese Sammlung überliefert hat, und die nach dem Schriftcharakter schwerlich später als in der Mitte des 13. Jahrhunderts, also vielleicht noch zu des Johannes Lebzeiten geschrieben ist, finden sich von des gleichen

1) Chronicon Placentinum et Chronicon de rebus in Italia gestis. Parisiis 1856, p. V–VII. 2) Diese druckte Huillard p. V. richtig ab, danach Pertz, SS. XVIII, 357, n. 1 mit zwei Lesefehlern, die N. Archiv IV, 30 berichtigt sind. 3) Huillard-Bréholles konnte ihn zunächst nur in einem Document von 1222 nachweisen. 4) Er sagt p. VII: “Sans insister sur une conjecture qui n'a rien d'improbable, mais qui cependant ne se présente pas avec des élém ents suffisants de démonstration'. 5) Chronica tria Placentina (in den Mon. hist. ad prov. Parm. et Placent. pertinentia) p. VII sqq., wo er die Ausgabe von Huillard zum Theil abdruckte.

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1) SS. XVIII, 404.

1) Sie ist beschrieben von Huillard-Bréholles a. a. O. S. IV–XXII, oberflächlich SS. XVIII, 357, besser von Waitz, N. Archiv IV, 30–32, wo aber auf Huillard keine Rücksicht genommen ist. 2) Auf dem leergelassenen Raum von f. 116, Col. b–d, sind von späterer Hand Verse nachgetragen, über die ich in einem der nächsten Hefte dieser Zeitschrift, in der Fortsetzung der Italienischen Prophetieen, handeln werde. Angebunden ist dann dieser Handschrift das Chronicon Ianuense des Jacobus a Voragine, welches, von einer Hand saec. XIV. geschrieben, mit derselben ursprünglich nichts gemein hat.

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Schreibers IIand auch die Ann. Plac., und es ist Grund zur Annahme, dass Johannes eben diese Annalen gekannt hat. Ferner, was auf den ersten Blick klar ist, die Ann. Plac. sind wie alle die städtischen Annalen des 13. Jahrhunderts in Italien, nicht von einem Geistlichen, sondern von einem Laien, und zwar einem welt- und geschäftskundigen Mann geschrieben. Auch das würde auf Johannes Codagnellus passen. Wenden wir uns nunmehr zu der Chronik desselben. Einige Nachrichten hat zuerst L. Bethmann über dieselbe gegeben". Er bemerkt, dass sie grossen Theils aus den wunderlichsten und tollsten Fabeln besteht, die nicht etwa aus dem Volksmunde stammen, sondern auf freier Erfindung, willkürlicher Combination wirklich geschichtlicher Namen und Daten, kurz auf gelehrter absichtlicher Geschichtsfälschung beruhen. Ich werde über dieselbe ausführlich unten und in einer Fortsetzung dieses Aufsatzes handeln und grosse Partieen daraus mittheilen, hier mache ich daher nur einige Bemerkungen darüber, welche für die Untersuchung nothwendig sind. Die Sammlung des Johannes besteht nicht nur aus originalen Stücken, das heisst aus solchen, die von ihm zuerst concipiert sind. Es finden sich darin z. B. wirre Auszüge aus Paulus' IIistoria Romana, die Beschreibung Italiens mit dem Provinzenverzeichnis aus dessen Historia Langobardorum, der Prolog zum Bairischen Volksrecht, wie Anschütz bemerkte: das ist aber ganz sicher, dass die ganze Masse der Geschichtsfabeln, in der Form, wie sie sich hier vorfindet, von Johannes Codagnellus selbst verfasst und niedergeschrieben worden ist, wenn auch für einzelne Fabelgeschichten ihm schon ältere Erzählungen bekannt sein mochten. Viele der Fabeln lehnen sich an Erzählungen, die in historischen, mythologischen oder poetischen Werken überliefert sind, an, diese sind aber von ihm in der willkürlichsten Weise behandelt und umgestaltet worden, wobei er über Zeit, Ort und Personen in durch keine historischen Gewissensbisse gestörter Freiheit verfügt. Die Fabelgeschichten, auf die es uns hier zunächst ankommt, lassen sich in mehrere Gruppen scheiden. Die erste Partie derselben behandelt die Gründung der Städte Piacenza durch einen gewissen Peucentius, und Mailand, die zweite die Thaten Julius Cäsars, der historische und unhistorische Personen, existierende und nicht existierende Völker besiegt, und seiner nächsten Nachfolger, die dritte angebliche Kämpfe der Lombardischen Städte unter sich und gegen auswärtige Feinde. Diese letzte Gruppe ist hier von besonderem Interesse. Wir wissen, in den grossen Parteikämpfen in der ersten IHälfte des 13. Jahrhunderts stand Piacenza fest auf Seite der Partei, welche die kirchliche, später die guelfische genannt wurde, und deren Haupt Mailand war, gegen die kaiserliche, deren Mitglieder Cremona, Pavia, Parma, Reggio, Modena u. s. w. waren. Der Verfasser der Annales Placentini Guelfi ist, wie schon der von Pertz ihnen beigelegte Name besagt, ein eifriger, ja ein fanatischer Parteigänger der ersteren, er ist voll Hass gegen Kaiser Friedrich II. und überhaupt das staufische Geschlecht, seine ganze Sympathie hat neben seiner Vaterstadt vor allen Mailand, ganz besondere Abneigung hegt er gegen Pavia. Ganz genau derselben Gesinnung ist Johannes Codagnellus, auch er ist Guelfe vom Scheitel zur Sohle, wenn es gestattet ist, diesen Parteinamen für jene Zeit schon zu gebrauchen. In den Fabelgeschichten, die er für das sechste und siebente Jahrhundert erfindet, bestehen genau die Verhältnisse, wie zu Anfang des 13. Jahrhunderts in der Lombardei. Die Gruppe dieser Geschichten beginnt damit, dass die lombardischen Städte, da sie bis dahin von auswärtigen Völkern, den transalpinischen Galliern, den Deutschen, den Ungarn, den Langobarden, unterjocht wurden, unter der Führung eines Dioclitianus einen Bund schliessen, um sich derer zu erwehren. Wie es in den Annalen heisst 1174 (SS. XVIII, 413): “Eodem tempore omnes civitates Lonbardorum et Marchie asociate erant simul contra ipsum (imperatorem Fredericum) sacramento, so f. 43° der Handschrift: omnes unanimiter et cum omnium voluntate sacramento firmaverunt colegium per civitates, castra et loca totius Lonbardie. Nun folgen ungeheuere Kämpfe. Zunächst wollen die Deutschen in die Lombardei einbrechen, aber Dioclitian, der seinen Sitz in Mailand genommen hat, hindert sie siegreich, die Alpen zu überschreiten. Wir brauchen die folgenden Kriegserzählungen nicht weiter zu analysieren. Die Quintessenz ist stets, dass die Mailänder mit ihren Bundesgenossen über die furchtbarsten Feinde nach schrecklichen Kämpfen schliesslich den Sieg davontragen, nur gegen die grosse Uebermacht der Römer können sie sich zuletzt nicht halten, aber sie schliessen mit ihnen einen Frieden auf Gleichberechtigung. Dagegen die Pavesen verbinden sich stets mit den auswärtigen Feinden gegen Mailand und sind immer trotz aller Ränke schliesslich die Unterliegenden. Sie lassen statt ihres Königs Theoderich einen in die Königsrüstung gesteckten Subdiakon Thomas gegen den Mailändischen König Alboin kämpfen, ernten dafür Schimpf und die schliess

1) Archiv X, 339–341. Wenig brauchbares hat Anschütz, Archiv XI, 230 ff.

1) Zu Grunde liegt die Erzählung von Paulus, Hist. Langob. V., 40. Da bietet König Cunincpert dem rebellischen Herzog Alahis von Brescia und Trient den Zweikampf an. Auf Betreiben der Seinen kämpft für den König in dessen Rüstung der Diakon Seno von Pavia und wird von Alahis getödtet. Ein Diakon Thomas von Pavia kommt ebenda V, 38 vor.

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