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habe. Es sei schlechterdings unmöglich, jetzt wieder zu der alten Sprache zurückzukehren, welche ohnehin ihrem gesammten Baue nach einer völlig veralteten Culturstufe angehöre, und man könne auch nicht auf künstlichem Wege diejenige Sprachform herstellen, welche bei ungestörter Entwicklung der alten Sprache allenfalls aus ihr hervorgegangen sein würde; ganz ebensowenig werde es aber auch gelingen, mit Hülfe der gegenwärtig im Lande verfügbaren Sprachelemente ein Zwischending zwischen der gegenwärtigen dänischen Schriftsprache und den norwegischen Volksdialekten zu Stande zu bringen, indem der Abstand dieser letzteren von jener ersteren ein viel zu grosser und tiefgehender sei. Nur insoweit, meint er, dürfe man die norwegischen Dialekte benützen, als dies zu einer Stärkung des nordischen Elementes in der dänischen Schriftsprache selbst führen könne; ein übertriebenes Norwegisieren dagegen würde nur den Dialekten ihrerseits den Untergang bereiten, und höchstens könne man noch die Möglichkeit und Nützlichkeit der Ausbildung dieser Dialekte zu einer zweiten Schriftsprache neben der dänischen gelten lassen. Sehr nachdrücklich werden endlich noch die grossen Vortheile betont, welche das Festhalten an dieser letzteren Norwegen gewähre, wobei sowohl auf die inneren Vorzüge der dänischen Sprache und deren Werth als Bildungsmittel, als auch auf den Werth der gemeinsamen Literatur und eines Antheiles an derselben hingewiesen wird. In seinem zweiten Artikel (ebenda, S. 301—19) führt Munch sodann mit aller Schärfe aus, daß es ganz unmöglich sei, eine künstlich construierte Sprache in einem Lande auf künstlichem Wege einzuführen, und daß sowohl die altnordische Schriftsprache als die derzeitigen norwegischen Volksdialekte einer ganz anderen Culturstufe angehören als der, auf welcher die gebildeten Classen im Lande stehen, so daß ein Zurückgreifen auf sie, wenn man anders damit Ernst machen will, einen Rückschritt in der Cultur bedingen müßte. Indessen deutet er auch an, daß er sich nicht gegen ein allmähliches Verstärken des nordischen Elementes in der dänischen Schriftsprache erklärt haben wolle, ja daß er sogar eine allmähliche Abtrennung der norwegischen Literatur von der dänischen für minder bedenklich halten würde, wenn sich dieselbe auf natürlichem Wege, nicht auf künstlichem vollziehen würde. Im dritten Aufsatze endlich (ebenda, S. 320—375) wird nicht nur dieser letztere Gedanke noch weit entschiedener ausgesprochen, sondern auch ausgeführt, daß es schlechterdings unmöglich sei, für die norwegische Umgangssprache bestimmte positive Regeln aufzustellen, da diese nicht nur in den verschiedenen Landestheilen sich sehr verschieden gestaltet habe, sondern auch bei verschiedenen Persönlichkeiten und in verschiedenen Anwendungsfällen nicht dieselbe sei, indem man bei gehaltenerem Vortrage weit mehr der dänischen Schriftsprache zu folgen habe als bei der ungebundeneren Rede im häuslichen Verkehre. Weiterhin wird auseinandergesetzt, daß von den vier Hauptdialekten Norwegens der ostländische, an welchen die Sprachreformen der dänisch-norwegischen Richtung aus Rücksicht auf die Hauptstadt sich vorzugsweise anzuschliessen pflegten, der mindest norwegische, dagegen der bergensische der echteste und klangvollste sei, und daß man somit durch Anlehnung an diesen noch am Ersten zum Ziele gelangen könnte; vor Allem aber wird betont, daß man sich jeder Affeetation, sei es nun im Nachahmen der dänischen oder der schwedischen Sprechweise, oder auch der einheimischen Volksdialekte, strengstens zu enthalten habe. Nach diesen zunächst auf die Aussprache bezüglichen Bemerkungen erklärt sich Munch noch hinsichtlich der Orthographie gegen das orthophonische und für das etymologische System, und schließt mit einigen ziemlich aphoristischen Bemerkungen über die Wortfügung.

Zur Zeit dauert der Streit zwischen den verschiedenen Richtungen noch unversöhnt fort, und zwei neuerdings erschienene Schriften geben von demselben lebendiges Zeugniss, freilich jede derselben in ihrer eigenen Weise. Zunächst veröffentlichte der schon erwähnte Vorstand des „norske Samlaget", Arne Gar borg ein Büchlein unter dem Titel: „Den ny-norske Sprog- og Nationalitetsbevsegelse; et Forsög paa en omfattende Redegjörelse, formet som polemiske Sendebreve til Modstrseverne" (Christiania, in Commission bei Alb. Cammermeyer, 1877; 240 SS. in 8°). Verfaßt von einem der eifrigsten Verfechter des „norsk-norske Maalstrsev" und hervorgegangen aus einer scharfen Polemik, welche dieser in „Aftenbladet" mit dem bekannten Literaturhistoriker Hartwig Lassen*), einem Neffen des berühmten Sanskritisten Christian Lassen, geführt hatte, ist diese Schrift durchaus polemischer Natur, und überdies in einem nichts weniger als wohlthuenden Tone gehalten; selbst ohne alle tiefere sprachgeschichtliche Bildung, sucht ihr Verfasser durch die apodiktische Bestimmtheit seiner Behauptungen und die Geringschätzung, mit welcher er seine Gegner behandelt, zu ersetzen, was seiner Darstellung an Tiefe und seiner Beweisführung an Bündigkeit fehlt. Andererseits hat der bekannte Sprachforscher Johan Storm, Professor der romanischen und englischen Philologie an der Universität Christiania und Bruder des Historikers Gustav Storm

*) H. Lassen, Afhandlinger til Literaturhistoiien (1877), S. 216—43.

daselbst, in einem Artikel der „Nordisk Tidsskrift", welche die Letterstedt'ske Förening herausgiebt, sich über die Frage vernehmen lassen, und ist dieser Artikel unter dem Titel „Det norske Maalstrsev" auch in Separatabzügen erschienen (Stockholm, 1878; II, und 49 SS. in 8°). Ohne für die eine oder andere der sich bekämpfenden Richtungen Partei nehmen zu wollen, sucht dieser Verfasser an sie alle einen kritischen Maßstab anzulegen, und in ruhiger, auf umfassendes sprachgeschichtliches Wissen gegründeter Erörterung jeder derselbeD ihr Recht widerfahren zu lassen; wenn sich dabei zwar sofort ergiebt, daß er mit seinen eigenen Überzeugungen der einen unter den streitenden Parteien ungleich näher steht als der anderen, so beeinträchtigt dieser Umstand doch in keiner Weise die volle Unparteilichkeit seines Urtheiles oder die maßvolle Haltung seiner Darstellung. Die Frage, ob und auf welchem Wege das politisch von Dänemark emancipirte norwegische Volk auch in sprachlicher Beziehung seine Loslösung von diesem Lande vollziehen könne, scheint nun aber auch für den Unbetheiligten ein erhebliches wissenschaftliches Interesse zu haben; für uns Deutsche dürfte sie überdies sogar ein weit mehr als wissenschaftliches beanspruchen Die neuerdings erfolgte politische Zerreissung des deutschen Volkes mag nämlich recht wohl die verwandte Frage anregen, ob nicht einerseits eine österreichisch-deutsche Sprache sich von der reichsdeutschen abzweigen, und ob nicht andererseits das wesentlich auf die Niederdeutschen begründete Reich, längeren Bestand desselben vorausgesetzt, die historisch überkommene hochdeutsche Sprache in plattdeutscher Richtung umzubilden, bewußt oder unbewußt, versuchen werde. Das Studium der soeben angeführten beiden Schriften hat mir persönlich das Bedürfniss nahegelegt, die norwegische Sprachbewegung in ihren verschiedenen Verzweigungen auch meinerseits einmal auf ihren Werth und ihre muthm aß liehen Aussichten zu prüfen, und ich glaube nichts Überflüssiges zu thun, wenn ich die Ergebnisse meiner Prüfung hier dem germanistischen Publicum vorlege. Es bedarf wohl kaum der Bemerkung, daß ich mich dabei sehr vorwiegend an Joh. Storm's umsichtige Darstellung anzuschliessen haben werde.

Betrachten wir uns zunächst einmal das „norsk-norske Maalstrsev". Storm bezeichnet einmal (S. 10) das „Landsmaal" als eine Sprache, „qui a le malheur de ne pas exister". Theoretisch betrachtet mag dieser witzige Ausspruch zwar einigermassen anfechtbar sein; aber praktisch angesehen entspricht derselbe vollkommen der Sachlage. Der norwegische Bauer spricht nämlich in der That nicht eine Sprache, sondern eine ganze Reihe verschiedener Dialekte (Bygdemaal), deren Gesammtzahl Storni auf 4—500 anschlägt, und diese Dialekte liegen gutentheils so weit von einander ab, daß die Bauern aus verschiedenen Gegenden sich unter einander gar nicht mehr oder doch kaum noch verstehen. Eine Gliederung dieser Dialekte, und in letzter Instanz eine höhere Einheit derselben existirt freilich, und sie nachgewiesen zu haben bleibt das unvergängliche Verdienst J. Aasen's; aber diese höhere Einheit hat keine concrete Existenz, vielmehr kann sie nur durch das Abstrahiren des Gemeinsamen aus den sämmtlichen Dialektgruppen und den steten Hinblick auf die Geschichte der Sprache zur Anschauung gebracht werden, und wenn man sie für den wirklichen Gebrauch anwendbar machen will, muß man unter den verschiedenen dialektischen Formen wählen, welche einander zu vertreten pflegen. Es steht eben mit der höheren Einheit, welche die sämmtlichen norwegischen Dialekte unter einander verbindet, principiell nicht anders als mit der Einheit, welche in weiterem Abstände auch zwischen den sämmtlichen nordgermanischen Sprachen, und noch entfernter zwischen allen Sprachen des germanischen Sprachstammes, oder selbst der ganzen arischen Sprachfamilie besteht. Der Sprachforscher kann diese Einheit erkennen und den Gesetzen ihrer Verzweigung nachgehen; aber die Construction eines gesammtgermanischen oder gar gesammtarischen „Landsmaal" und dessen Einführung in Kirche und Schule wird man wohl mit vollem Rechte bleiben lassen, so bequem es auch in mancher Hinsicht sein könnte, wenn von den Ufern des Ganges bis Californien nur eine einzige Schrift- und Redesprache herrschen würde.

Die Sprache, welche das „norsk-norske Maalstraev" an die Stelle der überlieferten dänisch-norwegischen Schriftsprache setzen will, ist aber nicht nur eine bisher nirgends in der Welt gesprochene und geschriebene, sondern sie ist sogar innerhalb der Partei selbst noch keineswegs irgendwie einheitlich festgestellt. Von den Volksdialekten war J. Aasen ausgegangen, und von ihnen aus hatte er mit Zuhülfenahme der alten Schriftsprache sein „Landsmaal" construirt; da ließ sich nun aber auf der einen Seite auch wohl von anderen als den von ihm bevorzugten Dialekten ausgehen, und andererseits auch wohl über das Maß des Einflusses streiten, welches man bei dem Constructionsprocesse der älteren Schriftsprache gegenüber den Dialekten einräumen wollte, ja sogar das Maß von Einheit verschieden bestimmen, welches man für die neu zu schaffende Sprache für nöthig hielt. So nahm denn das „Landsmaal" im Munde verschiedener Personen, ja sogar im Munde einer und derselben Person zu verschiedenen Zeiten eine sehr verschiedene Gestalt an. Während J. Aasen vorwiegend dem Dialekte von Söndmöre und Bergen sich anschloß, folgte Aasm. Vinje mehr dem von Thelemarken, während wider Andere, wie Kr. Janson, in der Stadt geboren und darum genöthigt die neue Sprache künstlich aus Grammatik und Wörterbuch zu lernen, auch wohl wider mehr unter dem Banne der alten Nomena standen. Die Grundsätze, nach welchen die „Maalstraevere" ihre Landessprache aufbauen, lassen eben auf mehr als einem Punkte der freien Willkür des Einzelnen Raum, und es ist darum nicht zu verwundern, wenn die verschiedenen Vertreter der Partei gar vielfach ihre verschiedenen Wege gehen; um so gewisser ist aber, daß diese Unsicherheit der neuen Sprache deren praktische Durchführbarkeit auch dann noch gar sehr erschweren würde, wenn deren Künstüchkeit nicht von vornherein ihre Einführung in den wirklichen Gebrauch unmöglich machen würde.

Schon Munch hat in treffender Weise hervorgehoben (Saml. Afhandl. III, S. 291 und S. 304—51), daß die Einführung einer derartigen Kunstsprache die Errichtung einer Sprachcolonie auf einer bisher unbewohnten Insel oder auch in einem Gefängnisse voraussetzen würde, an welche alle Eltern im Lande ihre Kinder abzugeben hätten, ehe diese noch das Sprechen gelernt hätten, um sie hier durch eigens geschulte Lehrer unterrichten zu lassen. Nicht minder humoristisch schildert jetzt J. Storm (S. 11—13), wie der norwegische Bauer mit Hülfe von Grammatik und Wörterbuch seinen Dialekt in die neue Landessprache zu übersetzen, und welche Schwierigkeiten er dabei zu überwinden, welche Zweifel er zu lösen hätte. Anderwärts bemerkt derselbe Verfasser mit vollem Rechte (S. 23), daß dasselbe Princip, welches die volksthümliche Sprache der dänischen gegenüber aufrecht halte, auch jedem einzelnen Dialekte gegenüber dem künstlich geschaffenen „Landsmaal" zur Seite stehe. Von hier aus erklärt sich denn auch, daß die Bauern, aus deren Sprache doch dieses „Landsmaal" herausconstruirt wurde, sich demselben ziemlich fremd gegenüber zu stellen pflegen. So erzählt J. Storm (S. 9 — 10), daß ihm Leute aus Aasm. Vinje's Heimat ausgesprochen hätten, sie könnten sich mit „Dreien" nicht zurecht finden; ihre Sprache, meinten sie, sei das nicht, und sie hätten gehört, daß es auch nicht altnordisch sein solle. Knudsen berichtet ferner*'), daß ein paar Schullehrer in Saitersdalen ihr Abonnement auf „Ferdamannen", eine zu Bergen von H. Krohn im

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