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„Landsmaal" herausgegebene Zeitschrift, darum aufgeben mußten, weil sie sich mit deren Sprache nicht befreunden konnten, und derselbe Gewährsmann erwähnt auch eines Bauern aus Thelemarken, welcher aus Patriotismus zum Prügel griff, um seinen Kindern diese ihnen unverständliche Sprache beizubringen. So berichtet auch schon Gudbrandr Vigfdsson in seiner „Ferdasaga ur Noregi" (Ny felagsrit, XV, S. 67 bis 69; 1855), daß J. Aasen selbst ihm erzählt habe, wie die Bauern, denen er seine neuerschienenen „Pröver af Landsmaalet" gezeigt habe, deren Sprache nicht verstanden hätten, so lange er ihnen die Stücke nicht vorgelesen habe, und wie sie gemeint hätten, er hätte seine Sachen dänisch schreiben sollen, „denn so hätten sie ihren Katechismus gelernt, und so spreche der Pfarrer"; er berichtet ferner, wie wunderlich ein von demselben Verfasser gelegentlich der Eröffnung des Storthinges gedichtetes Lied geklungen habe: wie das Blöken der Schafe im Pferche, meint er, habe es sich ausgenommen, indem Jeder die Worte nach seiner Weise ausgesprochen habe, so daß der Lieder soviele geworden seien als der Sänger, und keiner mehr wußte was und in welcher Sprache er singe, noch weniger aber die Hörer. Der Bauer also versteht das „ Landsmaal" nicht, oder doch nur schwer. Er hält sich für den täglichen Bedarf an seinen Dialekt, und wo er einer Schriftsprache bedarf, an die hergebrachte dänische Sprache, welche er aus der heiligen Schrift und dem Katechismus kennt, und welche er in der Kirche und Schule hört und gehört hat; für eine dritte, zwischen beiden in der Mitte liegende Sprache hat er kein Bedürfniss, und an der Vertauschung der dänischen Schriftsprache mit dem „Landsmaal" kein Interesse, weil ihm letzteres ebenso fremd gegenübersteht wie jene, und ebensogut wie das Dänische von ihm schulmäßig erlernt werden müßte. Die gebildeten Classen aber, und an sie sich anschließend die gesammte Bevölkerung der Städte, stehen bezüglich ihrer Umgangssprache ohnehin auf der Grundlage der dänischen Schriftsprache, und können somit um so weniger das Bedürfniss empfinden, diese mit der neuen Kunstsprache zu vertauschen.

Die Sprachstreber behaupten nun freilich, diese Gleichgültigkeit oder selbst Abneigung der Mehrheit des Volkes gegen ihr „Landsmaal" könne sehr einfach dadurch überwunden werden, daß der Schulunterricht fortan ganz in derselben Weise auf dieses begründet werde, wie er bisher auf die dänische Sprache begründet gewesen war, und daß auch in Kirche, Gericht u. s. w. jene erstere Sprache an die Stelle dieser letzteren gesetzt werde; aber sie sind sich keineswegs recht klar darüber, wie diese Veränderung eigentlich bewerkstelligt werden solle. Arne Garborg z. B. meint (S. 225), man könne bei der Einführung der neuen Nationalsprache in den Schulen zwischen drei verschiedenen Wegen wählen. Entweder könne man zunächst Schulbücher in möglichst zahlreichen Sprachformen ausgehen lassen, und den einzelnen Gemeinden überlassen, welche von diesen sie sich für ihre Schulen auswählen wollten. Oder man könnte vorläufig einmal drei bis vier Hauptdialekte im Lande herausnehmen, ein wenig normalisiren, und dann in ihnen die Schulbücher je für die betreffenden Gegenden schreiben laßen. Oder endlich könnte man versuchen im ganzen Lande sofort eine einheitliche Normalsprache einzuführen, welche dann doch wohl unbedingt die J. Aasen's sein müsse; dabei müße man dann aber freilich die Lehrer anweisen, nicht sowohl die Buchstaben selbst, sondern deren richtige dialektische Aussprache aus den Schulbüchern herauszulesen und herauslesen zu laßen. Aber im ersten dieser drei Fälle hätte eben jede einzelne Gemeinde im Lande die Wahl, ob sie ihre Kinder thelemarkisch oder söndmörisch, thröndisch oder christiansandisch aufziehen lassen wolle, und würde man somit statt zu einer gemeinsamen Landessprache lediglich zu einer Erhebung der verschiedenen einzelnen Volksdialekte zu ebensovielen Schriftsprachen gelangen. Im zweiten Falle wären nach des Verfassers eigenem Ausspruche die Gegenden mit „weniger ausgeprägten" Dialekten einstweilen ausser Ansatz zu lassen, und ebenso der Zukunft anheimzustellen, ob sich etwa einmal durch einen weiteren Normalisirungsproceß aus jenen vorläufig allein in Angriff genommenen Hauptdialekten wieder eine einheitliche Landessprache werde bilden lassen; auch in diesem Falle würde also auf die sofortige Einführung einer Landessprache verzichtet, und nur für die Erhebung einer Anzahl von Dialekten zu ebensovielen Schriftsprachen gewirkt, letzteres in der stillen Hoffnung, daß diese Hauptdialekte allmählich die minder bedeutsamen Nebendialekte aufsaugen würden, soweit es nicht etwa einzelnen von ihnen gelingen würde sich ebenfalls noch zur Geltung als Schriftsprache aufzuschwingen. Im dritten Falle endlich würde man zwar scheinbar, aber auch nur scheinbar zu einer einheitlichen Landessprache gelangen, soferne dieselben Schriftzeichon, wie man dies bezüglich der akkadisch sumerischen behauptet hat, in dem Munde verschiedener Leute verschiedene Geltung hätten, und würde ganz methodisch in der Schule auf das Zustandekommen jener Dissonanz bei gleichzeitigem Lesen Mehrerer hingewirkt werden, welche Gudbrandr Vigfüsson so drastisch mit dem Blöken einer Schafheerde in ihrem Pferche verglichen hat; überdies würde dem schlichten Bauern beim Lesen oder Schreiben ein ziemlich bedenkliches philologisches Kunststück zugemuthet werden müßen, die fortlaufende Umsetzung nämlich der Normalsprache in seinen Dialekt, oder umgekehrt seines Dialektes in die Normalsprache.

Man sieht, das „Maalstrsev" vermischt in unklarster Weise zwei ganz getrennt zu haltende Dinge, die Volksdialekte nämlich und die neueinzuführende Landessprache. Die ersteren haben eine sehr reelle, geschichtlich wohl begründete Existenz. Storm weist (S. 17—19) in sehr beachtenswerter Weise aus Runeninschriften und bestimmt datierten Urkunden nach, daß die Verschiedenheit der Dialekte in Norwegen ungleich älter ist, als man dies gewöhnlich anzunehmen pflegte, und daß sie in der Zeit soweit hinaufreicht, als uns überhaupt schriftliche Denkmäler für die nordische Sprache zu Gebote stehen; eine Vermuthung, welche ich schon vor Jahren in der Zeitschrift für deutsche Philologie I, S. 41—45 (1869) auszusprechen gewagt hatte, erfährt also durch seine sorgfältigen Erörterungen die erwünschteste Bestätigung. Er weist ferner in gleicher Weise nach, daß die Dialekte im 15. und 16. Jahrhundert bereits annähernd dieselbe Gestalt zeigten, welche ihnen jetzt eigen ist, und betont ausdrücklich, daß „im Altnorwegischen niemalen jene volle Einheit bestanden habe, wie sie im Isländischen wirklich vorhanden war". Das „Landsmaal" dagegen hat keinerlei wirklichen Bestand; mit vollem Rechte bezeichnet derselbe Verfasser (S. 16) dasselbe als „eine todte Sprache, mit einer Menge stummer Buchstaben und todter Formen", welche (S. 18) in manchen Stücken „altnordischer sei als das Altnordische", indem sie Sprachveränderungen ignorire, welche im 13. Jahrhundert bereits im Fluße, und im 14. Jahrhundert allgemein durchgedrungen waren. Er meint (S. 19), wenn man bestimmen sollte, welche Periode der Sprache das „Landsmual" repräsentire, würde man in große Verlegenheit kommen, da dasselbe ..nicht neunorwegisch sei, aber auch nicht altnorwegisch", vielmehr „eine Abstraction, eine Utopie, eine Idee ohne Stütze in der Wirklichkeit"; an einer andern Stelle aber bezeichnet er dasselbe milder, aber im Grunde gleichbedeutend, als „einen schönen Traum" (S. 9). Man wird diesen Aussprüchen sich nur anschließen, und mit Storm nur der Ansicht sein können, daß man zwar allenfalls einen einzelnen Dialekt zur Schriftsprache heranbilden, und wenn es ihm gelinge die übrigen Dialekte zu besiegen, auch wohl auf das gesammte Land übertragen könne, nimmermehr aber eine Sprache ohne alle Tradition, die nirgends gesprochen und die von jedem ihrer Vertreter verschieden geschrieben werde, zur Einführung zu bringen vermöge. Im „norsk

GERMANIA. Nene Seihe IUI. (XXV.) Jahrg. 2

norske Maalstrsev" aber verbindet sich regelmäßig das Bestreben, die Kenntniss und die literarische Cultur der Dialekte zu fördern, mit dem ganz anderen Bestreben, das „Landsmaal" durchzudrücken, was doch nur auf Kosten eben jener Dialekte geschehen könnte; dieselben Zeitschriften pflegen den „Bygdemaal" und dem „Landsmaal" zu dienen, und wenn bäuerliche Mitarbeiter dieser Zeitschriften ganz unverholen erklären, lediglich in ihrem Dialekte schreiben zu können, werden solche Erklärungen mit der größten Naivität der Sache der neuen Kunstsprache zu Gute gerechnet! Nur ein ganz vereinzelter Sprachstreber, der Student Fjörtoft, hat sich mit rücksichtsloser Consequenz den Dialekten angeschloßen, und „det Fj örtoftske Maalstraev", wie man es wohl nach ihm zu bezeichnen pflegt, oder „Dialektstrsevet", wie es J. Storm genannt wissen will, hat demnach wenigstens insoferne festen Boden unter sich, als es sich an wirklich lebende und gesprochene Sprachen anschließt; aber freilich würde auf diesem Wege keine gemeinsame Landessprache zu erreichen sein, und die Einführung der Dialekte in den Schulen würde, wenn man mit der Sache wirklich Ernst machen und den sämmtlichen Dialekten, die ja in Wahrheit alle gleichberechtigt sind, auch gleichmäßig Rechnung tragen wollte, ebensoviele Schulbücher voraussetzen als es Dialekte gibt, und überdies immer nur durch Schullehrer betrieben werden können, welche Eingeborene desjenigen Bezirkes wären, in welchem sie zu wirken hätten. So bliebe demnach als praktisch brauchbare Seite des „norsknorske Maalstraev" nur die wißenschaftliche Pflege der Dialekte übrig, wie sie freilich neben J. Aasen selbst eigentlich nur der bereits genannte Hans Boss ernstlich betreibt; diese empfiehlt denn auch J. Storm sehr nachdrücklich (S. 23—24), indem er auf das preiswürdige Beispiel der Schweden hinweist, welche der wißenschaftlichen Erforschung und Feststellung ihrer Dialekte eine Fülle der tüchtigsten Arbeit widmen. Durch die Fürsorge, welche J. Aasen den Dialekten angedeihen ließ, sind diese auch bereits soweit zu Ehren gekommen, daß der Bauer sich seines Dialektes nicht mehr zu schämen braucht, und diesen ohne Anstand selbst im Storthingssale gebrauchen kann; man ist damit also zu einem ähnlichen Zustande gelangt, wie er längst in der deutschen Schweiz besteht, wo man sich ja in Rathsstuben sowohl wie in Volksversammlungen unbedenklich gestattet, von dem vollen und halben Dialekte Gebrauch zu machen. Aber allerdings wird auch das gründlichste Studium der Dialekte nicht vermögen eine gemeinsame Nationalsprache neu zu schaffen; diese wird vielmehr vorerst immerhin die dänisch-norwegische bleiben, welche den Dialekten gegenüber sogar fortwährend an Boden gewinnt, und in welcher Alles geschrieben ist, was an wirklich volksthümlicher und im Volke verbreiteter Literatur besteht. Daß freilich gleichzeitig auch eine gegenseitige Annäherung zwischen der Schriftsprache und den Volksdialekten sich vollzieht, ist nicht minder richtig, und werde ich auf diesen Punkt unten zu sprechen kommen.

Aber wenn hiernach die praktische Einführung des J. Aasen'schen oder Aasen-Vinje'schen „Landsmaal" eine hoffnungslose Sache, und insoferne die witzige Definition: „maalstrsevet er et straw, som aldrig naar maalet" (Nyt norsk Tidsskrift I, S. 203), keineswegs ohne Berechtigung ist, so läßt sich doch immerhin noch die Frage aufwerfen, ob nicht auf einem anderen, gleichfalls von den Dialekten ausgehenden Wege die Herstellung einer gemeinsamen, specifisch norwegischen Landessprache zu erreichen sei? Die Heranbildung eines einzelnen Dialektes zur Schriftsprache des gesammten Landes bezeichnet J. Storm selbst als einen Weg, der möglicherweise zu solchem Ziele führen könnte, und auch A. Garborg verschließt sich nicht der Möglichkeit, daß man etwa auf diesem Wege vorankommen könnte. Er meint (S. 179 bis 183), man habe einen doppelten Weg vor sich, wenn es gelte, eine Nationalsprache zu schaffen. Entweder nämlich müße man einen der gegebenen Dialekte wählen, idealisiren und erweitern, und die anderen Dialekte zur Unterordnung unter diesen bringen, oder man müße es auf einen Kampf unter den Dialekten ankommen laßen, wobei dann das dem Qesammtvolke Gemeinsame sich aus ihnen allen gleichsam durcb eine Destillation aussondere; letzterenfalls aber könne die Sache wieder entweder unbewußt vor sich gehen, indem jeder Schriftsteller seinem eigenen Dialekte folge, und erst hinterher allmählich aus der Verwirrung das Richtige sich herausstelle, oder bewußt, indem ein überlegener Sprachkenner die künftige Gesammtsprache wenigstens im Wesentlichen von Vornherein so zu sagen Vorschlags weise feststelle. Das „Aasenske Landsmaal", meint er zwar, habe bereits so viele Anhänger gewonnen, daß es schon eine wirkliche Sprache genannt werden könne; aber doch läßt er dahingestellt, ob es schließlich allgemein durchdringen werde, und hält dafür, daß eine feste Landessprache nur durch einen großen Schriftsteller geschaffen werden könne, welcher durch seine Begabung und Auctorität Alle, oder doch vorläufig die Mehrheit, um sich zu sammeln im Stande sei. Aber freilich wird man auch dieser Ausführung gegenüber den von Storm (S. 20) erhobenen Einwand gerechtfertigt finden müßen, daß die Erhebung eines einzelnen Dialektes zur Schriftsprache unter im übrigen günstigen Um'

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