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ständen vor 3—400 Jahren vielleicht möglich gewesen wäre, jetzt dagegen kaum mehr möglich erschiene. Sie wurde ein entschiedenes geistiges Übergewicht eines einzigen Landestheiles über die übrigen voraussetzen, wie ein solches heutzutage keinem von ihnen, und am wenigsten irgend einem der bäuerlichen Bezirke zukommt, an deren Dialekt sich aus sprachlichen Gründen allenfalls anknüpfen ließe; weder Thelemarken noch Söndmöre behaupten für das Culturleben Norwegens eine derartige Bedeutung, daß von hier aus eine sprachliche Umwälzung im Lande auszugehen vermöchte.

Nun berufen sich freilich die Sprachstreber, und beruft sich insbesondere auch A. Garborg (S. 155—178) auf die Geschichte der Entstehung anderer Schriftsprachen, und suchen von hier aus die Durchführbarkeit ihrer eigenen Pläne zu begründen. Umgekehrt widmet auch J. Storm diesem Punkte eine sehr eingehende Erörterung (S. 25—32), und der einschlägige Abschnitt gehört entschieden zu den lehrreichsten sowohl als anziehendsten Theilen seiner Schrift. Soll aber auch hier auf diesen Gegenstand in aller Kürze eingegangen werden, so wird vor Allem nöthig, verschiedene Dinge scharf auseinander zu halten, welche der erstere Verfaß er ungeschieden gelaßen hat. Die finnische Sprachbewegung zunächst, welche seit reichlich einem halben Jahrhundert so viel von sich reden gemacht, ist völlig anderer Art als die norwegische. Im Mittelalter von Schweden aus erobert, bekehrt und, was die Küstengegenden betrifft, auch colonisirt, hat Finnland bis zum Jahre 1809 zum schwedischen Reiche gehört; das geistige Leben des Landes war diese ganze Zeit hindurch wesentlich ein schwedisches gewesen, eine schwedische Hochschule war die im Jahre 1640 zu Abo gestiftete und im Jahre 1828 nach Helsingfors verlegte, die schwedischen Gesetzbücher waren geltendes Landrecht, und ganz folgerichtig auch die schwedische Sprache die Cultursprache Finnlands. Aber doch wurde schon seit Jahrhunderten auch in finnischer Sprache geschrieben, wie man denn z. B. eine finnische Übersetzung des Landrechts K. Christophs aus dem Jahre 1602, und eine ebensolche des Stadtrechtes K. Magnus Erikson's von 1609 besitzt, welche beide freilich erst im Jahre 1852 zum Druck befördert wurden; wenn demnach seit dem Übergange Finnlands unter russische Herrschaft eine nationale Bewegung zu Gunsten der finnischen Sprache sich, nicht ohne Erfolg, geltend machte, so handelte es sich dabei nicht um die Schöpfung einer neuen Sprache, sondern nur um die Benützung einer auf Grund eines der Hauptdialekte des Landes längst bestehenden Schriftsprache. Ganz ebenso verhält es sich mit der vlämischen Sprachbewegung in Belgien, und, darf man beisetzen, mit dem Cultus der ersischen, gadhelischen oder welschen Sprache in Irland, Schottland und Wales; ganz ebenso auch mit dem Kampf der polnischen Sprache mit der deutschen in Posen, welchem Garborg anderwärts (S. 133) eine theilnehmende Bemerkung widmet: in allen diesen und ähnlichen Fällen kämpfen lebende, sowohl gesprochene als geschriebene Sprachen um ihre Existenz oder die Ausdehnung ihres Herrschaftsgebietes; aber von der Einführung einer nicht existirenden Kunstsprache ist in ihnen allen nicht die Rede. Ebensowenig darf man sich dadurch beirren laßen, daß Garborg (S. 179, Anm. 1) von einem „nordtysk Maalstrsev" spricht, und betont, daß auch in Italien neben der gemeinsamen Landessprache in einer Reihe verschiedener Dialekte geschrieben werde; in diesen und in vielen anderen ähnlichen Fällen handelt es sich nur um die literarische Verwendung lebender Dialekte neben einer gemeinsamen Schriftsprache, aber nicht um das Bestreben, diese letztere durch jene ersteren zu verdrängen, oder vollends um die Aufstellung einer neu zu schaffenden Sprache zwischen Dialekt und Schriftsprache oder anstatt der Schriftsprache. Endlich gehört auch nicht hierher, was Garborg über die Geschichte der schwedischen Sprache ausführt. Es ist vollkommen richtig, daß die Reinheit dieser Sprache während der langen Unionszeit durch deutsche sowohl als dänische Einflüße sehr getrübt war, und daß erst nach der Wiedergewinnung der Selbstständigkeit des Reiches unter Gustav Wasa ein richtiges, echtes und reines Schwedisch wieder zur Geltung gebracht wurde. In ganz ähnlicher Weise hat auch die isländische Sprache, welche der genannte Verfaßer unbeachtet gelaßen hat, vorübergehend durch dänische sowohl als deutsche Einflüße sich bedrängt gesehen, und zumal im amtlichen Verkehre unter den verschiedenen Behörden der Insel ist dieselbe vielfach durch die dänische Sprache verdrängt worden; erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ist durch des Vicelögmanns Eggert Olafsson (f 1768) und anderer national gesinnter Männer Bemühungen die einheimische Sprache von fremden Elementen gereinigt und erst in den letzten Jahrzehnten ist ihr nach harten Kämpfen die Herrschaft in der Amtsstube gewonnen worden. Aber die isländische Sprache sowohl als die schwedische hatte sich eben doch trotz aller Verwahrlosung im Wesentlichen ihr eigenthümliches Gefüge von Altersher erhalten gehabt, und hier wie dort bedurfte es somit nur einer durchgreifenden Ordnung der Orthographie, einer Ausscheidung eingedrungener fremder Wörter und Redewendungen, kurz einer Reinigung der geschichtlich überkommenen Sprache, und weiterhin einer Zurückdrängung einer Fremdsprache aus einem ihr nicht gebührenden Geltungsgebiete; von der Schöpfung einer neuen Sprache ist auch hier in alle Weite nicht die Rede. Ganz ähnlich steht die Sache endlich auch bezüglich der neugriechischen Sprache, von welcher freilich weder Garborg noch Storm sich veranlaßt gesehen haben Notiz zu nehmen. Auch die griechische Sprache hatte bekanntlich theils durch fremde Einflüße, theils durch eigene Verwahrlosung vielfachen Schaden genommen, und auch sie hat in neuerer Zeit durch bewußten Anschluß an die ältere Schriftsprache einen Reinigungsproceß durchgemacht; aber auch bei ihr handelte es sich nicht um die Bildung einer neuen Sprache aus einer Vielheit bestehender Dialekte, und auch nicht um das Zurückgreifen auf eine vollkommen abgestorbene, einer ganz anderen Culturstufe angehörige Schriftsprache, vielmehr nur um die Wiedererneuerung einer verkommenen Sprache an der Hand einer schwachen, aber doch nie ganz erloschenen beßeren Überlieferung. Selbst in den schlimmsten Zeiten der Türkenherrschaft hatte die Kirche stets an der Sprache des neuen Testamentes und der Kirchenväter festgehalten; die Schule, welche in Konstantinopel unter dem Schutze des Patriarchates bestand, eine Reihe anderer Schulen ferner, welche in den verschiedensten Theilen des osmanischen Reiches von griechischen Gemeinden und Privaten erhalten wurden, oder welche die phanariotischen Hospodare der Moldau und der Wallachei begründet hatten, hielten an der Pflege der alten Sprache und Grammatik fest, und die durch sie vermittelte Bekanntschaft mit der alten Literatur wirkte auch auf die Schriftsprache und sogar auf die Umgangssprache der gebildeteren Kreise fortwährend ein. Ganz naturgemäß bildeten sich bei allmählich erstarkendem Nationalgefühl zwei literarische Parteien aus, deren eine, die der Hellenisten, strengstens auf die alte Sprache der classischen Zeit zurückgreifen wollte, während die Gegenpartei der geltenden Vulgärsprache sich anschließen zu sollen glaubte; ganz naturgemäß aber drang weder die eine noch die andere dieser extremen Richtungen vollkommen durch, sondern, durch Korais und eine Reihe anderer Schriftsteller vertreten, eine Mittelpartei, welche sich wesentlich an die Verkehrssprache der gebildeten Classen anschloß, und von der alten Schriftsprache nur so viel aufzunehmen suchte, als sich in dieser erhalten hatte oder wiederbeleben ließ. Da Kirche und Literatur während der türkischen Herrschaft das Volk allein bei seiner Nationalität erhalten hatten, begreift sich, daß das literarische Element bei der Wiederaufrichtung der Sprache sehr einseitig in den Vordergrund trat, und da bei der Organisation des Königreiches nach gewonnener Selbständigkeit alle staatlichen Einriebtungen neu zu schaffen waren, begreift sich auch, daß zu sprachlichen Neubildungen aus dem Wortschatze der alten Sprache reichste Gelegenheit war. Aber auch in dieser Beziehung fehlt es an jeder Analogie mit den sprachlichen Zuständen Norwegens. — So bleibt demnach nur die Erörterung der Entstehungsgeschichte dreier moderner Cultursprachen, und die Lösung der Frage ttbrig, wie weit diese auf künstlichem Wege aus einer Mehrheit der Dialekte herausdestillirt worden seien; in Bezug auf diese aber kann ich mich der Darlegung J. Storm's gänzlich anschließen. Es weist aber dieser zunächst bezüglich der italienischen Schriftsprache nach, daß Dante dieselbe keineswegs, wie behauptet werden wollte, aus der ganzen Vielheit der italienischen Volksdialekte heraus erschaffen hat, soferne ja schon lange vor ihm italienisch geschrieben wurde, und sogar eine sicilianische sowohl als eine bolognesische Dichterschule bestand. Dante's Verdienst lag vielmehr lediglich darin begründet, daß er den toskanischen Dialekt zur Gemeinsprache ganz Italiens erhob, freilich nicht den toskanischen Dialekt in seiner vulgärsten Gestalt, sondern als „volgare illustre", d. h. in der Gestalt, welche er in Mund und Schrift der gebildeten Classe angenommen hatte. Dieser toskanische Dialekt trug aber über andere, Anfangs mit ihm coneurrirende Dialekte den Sieg theils darum davon, weil er dem Vulgärlateine am Nächsten stand, an welches sich in ganz Italien die Sprache der gebildeten Kreise herkömmlich anlehnte, theils aber auch darum, weil für ihn die Autorität nicht nur Dante's selbst, sondern auch Boccaccio's und Petrarca's stützend eintrat. Weiterhin bemerkt Storm, daß die englische Sprache nicht etwa, wie man früher wohl angenommen hatte, aus dem Westsächsischen, oder auch aus der Gesammtheit aller englischen Dialekte hervorgegangen sei, sondern lediglich aus dem „Midland Dialect", dessen Ausgangspunkt theils wiederum neuerdings Dr. J. A. H. Murray in einem altmerkischen Denkmale nachgewiesen habe. Bis auf Chaucer herab brauchte jeder Schriftsteller seinen eigenen Dialekt, und erst jener erhob die Sprache der gebildeten Gesellschaft London's für die Dauer zur gemeinsamen Sprache Englands. Wenig anders steht die Sache aber auch hinsichtlich unserer hochdeutschen Sprache. Während in der ältesten Zeit jeder Schriftsteller lediglich seinen eigenen Dialekt geschrieben hatte, stellte sich später durch das Übergewicht der schwäbisch-alemannischen Mundart das Mittelhochdeutsche als eine gemeinsame Hof- und Schriftsprache fest, in welcher selbst niederdeutsche Dichter dichteten, wenn auch nicht ohne sich in einzelnen Spuren als solche zu verrathen; wenn ferner zwar unser Neuhochdeutsch nicht ganz in derselben Weise an einen bestimmten einzelnen Dialekt sich anlehnt, so ist doch auch dieses bekanntlich keine künstlich geschaffene Sprache, sondern auf Grund der in der sächsischen Kanzlei herrschenden Sprache durch M. Luther herangebildet worden, und durch dessen Bibelübersetzung und sonstige Schriften auch in Norddeutschland zur Cultursprache geworden, unter gleichzeitigem Einfluße der verschiedensten ober- und mitteldeutschen Dialekte in Schrift und Rede der gebildeten Kreise zu seiner vollen Ausprägung gelangt. Allerdings hat unsere neuhochdeutsche Sprache ebensowohl wie die italienische einen gewissen Grad von Steifheit und Künstlichkeit zu beklagen; aber dieser ist hier wie dort lediglich in dem Umstände begründet, daß dem deutschen wie italienischen Volke die längste Zeit über die wirkliche staatliche Einheit, und damit auch jeder scharf hervortretende geistige Mittelpunkt fehlte. In Folge dieses Umstandes mußte die Gesammtsprache Italiens wie Deutschlands mehr durch die Schrift als durch die mündliche Rede ihre Fortbildung finden, und mußte überdies auf diese letztere die Verschiedenheit der Dialekte einen Einfluß erlangen, welcher die Schriftsprache noch mehr isolirte. Die Schriftsprache entbehrt in derartigen Fällen der Stütze, welche sie anderwärts in einer Redesprache findet, deren Einheit durch ein für die gesammte Nation gemeinsames Centrum gesichert ist, und sie wird in Folge dessen .immer in Gefahr sein, einerseits einem gewissen literarischen Pedantismus, und andererseits der Verschiedenartigkeit dialektischer Einfluße zu verfallen; aber eine wirklich existirende Sprache bleibt sie darum doch, und ihre Entstehung ist nicht auf eine bewußte, künstliche Schöpfung zurückzuführen, sondern auf ein natürliches Wachsthum, dessen Wurzel immer in einem bestimmten einzelnen Dialekte zu suchen ist.

So wird man sich demnach mit voller Überzeugung dem Urtheile Storm's über das „norsk-norske Maalstraev" anschliessen dürfen. So weit dieses auf die Förderung der norwegischen Dialekte gerichtet ist, erscheint es vollkommen gerechtfertigt und im höchsten Grade verdienstlich, und zwar gilt dies nicht nur insoweit, als es sich dabei um die Vertiefung und Verbreitung der Kenntniss der Volksmundarten handelt, sondern auch insoferne als die Begründung und Pflege einer Dialektliteratur in Frage steht, vorausgesetzt nur, daß diese letztere sich an die Schranken hält, welche der jeweilige Gesichtskreis der bäuerlichen Bevölkerung der literarischen Verwendbarkeit ihrer Sprache zieht. Dagegen wird nicht nur das J. Aasen'sche „Landsmaal" als ungeeignet bezeichnet werden müßen, zu einer gemeinsamen Landessprache

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