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Norwegens erhoben zu werden, sondern man wird auch sehr zu bezweifeln haben, ob die Schöpfung einer vollkommen selbständigen neunordischen Sprache auf jenem anderen, an und für sich nicht undenkbaren Wege noch erreicht werden könne, durch den Anschluß nämlich an einen bestimmten einzelnen lebenden Dialekt. Eine derartige Schöpfung ist aber meines Erachtens auch weder nothwendig noch auch nur wünschenswerth für das Wohl des norwegischen Volkes. Ich kann von vornherein nicht finden, daß es für Norwegen ein großes Unglück ist, seine Schriftsprache mit Dänemark gemein zu haben. Auf der einen Seite nämlich stehen sich die nordischen Stämme nahe genug, um die gemeinsame Grundlage ihrer Sprachen klar erkennbar hervortreten zu laßen, und die dänische Schriftsprache steht hiernach dem Norweger zwar etwas, aber doch nicht viel fremder gegenüber, als etwa eine auf dem bergen'schen Dialekte beruhende Landessprache dem Bewohner von Listerland oder Smaalenene gegenüberstehen würde; auf der anderen Seite aber ist es eine gewaltige Ueberschätzung der Bedeutung der Sprache, wenn man diese zum alleinigen Kriterium der Nationalität machen und mit A. Garborg (S. 129) den Satz aufstellen will: „Sproggrsensener Nationalitetsgrsensen". Neben der Sprache sind vielmehr noch nicht wenige andere Factoren thätig, um das zu schaffen, was wir Nationalität nennen und es mag demnach ebensowohl die Besonderheit oder Einheit der Sprache als irgend ein anderer einzelner Factor im einzelnen Falle fehlen, ohne daß darum doch der Bestand der Nationalität des betreffenden Volkes nothwendig gefährdet wäre. Die Einheitlichkeit und Stärke des britischen oder französischen Nationalgefühles ist dadurch nicht beeinträchtigt, daß Großbritannien neben Engländern auch Welsche und Hochschotten in sich schließt und daß in Frankreich auch Bretons und Basken wohnen; das bekanntlich sehr energisch ausgeprägte Nationalgefühl der Schweizer aber verträgt sich recht wohl mit der Thatsache, daß in ihrem Lande ebensogut italienisch und französisch als deutsch gesprochen wird. Überdies gilt die Aufnahme fremder Culturelemente bekanntlich weder als ein Nachtheil noch insbesondere als ein Schimpf für das aufnehmende Volk und es ist nicht abzusehen, warum es dieserhalb auf dem sprachlichen Gebiete anders stehen sollte als auf anderen Gebieten. In der That nimmt es sich wunderlich aus, wenn z. B. Garborg (S. 226) sich darüber skandalisirt, daß „alle specifisch christlichen Begriffe und Ausdrücke durchgehends aus der Büchersprache entlehnt" seien, während er doch kein Arg dabei hat, daß das Christenthum selbst und später nochmals die Keformation seinem Volke aus der Fremde zugeführt wurde. Heißt das nicht Mücken seigen und Kamele verschlucken, wenn man ruhig den lutherischen Katechismus und die Confessio Augustana sich aus Deutschland einführen läßt, aher darüber sich empört fühlt, daß beide in dänischer Sprache verkündet werden sollen? Das norwegische Volk ist nun einmal mit der dänischen Schriftsprache durch seine ganze Geschichte und Cultur engverwachsen. Könnte die gebildete Classe, was doch recht sehr zweifelhaft ist, dazu gebracht werden, diese Sprache mit einer neuen zu vertauschen, so würde dies einen durchgreifenden Bruch mit der ganzen Geschichte des Landes zur Folge haben; würde die neue Sprache dagegen nur beim Bauern Eingang finden, während die gebildeten Kreise bei der hergebrachten Schriftsprache verblieben, so würde der erstere noch weit entschiedener als bisher von aller höheren Cultur ausgeschloßen und Norwegen aus einem zweisprachigen vollends ein dreisprachiges Land werden. Endlich darf man sich auch darüber nicht täuschen, daß die Unbequemlichkeit, welche der Gegensatz zwischen seiner Mundart und der dänischen Schriftsprache für den Bauern mit sich bringt, gutentheils auch nach der Einführung des „Landsmaal" fortbestehen würde, soferne dieselbe nämlich ganz und gar nicht vorwiegend in dem Gegensatze zwischen Dänisch und Norwegisch, sondern in erster Linie in dem ganz anderen Gegensatze zwischen Cultursprache und Vulgärsprache wurzelt. Dieser letztere Gegensatz würde aber unter allen Umständen verbleiben, da ja unter allen Umständen der Gegensatz einer vulgären und einer feineren oder auch erhabeneren Vortragsweise bestehen bleiben müßte.

Wesentlich anders steht es dagegen mit dem „dansk-norske Maalstrsev". Wenn im Bisherigen darzuthun versucht wurde, daß die bewußte, künstliche Schöpfung und Einführung einer Sprache unmöglich sei, will nämlich keineswegs sofort auch behauptet werden, daß eine geschichtlich überlieferte Sprache sich nicht im Laufe der Zeiten verändern könne, oder daß insbesondere die staatliche Selbständigkeit oder Unselbständigkeit eines Volkes kernen Einfluß auf die Entwicklung seiner Sprache zu äußern vermöge; geleugnet will vielmehr nur werden, daß die Veränderung einer Sprache, möge sie nun durch diese oder jene Thatsache bedingt sein, auf willkürlichem Wege vorgenommen werden könne, und ausgesprochen will werden, daß eine Sprache wachse, aber nicht fabricirt werde, und daß somit zwar eine Sprachbewegung erfolgreich vor sich gehen könne, aber keine Sprachstreberei Aussicht auf Erfolg habe. Der letztere Ausspruch will natürlich nicht so verstanden werden, wie dies A. Garborg gelegentlich thut (z. B. S. 153—4, dann S. 178—9), als ob dabei irgend welche mystische Kräfte in Mitleidenschaft gezogen werden wollten, oder der menschlichen Einwirkung auf die Fortbildung der Sprache aller Einfluß abgesprochen würde; die Meinung ist vielmehr genau dieselbe wie die des genannten Verfassers selbst, wenn er sagt (S. 33), die Sprache sei ihrem allgemeinen Wesen nach ein Naturproduct, welches, der subjectiven Willkür des Einzelnen entrückt, sein natürliches Wachsthum habe, während der Einzelne nur die Arbeit des Gärtners thun und dadurch fördernd oder hemmend auf dessen Entwicklung einwirken könne. Da möchte ich nun mit J. Storm (S. 32) von dem Satze ausgehen, daß jede Schriftsprache sich nur in Übereinstimmung mit der Redesprache verändere, daß sie aber (S. 34) dieser letzteren erst nachzufolgen und zwar im Allgemeinen recht langsam nachzufolgen pflege. Mit Storm möchte ich ferner zwar die bekannte Regel Quintilian's, daß man schreiben solle wie man spreche, im Allgemeinen billigen, aber darum doch das phonetische Princip der Rechtschreibung nicht ohne Weiters für allgemein anwendbar und speciell nicht gegenüber der dänisch norwegischen Sprache in ihrem derzeitigen Zustande für passend halten. Die Umgangssprache der gebildeten Kreise in Norwegen wird nämlich unzweifelhaft von Tag zu Tag mehr norwegisch und weniger dänisch; aber dieser ihr Umbildungsproceß ist noch in vollem Floße begriffen und demgemäß hält zur Zeit noch der feierliche Vortrag eine ganz andere Aussprache fest, als welcher die alltägliche Rede folgt und auch der letzteren Aussprache ist wieder eine andere als die der Vulgärsprache. Dem gegenüber, meint nun Storm mit Fug und Recht, bedürfe man noch der traditionellen Schreibweise, welche gewissermassen den Generalnenner bilde für alle diese verschiedenen Sprechweisen, und welche überdies die edleren Formen der Sprache insolange aufrecht halte, als dieselben überhaupt noch als edlere gelten; man könne insolange, als die gesprochene Rede bei getragenem Vortrage oder bei der Behandlung höherer Ideen herkömmlich noch die dänische Aussprache festhalte, unmöglich die Schrift der norwegischen Aussprache des täglichen Verkehres anbequemen. Ebenso dürfte die Durchführung der grammatischen Formen der norwegischen Redesprache in der Schrift nur eine Frage der Zeit sein; aber auch in dieser Beziehung, meint der Verfaßer, müße man der Sprache Zeit laßen, eine feste Gestalt anzunehmen, und dürfe man Nichts übereilen. Die ungezwungene Sprache des täglichen Verkehres kann nach seiner Meinung allerdings vielleicht einmal zur Schriftsprache werden; aber das Vulgäre und rein Provinzielle kann eben doch, abgesehen natürlich von den Fällen, in welchen es gerade als solches verwendet werden will, erst von dem Augenblicke an in die Cultursprache Aufnahme finden, da es nicht mehr als vulgär und provinziell gelte. Eine allmähliche Umbildung also der dänisch-norwegischen Schriftsprache in nationaler norwegischer Richtung hält Storm für recht wohl möglich; ja noch mehr, er hält die Sprache bereits für mitten in diesem Umbildungsprocesse begriffen, und führt diese seine Meinung in sehr interessanter Weise mittelst eines Überblickes über die Sprache der bedeutenderen norwegischen Schriftsteller durch, welchen er auf S. 35—45 gibt. Wir ersehen aus diesem Überblicke, daß sich die norwegischen Verfasser innerhalb der dänisch-norwegischen Literatur von jeher durch eine gewisse nationale Eigenthümlichkeit in Ton und Farbe ihrer Sprache ausgezeichnet haben. Schon bei Peder Claussön Friis (f 1614), dessen gesammelte Schriften Gustav Storm kürzlich für die „norske historiske Forening" herauszugeben begonnen hat, und vielleicht mehr noch beiPetterDass (f 1708), dessen gesammelte Werke A.E.Eriksen neuerdings in dem Verlage desselben Vereines veröffentlicht hat, tritt dieser nationale Zug sehr bestimmt hervor; bei Ludwig Holberg (f 1754) ist er schon längst bemerkt worden*), und bei Johan Herrn an Wessel (f 1785) ist er ebenfalls nachweisbar. Der Aufschwung, welchen seit den letzten drei Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts etwa das Nationalgefühl der Norweger nahm, und welcher sofort in der Literatur sich bemerklich machte**), und mehr noch die politische Trennung Norwegens von Dänemark am Anfange dieses Jahrhunderts mußte natürlich zu einer sehr beträchtlichen Stärkung dieses nationalen Elementes in der von norwegischen Verfaßern gehandhabten Schriftsprache führen; aus den Schriften des vielverdienten Oberlehrers Maurits Christopher Hansen (1794—1842), des genialen Henrik Wergeland (1808 — 45), dann des weit zahmeren, aber auch weit harmonischer ausgereiften Johan Sebastian Cammermeyer Welhaven (1807—73) bringt Storm eine Fülle von Belegen in dieser Richtung bei. Bald ergab sich eine neue Wendung in der Entwicklung der einheimischen Literatur. Schon der Sorenskriver Thomas Rosing de Stockfleth (1743—1808), dann der Pfarrerssohn Edvard Storm (1749—94) hatten sich gelegentlich in dialektischen Dichtungen versucht, und damit vielen Anklang gefunden; zu nachhaltigem Einfluße aber auf die Denkweis« des Volkes und die Fortbildung seiner Literatur

*) Vgl. z. B. Olaf Skavlan, Holberg som Komedieforfatter, S. 187—9 (1873).

**) Vgl. Hartvig Lassen, Afhandlinger til Literatur historien, S. 161 und fgg. Aage Skavlan.

wurde das volksthümliche Element im Lande erst gebracht, als der urwüchsig begabte Forstmeister Peter Christian Asbjörnsen (geb. 1812) und der feinfühlige Bischof Jörgen Ingebrektssön Moe (geb. 1813) mit ihren Sammlungen hervortraten, unter welchen zumal die von Beiden gemeinsam herausgegebenen „Norske Folkeeventyr" (1842—44; fünfte Ausgabe 1872) eine tiefgreifende Wirkung äußerten, — als ferner wenig später der Propst Magnus Brostrup Landstad (geb. 1802) seine „Norske Folkeviser" veröffentlichte (1853). Von Asbjörnsen zumal kann man mit allem Recht sagen, daß er den vollen, echten norwegischen Volkston zuerst in die Literatur eingeführt habe; eine Unzahl echt norwegischer Worte und Ausdrücke hat er „mit feinem Tacte und nie versagendem Sprachgefühle" in die Schriftsprache hereingebracht, ohne jemals, wie dies zumal bei Wergeland noch so häufig der Fall ist, durch unharmonisches Einmischen von Archaismen oder Vulgarismen, ja selbst von Danismen und Germanismen gegen den guten Geschmack zu verstoßen. Als eine reife Frucht der durch das Auftreten dieser Männer bewirkten Bewegung darf man aber die trefflichen Werke Björnstjerne Björnson's (geb. 1832) und zumal jene Bauernnovellen bezeichnen, welchen dieser hervorragende Dichter seinen Ruhm zunächst zu verdanken hatte. In seiner Naturanlage vielfach X. Wergeland verwandt, in seiner Entwicklung aber vorzugsweise durch Asbjörnsen bestimmt, schreibt dieser norwegischer als irgend ein anderer Schriftsteller. Auch seine Schreibweise ist freilich, wie Storm mehrfach belegt, keine völlig harmonische und fehlerfreie; vielmehr nimmt auch er, und zwar auch außerhalb seiner Bauernnovellen, in welchen dergleichen natürlich völlig am Platze ist, vielfach Worte und Wendungen aus den Dialekten auf, welche noch nicht zu allgemeiner Geltung gelangt sind, und verfährt noch obendrein nicht immer sprachrichtig bei deren Aufnahme, während er andererseits daneben auch eine Reihe reiner Danismen beibehält, welche der norwegischen Umgangssprache vollkommen fremd sind, ja selbst Suecismen und Germanismen gebraucht, oder auch wohl durch mehr oder minder geschraubte eigene Wortschöpfungen seine Sprache bereichert. Aber trotz aller derartiger Schwächen, die vielleicht von dem genialen Fluge Björnson's unzertrennlich sind, ist und bleibt dieser durch und durch national, und eben darum in seiner Abkehrung von dem „norsknorske Maalstraev" diesem ein wahrer Pfahl im Fleische. Eine Zeit lang schien es, als ob er sich dieser Richtung anschließen wollte, und Kr. Janson, der überhaupt die wärmsten Worte für ihn hatte, konnte sogar schon triumphirend ausrufen (1876): „Jetzt steht Björnson, Gott

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