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weitergehenden Vergleichung der Dialekte geführt worden. Eine gedrängte Darstellung seiner heimischen Mundart, welche er verfaßte*), fand die Beachtung des gelehrten Bischofs J. Neumann von Bergen, und weiterhin der Gesellschaft der Wissenschaften in Drontheim, welche letztere ihm sofort durch ein Stipendium die Möglichkeit verschaffte, auch die übrigen Dialekte des Stiftes Bergen zu studiren. Mit Unterstützung derselben Gesellschaft dehnte er seine Reisen später auch auf die übrigen Theile Norwegens aus, und als reife Frucht dieser mühevollen Studien erschien im Jahre 1848 eine Grammatik, und im Jahre 1850 ein Wörterbuch der norwegischen Volksdialekte. Die Dialekte ganz Norwegens fanden in diesen gewaltigen Werken eine gründliche Bearbeitung, welche deren Verschiedenheit sowohl als deren höhere Einheit zu klarer Anschauung brachte, und zugleich deren geschichtlichen Zusammenhang mit der alten Schriftsprache deutlich erkennen ließ; der ehemalige Schullehrer, welcher sich lediglich durch eigene Kraft aus den beschränktesten Verhältnissen heraufgearbeitet hatte, war durch sie den gewiegtesten Meistern der Sprachforschung mit einem Male als ebenbürtiger Genosse an die Seite getreten. Aber neben ihrem unermeßlichen wissenschaftlichen Werthe zeigen die beiden oben erwähnten Schriften J. Aasen's zugleich auch noch eine ganz andere, unmittelbar praktische Seite, und diese letztere ist es, welche hier ganz vorzugsweise in Betracht zu kommen hat. Das Gelingen des Nachweises, daß die reiche Mannigfaltigkeit der norwegischen Dialekte eben doch durch einen einheitlichen Grundzug beherrscht werde, legte die Möglichkeit nahe, gewissermassen eine Normalform für sie alle festzustellen, und die Nothwendigkeit, die verschiedenen dialektischen Formen, in welchen die einzelnen Wörter in den verschiedenen Landestheilen auftreten, im Wörterbuche unter einer Hauptform einzuordnen, mußte sogar früher oder später unausbleiblich auf einen derartigen Weg führen, wenn auch der Verfasser selbst dieser Nothwendigkeit sich fürs Erste noch nicht vollständig fügte; warum sollte sich da nicht mittelst dieser grammatikalischen und lexikalischen Normalformen aus den Volksmundarten, und für dieselben eine einheitliche Schriftsprache bilden lassen, welche zunächst wenigstens zur Aufzeichnung von Sprichwörtern und anderen volksthümlichen Überlieferungen gebraucht werden könnte? Damit wurde in der That noch nicht einmal über die Ansichten und Forderungen hinausgegangen, welche schon vorher von Anderen, und zumal von P. A. Munch ausgesprochen und

*) Vgl. dessen: „Söndmnrsk Grammatik"; Egset, 1861.

erhoben worden waren, und es begreift sich darum auch, daß dieser letztere in den Anzeigen, welche er beiden Werken in der „Norsk Tidsskrift for Videnskab og Litteratur" widmete (vgl. Saml. Afhandl., I, S. 360-74, und II, S. 433—43), sich durchaus beifällig über dieselben äusserte, und nur bezüglich der gewählten Schreibweise einen Vorbehalt zu machen hatte, soferne er diese mit der für das Altnordische gebräuchlichen vertauscht zu sehen wünschte. Bald gieng die Sache indessen weiter. Im Jahre 1853 gab J. Aasen seine „Pröver af Landsmaalet i Norge" heraus, und veröffentlichte in diesem Büchlein neben einer Reihe wirklicher Diaiektproben auch eine Anzahl von Versuchen in der von ihm neugeschaffenen Normalsprache, und von da ab ließ er noch mehrfache andere Schriften in derselben Sprache ausgehen, unter welchen eine kleine Sammlung eigener Gedichte, welche unter dem Titel „Symra", d. h. Frühlingsblume, erschien (1863, dritte Ausgabe 1875) genannt werden mag. Als ferner eine zweite Ausgabe seiner Grammatik nöthig wurde, erschien diese (1864) nicht mehr unter dem früheren Titel: „Det norske Folkesprogs Grammatik", sondern als „Norsk Grammatik", gleichwie auch die etwas später (1873) erschienene zweite Ausgabe des Wörterbuches nicht mehr als „Ordbog over det norske Folkesprog", sondern als „Norsk Ordbog" sich bezeichnete. Schon in dieser Veränderung der Titel spricht sich die Absicht des Verfassers aus, nicht mehr eine bloße Bearbeitung der verschiedenen Volksmundarten als solcher, sondern Grammatik und Wörterbuch einer einheitlichen und dem ganzen Lande gemeinsamen Sprache geben zu wollen, und die Vorreden, welche derselbe den neuen Ausgaben vorsetzte, laßen vollends über diese seine Absicht keinen Zweifel aufkommen; im Texte selbst beider Werke tritt demgemäß die Sonderung der verschiedenen Dialekte weit weniger hervor als in deren erster Auflage, wogegen die Übereinstimmung dieser Dialekte in der Hauptsache ungleich schärfer als früher betont wird.

Es begreift sich leicht, daß die freudige Anerkennung, welche J. Aasen gleich bei seinem ersten Auftreten gefunden hatte, der von ihm vertretenen Richtung rasch begeisterte Anhänger verschaffte; nicht minder begreiflich ist aber auch, daß diese Anhänger in ihrem Eifer für diese Richtung vielfach weit über das Ziel hinausschössen, welches der Meister selbst sich gesetzt hatte. In der verschiedensten Weise suchte man nunmehr für diese Propaganda zu machen. Während der gründlich philologisch geschulte Marius Nygaard eine „Kortfattet Fremstilling af det norske Landsmaals Grammatik" herausgab (1867), welche auch dem grösseren Publicum ermöglichen sollte, in die neue Nationalsprache sich einzuarbeiten, und der tüchtige Candidat Hans Roß sich mit eifrigem Studium der Volksdialekte befaßte, von welchem erst neuerdings noch mehrfache Beiträge desselben zu der von J. E. Sars und J. Lieblein herausgegebenen „Nyt norsk Tidsskrift" Zeugniss geben, legten sich andere Männer auf die Schriftstellerei in der neuen Landessprache, welche man als „Landsmaal" bezeichnete. Vor Allen war es Aasmund Vinje aus Thelemarken (f 1870), welcher in dieser letzteren Richtung wirkte. Ungewöhnlich begabt, aber eine unruhige Natur, jeder gründlichen Schulung entbehrend und ohne alle Stetigkeit in seiner Lebensführung, bewegte sich dieser als Schullehrer, Handelsmann, Advocat in den verschiedensten Lebensstellungen, ohne in irgend einer recht heimisch zu werden; daneben aber ließ er sich auch bald als Dichter, bald als Politiker in der Literatur vernehmen, und nicht wenige seiner literarischen Producte, wie z. B. „Ferdaminni fraa Sumaren 1860" (1861) und „Storegut" (1866) waren in der neuen Sprache geschrieben, —ja er gab sogar, theils unter dem Titel „Dcelen", theils unter dem Titel „Vort Land" eine Zeitschrift heraus (1858 und ffg.), welche größtentheils dem „Landsmaal" folgte. Als ein weiterer, gerne gelesener Dichter in derselben Sprache trat ferner der Bergenser Kristofer Janson auf (z. B. „Norske Digt"; 1867), von welchem man auch ProsanovelleD („Fraa Bygdom", 1866), eine Reisebeschreibung über Island („Fraa Island", 1874) und andere Schriften im „Landsmaal" hat, sowie auch eine zur Vertheidigung der Sprachbewegung geschriebene Streitschrift („Hvad vi Maalstrsevere vil, og hvorfor vi vil det", 1876). Im Jahre 1868 wurde sogar ein eigener Verein, „Det norske Samlag", gestiftet, um die Herausgabe von Büchern, sei es nun in der neugebildeten Landessprache oder auch im Dialekte einzelner Gegenden zu unterstützen; „Samlaget heve det Fyremaal aa hjelpa til aa utgiva Böker paa Norsk, anten i Landsmaal eider Bygdarmaal", heißt es in §. 1 seiner Statuten, und mag dieses Citat als eine Probe der ersteren Sprache dienen. Der derzeitige Vorstand des Vereins, Candidat Arne Garborg, gibt eine im „Landsmaal" geschriebene Zeitschrift heraus, welche den Titel „Fedraheimen" führt; in Bergen aber bildete sich ein weiterer Verein, „Vestmannaläget", welcher unter dem Titel „Fraa By og Bygd" eine Monatsschrift in derselben Sprache erscheinen läßt u. dgl. m. So war demnach bald eine ziemlich zahlreiche, und zumal sehr rührige Partei gesammelt, um für die Einführung der neuen Sprache in die Literatur thätig zu werden. Zum Theil, wenn auch ganz und gar nicht ausnahmslos, trat die sprachliche Agitation von jetzt ab auch wohl mit einer politischen und socialen Strömung in Verbindung, welche sich gegen den Einfluß des Beamtenstandes und der höher gebildeten Classen überhaupt kehrte, indem sie an die Stelle der von diesen getragenen gelehrt-fremdländischen Cultur eine ausschließlich nationale, bald mehr religiös, bald mehr ästhetisch angehauchte Bauerncultur zu setzen bemüht war. Wie die „Volkshochschule", so wollte und will eben auch die „Sprachstreberei" vielfach als ein Mittel gebraucht werden, um Norwegen Schritt vor Schritt in eine hypernationale Bauerndemokratie zu verwandeln, womit denn freilich in die ursprünglich rein sprachliche Frage Zielpunkte hineingezogen wurden, welche derselben an und für sich durchaus fremd sind, und welche auch von einem grossen Theile derjenigen nicht gebilligt werden, welche jene sprachliche Frage ursprünglich in Angriff genommen hatten.

Es begreift sich, daß die concretere Gestalt, welche die eine Richtung der sprachlichen Bewegung durch J. Aasen und seine Nachfolger erlangt hatte, auch die anderen Richtungen derselben zu bestimmterer Formulierung und zu klarerem Aussprechen ihrer Ziele und Methoden nöthigte, und daß die wirkliche Durchführung des Versuches, aus den Volksdialekten mit Zuhilfenahme der alten Schriftsprache eine neue Nationalsprache zu construiren, selbst in weiteren Kreisen neben vielfachem Beifalle auch nicht minder vielfachen Widerspruch finden mußte; es begreift sich aber auch, daß die fanatische Heftigkeit, mit welcher die Vertreter dieser neuen Sprache nicht selten für dieselbe einzutreten pflegten, und die Verbindung, welche sich zwischen ihren sprachlichen Bestrebungen und ganz anderen Parteitendenzen vielfach knüpfte, auch dem Widerstände gegen jene ersteren nur allzu oft einen mehr als nöthig leidenschaftlichen Charakter verlieh. Sehr bestimmt trat zunächst, zumal durch Oberlehrer Knud Knudsen vertreten, jene andere Richtung hervor, welche von der norwegisch-dänischen Umgangssprache der gebildeten Classen ausgehend zu einer besonderen norwegischen Schriftsprache gelangen wollte. Schon in einem Artikel, welchen er im Jahre 1850 in der „Nordisk Tidsskrift for Videnskab og Litteratur" veröffentlichte (Bd. IV, S. 205—273), führte dieser des Weiteren aus, was er bereits im Jahre 1844 in einem Aufsatze in der Zeitschrift „Nor" angedeutet hatte (III, 2, S. 39 — 122), daß nämlich die Aussprache in Norwegen sich weder nach der Schrift, noch nach der in Dänemark üblichen Aussprache, noch endlich nach den Volksdialekten in Norwegen zu richten habe, sondern einzig und allein nach der in den gebildeten Kreisen dieses letzteren Landes üblichen Redeweise, welche letztere überdies, anders als dies zu geschehen pflege, auch auf der Kanzel, im Gericht, auf dem Theater u. s. w. ganz ebensogut wie in der gewöhnlichen Rede des tagtäglichen Verkehres zur Anwendung zu bringen sei; daß ferner auch die Schreibweise sieh dieser echten norwegischen Aussprache anzupassen, also die Orthographie auf das orthophonische System sich zu stützen habe; daß endlich auch specifisch norwegische Wörter und Wortbildungen recht wohl aus der Umgangssprache in die norwegische Schriftsprache hinübergeüornmen werden könnten, wodurch dann diese Schriftsprache allmählich ganz von selbst sich von der dänischen abtrennen würde. Derselbe Verfasser, von welchem man auch ein Handbuch (1856*) und ein Lehrbuch (1857**) der dänisch-norwegischen Sprachlehre hat, vertheidigte sein System auch widerholt in einer langen Reihe von Zeitschriftartikeln und verfaßte überdies mehrere eigene Schriften über den Sprachstreit und die ihm zu Grunde liegenden Fragen, in welchen selbstverständlich sein persönlicher Standpunkt ebenfalls scharf hervortritt; ich erwähne ein Programm, welches er für die Kathedralschule in Christiania unter dem Titel: „Er Norsk det samme som Dansk" schrieb (1862), sowie die weitere Schrift: „Det norske malstraev" (1867). Die scharfe Ausprägung der beiden Richtungen, welche doch, wenn auch auf verschiedenen Wegen, gleichmässig die Bildung einer eigenen Nationalsprache für Norwegen erstrebten, führte jetzt sogar zu bestimmten, sie unterscheidenden Bezeichungen; man sprach fortan von einem „norsk-norskeMaalstrsev", und setzte demselben das „dansknorske Maalstrsev" entgegen. — Andererseits fehlte es aber auch nicht an Stimmen, welche sich beiden Richtungen der Sprachneuerung ganz gleichmässig gegenüber stellten, und welche, zunächst wenigstens, an der Gemeinschaft der Schriftsprache mit Dänemark festhalten, und jede künstliche Abweichung von derselben zurückweisen wollten. Sehr bestimmt erklärte sich z. B. P. A. Munch bereits im Jahre 1853 in diesem Sinne, obwohl er, wie oben bemerkt wurde, nur wenige Jahre zuvor sich sehr freundlich über die von J. Aasen eingeschlagene Richtung geäussert hatte. Unter dem Titel „Sprogbcmaerkninger" ließ er nämlich in „Morgenbladet" mehrere Artikel erscheinen, in deren erstem (Saml. Afhandl., III, S. 272—301) er zunächst mit aller Entschiedenheit geltend machte, daß die derzeitige Schriftsprache Norwegens nun einmal die dänische sei, welche die altnorwegische seit geraumer Zeit verdrängt, und nicht aus dieser sich organisch entwickelt

•) Haandbog i dansk-norsk Sproglsere. **) Lser ebog i dansk-norsk Sproglfflre.

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