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Wo sechs Strophen derselben Weise folgen, gruppieren sie sich in zwei Abteilungen (58, 21. 51, 13), oder einzelne stellen sich als Anhänge dar (56, 14. 54, 37. 87, 1). – Die Dreizahl kehrt auch in der Spruchpoesie öfters wieder; die Töne 8, 4. 101, 23. 103, 13. 105, 13 bieten je drei durch ihren Inhalt zusammengehörige, wenn gleich in einem Falle wenigstens nicht gleichzeitige Sprüche; der Ton 11, 6 besteht aus zweimal drei zusammengehörigen Sprüchen. Dagegen ist die Fünfzahl in den Tönen 16, 36 und 18, 29 nur Zufall oder höchstens das Werk der Sammler.

5. Reim und Reimkünste. Den Reim behandelt Walther mit grosser Sorgfalt. Wenn wir an einigen wenigen Stellen Wortformen im Reime finden, welche von der Richtschnur streng grammatischer Sprachentwickelung abweichen, so dürfen diese nicht als Ungenauigkeiten in der Reimbildung angesehen werden. Der Gleichklang ist überall vollkommen, höchstens leise Nuancen in der Qualität oder Quantität einiger Laute darf zugegeben werden (oben S. 42 f.).

Die Reime sind entweder, stumpf oder klingend; zweisilbige Wörter mit kurzer Stammsilbe gelten als stumpfe Reime, aber nicht dreisilbige mit kurzer Stammsilbe als klingende, ausgenommen der Binnenreim gebenne : lebenne 93, 20 (s. S. 25); Wörter, deren metrischer Wert irgendwie zweifelhaft sein konnte, sind vom Reim ausgeschlossen.

Rührende Reime gestattet sich Walther wie andere gute Dichter mit der Einschränkung, dass die Reimwörter durch ihre Bedeutung oder durch Vorsilben geschieden sind: tæte (3 P. Sg.): tæte (Dat.) 30, 10. wint (Acc. Sg.) : erwint (Imp.) 10, 11. entwert : gewert 20, 28. leit : herzeleit 24, 15; alles in Sprüchen.1

- Sich suchende Silben statt des Reimes hat er einmal im Binnenreime iedoch frô : hienoch số 98, 6.

1) Einen fehlerhaften rührenden Reim nimmt Paul (PBb. 2, 551) in der Strophe 55, 35 an: Frô Sælde teilet umbe sich und kêret mir den rücke zuo. ja enkan si niht erbarmen sich. Das Schwanken der Überlieferung ist allerdings verdächtig, und der Einfall, sich im ersten Verse als Imperativ von sehen zu nehmen (vgl. 37, 24), empfiehlt sich wenig.

Doppelreim ist einmal angewandt: heiset diu swachet : reizet unde machet 47,5,1 Schlagreime? in der darauf folgenden Strophe 47, 16, der künstlichsten, die der Dichter gebildet hat. Pausen, 3 d. h. Reimbindung zwischen dem ersten und letzten Wort eines oder mehrerer Verse, finden sich in den Tönen 62, 6. 66, 21 (s. Lachm. zu 111, 32); Körner d. h. Reimbindung zwischen Versen verschiedener Strophen in den Liedern 110, 13 und 119, 17; zwei Verse als Kehrreim 110, 18, ein blofser schallnachahmender Refrain 39, 11.4

Stil.

Nicht weniger als durch die Mannigfaltigkeit des Stoffes zeichnet Walthers Kunst sich durch einen erfrischenden Wechsel der Stimmung aus. Freude und Schmerz, ruhiger Ernst, treffender Spott, sittliche Entrüstung, streitbare Kampflust, kecker Übermut, heiterer Scherz, frohes Behagen, Sehnsucht, Unwillen, Wehmut und Humor: alle Stimmen des menschlichen Herzens klingen uns aus seinem Liede entgegen, und so rein und lieblich, so kräftig und ergreifend, dass man ihnen gern lauscht. Der Reichtum des Stoffes und die Mannigfaltigkeit der Auffassung – beides zusammen kann man als den Inhalt des Kunstwerkes ansehen – verbinden sich bei unserem Dichter mit einer Kunst der Darstellung, welche ihm, obschon er nicht überall auf derselben Höhe steht, unter allen Dichtern des Mittelalters den ersten Platz sichert.

Die Aufgabe des vortragenden Künstlers, die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu fesseln und zu befriedigen, ist für den Sänger schwerer zu lösen, als für den Erzähler. Jedes einzelne Moment einer zusammenhangenden Begebenheit trägt den Keim der weiteren Entwickelung in sich und hält dadurch die Zuhörer in Spannung. Dieser natürlichen Hülfe entbehrt die lyrische Kunst, zumal die eng umgrenzte Lyrik der ritterlichen Sänger. Die Verbindung verschiedener Lieder zu einem Cyklus, der den Verlauf eines Liebesverhältnisses darstellt (Leb. S. 257 f.), ist etwas der

1) Andere Reimerweiterungen mögen zufällig sein; 8. W. Grimm, über Frid. S. 378 f.

2) Bartsch, Germ. 12, 175 f.
3) Bartsch, Germ. 4, 185.

4) Eine solche jûwezunge (Wackernagel, Altfrz. Lieder und Leiche S. 203) hat von den älteren Minnesängern nur Dietmar von Aist 38, 32. - Kehrreim: Friedrich von Hausen 49, 37. Heinrich von Veldeke 60, 13. Albrecht von Johansdorf 90, 17. H. v. Rugge 101, 15. H. v. Morungen 143, 29 (130, 31).

epischen Handlung Ähnliches; aber die Entwickelung wird in die Empfindung gelegt, und die sinnliche Welt des Epos bleibt ausgeschlossen. Das balladenartige Lied zeigt sich erst in seinen Anfängen; nur in wenigen Stücken erzählt Walther;1 selbst die Schilderung des sinnlich wahrnehmbaren nimmt nur einen kleinen Raum in seiner Poesie ein. Und doch verfehlt seine Kunst nicht die Wirkung, sie ist lebendig für die Empfindung, klar für den Verstand, anschaulich für die Phantasie; sie erfreut im Einzelnen und im Ganzen.

1. Lebendigkeit und Unmittelbarkeit.

A. Anrede.3 Der frische Eindruck von Walthers Liedern beruht zum grossen Teil auf dem persönlichen Verhältnis des Dichters zu seinen Zuhörern. Das Bewusstsein, dass sie für den Vortrag vor der Gesellschaft bestimmt seien, blieb ihm auch bei seiner Arbeit lebendig, und gab ihr den wirksamen Schein der Unmittelbarkeit. Vor andern liebt er es seine Zuhörer anzureden, sei es dass er sich an sie im allgemeinen wendet, sei es dass er sie mit grö(serem Nachdruck specialisiert (a), einzelne Kategorien (b) oder auch einzelne Personen anredet. Der Kollektivbegriff der Gesellschaft selbst wird ihm zur Person, die er mit dem umfassenden Wort werlt anredet (tumbiu werit = Jugend 37, 24. S. unten.).

a. Ir reinen wîp, ir werden man 68, 21; ir werden man, ir reiniu wip 81, 15.

b. hêrren unde vriunt 74, 10. râte ein ieglich friunt 27, 13. daran gedenket ritter 125, 1. hüetet iuwer, guoten wêp 102, 5. edeliu wip, gedenkent 48, 35. Er redet ferner die Fürsten an 29, 15; die hêrren 83, 28. 32. die Ritter 125, 1. die Bischöfe und Pfaffen 33, 1; die jungen Leute 22, 32. 87, 1. 91, 17. 27.

1) Im Tagelied 88,9; in dem Liede Under der linden 39, 11; in dem Tanzliede Nemt frouwe disen kranz 74, 20; in dem Gedicht der sumer komen was 94,11; in dem Spruche Mir hật hêr Gêrhart Atze etc. 104, 7. gotes sun hie en erde gie 11, 18. Ich sach mit mînen ougen 9, 16.

2) Ein Lied zur Feier des Frühlings 51, 13 vgl. 45, 37, 39, 1; eine Winterklage 75, 25. Magdeburger Weihnachtsfest 19, 5. Aufzug einer vornehmen Dame 46, 10. Kirchgang zweier Frauen 111, 17. Leibliche Schönheit der Frau 53, 25. Verstummen und Verwirrung vor der Geliebten 115, 22. 121, 24. Liebende Vereinigung 185, 11. Er schildert sich, wie er gedankenvoll auf einem Felsen sitzt 8, 4, am Rande des Baches etc. Die Gemälde sind meist wenig ausgeführt und halten sich in allgemeinen Zügen, aber die Züge sind gut gewählt und das Bild wird lebendig trotz seiner Allgemeinheit. Vgl. auch die allegorischen Darstellungen 26, 31. 31, 3. 37, 24. 103, 13.

3) S. Burdach s. v. Anrede.

Aus der Anrede darf man nicht immer auf die Gegenwart der betreffenden Personen schliessen. Der Dichter redet den Papst an (11, 6) und die Kardinäle (33, 9), die Vöglein (111, 5), den verstorbenen Reinmar (82, 24), die personifizierten Begriffe der Minne, State, Unmáze, der weltlichen Lust, selbst den Opferstock (34, 14). Die Anrede ist eben ein rhetorisches Mittel, um dem Vortrag Farbe und Leben zu geben; und so darf man sie auch in den Minneliedern als künstlerische Form auffassen. Umgekehrt schliesst der Gebrauch der dritten Person nicht die Möglichkeit aus, dass das Gedicht vor dem Bezeichneten gesungen sei, z. B. 105, 13 vor dem Kaiser, 83, 27 vor hohen Herren.

Gewöhnlich drückt die Anrede der Zuhörer nur die Erwartung sympathischer Teilnahme aus, oder sie ist eine Mahnung, die Gedanken zu sammeln (s. unten S. 69), zuweilen aber enthält sie die Aufforderung direkter thätiger Teilnahme. Das Publikum soll prüfen und bestätigen, richten und entscheiden; s. Leb. 174; und vgl. ferner 92, 27 jehent, waz danne bezzer sî? 49, 2 diu merke disen sanc und kiese denne.

B. Beteuerung Auf demselben Boden der Wechselwirkung zwischen dem Dichter und den Zuhörern entspringt auch die Beteuerung, die Versicherung, dass eine Aussage wahr, zuverlässig, der Überzeugung gemäss sei.

Beispiele: swâr 20, 6. 32, 12. 83, 1. 105, 2. daz ist wâr 23, 12. dêst alsó 14, 7. dêst leider sô 90, 32. dêst ein ende 44, 28. 73, 13. dêst ein ende ; ez ist alsô 74, 11. daz muoz eht alsô sîn, alsô 64, 37. ez muoz geschehen 59, 7.

ich weiz wol 92, 21. doch weiz ich wol 101, 35. daz weiz ich wol 73, 7. daz hab ich befunden wol 97, 25. ich enkan sîn anders niht verstân 57, 10. als ichz meine 61, 15. als ich mich verwene 86, 4.

daz geloubet mir 112, 32. daz sol si vil wol gelouben mir 112, 22. sít gewis 28, 13. wis gewis 23, 1. sicherlichen 113, 5. daz wizzet sicherlichen 13, 12. dêst sicher sunder wân 77, 11. sunder strît 96, 4. daz ist âne lougen 115, 37. al sunder lougen 101, 10.

1) Die zweite Person braucht Walther 42, 23. 49, 25. 50, 19. 51, 37. 70, 1. 96, 29. 112, 35 (Botenlied) und natürlich in den Dialogen. Viel häufiger die dritte Person: 54, 37. 59, 10. 61, 8. 63, 32. 64, 13. 65, 33. 71, 19. 35. 72, 31. 73, 23. 93, 20. 97, 34. 99, 6. 100, 3. 109, 1. 110, 13. 111, 12. 112, 3. 112, 17. 114, 23. 115, 6. 115, 30. 116, 33. 117, 8. 118, 12. 24. 119, 17. 120, 16. 25. Wechsel in der Anrede: 13, 33. 62, 6. 63, 8. 69, 15. (74, 20); auch in dem Dialog 70, 22 (vgl. Wackern. Vorr. S. XX).

Wilmanns, Walther v. d. Vogelweide.

ich wilz mînen triuwen sagen 83, 4. seht mîne triuwe, daz ich meine 74, 27. weiz got 32, 26. 58, 1. 61, 26. got weiz wol 21, 14. 30, 9. sem mir got 82, 19. sem mir got, swüere ich wol 57, 5. ich wil al der welte sweren ûf ir líp 74, 4. ich swer mit beiden handen 104, 20. — so ich iemer wol gevar 52, 38. übel müeze mir geschehen 56, 32. diu helle müeze mir gezemen 74, 7. den krebez wolt ich ê ezzen 76, 9. ich wurde ê münch ze Toberlâ 76, 21. - swaz mir geschiht 42, 30. Swaz mir davon geschikt 84, 4. swiez darunder mir ergât 98, 8. Swaz si sagen 50, 11. swiez umb alle frouwen var 49, 7. got der waldes, swiez ergê 94, 36.

Neben diesen naturwüchsigen Mitteln finden sich auch feinere. Der Dichter lehnt den Verdacht falscher Darstellung ab (a); seine Erklärung ringt sich gleichsam wie ein Geständnis los (b); er wägt vorsichtig die Bedeutung und Tragweite seiner Worte ab (C); er beugt einer andern Auffassung vor (d). a. waz sol diu rede beschoenet 106, 6. waz hulfe mich, ob ich unrehte strite 56, 36. ich lüge ungerne und wil der wärheit halben niht verjehen 84, 16. - b. ich wil dir jehen 71, 10. des muoz ich jehen 72, 15. — c. ob ichz vor sünden tar gesagen, sæhe ichs iemer gerner an usw. 54, 1. ob ich da enzwischen loben muoz 54, 19. ob ich mich selben rüemen sol 62, 6. ob ichz reden getar 62, 32, als ich erkenne 66, 17. trôst mac ez leider niht geheizen, ouê des, ez ist vil kûme ein kleinez træstelín 66, 1. --- d. joch meine ich hie 30, 22. joch meine ich niht die huoben 125, 6. ezn ein wol bescheiden wîp, der meine ich niht 91, 6.

Zuweilen wird das Publikum selbst durch rhetorische Frage oder Anrede zur Prüfung oder Bestätigung herausgefordert, z. B. Ir houbet ist wünnenrîch, als ez mîn himel welle sîn. wem solde ez anders sîn gelich 54, 27. ist der hof verirret. wie sol ein unbescheiden man bescheiden des er niht enkan? sol er etc. 83, 17. prüeven her, prüeven dar 27, 16.

C. Rhetorische Frage. Revocatio. Aposiopese. Parenthese.

Kurze direkte Rede. Dem Schein, als wäre die Dichtung der unmittelbare Ausdruck einer lebhaften Empfindung, dienen auch rhetorische Fragen und Ausrufungen. Die Beispiele sind so häufig, dass wir sie nicht anführen.1 Seltner und effektvoller sind andere Mittel.

1) Wigand S. 66. Burdach (S. 72–75): „Die gesammte ältere deutsche Sprache hat vor der heutigen den Reichtum an Ausrufen, welche die feste Kette der syntaktischen Gliederung keck und lebendig zerreissen, voraus (?). Freude und Schmerz sind noch nicht in festgefügte Perioden eingeschnürt, sondern brechen frei und von selbst aus der Seele hervor. Es ist nur hervorzuheben, dass sie im Laufe der Entwickelung des höfischen Minnesangs zunehmen.“ Natürlich; denn kunstvolle Darstellung bricht nicht frei und von selbst aus der Seele hervor, sie erwirbt im Laufe ihrer Entwickelung die Fähigkeit, sich den Schein zu geben.

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