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zehnsilbigen Verse; sei es, dass die Weisen dieser Verse einen dreiteiligen Takt erkennen liessen, 1 sei es, dass derselbe aus der Verbindung des gangbaren deutschen Verses von vier Hebungen mit der vorgeschriebenen Zahl von 10 Silben entsprang; denn vier Hebungen auf 10 Silben verteilt, ergeben von selbst den dreiteiligen Takt. Bei Walther stehen die neuen Formen schon in voller Entwickelung, aber doch nicht so, dass sie nicht den alten Boden noch deutlich erkennen liessen.

a. Senkung fehlt. Dass der metrische Takt nur aus einer Silbe besteht, mit andern Worten, dass die Senkung fehlt, begegnet selten und nur bei solchen Wörtern, in denen zwei betonte Silben aneinander stofsen: mérkère 11, 26. lántgrâve 26, 10. 35, 7. 85, 17. 103, 35 (nie lantgrâve, wie Walther ähnlich gebildete Wörter betont). Gêrbrèhte 33, 22. Diese Stellen gehören den Sprüchen an; unter den Liedern lässt das einzige Tagelied den altertümlichen Gebrauch zu: fríuntlichen 88, 9. fríundinne 88, 21. 89, 21. úrloùbes 89, 39.2 Wenn man der Schreibweise der Hss. folgt, so würde die Senkung noch in einigen andern Wörtern fehlen; da aber alle diese Wörter zwischen den betonten Silben ursprünglich noch einen Vokal gehabt haben, so liegt die Annahme nahe, dass dieser Vokal in Walthers Sprache noch nicht verschwunden war; die Hss. jedenfalls haben in diesem Punkte keine Autorität; also suonetac 95, 7. herezeichen 12, 26. volle

1) Ich weiss nicht wie weit der Rhythmus der Verse, den wir beim Lesen wahrnehmen, im musikalischen Vortrage zur Geltung kam. Die Annahme, dass der metrische und musikalische Takt sich deckten, dass der Hebung ein guter Taktteil, der Senkung ein schlechter entsprach, liegt sehr nahe, aber sie kann nicht unbedingt als richtig gelten. Wie könnten sonst so häufig Silben, denen der logische Accent zukommt, in der Senkung stehen, während unbetonte in die Hebung treten? , ich bin heim od ích , wil heim 31, 30. , slâf unde 101, 27. ér ûf schôc 27, 4. túgent ûz kêren 81, 4. ár, in rachet 34, 15. ouch dir zwei 63, 28. dánne er 106, 5. mán daz hât 93, 4. wil sich dirre 33, 24. mit wem sólt 79, 7. dann ein liegen 80, 14. den zwein wól 118, 1. dér líp solte 94, 33. wie wol dứ 51, 31 (vgl. auch Anm. zu 8, 33). Beim Vortrage brachte der Sänger sicher die Worte zur Geltung trotz der metrischen Senkung, also kann das Metrum den Vortrag nicht beherrscht haben. Besonders deutlich zeigt dies der Gebrauch der Pausen 62, 10. 66, 25. Die Wörtchen, die hier als erstes Reimwort fungieren, stehen ihrem logischen Wert gemäss in der Senkung (vgl. auch Bartsch Germ. 12, 191); beim Vortrag wurden sie ohne alle Frage sehr kräftig hervorgehoben, denn sonst hätten die Zuhörer das Kunststück nicht gemerkt.

2) Auch in dem Liede 39, 11 suchen einige das unsichere Mass der ersten Stollenverse durcb Annahme einer fehlenden Senkung zu erklären. - Ob der Dichter zwischen zwei Worten die Senkung fehlen liess, ist sehr zweifelhaft. Paul (PBb. 8, 198), liest so: 89, 6 vil liep ist mir daz. 39, 14 muget i vinden. 39, 20 Ich kám gegangen.

mezzen 11, 15. Dieterich 82, 11. Kerendare (oder Kerndenære) 32, 17 vgl. 32, 31. Laterân 34, 16. Anderseits freilich ist zu bemerken, dass alle diese Stellen, die erste ausgenommen, in die Sprüche fallen, in denen unbestreitbare Beispiele für fehlende Senkung sich finden. In dem Liede 121, 36 ist unbedenklich zornecliche (E) st. zornliche (C) in den Text gesetzt.

b. Doppelte Senkung. Das Normalmass des einzelnen Fusses umfasst zwei Silben; doch sind die Fälle noch ziemlich häufig, in denen eine sogenannte Silbenverschleifung auf der Hebung stattfindet, d. h. auf eine kurze betonte Silbe noch zwei unbetonte folgen. In manchen dieser Fälle wurde der Vokal der zweiten Silbe im Vortrag jedenfalls ganz unterdrückt, sei es, dass die kürzere Form in der Sprache schon die Oberhand gewonnen hatte oder wenigstens zulässig war. In andern aber war das ebenso sicher nicht der Fall, denn mag es auch möglich sein, in Wörtern wie sumer, esel etc. den Vokal zu unterdrücken, so sinken sie damit doch nicht auf das Mass von einsilbigen wie zorn und als herab. Wir haben vielmehr anzuerkennen, dass die metrische Kunst das Mass des ganzen Taktes ins Auge fasste und einem zweisilbigen Worte mit kurzer Stammsilbe den Wert einer langen Silbe gab. Es entspricht diese Messung dem Gebrauch in den Reimen, wo ja auch ein zweisilbiges Wort mit kurzer Stammsilbe als stumpfreimend angesehen wird. Aber insofern zeigt der innere Vers grössere Freiheit, als solche Wörter auch den ganzen Takt füllen können und in den Rang von zweisilbigen mit langer Stammsilbe eintreten. Während also im Reim ihr Mass fest bestimmt ist, haben sie im innern Verse doppelte Geltung. Der Gebrauch unseres Dichters zeigt jedoch, dass er diesen doppelten Wert nicht uneingeschränkt gelten liefs. Je nachdem die sprachlichen Bildungen dieser Art mehr oder weniger Zeit für sich in Anspruch nahmen, räumt er ihnen lieber den ganzen Takt ein oder nur einen Teil desselben; manchen Wörtern folgt immer oder fast immer eine dritte Silbe als Senkung, andern nie oder fast nie. Besonders auffallend ist der Gebrauch der Stämme auf s und t; im Reim werden sie nicht anders behandelt als andere kurzsilbige; im innern Verse haben sie fast ausnahmslos den Wert der langstämmigen. Man sieht daraus einmal, dass jene Bewegung in der Verstärkung der Stammsilben,

welche das Nhd. charakterisiert, schon begonnen hatte, und ferner, wie eng die Kunst des Dichters sich der Sprache anzuschmiegen suchte.

Wie sehr Walther es vermied, den Fuss zu überladen, zeigt namentlich sein Gebrauch drei- und mehrsilbiger Wörter. Die Flexionssilben, die nicht fähig sind, einen Ictus zu tragen, zwingen zur Silbenverschleifung (s. oben S. 34); kräftigere Silben werden fast immer wieder in Arsis gestellt: lobelin, vogellin , 1 boteschaft, frümekeit, unhövescheit, götelích, hovelách, lobeach, balobelch, tuyenthaft , arebeat, habedame, lamellot, howevent, manicvalt, nebelkrâ, sinewel, spileman, tageliet, vogelsanc etc. und natürlich ebenso, wenn noch eine unbetonte Silbe folgt: ebenære, kamerære, lügenere, sedelære, küneginne, kemenâte, frevelichen, tegelîchen, trugelîchen, hovebære, himelischen, himelfrouwe, hovebelle, hovestæte etc. Ausnahmen sind sehr selten: übric 81, 28. 29. lebendic 15, 39. küngîn 77, 12. künginne 56, 11. hövescheit 32, 2. 85, 18, und jedenfalls verfuhr hier der Dichter der Sprache gemäss, denn auch die Stammformen über, leben, künec 2 pflegt er einsilbig zu brauchen.

Überschreitungen des Normalmasses finden sich bei Walther selten und halten sich in den engsten Grenzen. Wo auf eine lange Hebung zwei Silben folgen, ist immer die Annahme zulässig, dass die erste durch Synkope oder Apokope völlig verstummt oder auf ein Minimum reduziert war (s. oben S. 27 f.). Und daraus folgt denn auch, dass zweisilbige Wörter von der Senkung ausgeschlossen sind. Die einzigen Wörter, die durch Synkope oder Apokope nicht völlig einsilbig werden können und dennoch in der Senkung vorkommen, sind under und über, aber beide nur vor Vokalen, so dass das r zur folgenden Silbe gezogen werden kann (s. oben S. 38. 36).

c. Daktylen. Daktylische Rhythmen, die grade bei den älteren Minnesängern beliebt sind, 3 braucht Walther selten (39,1. 110, 13. 85, 25), und nicht in den Liedern, die wir für die ältesten halten müssen (Burdach S. 18 f.). Ob er sie überall ganz regelmässig mit zwei Senkungen gebildet habe, wie die meisten

1) 28, 4. 40, 16. 46, 2. 58, 27. 75, 38, 89, 23. 92, 14. 111, 5; daher ist auch 114, 23. 51, 24 vogele gesetzt. Vgl. Bartsch, N. Jahrb. f. Ph. u. Paed. 1869. II Abt. S. 416.

2) hövesch kommt unflektiert nicht vor; auf das Verstummen der zweiten Silbe deutet auch der Gebrauch des Verbums höveschént 62, 21.

3) Daher geht Heinrich von Rugge in seinem Leich 98, 30, wo er die Minner redend einführt, in daktylischen Rhythmus über.

Herausgeber annehmen, oder ob er sich bin und wieder mit einer begnügte (39, 2. 6. 85, 32. 110, 21), ist kaum zu entscheiden.

Verbindung verschiedener Rhythmen findet in dem Liede 39, 11, vielleicht auch 110, 13 statt (s. die Anm.).

d. Auftakt. Eine Sonderstellung nimmt der Auftakt ein. Der metrische Takt ist das Mass zwischen je zwei Ictus; der erste Ictus bezeichnet die Grenze von der aus gemessen wird; was ihm vorangeht, ist also dem Gesetz nicht unterworfen. Demgemäss behauptet der altdeutsche Vers die Freiheit, einen Auftakt zu setzen oder nicht, und ihm eine grössere Ausdehnung zu geben, als der Senkung im innern Verse zusteht. Die lyrische Dichtung, die den Vers zu einer bestimmten Silbenzahl nötigte, führte natürlich auch zur Regelmässigkeit im Gebrauch des Auftaktes, und unterwarf ihn allmählich den Bestimmungen, welche für die Senkung galten. Aber nach beiden Seiten hin finden wir bei Walther noch Spuren der älteren Freiheit.

Schwere zwei - oder gar dreisilbige Auftakte kommen bei Walther nicht vor; aber er lässt doch Formen und Wörter zu, die er sonst in der Senkung meidet: schame (S. 22), bote (S. 23), klaget (S. 25), lopte (S. 25), künic (S. 37), manec (S. 37), weder (S. 38), Inklination der Negation an die Wörtchen er, der, ex, des (S. 40); ferner 80 gewinnet MF. 152, 36 (Walther S. 71, vgl. S. 38 f.), ir dewederz 18, 34. si begonden 105, 23. si besuoche 58, 19. do versuohten 11, 19. in gehirme 84, 11. Von den vier letzten Fällen, die als die schwersten erscheinen, gehört einer (58, 19) einem scherzhaften Liede, die drei andern Sprüchen an.1

Einer längeren Erörterung bedarf die Frage, wie weit Walther sich Unregelmässigkeiten im Gebrauch des Auftaktes gestattet. Den Unterschied zwischen steigendem und fallendem Rhythmus kennt er; zuweilen baut er Strophen, in denen alle Verse des Auftaktes entbehren, zuweilen solche, in denen ihn alle haben; zuweilen verbindet er steigende und fallende Rhythmen in regelmässigem Wechsel. In manchen ist das metrische Schema mit voller Genauigkeit durchgeführt, in andern finden sich Ausnahmen, jedoch so vereinzelt, dass man an Fehler in

1) Paul, PBb. 8, 199 nimmt auch 8, 15. 43, 31. 49, 36. 72, 6. 89, 30. 92, 2. 92, 8 doppelten Auftakt an; zweifelnd spricht er sich über 31, 32. 32, 26. 36. 34, 33, 35, 36. 33, 10 aus.

Wilmanns, Walther v. d. Vogelweide.

der Überlieferung glauben möchte; andere aber bleiben einer Regelmässigkeit in diesem Punkte so fern, dass wir dieselbe unmöglich als ein für Walthers Kunst unbedingt gültiges Gesetz hinstellen können. Wie weite Grenzen sich der Dichter gesteckt hatte, ist unter diesen Umständen schwer zu bestimmen, und Lachmann stellte daher für seine Kritik den vorsichtigen Grundsatz auf, dass man dem Auftakt zu Liebe zwar die Schreibweise der Hss., nicht aber den Text selbst ändern dürfe. 1

Die meisten der späteren Herausgeber haben eine grössere Gleichmässigkeit hergestellt, und viele ihrer Abweichungen erscheinen uns hinlänglich begründet. In manchen Fällen liess sich schon durch das Mittel, das Lachmann selbst für erlaubt hielt, die gewünschte Regelmässigkeit gewinnen, 2 in andern konnte man unbedenklich dem Text einer andern Hs. folgen, 3

1) Anm. zu 64, 15.

2) 65, 31 den (1. bi den oder bi en, C Dien) gebüren lieze ich si wol sîn. 73, 21 helfe iu got ). selfiu g. 75, 16 suln wir (1. sule wir, E sülle) wir si brechen beide. 76, 19 ê daz ich (1. deich) lange in selher drû. 113, 36 tuon ichs niht (1. ich es niht) mich dunket daz mín niemer werde rât. ich es wird gewöhnlich zusammengezogen; aber getrennt steht es auch 71, 32. --- 43, 20 wer ich zer (1. ze der oder zuo der ; die Hss. schwanken: zer, zir, zuor, der, in der) werlte ein sælic wip. Die Praeposition ze steht gewöhnlich in der Senkung, aber oft genug auch in der Hebung, wo man zuo zu schreiben pflegt. zuo der werlte steht 13, 10 (ze der die Hss.). - Auch 9, 18 daz ich gehörte und gesah kann man als orthographische Änderung bezeichnen, BC haben da ich (=de ich?), Lchm. deich. — 64, 37 daz muoz eht alsô (1. ) sîn : alsô. -- In dem Liede 115, 6 ist es zweifelhaft, ob der vorletzte Vers jambisch oder trochäisch ist; liest man ihn jambisch, so genügen orthographische Änderungen, um das Gleichmass herzustellen: 115, 20 wie mac siz (1. si daz) behüeten. 115, 28 hân ichs (1. ich es) vergezzen.

3) 9, 21 und (BC, fehlt in A) zwêne künige triegen. 15, 39 und man

meisterinne 1. diebe meisterinne, daz vor dir gestüende (im Anschluss an E; die Hss. variieren). 114, 20 in mînem herzen eine stat gegeben (F), l. eine stat in mînem herzen geben (C, gegeben E). 18, 34 ir dewederz daz ander niht enswachet; C hat dem Auftakt gemäss da daz, B weicht stark ab. 59, 21 daz niht lebendiges âne wandel , Lachm. selbst vermutet in der Anm. nach BCE: si jehent daz niht lebendes â. W. 8. Auch 64, 10 darf man vielleicht mit a lesen: unz er vil schône sich versan, obgleich BCE nur schône bieten, und vil reines Flickwort ist. Aber nicht ratsam ist es, 71,7 mit C wil si dan daz ich andern waben wider sage zu lesen (in A fehlt danne), oder 64, 19 aus BC træsté mit trôste mine klage aufzunehmen, statt des poetischen: trôst, træste etc. (E). – In dem Ton 74, 20 ist der Rhythmus der sechsten Zeile zweifelhaft; nimmt man trochäischen Gang an, so müsste man 74, 25 und 75, 6 einsilbiges iuwer

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