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dreier Texte vor uns haben, Ober deren keinen wir uns ein festes Urtheil bilden können. Denn von einer großen Anzahl der erhaltenen Strophen läßt sich nicht entscheiden, welchem Texte sie angehörten, und selbst wenn eine strenge Sonderung gelänge, würden immer noch empfindliche Lücken bleiben. Die Aussendung der wai-tman z. B. würde in « und b fehlen.

Wie nun, wenn gar der letzte Contaminator selbstgestaltend in die drei Vorlagen eingegriffen hätte? Daß Interpolationen, wie die eben besprochene, von ihm herrühren, glaube ich nicht. Wer so bedächtig den Anschluß an die umgebenden Strophen sucht, wie der Dichter der Str. 188 und 192, der, meine ich, mußte auch, wenn er ans Contaminieren ging, sofort merken, welch heillose Verwirrung er durch seine Zusammenstellungen anrichtete, und folglich von seinem Versuche abstehen. Der rohe, völlig ungebildete Compilator, der offenbar einzig zu dem Zwecke, einen längeren Text zu schaffen, als ihm seine Vorlagen boten, die Contamination vollzog, wird schwerlich im Stande gewesen sein eine regelrechte Nibelungenstrophe zu bauen, geschweige denn ihr einen erträglichen Inhalt zu geben. So mechanisch er aber auch bei seinen Strophenzusammensetzungen verfuhr, an den einzelnen Strophen kann er sich darum immer noch arg genug vergriffen haben. Lebte er im 14. oder 15. Jahrhundert, so mag ihm schon manches Wort und manche Wendung nicht recht verständlich gewesen sein, und mancher ganz verständliche Gedanke wieder mag über sein beschränktes Faßungsvermögen gegangen sein. Da könnte er wohl nachgeholfen haben. Viele freilich von den handgreiflichen Verunstaltungen unseres Textes werden auf den letzten Abschreiber kommen; denn schließlich ist uns von unserem Texte nur eine einzige Handschrift erhalten, deren Schreiber in Gedankenlosigkeit und Nachlaß igkeit mit unserem Contaminator wetteifert.

Für den, der diesen Ausführungen beistimmt, ist der Martin'sche Bau ein Trümmerhaufe, zusammengeschichtet aus dem Gestein, das von Ruinen geblieben ist. Wenn wir an seiner Stelle keinen neuen Bau aufführen konnten, so ist das Resultat darum kein negatives, wofern der Beweis gelungen ist, daß sich hier nur ein in diesem Sinn negatives Resultat erzielen läßt. Wenn die Kritik auf dem Gebiet des deutschen Epos Gedeihliches fördern soll, so darf sie nicht ferner geistesgestörte Interpolatoren zu Hilfe rufen, um aus der Welt zu schaffen, was ihr nicht bequem ist. Ein bei einem Dichter unbegreiflicher Einfall ist bei einem Interpolator gerade so unbegreiflich; denn Dichter und Interpolator denken nach gleichen Gesetzen. Begreifen wir daher die Entstehung einer Strophe nicht, so bleibt die Strophe stehen, bis sie erklärt ist. So lange die Kritik diesem Grundsatze nicht folgt, läßt sie ungelöste Räthsel, kann sie folglich keine überzeugenden Resultate gewinnen; folgt sie ihm aber, so muß sie auch erkennen, daß alle bisher gemachten Versuche, einheitliche Texte aus unseren Epen herauszusuchen, völlig haltlos sind. Bei allen uns erhaltenen Texten epischen Inhalts — so verschieden ihre Entstehungsgeschichte sein mag — stellt sich dasselbe Resultat heraus, wie bei der aufmerksamen Leetüre des Alphart: der Text muß bleiben wie er ist. BEELIN. FEIEDEICH NEUMANN.

ZU HARTMANNS EREC.

14. Aventiure. Conjecturen und Restitutionen.

6230. Dieser Vers hat unter allen wohl das meiste Kopfzerbrechen verursacht; und noch immer ist er nicht wirklich befriedigend hergestellt. Ich führe zunächst die verschiedenen Lesarten nacheinander an und füge dann meine Bemerkungen hinzu.

1. Handschrift: für schaden, der euch wenig frumb ist.

2. Lachmann: für schaden, der ouch veige ist.

3. Pfeiffer: für schaden, der unwendec ist.

4. Müller: für schaden, der ouch (oder doch) frum ist.

5. ßech: für schaden, der ouch wendic ist.

6. Haupt: für schaden, der et gefrumt ist.

Ad 1. Der Schreiber muß seine Vorlage gar nicht verstanden haben, sonst hätte er nicht so gefaselt. Es muß entweder ein schweres ungewöhnliches Wort, an dem er strauchelte, vorhanden gewesen sein, oder er hat sich verlesen und dann auf gut Glück irgend etwas, was ihm halbwegs passend schien, hingeschrieben. Auf Grund dieser oder jener Möglichkeit muß die Heilung versucht werden.

Ad 2. Lachmann hat offenbar nach einem schweren ungewöhnlichen Worte gesucht, und da fand er für wenig : veige, was Haupt in der ersten Ausgabe willig aufnahm, ouch für euch liegt nahe, und doch ist es bedenklich. Denn da hier der Dativ euch vorliegt, so darf geschlossen werden, daß der Schreiber iu vorfand oder iu in einem andern Worte oder in einer andern Buchstabenverbindung zu erkennen glaubte. Von Seite des Sinnes ist Lachmanns Conjectur so unglücklich wie möglich, und wo bleibt das hsl. frumb? Kann das so ohne Weiteres weggeworfen werden? Allzugewöhnlich ist doch frumb wahrlich nicht, daß es als Erfindung des Schreibers gelten könnte, zumal es das gewichtigste Wort des Satzes ist und dicht vor dem Verbum steht.

Ad 3. Pfeiffer erklärt sich (Germ. 4, 221 fg.) sehr scharf gegen Lachmanns Conjectur. Sein eigener Vorschlag, im Principe Lachmanns Conjectur gleich, ist insofern beßer als Laclimanns veige, als wendic dem hsl. wenig näher steht. Die Vorsetzsilbe un- könnte leicht vom Schreiber als iu gelesen worden sein. Der Sinn von Pfeiffers Herstellung ist ganz vortrefflich, aber wir sind doch nicht befriedigt, weil wiederum von frumb ganz abgesehen ist.

Ad 4. Müller adoptiert Lachmanns ouch, setzt ihm aber ein mögliches doch an die Seite, sonst aber geht Müllers Conjectur umgekehrt zu Werke. Sie hält sich an das vorhandene letzte Wort und läßt das erste weg. An die Möglichkeit einer starken Verlesung denkt Müller nicht, ebensowenig an das Vorhandensein eines dem Schreiber ungeläufigen Ausdruckes, dafür sieht er in wenig einen müßigen Zusatz, der einfach zu streichen sei. Aber, kann man fragen, wie kommt der Schreiber gerade zu diesem wenig1? Brauchte er einen negativen Ausdruck, warum nahm er nicht die einfache Negation? Durch nicht wäre ja auch sein Vers glatter gerathen. Hinsichtlich des Sinnes weicht Müllers Conjectur bedeutend von der vorausgehenden Pfeiffers ab. So einfach und natürlich und angemeßen auch Pfeiffers Satz erscheint, so ist Müllers Anschluß an die Uberlieferung von frumb doch deßhalb beßer, weil dadurch der Zusammenhang mit den Versen 6266 fg., auf die Müller mit Recht verweist, gewahrt wird. Gerade bei Hartmann stehen die einzelnen Aussprüche außerordentlich häufig miteinander in Correspondenz. Die Verse 6266, 67 seht, wirt iu wol scMn, daz iu iuwers mannes tôt frumt wären ohne vorausgehenden ähnlichen Ausspruch nicht leicht denkbar.

Ad 5. Bechs Herstellung in seiner Ausgabe (in beiden Auflagen) ist eine Vermittelung zwischen der Conjectur Pfeiffers und der Müllers. Bech schließt sich diplomatisch vorzugsweise an Pfeiffer an (wendic ohne Berücksichtigung von frumb), zu kleinerem Theile an Müller (ouch); inhaltlich nähert sich der Sinn des gewonnenen Satzes einigermaßen dem der Müller'schen Conjectur, doch ist wendec nicht so bestimmt und so weitgehend wie frum.

Ad. 6. Haupt hat in der zweiten Ausgabe den früheren Einfall Lachmanns Preis gegeben, geht wie Müller dem hsl. wenig aus dem Wege und hält sich an frumb. Die Wendung schaden frumen, die mitunter vorkommt, gibt ihm den Anlaß, in frumb das Verbum zu suchen; in euch sieht er et, und so erhalten wir einen Satz, der in seinem Inhalte dem von Pfeiffer gefundenen recht ähnlich ist. Gegen Müllers Ergebniß gehalten, ist Haupts Conjectur entschieden ein Rückschritt; denn sie macht sich den Hinweis auf den folgenden Ausspruch in V. 6266 fg. nicht zu Nutze.

So sind alle bisherigen Versuche mehr oder minder mißlungen. Die einen laßen wenig, die andern frumb bei Seite. Es wird darauf ankommen, mit möglichster Bewahrung der Uberlieferung einen Sinn zu erlangen, welchen die bis jetzt beste Conjectur, nämlich die Müllers, nahe legt. Ich habe mich an die zweite Möglichkeit, an die Verlesung des Schreibers gehalten, und nehme als muthmaßliche Vorlage des Schreibers an:

für schaden, der niwen ze frumen ist.

Gegen einen Schaden, der nur zum Nutzen gereicht.

Der Schreiber las ni = iu, daraus machte er euch; er las wen ze in éinem Worte, das ihm = wènge erschien; daraus machte er wenig; und aus frumen ließ er das Adjectiv entstehen. Hier ist ein Satz erreicht, der mit V. 6266 fg. in Correspondenz steht, alle Theile der Überlieferung finden sich wieder; das Wort niwen, niwan, niuwan liebt Hartmann über alle Maßen, der Satz ist also richtig Hartmannisch.

Aber nun fragt sich's: ist diese Lesung auch formal Hartmann angemeßen? Darauf ist zu antworten: nein. Hartmann gebraucht niemals niwen auch einsilbig wie Gottfried, sondern stets zweisilbig, entweder niwán oder niuwan; somit gehört niwen nur der Vorlage des Schreibers an; diese Vorlage fehlte also gegen Hartmanns metrischen Gebrauch. Deßhalb muß der Vers ursprünglich gegen das Ende zu anders gestaltet gewesen sein. Ich vermuthe deßhalb: für schaden, der niuwan frúmende (frumeni) ist. Die Umschreibung des Verbums durch das Part, praes. in Verbindung mit dem Verbum substantivum ist Hartmann geläufig.

6335 ff.: die herrén die daz ambet hânt daz die gates ê begânt, daz im wurde gegeben. So in allen Ausgaben. Die Hs. hat 6335 die des ambtes plegen und 6336 steht geben für began, begânt. Die von Lachmann herrührende Veränderung ist keine wirkliche Verbeßerung, denn sie entfernt sich stark von der Uberlieferung und tastet namentlich die andere an sich tadellose Reimzeile an. Lachmann operierte wahrscheinlich zur Beseitigung des falschen geben mit der öfters mit Glück angewandten Um

3ERMANIA. Neue Beihe. Ш. (XXV.) Jahrg. 21

drehung der Silben: geben aus hegen = begênt, begânt; dazu fand sieb dann leicht das Reimwort hânt. Aufgabe war vielmehr bei Bewahrung der Wendung die des ambtes pßegent ein Reimwort zu pflegent zu finden. geben mag ein durch das folgende gegeben veranlaßter Schreibfehler sein; eher sieht es aber als eine glossierende Ubersetzung eines ungewöhnlichen Ausdrucks aus. Gesucht muß nach einem Schriftbild werden, welches dem Schreiber vorlag und ihn irre führte. Da bietet sich für geben von selbst gebegent dar und dieß steht für gewegent. Dieses gewegen, hier in der Bedeutung „zuwägen, austheilen, ertheilen" ist nach meiner festen Uberzeugung das ursprüngliche Wort. Es gewährt einen mindestens ebenso guten, ja noch beßeren Sinn als das sehr allgemeine begânt, es ist ein Synonym und zwar ein ungewöhnliches Synonym zu geben, es läßt die vorhergehende Zeile in ihrer Integrität, es ist überdieß Hartmann geläufig, denn er wendet es, wenn auch in etwas anderer Bedeutung, nochmals mit demselben Reime pflegen im Ere с an: und müeze dir der sêîe pflegen, dirn mag et niemen des gewesen u. s. w. 8813 fg. — Sollte der Gang aber nicht so gewesen sein, wie ich mir ihn denke, sollte nach Lachmanns Annahme eine Vertauschung der Silben stattgefunden haben, also geben aus begen, so komme ich zu demselben Resultat, denn begen ist = wegen, wegent. So könnte auch stehen, metrisch beßer ist aber die Composition gewegent. Die Stelle wird also fortan heißen mtißen:

die herrén die des ambtes pflegent

daz die gotes ê gewegent,

daz im wurde gegeben*). 6345 fg.: swiez der frouwen waere

widermuot und sweere. So Haupt nach der Hs. in der ersten Ausgabe. In der zweiten corrigierte er widermüete, offenbar um die Congruenz mit dem Adject, sweere herzustellen und um keinen Zweifel zu laßen, daß das erste Wort der Zeile auch Adj. sei. Die Bildung -müete ist an sich ganz richtig; da ferner die Oesterreicher dem Umlaut von и aus dem Wege gehen und das Endungs-e zu apocopieren pflegen, so kann vielleicht widermuot der Hs. = widermüete sein. Der Kritiker hat aber zunächst darauf zu sehen,

*) Die sehr häufige, namentlich in bairisch-österreichischen Quellen begegnende Vertauschung des anlautenden w mit 6, die etwas seltenere des Ь mit w (s. Weinhold b. Gr. §. 124. 136) ist für die Kritik bis jetzt noch nicht genug beachtet und verwerthet worden. Auf Grund dieses Laut- und Buchstabenwechsels habe ich schon früher zweimal Conjecturen versucht, die wohl das Richtige getroffen haben, nämlich enoeten statt des hsl. erbeten Gottfr. Tr. 946 und werdet- statt brader (Mittelstufe frder = berder) Heinr. Tr. 1964. Vgl. auch unten zu Hartmanns Erec 6747.

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