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I

pfindlichste kränkte, und es erklarlich macht, daß sie den Heiland auf das bitterste haßten. — Wenn nun der hier erwähnte Nikodemus freilich auch der Pharisäerfecte angehörte; so finden wir doch einen auffallenden Unterschied in dem Benehmen Iesu gegen ihn und gegen andere Pharisäer. Der Heiland laßt sich gleich mit ihm in eine ausführliche Unterredung ein, und nimmt nicht Anstand, ihm das Geheimniß seiner Lehre vom Reiche Gottes zu eröffnen. Kurz, Er redet mit Nikodemus so, wie Er, so viel wir wissen, bis dahin noch mit keinem Pharisäer geredet hatte. Was mochte Ihn aber wohl bewegen, hier solche Ausnahme zu machen? War ja doch Nikodemus auch ein Pharisäer, mithin derselben Secte zugethan, über welche Iesus oft sich mit dem strengsten Tadel äußert, und schwerlich thut man diesem Manne zu viel, wenn man sich ihn als einen solchen denkt, der auch etwas auf feine Frömmigkeit gab, und sich des Reiches Gottes vor vielen andern, infonderheit vor den groben Sündern und bey der Welt berüchtigten Uebelthatern, würdig dünkte. Geschieht das doch wohl heute auch noch, von mancher Christenseele, obschon dieselbe nicht immer Arges darunter hat; denn der Hang zur Eigengerechtigkeit und jenem Pharisäerstolze, der bey sich selber spricht: „ Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute", ist gar zu tief in der uns allen angebornen Eigenliebe begründet. Dennoch ist nichts dem wahren Christenthume mehr zuwider, als solcher Sinn der Selbstgefälligkeit, und so lehrt auch die Schrift mit klaren Worten, wir sollen „nicht Gefallen an uns

selber selber haben" (Röm. 16, i.), weßhalb ein alter Kirchenlehrer, da man ihn fragte, was doch die erste Christentugend sey, ganz richtig antwortete: Demmh; — was aber die ste? — Demurh — und was die ste? — Demuch, womit er sagen wollte, daß Demuth, oder das beugende Gefühl der Unwürdigkeit vor Gott und des Bedürfnisses der unverdienten göttlichen Gnade, dem ganzen Christenthum eines Menschen müsse zum Grunde liegen, daß also ohne Demuth kein Christ, mit andern Worten, kein Bürger und Genosse des Reiches Gottes sich denken lasse. Das wußte nun aber damals Nikodemus noch nicht. Indeß war doch Etwas bey diesem Manne, das ihn vom großen Haufen der Pharisaer unterschied und Iesu wohlgefiel. Und dieses war — ein redlicher Sinn, dem schon das Wort der Verheißung gegeben ist: „ den Aufrichtigen läßt es Gon gelingen." (Sprw.s, 7.) Nikodemus war kein Heuchler, der es nur auf den Schein der Frömmigkeit anlegt, er strebte vielmehr, nach seiner Weise, der Frömmigkeit eenstlich nach, achtete darum auch Iesum aufrichtig hoch, und so hielt auch des Heilandes niedrige Gestalt, woran so Viele Anstoß nahmen, ihn keinesweges ab, den richtigen Schluß zu machen: „Niemand kann die Zeichen thun, die Er thut, es sey denn Gott mit ihm." Warum nicht alle Pharisäer, denen doch auch die göttlichen Thaten Iefu bekannt genug waren, daraus denselbe n Schluß, 'wie Nikodemus, zogen? Fehlte es ihnen etwa an Verstand dazu? Ach nein! den hatten sie wohl; aber etwas fehlte ihnen — der redliche Sinn, den wir bey Nikodemus mus finden. Mit solchem Sinne nun , und also keinesweges in arglistiger Absicht, wie es wohl oft von andern Pharisäern geschahe, kam Nikodemus zu Iesu, und dachte ohne Zweifel, von einem solchen Lehrer, da könne auch er, obschon ein Meister in Israel, noch lernen. Und darin hatte er denn freilich recht, obschon er darin irrte, daß er in Iesu bloß einen göttlich gesandten Lehrer erkannte. Freilich ist Er dieses auch; aber Er ist noch mehr als das, wie denn das Evangelium ms bezeugt, daß unser Heiland die drey Aemter, das prophetische, hohepriesterliche uud königliche, in seiner Person vereinigte. Wie aber Nikodemus hierüber noch nicht belehrt, und also seine Erkenntniß von der Person des Heilandes zur Zeit noch mangelhaft war; so sahe er Ihn nur bloß als einen Propheten an. Hatte er jetzt schon die rechte Erkenntniß von Ihm gehabt, und also Iesum auch als seinen Heiland, seinen göttlichen Hohenpriester, den Tilger seiner Sünden, und den Erwerber seines Heils in Zeit und Ewigkeit erkannt, er ware wohl nicht so schüchtern gewesen, wie wir ihn hier noch finden, indem er nämlich, aus Menschenfurcht, bey nächtlichem Dunkel zu Iefu kam. Ia er möchte, das darf der redlichen Seele, bey mehrerer Erkenntniß von dem Heiland, wohl unbedenklich zugetrauet werden, nicht wenige unsrer heutigen Christen beschämen, die da mit Sorgfalt alles meiden, was irgend der Welt Ursach geben möchte, sie auch zu denen zu zählen, die es mit Iesu halten. Des Nikodemus Scheu und Furchtsamkeit war eine Schwäche, die ihren Grund wohl größtentheils in seiner mangelhasten Erkenntniß Iesu hatte, und solche Schwachen hat unser Heiland immer liebreich schonend getragen, wie auch schon der Prophet von Ihm geweifsagt hat: „Das zerstoßene Rohr wird nicht zerbrechen, und das glimmende Docht wird Er nicht auslöschen." (Jes. 42,s.) Ein Beyspiel solcher zarten Schonung stellt uns hier Iesu Verhalten gegen den Nikodemus vor, indem Er nicht mit einem Worte ihm seine Menschenfurcht zum Vorwurf macht, obschon wir wissen, daß Er, bey anderer Gelegenheit, zu seinen Iüngern sprach: „wer mich bekennet vor dm Menschen-, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Und wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich auch Verleugnen vor meinem himmlischen Vater." (Match. 10, ss. s3.) Wenn wir nun aber dies zarte schonende Verfahren betrachten, das Iesus hier dem redlichen Nikodemus bewies; so möge es doch bey uns den Eindruck machen, daß wir uns eines jeden vorschnellen harten Urtheils über Solche enthalten, bey welchen wir noch Mangel finden, die dem entschiedenen Iünger des Herrn nicht ankleben dürfen. Kann ja der Herr doch unter denen felbst, die da noch weit von Ihm entfernt zu feyn scheinen, hier oder da eine redliche Nikodemusseele finden, und kann doch wohl, trotz aller bemerkten Mangel, ein redlicher Sinn und wahres Verlangen nach Iesu in dem Innersten seyn, was denn der Herr, der da wohl weiß, was im Menschen ist (Joh. 2,26.), noch heute so, wie dort bey Nikodemus, ehrt. Das aber müssen denn freilich dergleichen Seelen sich gefallen

lassen^ lassen, daß der Herr mit ihnen eben so, wie hier mit Nikodemus , verfahrt. Und da merken wir nun

II.

wie Iesus so mit diesem Manne umgeht, daß Er ihm seine Frömmigkeit, und also seinen ganzen Ruhm, zu Nichte macht.

Wenn wir auch nicht Ursach finden, anzunehmen, daß Nikodemus vom Heiland Lob erwartet habe, wie es wohl ein gewöhnlicher Pharisaer erwartet haben möchte; das hat er doch wohl sicher nicht geglaubt, daß Iesus seine Frömmigkeit verwerfen und ihr das Urtheil sprechen werde, daß sie ihn nicht in das Reich Gottes bringen könne. Wußte sich doch Nikodemus wohl von den geheimen Greueln frey, die Iesus sonst den Pharisaern zum Vorwurf machte, und so dürfen wir auch wohl nicht zweifeln, daß sein Gewissen ihm das Zeugniß eines ernstlichen Strebens nach Gottes Wohlgefallen gab, was er denn auch durch einen unanstößigen, rechtlichen Lebenswandel bewies. Wie mußte da nicht der redliche fromme Mann betroffen werden, als gleich die ersten Worte Jesu ihm bemerklich machten, daß er, bey aller seiner Frömmigkeit und Rechtschaffenheit, doch, auf dem Wege zum Reiche Gottes, noch nicht den ersten Schritt gethan habe. Man höre nur, wie Jesus gleich damit beginnt, dem frommen Manne zu sagen: „Wahrlich! wahrlich! ich sage dir; es seydenn, daß Jemand von Neuem geboren werde, sonst kann er das Reich Gottes nicht sehen." — Das Reich Gottes zu sehen, —

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