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in der Gemeinde bei den Zusammenkünften zur Erbauung aller benutzt werden sollte. Etwas ganz Außerordentliches war diese Gabe gewiß, aber bei näherer Erwägung der auf sie sich beziehenden Stellen ergibt sich, daß sie nicht sowol von Ertheilung der Fertigkeit, in fremden nicht erlernten Sprachen zu reden, zu verstehen ist, als vielmehr von der begeisterten Ausdrucksweise, in der sich diejenigen mittheilten, welche diese Gabe empfingen. Ergriffen von den lebhaftesten Gefühlen, hingerissen von der beseligenden Wahrheit, voll hoher Freude über die Gnade ihres Herrn, ergossen sich die heiligen Apostel am ersten Pfingstfeste lobpreisend über die großen Thaten Gottes (Apostg. 2, 11.), und die gegenwärtige Menge der versammelten Iuden erstaunte, — indem alle und jeder wohl verstand, was gepredigt wurde, — über eine Vortrags« weise, die sie nie gehört, in der sie nie die göttlichen Gegenstände des Glaubens vernommen hatten. Eine andere außerordentliche Wirkung des empfangenen h. Geistes war die Gabe Wunder zu thun, welche ebenfalls nicht blos den Aposteln, sondern auch andern Gläubigen gegeben wurde; noch gehört hieher die Gabe der Weissagung, über welche sich 1 Kor. 14. auch mannigfache Belehrungen des Apostels finden, die der Gabe in Zungen zu reden vorgezogen wird V. 3 — 5.; es muß daher unter ihr allerdings eine Lehrfähigkeit verstanden werden, die aber wegen der Kraft und Eindringlichkeit, mit der sie geübt wurde, noch von der gewöhnlichen Gabe Lehrvorträge zu halten verschieden war.

Wenn diese außerordentlichen Erfolge, welche durch die Gabe des h. Geistes hervorgebracht wurden, in den späteren Zeiten der Kirche sich nicht gezeigt haben, so hat es doch niemals an den ordentlichen Gnadenwirkungen des Geistes Gottes gefehlt, welche den Sündern unentbehrlich sind, um zu werden was sie werden sollen, und um diejenige Geistesbeschaffenheit in ihnen zu erzeugen, die zum Eingange in das Himmelreich nöthig ist und zur Theilnahme an seinen Segnungen und zur Erlangung der ewigen und unvergänglichen Herrlichkeit, die vermittelst des Evangelii den wahren Bekennern des Erlösers geschenkt wird. Was der heilige Geist an allen wirkt, um sie zur Gemeinschaft Christi hinzuführen und in derselben zu erhalten, hat Luther sehr schön in der Erklärung zum dritten Artikel des christlich-.apostolischen Glaubensbekenntnisses ausgedrückt, wenn er sagt: Ich glaube, daß ich nicht aus eigner Vernunft oder Kraft an Iesum Christum, meinen Herrn, glauben, oder zu ihm kommen kann, sondern der h. Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten. Zuvörderst weist er in diesen Worten auf die Unfähigkeit des Menschen hin, aus und durch sich selber, vermittelst Anstrengung des eignen Nachdenkens, durch Speculiren oder Phi« losophie, zum Christenthum zu gelangen. Das ist aus zwei Gründen unmöglich, einmal deswegen, weil dasselbe eine geschichtliche Offenbarung ist, auf Begebenheiten sich stützend, und eine solche läßt sich niemals durch bloßen Vernunftgebrauch ergrübeln, wenn uns nicht Kunde davon mitgetheilt wird, und dann auch darum, weil ohne Erleuchtung von oben her der natürliche Mensch die geoffenbarten Wahrheiten des Evangelii nicht einmal faßt, sie nicht recht versteht, und sie ihm vielmehr ein Gegenstand der Thorheit oder des Aergernisses bleiben. In dieser Unfähigkeit des Menschen zur Selbsihülfe aus seinem geistigen Elende und in der Gnade Gottes, der den Tod des Sünders nicht will, liegt der Grund, daß die Gabe des heiligen Geistes gegeben wird, damit dem Menschen die nöthige Hülfe zu Theil werde. Was der h. Geist nun immerfort thut, die ordentlichen Gnadenwirkungen desselben, heschreibt Luther ferner in den Worten: Er beruft, erleuchtet, heiligt im Glauben, und erhält in der von ihm zu Stande gebrachten Gemeinschaft mit Christo. Es ist hiemit die Wirksamkeit des h. Geistes auf die ganze geistige Natur des Menschen, auf alle seine Seelenkräfte angegeben, denn durch die Berufung wird der erste Eindruck auf das Gefüklzyermögett gemacht, daß der Mensch seinen natürlichen Zustand und sein Elend fühlen und die Möglichkeit eines Bessern ahnen lernt; die Erleuchtung, welche der h. Geist wirkt, besteht in seinem Einflusse auf das Erkenntnißvermögen, daß der Sünder gründlich sein Verderben, zugleich aber auch in Christo seinen Helfer und Heiland, und alles kennen lernt, was zum Seligwerden nöthig ist; damit verbindet sich alsdann der Glaube, welcher zur Heiligung hinführt, und das ist der Einfluß des h. Geistes auf das Willensvermögen, die mögliche Hülfe anzunehmen, dem einigen Erlöser ganz und gar in völliger Hingebung sich anzuvertrauen, seinen Vorschriften nachzukommen, um in dieser Ordnung zu dem Heil zu gelangen, welches die Barmherzigkeit Gottes in seinem Sohne, Jesu Christi, allen Sündern zugedacht hat. Es richtet sich also die Wirksamkeit des h. Geistes auf den ganzen Menschen, der nach allen seinen Seelenkräften in einem Zustande des Verderbens sich befindet, und der durch dieselbe erneuert, wiederhergestellt, selig, heilig und herrlich gemacht werden soll.

Die Berufung oder der an den Menschen ergehende Ruf Gottes ist die dem Sünder zuvorkommende Gnade, vermittelst welcher er eingeladen wird, sich das von Gott ihm bereitete Heil anzueignen; in den Gleichnissen vom großen Abendmahl (Luk. 14.) und von der königlichen Hochzeit (Matth.22.) wird uns die fortgehende Sorgfalt in immer wei« ter schreitender Entwicklung den Menschen Hülfe und Rettung anzubieten unter lieblichen Bildern vorgestellt; und in den beiden andern Gleich« nissen vom verlornen Schaf und Groschen (Luk. 15.) ist die ganz besvn« dere Sorgfalt geschildert, mit welcher über das Wohl jedes Einzelnen gewacht und dafür gewirkt wird. Die christliche Kirche ist da, durch die h. Taufe werden wir in dieselbe aufgenommen, Heidenboten gehen aus und verkünden das Evangelium, das christliche Predigtamt legt Zeugniß ab von Christo, wir besitzen die h. Schrift, die Gemeinschaft mit andern Gläubigen, die Regierung der Weltbegebenheiten im Grs« ßen wie im Einzelnen, — dies alles gebraucht die dem Menschen zuvorkommende Gnade Gottes, um ihn auf seine Hülfsbcdürftigkeit und auf die mögliche Hülfe aufmerksam zu machen, und in dem allen müssen wir den Ruf Gottes erkennen, mit welchem er uns einladet, und uns geneigt zu machen sucht, das Heil in Christo anzunehmen. So wie aber diese Gnade, welche Gott in Christo, vermittelst der Kirche, durch das Wort jedem Sünder anbieten läßt, seinerseits eine völlig freie ist, die der Mensch durch nichts verdient hat, noch sich durch irgend etwas erwerben kann: eben so bleibt auch der Mensch andrerseits frei, und wird nicht wider seinen Willen gezwungen, in die Gemeinschaft Christi einzugehen und seiner Erlösung theilhaftig zu werden. Gott sahe den Fall des Menschen und das tiefe Elend desselben vorher, aber er nöthigte den Menschen doch nicht, in seiner Gemeinschaft und der ursprünglichen Seligkeit zu verharren; er ließ, wie jener Vater im Gleichnisse Luk. 15. den jüngern Sohn fortziehen, und eben so steht es bei dem gefallenen Menschen, ob er jenen Gnadenruf annehmen, ihm folgen und der Ordnung Gottes sich unterwerfen will oder nicht. Der Mensch kann auf jene Züge der Barmherzigkeit Gottes, mit denen der Vater zum Sohne zieht, achten oder sie verachten, die Mahnungen des Ge« Wissens, der Eltern, Lehrer, Freunde hören oder überhören, ihnen nachgeben oder sich widersetzen. Im letzten Falle ist es nun freilich eigne Schuld, wenn er verloren geht, im andern aber, wenn er gerettet wird, hat er es nicht sich selber zuzuschreiben, sondern der all« wirksamen Barmherzigkeit Gottes, der, nach dem innersten Bedürfniß des Menschen die leisen Züge seiner Gnade verstärkt, und kräftiger zum Gewissen des Sünders redet, wenn er für die Sprache warnender Liebe kein Gehör findet. In der ganzen Heilsanstalt der Kirche ist alles auf freie, dankbare Liebe des Sünders gegen den Erlöser und den Vater, der ihn der Welt gegeben hat, berechnet, und das Licht des göttlichen Wortes strahlt deshalb so hell in die Tiefen unsers verderbten Herzens hinein, daß bei geringem Wahrheitsgefühl die Nothwendigkeit unster gänzliche« Erneuerung uns nicht verborgen blei« be; ist uns das aber erst deutlich geworden, so kommt uns überall im Evangelio eine solche Fülle göttlicher Liebe entgegen, daß durch die» selbe unser Gefühl und Wille auf die kräftigste Weise gerührt werden, und wir gern und willig dieser Liebe uns hingeben. Diese freie Hingebung an ihn ist unseres Gottes und Heilands Wille, und so groß ist seine Liebe, daß er alles anwendet, solchen Willen in uns zu er» zeugen und ihn so kräftig zu machen, daß der entgegengesetzte Wille unseres Fleisches und der Welt und ihrer Lust in uns überwunden wer« de. Es beschreibt die h. Schrift den natürlichen Zustand des mensch« lichen Herzens freilich als einen Zustand der Knechtschaft unter der Sünde, und vom Erwachen des Selbstbewußtseins an finden wir, daß die uns inwohnende Sünde eine große Gewalt über uns ausübt, aber damit ist keineswegs gesagt, daß wir nicht durch die Gnade Gottes von diesem Elende erlös't werden könnten, und wann unser Gewissen bei jedem von uns begangenen Unrecht eine Verschuldung uns vorhält, so deutet dies unwiderleglich auf ein Joch, das zerbrochen werden soll, wirklich aber nur dann und in denen gebrochen wird, welche die Hülfe des Evaugelii annehmen und den Wirkungen des Geistes Gottes sich hingeben, auf welche wir in der christlichen Gemeinschaft überall hingewiesen werden. In einem großen Jrrthume befinden sich auf der entgegengesetzten Seite diejenigen, welche die natürlichen Kräfte des Menschen nach dem Fall so beschreiben, als ob er ohne weiteres, aus eignem Vermögen, wenn er nur ernstlich wolle, alles werden könne, wozu er von Gott berufen sei. Wider alle Erfahrung überschätzen sol' che den Zustand des natürlichen Menschen, der, wenn ihm die Gnade angeboten ist, auch dann nichts weiter kann, als gerettet werden wollen, und nur in Kraft der ihn stärkenden und tragenden Gnade vom Sündenjoche frei wird. Zugleich findet sich da, wo diese Ueberschä« tzung der menschlichen Natur ist, Geringschätzung der Gnade, und eben daher werden auch die Forderungen Gottes, die er in seinem Worte an den Menschen macht, als übertrieben geschildert, für unerreichbar ausgegeben, und diese Anforderungen so niedrig gestellt, wie möglich, damit es dem Menschen erleichtert werde, das Ziel zu erreichen. Gerade das Gegentheil von dem allen findet sich in der Offenbarung; sie schildert das Grundverderben des Menschen sehr groß und macht doch die höchsten Ansprüche an ihn, indem sie ihm das Vorbild Iesu Christi, in seinem menschlichen Wandel, zur Nachahmung hinstellt. Was aber aus eigner Kraft zu erreichen unmöglich wäre, wird durch die Gnadenwirkungen des h. Geistes vermittelt, und durch die kräftigen Hülfsmittel, die das Evangelium anbietet; durch die Hoffnungen, zu denen es ermuntert; durch die Aussichten, die es eröffnet; durch die Triebfedern, welche es in Bewegung setzt und durch die Beweggründe, mit welchen es auf unsere Seelenkräfte wirkt, möglich gemacht. Diese Freiheit der Wahl, welche dem Menschen in Beziehung auf die Annahme oder Nichtannahme dessen bleibt, was der h. Geist für ihn thun und in ihm wirken will, lehrt die h. Schrift dadurch, daß so, wol in Gleichnissen wie in eigentlicher Rede des Herrn diejenigen als strafwürdig bezeichnet werden, welche den an sie ergehenden göttlichen Beruf ablehnen, anderes ihm vorziehen, sich nicht in die Gnadenord« nung Gottes fügen, und so als Verächter des Heils in Christo dastehen Joh. 15, 22.; von dieser freien Entschließungsfähigkeit des Menschen ist auch die Rede 5 Mose 30, 19.; von ihrem Mißbrauch und traurigen Folgen Ierem. 5, 3. Luk. 13, 34.

2. Worin die Beschaffenheit der Reichsgenossen bestehe. Es ist bei der Aufrichtung des Himmelreichs in uns, — denn der Erlöser sagt Luk. 17, 21: das Reich Gottes ist inwendig in euch, es kommt auch nicht mit äußerlichen Gebehrden — oder bei unserm Eingehen in dasselbe keineswegs etwa bloß darauf abgesehen, daß diese oder jene sündliche Neigung und Richtung unseres Gemüths unterdrückt und die Ausbrüche des Bösen gehemmt werden, noch auch bloß darauf, daß der Mensch zu einer gewissen äußern Ehrbarkeit, Rechtlichkeit und zur Uebung einzelner pfiichtmäßigen Handlungen komme; es ist überhaupt nicht auf das Thun zunächst abgesehn, und das Himmelreich wird durch Thaten nicht in uns erbaut; die Absicht Gottes und Jesu Christi geht viel tiefer, und die Kraft der Gnade will weit mehr in uns wirken. Die Erlösung, wenn wir ihrer theilhaftig werden, bewirkt eine neue Schöpfung mit uns, so daß das Wort des Apostels gilt 2 Kor. 5, 17. Nicht dadurch, daß wir dies oder jenes lassen oder thun, werden wir Bürger des Himmelreichs, sondern wir müssen durch eine mit uns vorgehende neue Schöpfung oder neue Geburt Genossen des Reichs Christi werden, und darnach wird sich das in uns neu entstandene Leben des Geistes in Thaten und Werken offenbaren. Nicht eine theil- oder stückweise Aenderung an uns ist der Wille Gottes mit uns, sondern daß wir selbst ganz anders werden, und dies muß inwendig, im Herzen, anfangen und von da nach außen fortgehen; nicht die Früchte machen den Baum, sondern der Baum trägt die Früchte, und bevor wir gute Früchte ärndten können, müs« sen wir einen guten Baum pflanzen; so muß die neue Schöpfung des

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