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In dem genannten Briefe sieht Humboldt im Infinitiv „die Darstellung des reinen Bewegens in der Zeit". Der Infinitiv habe also dieselbe Bedeutung wie die Wurzel, und die Endung desselben habe weiter keinen Werth als den, jede andere Endung auszuschliefsen, da eine blosse Wurzel in den flectirenden Sprachen nicht auftreten darf. Er ist also das Verbum an sich, reiner Ausdruck der Energie, der Bewegung. Dies wäre eigentlich „ein vorgrammatischer Zustand" des Verbums, und gerade diesen würde die Infinitiv - Endung bezeichnen. Humboldt nennt den Infinitiv „eine blofse, allgemeine und vage ausgedrückte Wahrnehmung. Hitze ist ein Abstractum, heifses Eisen zusammenzufügen, ist schon bestimmte Sprechart, aber Eisen heifs zu sagen, ist der unmittelbare und unverbundene Ausdruck der Wahrnehmung. Wie nun da heifs steht, so scheint mir (Humboldt) der Infinitiv zu sein" d. h. wesentlich nichts anderes als „Wurzel“, „Stoff“, aus dem die übrigen Verbalformen werden.

Ich kann allem dem nicht beipflichten. Als wahr aber müssen wir in Humboldts Ansicht eins anerkennen und davon

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wollen wir ausgehen -, dafs der Infinitiv „die ganze Verbalnatur beibehält", folglich „streng zum Verbum zu rechnen" und ,, als etwas vom Attributivum und Substantivum verschiedenes anzusehen“ ist. Die Schwierigkeit scheint mir in der That nur damit zu beginnen, dass wir fragen: was ist „die ganze Verbalnatur"? Denn etwas Nominales ist genau genommen ganz und gar nicht im Infinitiv. Niemand, denke ich, wenn er sagt: ich will essen, ich sehe blitzen; fühlt hier im Infinitiv auch nur eine Spur von nominalem Wesen. Der Deutsche konnte sich rücksichtlich des Infinitivs leicht täuschen. Unsere Sprache neigt zu Abstractionen, und die Substantiva sind den Abstractionen günstiger, als die Verba, in denen eine sinnlichere Natur liegt. Jedes Substantivum ist schon ein Abstractum, da es einen Artbegriff, ein Allgemeines, ein Ding an sich bezeichnet; die Natur des Verbums besteht gerade im Gegentheil darin, dieses Abstractum des Subjects in die unmittelbare Wirklichkeit zu versetzen. Der Infinitiv aber bietet sich mit Hülfe des Artikels leicht zur Abstraction dar, und der Deutsche hat davon einen so reichlichen Gebrauch gemacht, dafs er viel von der lebendigen verbalen Natur des Infinitivs aus seinem Sprachgefühl verloren hat. Im Französischen und noch mehr im Englischen hat sich der Infinitiv viel kräftiger erhalten. Indessen Sätze, wie

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die oben angeführten, lassen auch uns in unserer Sprache die volle verbale Lebendigkeit des Infinitivs fühlen.

Worin liegt nun also diese ganze Verbalnatur? Man irrt vollkommen, wenn man meint, in der Wurzel an sich liege auch nur im mindesten etwas von yerbaler Natur. Die Wurzel des Verbums laufen bedeutet zwar eine Thätigkeit oder Bewegung. Dies macht aber gar nicht die Verbalnatur aus. Die Wörter: Zweifel, Bewegung, Vorgang, Rede, Anziehung, Theilung, Fluss, Fall, das Sinken und Steigen, Lauf, Tanz, Schlaf, Hunger und Durst u. s. w. u. s. w. bezeichnen Vorgänge als vorgehend, Zustände als seiend und sind darum doch noch keine Verba. Die Wurzel von laufen ist also die Indifferenz von laufen, Lauf, Läufer, laufend, läuft, läufig, welche alle Thätigkeit und Bewegung ausdrücken. Die Wurzel von laufen ist ein Wort, wenn auch noch kein vollkommenes; sie bezeichnet wenigstens keine ganze Anschauung, sondern nur einen Theil davon, z. B. von der Anschauung eines laufenden Hundes. Diese Theilanschauung ist der Stoff einer Vorstellung. Die Form aber fehlt noch gänzlich. Darum hat die chinesische Sprache, welche blofs Wurzeln hat, keine Form. Der Unterschied zwischen Nomen und Verbum aber ist ein rein formaler und ist mit der Wurzel noch gar nicht gegeben. Die Wurzel wird also blofs durch die Form zum Nomen oder Verbum. Folglich hat die chinesische Sprache, die keine Form hat, kein Verbum, folglich keinen Infinitiv; und eben so wenig sind die Sanskritischen Wurzeln Infinitive, und die Infinitive blofs als Wörter bezeichnete Wurzeln; denn sie sind ja volle Verbalformen. Sie bezeichnen also auch nicht blofs „das reine Bewegen in der Zeit" und sind nicht „blofse, allgemeine und vage ausgedrückte Wahrnehmungen“; die Wurzeln sind dies allerdings, die Infinitive aber sind Verbalformen.

Was gehört denn nun aber zur Verbalnatur? Erstlich und vorzüglich Personal-Beziehung; d. h. dafs die Thätigkeit ausgesagt werde als Thätigkeit der redenden oder angeredeten oder besprochenen Person. Hieraus ergiebt sich nun zweitens, dafs die Thätigkeit dargestellt wird als die unmittelbar aus der Person fliefsende energische Kraftäufserung". Der Satz: die Rose blüht sagt nicht aus, man urtheile dem Begriffe Rose den Begriff blühen zu; sondern er stellt die Thätigkeit des Blühens als die Energie der Rose dar, reifst aber damit zugleich unsere Vorstellung Rose heraus aus der Abstraction, wie wir

sie im Kopfe tragen, versetzt sie in die Wirklichkeit hinein, stellt sie unserm instinctiven Selbstbewusstsein zur Anschauung vor, als die gemäfs ihrer Energie blühende. Wenn Herbart, wie wie oben (S. 171) sahen, bemerkt: „in dem Urtheile: diese Begebenheit ist erfreulich" (oder gar: erfreut mich sehr) „wird niemand die Eigenschaft zu erfreuen für eine zum Ereignisse selbst gehörige, ihm eigentlich inhärirende Bestimmung" (oder aus ihm fliessende energische Handlung) „halten, da sich dieselbe blofs auf subjective Gefühle bezieht": so antworten wir, dafs dies kein Logiker und Metaphysiker thun wird; das instinctive oder vorstellende oder sprachliche Selbstbewusstsein aber thut es allerdings; es belebt im Verbum jedes Subject und theilt ihm handelnde Kraft zu. Hieraus ergiebt sich drittens, dafs das Verbum, und zwar es allein, energisch genug ist, um die prädicative Aussage zu enthalten und den Satz zu bilden.

Messen wir hieran den Infinitiv und die Participien und Gerundien: so fehlt ihnen, um mit dem scheinbar Zweifellosen zu beginnen, das dritte Merkmal: sie enthalten die prädicative Aussage nicht. Gleichwohl, und das ist mindestens eben so sicher, fehlt es ihnen nicht an der vollen verbalen Energie. Nun behaupte ich aber, und dieser Punkt entscheidet, dafs ihnen die Personalbeziehung nicht fehlt. Sie liegt in ihnen nur versteckt, weil in einer andern Form, als im Verbum finitum: in diesem nämlich liegt sie in finiter, bestimmter Weise, d. h. bestimmt als erste oder zweite oder dritte Person, im Infinitiv aber und den Participien und Gerundien in infiniter, unbestimmter Weise als Beziehung auf Persönlichkeit überhaupt, gleichgültig dagegen, ob es die erste, zweite oder dritte Person ist. Daher kann der Infinitiv nur da stehen, wo keine Zweideutigkeit Statt hat, kein Zweifel darüber möglich ist, auf welche Person er sich beziehe. Ich will essen bedeutet also volo ut comedam. Der Infinitiv drückt energisch die Personalbeziehung aus; und weil es sich von selbst versteht, dafs die Person, auf welche er sich bezieht, im Beispiele die erste ist, so genügt er vollkommen. Soll aber gesagt werden volo ut comedas, comedat, so kann nicht gesagt werden: ich will essen, weil eben nicht zu ersehen wäre, auf welche Person sich der Infinitiv beziehen solle.

Der Infinitiv steht daher in substantivischen Nebensätzen, wenn sie dasselbe Subject wie der Hauptsatz haben: ich fürchte zu fallen; ich fürchte, dafs du fällst. Hier ist sicherlich zu

fallen nicht weniger verbaler Natur als: dafs du fällst. Umgekehrt: du fürchtest zu fallen; du fürchtest, dass ich falle. Hieran schliefst sich der Accusativus cum Infinitivo, wo sogar bei verändertem Subjecte das Verbum im Infinitiv steht, weil die Personalbeziehung durch den dabei stehenden Accusativ zweifellos gemacht wird. Ich sehe daher nicht im mindesten ein, mit welchem Rechte behauptet worden ist: „Wenn ich sage: ich sehe den Menschen gehen“ (hier fühlen auch wir noch lebendig den Accusativ cum inf.) „sondere ich allerdings das Merkmal des Gehens an dem Menschen ab". Hier wird gehen“ nicht mehr von „den Menschen" abgesondert, als wenn ich sage: der Mensch geht; es wird nämlich nur insofern abgesondert, als es eine aus der Totalität der Anschauung des gehenden Menschen abgelöste Vorstellung ist. Diese Absonderung ist nothwendig; denn auf ihr beruht der Process der Bildung der Vorstellung, also der Sprache selbst. Die Absonderung wird aber nur gesetzt, um sogleich wieder aufgehoben zu werden; dies geschieht in geht durch die bestimmte Personalbeziehung, in gehen durch die zwar unbestimmte, aber darum nicht minder kräftige, Personalbeziehung. Der Accusativ c. inf. läfst sich als Attraction auffassen. Ich sehe den Menschen gehen bedeutet ganz dasselbe, wie ich sehe das: der Mensch geht (ich sehe, dafs der Mensch geht; statt des Accusativs das setzt man das Subject des erklärenden Satzes in den Accusativ. Hierdurch verliert der erklärende Satz seine Selbständigkeit; er wird in den Hauptsatz hineingezogen. Folglich mufs sein Verbum, sein Prädicat seine satzbildende Kraft verlieren, aber nicht seine prädicative; dies wird erreicht, indem die finite Personalbeziehung in die infinite verwandelt wird.

Selbst in den Fällen, wo der Infinitiv als Subject steht, wie: irren ist menschlich ist der Infinitiv verbal und nicht nominal; denn hier bezieht sich der Infinitiv auf die allgemeine Person man, und ist ein Satzverhältnifs oder ein abgekürzter Satz, gleich: dafs man irrt. Man vergleiche: irren ist mensch

lich mit: der Irrthum ist menschlich.

Die Bedeutung des Infinitivs läge also darin: mit voller verbaler Energie begabt zu sein, zwar nicht finite, aber doch infinite Personalbeziehung zu bezeichnen, zwar nicht satzbildende, aber dennoch prädicative Kraft zu haben. Er ist mithin durchaus verbal, und vorzüglich geeignet, abhängige, unselbständige

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Sätze zu bilden, Zwitterdinge zwischen Sätzen und Satzverhältnissen. Die unbestimmte Personalbeziehung aber verwischt sich leicht; tritt noch der Artikel hinzu, so schwindet sie gänzlich und damit die ganze verbale Natur, und es bleibt blofs die Bedeutung der Wurzel, die Thätigkeit als abstractes Substantivum.

Die Participia sind nicht minder rein verbal, aber ebenfalls nur mit infiniter Personalbeziehung; jedoch ist das Participium dadurch vom Infinitiv geschieden, dass es nicht prädicative, sondern nur noch attributive Kraft hat; vom Adjectivum aber hinwiederum durch seine verbale Energie. Die Gerundia endlich und die absoluten Participien im Genitiv oder Ablativ, ebenfalls mit infiniter Personalbeziehung, bezeichnen die objective Aussage, aber energischer, als blosse Adverbia. Participia und Gerundia verhalten sich zum attributiven Adjectivum und objectiven Adverbium, wie das Verbum finitum zum prädicativen Adjectivum mit ist.

Die verbale Kraft des Infinitivs ist also zwar rein, aber schwächer, als die der finiten Formen; immer noch rein, aber noch schwächer, als im Infinitiv, ist die Verbalkraft im Participium und Gerundium; denn jener konnte noch ein Prädicat, diese können nur ein Attribut und ein Object darstellen. Aber auch in den letztern ist die verbale Energie noch so grofs, dafs sie nicht ein einfaches Satzverhältnifs, sondern einen untergeordneten, vom Hautptsatze attrahirten Nebensatz darstellen.*).

C. Verschiedenheit der Sprachen.

Wir haben versucht, die Sprache überhaupt entstehen zu sehen, in ihrem Entstehen ihr Wesen und Wirken zu erkennen, aus ihrem Wesen die Principien der Grammatik abzuleiten, und nach diesen Principien einige Hauptpunkte derselben zu ergrün

*) Die obige Darstellung macht nicht den Anspruch, das Wesen des Infinitivs erschöpfend zu behandeln, noch weniger die Untersuchungen darüber definitiv abzuschliefsen eine thörichte Anmafsung, die mir überall fern bleibt. Ich beabsichtige, sobald ich in eine freiere Lage komme, dem Infinitiv eine Monographie zu widmen, in welcher ich seine Verhältnisse vollständiger darzustellen, durch möglichst viele Sprachen zu verfolgen gedenke, und ihn in seinem Wesen dann auch tiefer zu erfassen hoffe.

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