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Hegelianismus, Straussianismus, Lichtfreundthum u. 8. W. völlig unterschiedslos beide Kirchengemeinschaften durchdrang, völlig unterschiedslos beide zum mannhaften Gegenkampfe gedrungen hat, wie dann selbst auch so auf reformirtem Boden der ächt historischen und sogar doctrinell ächt lutherischen Stimmen nicht wenigere sich erhoben haben, als auf lutherischem: das kann ja auch das blödeste Auge nicht verkennen. Noch unverkennbarer selbst ist die Gemeinschaft beider protestantischen Kirchen auf blos theologisch - literarischem Gebiet; denn auf ihm theilte man augensichtlich briiderlich von Anfang, und absolute Gütergemeinschaft ist daraus geworden. So hat die äussere und innere geschichtliche Entwicklung des Protestantismus – abgesehen selbst von allen besonders veranstalteten Unionshandlungen, deren ununterbrochene Reihe doch auch am wenigsten ohne tiefe Bedeutung ist – so hat sie auf eine Verbündung beider protestantischen Kirchentheile hingeleitet; ein Bund, der weder von lutherischer, noch von reformirter Seite dermalen anders würde gehemmt werden können, als durch gewaltsame Abkehr des Blicks von dem historisch Vorhandenen, als durch gewaltsam, und dann doch vergeblich, versuchte Rücklenkung der Strömung der Zeit und der Geschichte, kurz als durch Separatismus von dem grossen kirchlichen Ganzen. Wie viele Landeskirchen auch den lutherischen, den reformirten Namen sich dauernd bewahrt haben: innerlich ist der Geist einer Gemeinschaft, der Geist des gemeinsamen Leides und der gemeinsamen Freude, in alle gedrungen, Sachsen, Bayern, Scandinavien so wenig ausgenommen, als die reformirten Kirchen der Schweiz, Frankreichs, Hollands, Grossbritanniens; und auch äusserlich, obwohl die reformirte und lutherische Cultusform vielfach geschieden stehen, auch äusserlich ist das Land und Volk nicht aufzuweisen, wo die alte bewahrte Form noch durch den alten streng ausschliessenden Geist belebt würde. So ist Conföderation denn allerdings ein Resultat kirchengeschichtlicher Entwicklung; und ibm Ohr und Herz verschliessen, hiesse das nicht wider den Stachel locken und wider Gott streiten?

Auf solchem Wege will ein Neues in der Kirche unserer Zeit geboren werden; die geistlichen Geburtswehen zeugen. Und dies Neue, wenn es dann nur (was ja freilich nothwendig) nicht etwa von neuem, dem verkommenen Aelteren gleich, unterm Hütlein spielend zweideutig und illusorisch, sondern auf offener, ehrlicher, das Frühere nicht beschönigender, sondern verwerfender und rectificirender kirchenrechtlicher Basis an uns herantritt, wenn es nur wirklich (woran ja freilich annoch gar viel fehlt) Luft und Erde nach allen Seiten den

Kämpfern gerecht vertheilt, dies Neue wolle von Jedwedem denn nicht gehemmt, sondern frisch, frei und muthig gefördert werden. Die lutherische Confession innerhalb solcher Conföderation, wir verhehlen es uns keinesweges, wird allerdings ein noch gar schwaches und zartes Pflänzlein seyn, schwächer als wo sie etwa auf günstigem Boden in ihrer Besonderung für sich allein steht. Schwäche aber ist doch nicht Krankheit. Ist darin das evangelische heilskräftige Grundwort (in all seiner Bestimmtheit, wenn auch nicht in all seiner Consequenz) wirklich das gemeinsam autorisirte und sanctionirte, ja eben dies Grundwort als solches selbst das allein berechtigte und geheiligte, und wäre, im natürlichen und nothwendigen Fortschreiten, dann selbst nicht blos dem Princip, sondern auch der vollen Consequenz des Princips in Theorie und Praxis alles kirchlich confessionelle Sonder - Recht, alle gerechte Freiheit confessioneller Entwicklung gewährt, ob auch nur erst sicher angebahnt: so hat sie, die lutherische Confession in jener ihrer Schwäche, dennoch die volle Freiheit nicht blos, sondern auch die volle Garantie des fröhlichsten Aufwachsens, bethauet von dem Glaubensgebet der Gemeine und dem Arbeitssegen der Wissenschaft. Ja sie hat fürwahr das Prognostikon dann eines fröblicheren ächteren Gedeihens, als für nicht in dieser Weise schwache, aber von dem wahren lutherischen Central punkte hinweggerückte lutherische Gemeinschaften es gestellt werden könnte; für Gemeinschaften, die ja gewiss ein zur Zeit nothwendiges Element bilden für allseitig ökumenische Darstellung protestantischer Kirchen - Bildung und - Entwicklung zu einem dereinstigen (Gott gebe nicht allzu fernen) Zusammenschluss aller wahrhaft protestantischen Lebeuskräfte dem zwiegestalteten feindlichen Ungethümscoloss gegenüber, deren gesicherter Fortbestand also im objectiven Interesse eines wahren ökumenischen Lutherthums, und nimmermehr blos folienartig, wie gleichzeitig im subjectiven hochachtbarer Gemeinschaftsglieder nur gewünscht, denen aber freilich gedeihliche Entwicklung nicht versprochen werden kann, sofern sie einerseits an die Stelle der centralen Bezeugung der einigen grundlegend heilskräftigen Lebensmacht nur unbedingt nothwendige Bezeugung einzelner, wenu auch in sich noch so wichtiger, doch immer untergeordneter, ja – im Artikel von der Kirche – fundamental verschobener, confessioneller Differenzlehren, namentlich in Bezug auf die glaubensverwandtere reformirte Confession, oder andererseits, und im Zusammenhang damit, wohl gar, bei tiefem grauenhaften Schweigen über die wahre Herrlichkeit evangelischer Gemeinen, Zeitschr. f. luth. Theol. III. 1852.

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an die Stelle des Herrlichsten und Erhebendsten, was das airsprüngliche Lutherthum batte, das Verkrüppeliste, was ein verkommenes dafür nahm, eine aus dem Papismus erborgle Irrlehre von clericalem Vormund-, Richter - und Herrscherstande, zu setzen sich bestreben. Gerade diese beiden Abwege und Auswüchse aber, einseitige, auf Vereinzeltes gesteiste Confessionalität, wie Hierarchie päpstelnden Kirchenthums, würden fürwahr dann eben im Schoosse eines freieren Lutherthums, durch eine gesunde und gerechte Conföderation der beiden protestantischen Theile', am sichersten abgeschnitten werden und seyn; und es dürfte somit schwer verantwortlich eischeinen, dieser Entwicklungsströmung der Zeit den Rücken zu wenden, um in engste Kreise eines äusserer und innerer Verkümmerung so leicht verfallenen, weil sich hermetisch verschliessenden und absperrenden, Kirchleins Luthers Geist und Macht, wärs möglich, cinpferchend bannen zu wollen, stalt den weitherzigeren Wegen eines weitherzigen Herrn und Führers nachzugehen, und das wirklich allein selig machende Wort hinströmen zu lassen über ein ganzes lechzendes Land und Volk.

Aller weiteren Anwendung des Gesagten auf speciellere Verhältnisse entschlagen wir uns für jetzt. Etwaige Einrede und Angriff wird uns gerüstet liuden.

Nur Eine Frage nun noch zum Schluss, aus der Seele nicht des Schreibers, sondern des Lesers, die Frage, wir denn gerade von dieser Stelle aus das Banner der Milde und Versöhnung erhoben und entsaltet werden mochte. - Wer die Verhältuisse nüchtern erwägt, der bedarf wohl nicht einmal der Antwort.

Wenn eines der geringsten Werkzeuge zur Wahrheitsbe: zeugung seit mehr als 2 Jahrzehenden in den vordersten Reihen um das gefährdete Palladium erkannter protestantischer Wahrheit mit gestritten hat; wenn er, durch gute und böse Gerüchte, durch Freud und Leid, auch durch emplindlichsten Pfahl im Fleisch unbeirrt, fort und fort in dieser Einen Richtung gewandelt ist, nur in örtlich eigenthümlich erschwerter Praxis seines Dienstes, um nirgends einen Segen zu verderben, verschiedentlich, theils nach freierer', theils nach been: terer Seite hin *), theils in weiteren, theils in engeren Schrantken, ein auch äusserlich Festes gesucht hat, die aller Welt offenen weiten Schranken aber vor ihm sich doch hat verschliessen, die engen zur Erstickung wabihast Lutherscher Geistesfreiheit vor ihm sich hat zusammenschrauben sehen; wenn er, hoffend, harrend, ringend, auch von engsten Schramken umschlossen nie aufgehört hat, weit über sie hinaus zu zeugen, nie aufgehört, auch die Schäden und Leiden der grossen protestantisch kirchlichen Gesammtheit zu fühlen, zu beklagen, was an ihm war zu bessern, als die seinen : sollte es da wohl befremden, dass sich auch hier bewährt, was der Mund der Wahrheit selbst gesprochen (Luc. 5, 39), und was darum nie sich entwährt: ó nahuiós zenotótapós {otiv?

*) Ersteres am gipfelndsten in der angeführten Schrift „Die rechte Union“ aus dem J. 1843 ; letzteres einmal 1835, nach erfahrner herbster Abweisung von der Thür der staatskirchlichen Herrin, das andere Mal 1848 in damals ebenso natürlicher Hofl'. nungslosigkeit auf gesunden landeskirchlichen Fortschritt, als pr. neuter Hoffnung auf nunmehrige wahre Genesung der kleineren getrennten Gemeinschaft, eine Hoffnungslusigkeit und Hoffnung, welche bald beide getäuscht wurden.

Ist es erlanbt, wenn auch nur in einem Bezug, sehr Kleines mit sehr Grossem, wie zu einem Trost und einer Rechtfertigung, zu vergleichen, - auch in einem Tertul. lian dereinst (bei dem es sich dann ja freilich um eine eigentliche, nicht um eine noch nicht einmal uneigentliche Secte handelt), auch in einem Tertullian stand „ ein Maass von katholischer Kirchlichkeit, eine Weite des inneren Lebens“ in Widerspruch mit dem Ausgang der Geschichte einer mit Liebesfeuer umarmten Gemeinschaft, mit ihrem Verfall zur Secte; das sectirische Ziel, kaum von ihm gewonnen, machte sein Unbefriedigendes ihm erst recht fühlbar; „er war zu sehr ein Vater der Kirche,“ um als ein Sectenhäuptling sich wohl zu fühlen; der Zwiespalt seines Lebens ward durch die enge Verzäunung also nicht beschwichtigt, nur neu erregt; tiefe Sehnsucht nach der Darstellung „ einer wahren Geistes kirche, nicht einer blossen Geistes secte auf Erden“ glühte in ihm auf und begleitete ihn fort durch die letzten Jahre seines Lebens; die Arbeit seines Lebens ist denn auch unversöhnt geblieben, und erst in einem 200 Jahre späteren Siege des weitherzigeren Elements in den Seinen, denen er dies gelassen, über das schismatische, dem er selbst erlegen, hat sie ihr Ziel gefunden *). Wohl hat alsdann die Arbeit des grossen Kirchenlehrers, des tragischen Urpropheten der Reformation, sich fortgesetzt, unendlich grossartiger und vollendender fortgesetzt mehr als ein Jahrtausend darnach in den Kämpfen und Siegen unserer Reformation: eine neue solche Reformation indess ist hinfort für uns, dass auch die Arbeit unsers Lebens nicht unversöhnt bleibe, wohl schwerlich je zu erwarten, und nur zu einer das eigne Selbst revidirenden und reformirenden retractatio wird es stets eher zu spät, als zu früh seyn.

*) Vyl. K. Hesselberg Tertullian. Dorp. 1848. gegen den Schluss hin.

Wer sind die Vollstrecker des Strafgerichtes über Juda und
Jerusalem, von dem im Buche Micha die Rede ist? *)

Von
C. P. Caspari.

Es ist eine doppelte Antwort auf diese Frage möglich. Die Vollstrecker des Strafgerichts über das jüdische Volk, von dem Micha in 1, 8-16. 2, 4. 10. 3, 12. 4, 9 f. und an andern Stellen des Buches redet, können die Assyrier, es können dieselben auch die Babylonier sein **). Welche von Beiden sind es nun wirklich ?

Dafür dass dieselben die Babylonier sind, lässt sich vor Allem 4, 10 anführen. Hier wird ja geradezu Babylon als der Ort bezeichnet, wohin das jüdische Volk gefangen gefübrt werden, wo es eine Zeit lang in der Gefangenschaft leben und wo jhm Errettung aus derselben widerfahren soll. Für Ebendasselbe lässt sich ferner geltend machen, dass, während Micha verkündigt, die Strafgerichtswerkzeuge, von denen er redet, würden das jüdische Volk in die Gefangenschaft führen, dem israelitischen Königstbume ein Ende machen und Jerusalem und den Tempel zerstören (1, 11. 15. 16. 2, 12 f. 4, 6 f. 10; 4, 9; 1, 9. 12. 3, 12), Jesaja dagegen von den ersten Jahren des Ahas an ***) beständig und

*) Aus des Verfassers Universitätsschrift: Ueber Micha den Morasthiten und seine prophetische Schrift. Ein monographischer Beitrag zur Geschichte des alttestamentlichen Schriftthums und zur Auslegung des Buches Micha. Erste Hälfte. Christiania 1851. Der nachfolgende Abdruck hat mehrere zum Theil nicht unwesentliche Verbesserungen und Zusätze erhalten.

**) Die Babylonier sind dieselben z. B. nach Hengstenberg, Beitr. I, S. 186 und Christologie des A. Test.'s III, S. 256 if. 285, und Hävernick, Einl. in das A. Test. II, 2, S. 82 f. 369, welche beide Mich. 4, 10 neben Jes. 39, 6. 7 als Beweis für die Aechtheit der in das babylonische Exil versetzten Theile des Biches Jesaja benutzen; die Assyrier sind dieselben nach den neusten Erklärern der kleinen Propheten, 80 wie nach Hofmann Weiss. 11. Erfüll. ), S. 244 f., 1. A.

***) Auch schon vorher, in den letzten Jahren Usia's, seiner ersten Weissagungsepoche, zu einer Zeit, wo die Assyrier noch in keine Beziehung zu Joda getreten waren, deutete Jesaja an, dass Jerusalem bei dem Strafgerichte, das Juda für seine Sünden tref. fen müsste, verschont bleiben würde (s. Jes. 1, 8 und vgl meine Beitrr. zur Einl. in das Buch Jesaja S. 198 f.). ,Dass die Macht der Feinde, die Gott über Juda zur Strafe für seinen Abfall bringen werde, nachdem sie das ganze Land verheert an Jerusalem sich brechen werde, ist ein Grundgedanke der jcsajanischen Weis. sagung von Anfang an" (a. a. 0. Š. 199).

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