Friedrichs von Schiller sämmtliche Werke: Prosaische Schriften der ersten[-zweyten] Periode

In der J.G. Cotta'schen Buchhandlung, 1824

 - 

.

41 - Dichter unter sich einig werden und einen festen Bund zu diesem Endzweck errichten wollten - wenn strenge Auswahl ihre Arbeiten leitete, ihr Pinsel nur Volksgegenständen sich weihte - mit einem Wort, wenn wir es erlebten, eine Nationalbhne zu haben, so wrden wir auch eine Nation.
50 - Man hat das Erdreich des Vesuvs untersucht, sich die Entstehung seines Brandes zu erklären; warum schenkt man einer moralischen Erscheinung weniger Aufmerksamkeit als einer physischen? Warum achtet man nicht in eben dem Grade auf die Beschaffenheit und Stellung der Dinge, welche einen solchen Menschen umgaben, bis der gesammelte Zunder in seinem Inwendigen Feuer fing?
43 - Natur! wenn Menschen aus allen Kreisen und Zonen und Ständen, abgeworfen jede Fessel der Knstelei und der Mode, herausgerissen aus jedem Drange des Schicksals, durch eine allwebende Sympathie verbrdert, in ein Geschlecht wieder aufgelöst, ihrer selbst und der Welt vergessen und ihrem himmlischen Ursprung sich nähern. Jeder einzelne genießt die Entzckungen aller, die verstärkt und verschönert aus hundert Augen auf ihn zurckfallen, und seine Brust gibt jetzt nur einer Empfindung Raum...
399 - Diese meine ich, daß man sich in moralischen Dingen nicht ohne Gefahr von dem natrlichen praktischen Gefhl entfernt, um sich zu allgemeinen Abstraktionen zu erheben, daß sich der Mensch weit sicherer den Eingebungen seines Herzens oder dem schnell gegenwärtigen und individuellen Gefhle von Recht und Unrecht vertraut, als der gefährlichen Leitung universeller Vernunftideen, die er sich knstlich erschaffen hat denn nichts fhrt zum Guten, was nicht natrlich ist.
235 - Gaukler ntzten diese allgemeine Neugier und setzten durch seltsame Vermummungen die gespannten Phantasien in Erstaunen. Eine tiefe Stille herrscht hinter dieser Decke; keiner, der einmal dahinter ist, antwortet hinter ihr hervor; alles, was man hörte, war ein hohler Widerschall der Frage, als ob man in eine Gruft gerufen hätte.
61 - Just das war der Mensch, den ich unter allen lebendigen Dingen am gräßlichsten haßte, und dieser Mensch war in die Gewalt meiner Kugel gegeben. In diesem Augenblick dnkte...
312 - Magnet in der Geisterwelt, die Quelle der Andacht und der erhabensten Tugend Liebe ist nur der Widerschein dieser einzigen Urkraft, eine Anziehung des Vortrefflichen, gegrndet auf einen augenblicklichen Tausch der Persönlichkeit, eine Verwechslung der Wesen.
234 - Zukunft! Ewige Ordnung! Nehmen wir hinweg, was der Mensch aus seiner eigenen Brust genommen und seiner eingebildeten Gottheit als Zweck, der Natur als Gesetz untergeschoben hat was bleibt uns dann brig? Was mir vorherging und was mir folgen wird, sehe ich als zwei schwarze undurchdringliche Decken an, die an beiden Grenzen des menschlichen Lebens herunterhangen und welche noch kein Lebender aufgezogen hat.
42 - Die Schaubhne ist die Stiftung, wo sich Vergngen mit Unterricht, Ruhe mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wo keine Kraft der Seele zum Nachteil der andern gespannt, kein Vergngen auf Unkosten des Ganzen genossen wird.
317 - Rcksicht auf eine belohnende Zukunft schließt die Liebe aus. Es muß eine Tugend geben, die auch ohne den Glauben an Unsterblichkeit auslangt, die, auch auf Gefahr der Vernichtung, das nämliche Opfer wirkt.