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Erste Vorlesung.

Einleitung. — Historischer Vcden. — Hcidenthum.

^Hs sind bereits achtzehn Jahre, daß ich es zum erstenmal wagte, öffentliche Vorlesungen vor einer größern gemischten Versammlung zu halten. Damals in einer politisch bewegten Zeit schien es mir nothwendig, die Gemüther von dem bloßen Gewirre der Gegenwart abzuziehen und ihnen ein großes Bild der Vergangenheit vorzuführen, an dem sie sich starken und erheben könnten: es sollte der Unterschied von Reformation und Revolution gezeigt, es sollten die leitenden Gesichtspunkte gewonnen werden, aus denen kirchliche wie politische Bewegungen zu beurtheilen sind. Dazu bot sich mir ungesucht das Zeitalter der Reformation dar, wobei ich namentlich mich auf die Reformation Deutschlands und der Schweiz beschränkte. Am Schlusse jener Vorlesungen stellte sich aber die einfache Thatsache heraus, daß das Wesen der Reformation und des evangelischen Protestantismus erst ganz und vollkommen erkannt werden könne, wenn auch die weitere Entwicklung des protestantischen Princips, das in der Geschichte. der Reformation niedergelegt ist, ins Auge gefaßt wird, und so führte mich dich in spätern Wintern auf weitere Vorlesungen, in denen ich eben diese Entwicklung darstellte und damit bis nahe an die Gegenwart heranrückte. Dann trat eine neunjährige Pause ein. Während derselben hat sich auf dem politischen wie auf dem kirchlichen Gebiete manches ereignet, das Stoff zu weitern Vorträgen bieten könnte: allein diese neuesten Ereignisse sind, wie jeder einsieht,

Hagentach, Vorlesungen II. 1

von der Art, daß eine ruhige Zusammenfassung derselben in ein historisches Bilr kaum zu erreichen ist. Wir stehen noch viel zu sehr im Fluß der Begebenheiten drin, als daß eine geschichtliche Darstellung möglich wäre. Nur das wieder zu erzählen, was seit zehn Jahren die Zeitungen gemeldet, das könnte wohl kaum in meiner Absicht liegen: Vieles von dem, was im Augenblick Aufsehen erregt, gehört schon jetzt zu den Antiquitäten. Aus all diesen Währungen und Bewegungen heraus aber das eigentliche vorwärts treibende Moment herauszugreifen, es zu beleuchten, es von falschen, sowohl revolutionären, als reactionären Elementen zu unterscheiden, wäre freilich eine schöne, würdige Aufgabe: allein dazu bedürfte es eines Seherblickes, den ich mir nicht zutraue. Ich glaube von Herzen an eine Zukunft der Kirche: aber eine Kirche der Zukunft Jhnen vor Augen zu stellen, hielte ich für ein gewagtes Unternehmen. Dieß der Grund, warum ich die öfters an mich ergangene Aufforderung, noch eine Fortsetzung der bisherigen Vorlesungen, d. h. eine allerneueste Kirchengeschichte, eine Kirchengeschichte der Gegenwart zu geben, in der schon die nächste Zukunft liegt, immer wieder habe ablehnen müssen, und wenn ich auch nicht zweifle, daß einst der Augenblick kommen wird, da eine solche Darstellung am Platz sein würde, so bin ich überzeugt, daß dannzumal sich andere und jüngere Kräfte zu dieser Arbeit sinden werden. Einstweilen glaubte ich das Richtige zu wählen, wenn ich, statt die unmittelbare Gegenwart zu beleuchten, in die Vergangenheit und zwar auf den ersten Ursprung der Kirche Christi und die ersten Jahrhunderte ihrer Geschichte zurück ginge. Jch muß bitten, diese Wahl nicht als eine bloße Wahl der Verlegenheit, nicht als eine Flucht anzufehen aus der Gegenwart und ihren Jnteressen heraus in eine längst entlegene Zeil Jhnen bloß alte Geschichten zu erzählen, die mit unserer Zeit, mit den Bedürfnissen unseres Geistes und unseres Herzens in keiner nähern Berührung ständen, nein! dazu hätte ich mich eben so wenig entschließen können, als mich zum Propheten der Zukuns auszuwerfen. Die Zeit, in der wir leben, ist zu reich an Beziehungen, an Gegensätzen und Kämpfen jeder Art, als daß man sie ignoriren könnte, und sie bloß auf Augenblicke vergessen, das wäre doch ein gar zu negativer Trost. Vielmehr glaube ich, dch auch die gegenwärtigen Vorlesungen, die ich Jhnen anbiete, über die drei ersten Jahrhunderte der Kirchengeschichte einen positiven Trost, eine Quelle der Erholung, der Ermunterung, der Erfrischung in sich schließen, aus der sich auch Vieles für die Gegenwart schöpfen läßt. Wenn es unter uns, die wir hier versammelt sind, wie ich voraussetzen darf, allgemein zugestanden wird, daß das Heil unserer Zeit und der Balsam für die Wunden, die sie geschlagen hat, im Christenthum zu suchen ist, so wird auckv muffen zugestanden werden, daß nur die genauere Kenntniß des Christenthums uns in den Stand setzt, dieses Heil vollkommen zu würdigen und seine Wirkungen am rechten Orte zu suchen. Nun ist allerdings wahr, daß die Kenntniß des Christenthums in erster Linie zu schöpfen ist aus den heiligen Urkunden dieser Religion selbst, aus der Bibel, namentlich aus der Bibel des neuen Testamentes. Die Aufmerksamkeit, die auch heutzutage wieder der Bibel, auch von Seite der Gebildeten geschenkt wird, spricht eben für das vorhandene Vedürfniß, über diese Quelle des Heils mit sich in's Klare zu kommen. Jndessen liegt zwischen der Bibel und uns eine Geschichte von achtzehn Jahrhunderten, die wir nicht ohne Weiteres überspringen und vergessen können, als wäre sie nicht vorhanden. Vielmehr soll diese Geschichte uns die Kluft ausfüllen zwischen der apostolischen Zeit und der unfrigen; sie soll uns manches vermitteln helfen, das uns sonst unverstanden bleibt; sie soll, mit einem Wort, die Brücke bilden zwischen der Bibel und uns. Einen wichtigen, und ich möchte sagen den solidesten Theil dieser Brücke bilden die ersten drei Iahrbunderte, die Zeit, die noch von den apostolischen Erinnerungen lebte, die Zeit, da die Kirche unabhängig vom Staat auf eigenen Füßen stand, da sie jeden Fußbreit Boden sich mit dem Blut ihrer Märlyrer erkämpfen mußte, die Zeit, da'sie, ihrem Meister ähnlich, nicht hatte, wohin sie ihr Haupt lege, da sie vom Almosen der Gläubigen lebte und auf den Gräbern der Märtyrer ihre Andacht feierte; die Zeit der ersten Jugendfrische, der ersten Liebe und Begeisterung. So verschieden nun auch unsere heutigen kirchlichen Zustände von denen der ersten Jahrhunderte sind, so wird sich doch so manches aus ihnen erklären, so manches auf sie zurückführen lassen, das noch unter uns lebt und unter uns seine Geltung hat. Aber auch das, was uns fremdartig berührt, wird schon um des Gegensatzes willen von Bedeutung sein, und wenn vollends dem Menschen ein Gut um so lieber wird, je mehr es Kämpft gekostet hat, es zu erringen und zu bewahren, so mag auch die Geschichte der Kirche und gerade die Geschichte der ersten Jahrhunderte uns zeigen, mit welchen Opfern die Ueberzeugung und die Jnstitutionen erkauft worden sind, die jetzt die Grundlagen des öffentlichen wie des häuslichen Wohls bilden. — Und so hoffe ich denn, daß Sie in diesen Vorträgen nicht nur eine fluchtige Unterhaltung, auch nicht nur eine trockene Belehrung, sondern, wenn auch nicht eine ausschließliche Erbauung (was wiederum nicht der Zweck solcher Vortrage sein kann), so doch eine allseitige Anregung des geistigen Lebens, einen würdigen Gegenstand der Betrachtung und des Nachdenkens, eine Quelle religiöser Erhebung und sittlicher Begeisterung sinden werden. Und so lassen Sie uns mit Gott den Anfang machen.

Wenn aller Anfang schwer ist, so ist es auch der Anfang der Kirchengeschichte, schon darum, weil die Bestimmung des Anfangs der Kirche eine der schwierigsten ist. Wann hat die Kirche begonnen zu sein? Die Einen sagen, die Kirche ist so alt wie die Welt; denn der erste Bund Gottes mit den Menschen ist der erste Grundstein zur Kirche, und so reden sie auch von einer Kirche des alten Testamentes, von einer Kirche der Patriarchen, der Propheten u. s. w. Dagegen sagen die Andern, und wohl mit Recht, die Religionsverfassung des alten Bundes mag wohl als der Vorhof zur Kirche betrachtet werden; aber erst Christus, der Stifter des neuen Bundes, ist auch der Stifter der Kirche, und außer der christlichen Kirche kommt keiner andern Religionsgemeinschaft diese Benennung zu. Aber auch da fragt sich wieder: ist die Kirche wirklich mit Christus in die Welt getreten? Hat er sie nicht, wenigstens der Jdee nach, schon in sich getragen? weissagend in seinem Geiste? liebend in seinem Herzen? schöpferisch wirkend und gestaltend in seinem Willen? ja dürfen wir nicht die Liebesgemeinschaft, in der er mit seinen Jüngern lebte, schon den Anfang der realen, der wirklichen Kirche nennen? Wir können niemand wehren, dieß zu thun; aber wenn wir uns erinnern, wie der Herr in seinen Reden das Zusammensein mit seinen Jüngern so bestimmt unter

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