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Neunte Vorlesung.

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Das Christenthnm im Zeitalter der Antonine. — Angeblich/s Cdict del'
Antoninus Pins zu Gunsten der Christen. — Mark Aurel. — Christen-
Verfolgung in Kleinasien. — Polykarp. Sein Märtyrtod und sein Vries
an die Philipper. — Die le^io tulminatrix. — Christenverfolgung in
Gallien. — Schicksale der Christen unter den nächstfolgenden Kaisern.

Nachdem wir uns in der vorigen Stunde mit den häretischen, d. h. mit den vom Wahrheitsprincip des Christenthums nach der Rechten oder Linken abweichenden Erscheinungen auf dem Gebiete des Glaubens beschäftigt haben, wie sie uns seit dem Zeitalter Hadrians entgegentreten, einerseits nämlich mit den dürftigen, am jüdischen Gesetze haftenden Religionsbegriffen der Ebioniten, anderseits mit den phantastischen, aber für die Entwicklung des Christenthums keineswegs gleichgültigen Systemen der Gnostiker, kehren wir jetzt wieder zu den äußern Schicksalen der Christen unter den römischen Kaisern zurück. Auf den Kaiser Hadrian, der, wie wir das vorletzte Mal gesehen, die ungerechten Verfolgungen der Christen durch Verhaltungsbefehle an seine Statthalter beschränkte, während er die aufrührerischen Juden unter Bar Cochba auf's Empfindlichste demüthigte, folgte sein Adoptivsohn, der Gallier T. Aelius Hadrianus Antoninus Pius (der Fromme). Er regierte vom 10. Juli 138 bis zum 7. März 161; eine edle, sittliche Natur, ein friedliebender, weiser Regent, dessen ganzes Bestreben dahin ging, in friedlicher Verwaltung des Reiches die Wohlfahrt aller Stände zu befördern. Man hat ihn dem Numa verglichen, ihm den Raulen eines Vaters des Vaterlandes ertheilt. Wie er für oie Geringsten im Volke, für die Sklaven, für die Wittwen und Waisen, für die Armen und Unterdrückten überhaupt sorgte (sein Grundsatz war, lieber einen Bürger zu erhalten, als tausend Feinde zu tödten), so nahm er sich auch der bedrängten Christen an, gerade zu einer Zeit, als die Volkswuth am lautesten und am zudringlichsten ihre Verfolgung betrieb. Mehrere Unglücksfälle trafen in diesen Zeiten zusammen, welche diese Volkswuth gegen die Christen aufregten. Hungersnot!), Erdbeben, eine Feuersbrunst in Rom, bei welcher 340 Gehöfte (inzuwo) verbrannten, Austritt der Tiber und Ueberschwemmung — dazu noch andere seltsame Naturerscheinungen und Zeichen am Himmel wurden als göttliche Gerichte vernommen und gedeutet >). Aber wer sind die Feinde der Götter, die also ihren Zorn herausfordern? Wer anders als die Christen, die ihr Dafein bestreiten, ihre heiligen Namen lästern; ihrem Dienste sich entziehen und Andere von diesem Dienste abhalten. Darum fort mit diesen Götterfeinden, mit diesen Atheisten, die weder Altar noch Tempel haben und nur die Wolken verehren! — So brach denn namentlich in Achaia eine Verfolgung aus, in welcher ein christlicher Bischos Publius zu Athen um's Leben kam. Der Kaiser aber erließ ein Edict an die kleinasiatischen Landstände, in denen er diese Verfolgungen untersagte. Das Edict, das uns die Kirchenschriftsteller Justin und Euseb in ihren Schrifen aufbewahrt haben 2), lautet im Wesentlichen also: „M. Aurel Antoninus, Kaiser u. s. w., wünscht der afiatischen Ständeversammlung alles Wohlergehn. Jch weiß, daß die Götter selbst dafür sorgen, daß ihre Feinde nicht verborgen bleiben; denn sie könnten viel eher die strafen, die sie nicht anbeten wollen, als ihr. Jhr bestärkt sie (die Christen) vielmehr durch die Verfolgung in ihren Meinungen, und es kann ihnen nur erwünscht sein, wenn sie verklagt werden, zu zeigen, daß sie um ihres Gottes willen selbst den Tod dem Leben vorziehen. Was die Erdbeben betrifft, so könntet ihr an den Christen ein Beispiel nehmen, die ein weit größeres Vertrauen auf ihren Gott haben, während ihr den Dienst der Götter verabsäumt. Was verfolgt ihr also die Christen, weil sie Gott dienen? Schon mein Vater hat diese Art von Verfolgung verboten lind ich folgc hierin seinen Grundsätzen. Wenn jemand fortfahren sollte, einer dieser Leute zu beunruhigen, darum weil er ein Christ ist, so soll der Angeklagte von der Anklagt freigesprochen werden, wenn eö auch gleich offenbar ist, daß er zu den Christen gehört; hingegen der Angeber soll Strafe leiden. — Gegeben zu Ephesus bei der Ständeversammlung von Asien."

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Die neuere Kritik hat die Aechtheit dieses Edicts bestritten, und es mag allerdings auffallen, daß der Kaiser darin nicht nur die Unschuld der Christen heraushebt, sondern sie als die ächten und wahren Gottesverehrer rühmt und den Heiden sie sogar als Beispiel aufstellt. S o, sagt man, konnte nur ein Christ schreiben, nicht aber ein heidnischer Kaiser an seine heidnischen Unterthanen, auch wenn er noch so billig gegen die Christen gestimmt war. Und es hat dieser Einwand allerdings einigen Grund; es ist nichi unmöglich, daß ein Christ späterhin ein solches Edict dem Namen Antonins untergeschoben hat, weil das wirkliche Edict nicht mehr vorhanden war. Daß aber Antoninus überhaupt ein Cdict zu Gunsten der Christen erlafsen, wenn nicht das vorhin mitgetheiltc, so doch ein ähnliches, ist wohl aus andern Zeugnissen so gut als erwiesen 3). Wie viel es gefruchtet, wissen wir freilich nicht. Nur so viel ist gewiß, daß unter seinem Nachfolger und Adoptivsohn, Antoninus Philo sophus (Mark Aurel) die Verfolgungen mii neuer Heftigkeit ausbrachen.

Mark Aurel gehört nun freilich auch zu den edlern Gestalten, die uns in der römischen Kaisergeschichte begegnen. Jn seinen „Selbstbekenntnissen" 6), die noch auf uns gekommen sind, rühmt er es mit aufrichtigem Dank gegen die Götter, daß er von guten Großeltern, von trefflichen Eltern und eben so trefflichen Lehrern sei erzogen worden; sein Herz neigte sich frühe zur Weisheit, zur Selbstbeherrschung; er schloß sich an die stoische Philosophie an. Auch als Kaiser kennen wir ihn als einen Mann, der mitten

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2) Melito von Sardes beruft sich in einer Zuschrift an MarkAurcl auf ein VdKt seines Vaters. Gusch Kircheng. IV, 26.

unter den Waffen, mit denen er das Reich gegen äußere Feinde schützte, auch den inneren Feind in der eigenen Brust durch die Macht der Philosophie zu bezähmen suchte. Noch in vorgerückten Jahren arbeitete er gewissenhaft an seiner eigenen sittlichen Veredlung, wovon seine Selbstbekenntnisse ein schönes Zeugniß ablegen. Hohe Seelenruhe sich zu bewahren unter allen Wechselfällen des Lebens, aufrichtig zu sein gegen sich selbst, gerecht und milde gegen Andere, in allen Dingen das rechte Maaß zu bewahren, und der Stimme Gottes zu folgen im Gewissen, unbeirrt von der Menscheu Lob und Tadel, das waren die großen und edeln Forderungen, die Mark Aurel unabläßlich an sich selbst stellte. Dabei war sein Auge immer gerichtet auf die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit dieses Lebens und auf das Ende der Dinge, damit er nicht unwürdig vom "Tode sich überraschen lasse, sondern willig folge, wenn die Götter ihn vom Schauplatze abrufen. „Sei dem Felsen im Meere gleich, so ruft er sich unter anderm zu°), an den die Wellen des Meeres anschlagen, der aber unbeweglich bleibt und die Fluthen um ihn her ftnftigt und beschwichtigt." Diesen allgemeinen Grundsätzen entsprechen auch seine Regierungsmarime». Sich hinzugeben dem Wohl des Staates, allen Privatvergnügen, aller Bequemlichkeit zu entsageu, um allein zu thun, was dieses fordert, war sein aufrichtiges Streben; denn nicht zum Genusse sei der Mensch geboren, sondern zur Arbeit und zur Wirksamkeit an den, Orte, dahin ihn Gott gestellt hat°). So war denn auch seine Regierung, wie die seines Vaters, durch Milde und Gerechtigkeit ausgezeichnet, so daß die Geschichtschreiber voll seines Lobes sind. Und doch — finden wir eben diesen Mann in der Reihe der Christenverfolger, und die beiden Verfolgungen in Klein-Asien und Gallien, die unter seiner Regierung ausbrachen, gehören sogar zu den blutigsten, deren die Geschichte erwähntSic wurden zwar nicht unmittelbar vom Kaiser angeordnet. Vielmehr waren es auch hier die noch immer andauernden Unglücksfälle im römischen Reiche, welche den heidnischen Fanatismus der Volksmafsen gegen die Christen aufregten. Aber wie kommt es, daß

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Mark Aurel nicht eben so wie sein erlauchter Vater diesen Fanatismus beschwichtigte? Man könnte versucht sein, zu denken, die stoische Philosophie, der er huldigte, hätte ihm sollen gebieten, gegen solche leidenschaftliche Aufregungen einzuschreiten, ja sie hätte ihn veranlassen sollen, das Christenthum selbst nach seinem Jnhalte zu prüfen; oder wie hätte nicht ein Mann, wie Mark Aurel, bei seinem sittlichen Ernste, bei seiner Empfänglichkeit für alles Schöne und Gute, eine Religion willkommen heißen sollen, die so viele Uebereinstimmung mit seinem eigenen sittlichen Streben zeigte, ja eben diesem sittlichen Streben erst den rechten Halt gegeben hätte? Gewiß, so weit unser menschliches Urtheil hier ein gerechtes sein kann, wäre er dem Herrn selbst begegnet und hätte ihm seines Herzens Gedanken geoffenbart; er würde aus seinem Munde das Wort vernommen haben: „du bist nicht fern vom Reiche Gottes." Allein woher kannte Mark Aurel das Christenthum? Zum Theil aus dem Volksgerüchte, das die wunderlichsten Dinge über die Christen berichtete, ja, das ihnen die ärgsten Schandthaten, die abscheulichsten Verbrechen aufbürdete, vor denen das sittliche Gefühl des Kaisers mit Recht zurückschauderte; zum Theil auch aus dem Munde der Philosophen, die seinen Hof umschwärmten und aus Neid gegen die emporkommende Secte sich nicht scheuten, die Verleumdungen zu wiederholen, die das sinnlose Volksgerücht ausstreute, obwohl sie schwerlich selbst dran glaubten. Gerade die strenge Tugend- und Gerechtigkeitsliebe des Kaisers forderte ihn zur Ahndung solcher Verbrechen auf, wie sie den Christen nachgesagt wurden. Und dazu mochte denn auch noch die eigene Verblendung kommen, die in ihrer Philosophenweisheit es nicht der werth Mühe achtete, eine Lehre genauer zu prüfen, die von einigen galiläischen Fischern ausgegangen war. Es ist ja nichts Ungewöhnliches, daß auch die, die sich über die Vorurtheile ihrer Zeit erhaben glauben, gleichwohl Vorurtheilen anderer Art, Vorurtheilen der Schule, der Secte verfallen, denen sie huldigen, und daß selbst edlere Geister, wenn sie einmal von philosophischen Voraussetzungen angesteckt sind, sich zu den ungerechtesten Urtheilen hinreißen lassen, gegen solche, die nicht ihrer Schule, nicht ihrer Secte sind. „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?" Diese Frage that selbst ein Nathanael, dem der Herr das Zeugniß gab, er sei ein ächter Jfraelit, in welchem

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