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Zweite Vorlesung.

Das Heilenthum. (Forts.) — Die hcionische Philusuvhic. — Epicuräismus. — Stoicismus. — Wckticismus. — (licero. — Seneca. — Plutarch. — Das sittliche Leben. — Das Iudenthum. — Pharisäer. — Saddueäer. — Effäer. — Sittlicher Zustano ^ur Zeit Christi. — Die Samariter. — Die Juden in der Zerstreuung. — Älcrandrinische Weisheit. — Septnaginta. — Verbindung mit dem Mutterlande.

Wir haben zum Schluß der vorigen Stunde einen allgemeinen Blick auf das Heidenthum der alten Welt geworfen. Ueber dessen Ursprung und Bedeutung läßt sich Vieles sagen, Bieles vermuthen, und über Bieles läßt sich streiten. Es kann aber, wie ich schon das letztema! andeutete, meine Absicht nicht sein, in diese Untersuchungen Sie hineinzufuhren, und ebensowenig werden Sie erwarten, daß ich Ihnen die Mythologie der Völker, mit denen das Christenthum zunächst in Berührung kam, die Mythologie der Griechen und Römer auseinander setze. Ihren Grundzügen nach ist Jhnen diese alte Mythologie bekannt. Sie haben Alle gehört von den Göttern des Olymps, von den verschiedenen Gebieten der Natur und der menschlichen Berufs- und Geschäftsthätigkeit, auf die sich ihre Herrschaft erstreckte. Auch ihre Geschichte und die Geschichte der Halbgötter und Heroen ist Jhnen so weit bekannt, als nöthig ist, um sich ein Bild von dem religiösen Vorstellungskreise zu machen, in dem sich die gebildete Phantasie der Dichter und der Künstler, wie die rohere des Volks bewegt?. Daß nicht nur die Kräfte des Himmels und der Erde auf besondere Gottheiten zurückgeführt wurden, die alle wieder uxter dem Vater der Götter stehen, wie dieser selbst dem Schicksal untergeordnet ist; sondern daß auch wieder die einzelnen Naturwesen, daß Bäume und Blumen und Flüsse und Quellen von Gottheiten beseelt, daß Handel und Schifffahrt und Ackerbau, daß die Künste des Friedens, wie die wechselnden Schicksale des Krieges von der Gunst und Ungunst der Götter abhingen, daß Armuth und Reichthum, Krankheit und Gesundheit ihre himmlischen Vertreter, einzelne Länder und Städte wieder ihre Schutzgötter, einzelne Tempel ihre Orakel, einzelne Menschen ihre Genien hatten, und daß endlich auch wieder in der schauerlichen Unterwelt, wohin die Schatten der Verstorbenen gelangen, eine eigene Götterwelt ihre Herrschaft entfaltete, daß aus ihr die Furien heraufstiegen, den Frevler zu verfolgen, daß endlich auch die Schatten der Verstorbenen selbst wieder bald als fromme Manen, bald als Schreckgeister (Lemuren) auf der Erde herumirrten und durch Opfer versöhnt werden mußten — das alles brauche ich nicht darzustellen. Noch weniger kann es meine Aufgabe sein, zu bestimmen, was in diesen Vorstellungen den Griechen, was den Römern eigenthümlich gewesen und wie sich die beiden Mythologien, die mehr und mehr ineinander flossen, ursprünglich zu einander verhielten. Unsere Frage ist vielmehr einfach die, wie weit der polytheistische Glaube, der auf einer gewissen Stufe der Bildung, sowohl bei den Griechen als bei den Römern, Leben und Bedeutung gehabt hatte, noch Geltung hatte zur Zeit, da das Christenthum in die Welt trat. Aeußere Geltung im Staate hatte er allerdings noch, und zwar im vollsten Maaße, und auch im Jnnern der Menschen wurzelte er theilweise gewiß tiefer, als mancher schon damals es sich gestehen wollte. Aber so viel ist gewiß: unbefangen, unbeirrt und unbestritten war dieser Glaube längst nicht mehr, und längst hatte er aufgehört, ein allgemeiner und für Alle derselbe zu sein. Ein feinerer Atheismus hatte sich schon längere Zeit vorbereitet, und immer mehr suchten die Denkenden und Gebildeten im Volke ihre eigenen Wege. Die Leichtfertigen spotteten der Götter, die Ernstern forschten nach dem tiefern Kern, der in der Schale der Volksreligion verborgen lag, und auf verschiedenen Wegen erklärte man sich die Entstehung der letztern. Während die Einen in den Göttern bloße

Natursymbole, dichterische Personistcationen der Naturkräfte und ihrer verschiedenen Erscheinungen, astronomisch-physikalische Beziehungen erblickten, lehrten Andere, die Götter seien sterbliche Menschen gewesen, die später vom Aberglauben der Menge seien vergöttert worden. >) Wie viel Recht die eine oder andere Erklärungsweise habe, wollen wir hier nicht entscheiden, da bekanntlich die heutige Wissenschaft hieruber ihr Urtheil noch nicht abgeschlossen hat. Es ist wohl möglich, daß auf beiden Wegen, sowohl auf dem physikalisch-symbolischen, als auf dem historisch-poetischen die Mythologie entstanden ist. So viel aber ist gewiß, sie war zur Auflösung reis geworden, und würde in sich zerfallen sein, wenn auch das Christenthum sie nicht gestürzt hätte. Aber freilich saßen einstweilen die Wurzeln des abgestandenen Baumes noch viel zu tief, als daß man gewagt hätte, ihn mit einem Streich zu fällen. Die Klugheit wehrte, den Atheismus offen zu predigen, und besonders da, wo das Staatsleben mit religiösen Formen umgeben und geschützt war, da hielten sich auch die Hochgestellten und Gebildeten strenge an sie, gewiß nicht nur aus Menschenfurcht, sondern auch aus einer begreiflichen und sogar ehrenwerthen Scheu, an dem zu rütteln, worauf das gemeine Wesen seit Jahrhunderten erbaut war. Darum unterschieden die Römer zu Ciceros Zeit zwischen einer bürgerlichen und einer philosophischen Religion. Die erstere war die, die man um des Volkes und des öffentlichen Beispiels willen mit aller Devotion beobachtete, die letztere, dic man im Stillen pflegte und über die man nur mit Gleichgestellten und Gleichgesinnten sich unterhielt. Wir müssen daher, wenn wir die religiöse Stimmung der Zeit allseitig wollen kennen lernen, auch einen Blick wersen auf die alte Philosophie, so weit sie bei den Gebildeten die Religion ersetzen sollte. Bekanntlich war es Sokrates (469—399 v. Chr.), der zuerst die Philosophie der Griechen, die sich früherhin mehr der Naturseite zugewendet hatte, auf den Menschen lenkte und aus das, was ewig in des Menschen Brust lebt und ihn als freies und sittliches Wesen von der Natur unterscheidet. Das ist es, was die Erscheinung dieses Weisen be

>1 Diese Meinung wurde besonders verbreitet durch Eub emerus aus Messena (im vierten Jahrhundert vor Christo), daher sie die cichemenftische heißt.

H»«ei!l'ach, Vorlesungen ll. 2

sonders auszeichnet und was ihn auch in den Augen der Christen so hoch stellt, daß er die Selbstkenntniß obenan stellend in Weisheit und Gottesfurcht einherwandclte, daß er auch das Volk zu bilden und über seine sittlichen Verhältnisse aufzuklären suchte, und für seine Ueberzeugung heiter in den Tod ging. Man hat ihn den Johannes den Täufer genannt für die Griechenwelt; ja manche haben ihn sogar mit Jesu selbst in Parallele gestellt. — Sein großer Schüler Plato trat in seine Fußstapfen, faßte indessen mehr die speculative Seite der Philosophie seines Meisters auf und in dem Maaß, als er sie für das Denken vertiefte, in eben dem Maaß entzog er sie wieder dem Verständniß des Volkes; bekannt ist sein Ausspruch, es sei schwierig, das höchste Wesen zu finden, unmöglich es der Menge bekannt zu machen. Gleichwohl findet der Denker bei Plato viele Samenkörner der Wahrheit, die dann später auf dem christlich bereiteten Boden aufgingen und Frucht brachten. Jn das System des scharfsinnigen, verstandesnüchternen Aristoteles und in die Lehre der übrigen Philosophen einzudringen, wie sie sich in die verschiedenen Schulen verzweigt, ist unser Ortes nicht. Nur so viel haben wir uns zu merken, daß bei der fortgeschrittenen Bildung das Ungenügende der Volksreligion auch von denen empfunden wurde, die nicht eigentlich von der Philosophie Beruf machten und daß sich so aus der strengern Schulphilosophie heraus nach und nach'eine Philosophie des Lebens bildete, die ein Surrogat für die Religion werden mußte. So finden wir namentlich zwei philosophische Systeme der alten Welt ihren Einfluß auf die sittliche Gesinnung der Gebildeten üben, den Epicuräismus und den Stoicismus. Nicht was Epikur selbst (drei Jahrhunderte v. Chr.) über die Natur der Götter lehrte, kommt hier in Betracht, sondern die Art, wie seine Lehre späterhin von seinen Anhängern gefaßt und ausgebeutet wurde. In diesem Sinn bezeichnet uns der Epicuräismus jene Denkweise, die sich die Götter am liebsten vorstellt in behaglicher Ruhe hoch über der Menschen Wesen und Treiben erhab»n, weder von ihrer Lust, noch von ihrem Schmerz berührt, die sich daher auch gleichgültig verhalten in Absicht auf das Sittliche, und weit entfernt sind, durch das Betragen der Menschen im Genuß ihrer Seligkeit sich stören zu lassen. Dieser religiösen Vorstellung, der alle Jdee der Hei-^ ligkeit Gottes abgeht, entsprach denn auch die praktische Lebensweisheit des Epicuräismus, die darin bestand, das Leben in rechter Weise zu genießen und sich diesen Genuß durch keine Unruhe des Gemüthes stören zu lassen. Jn seiner Entartung ist der Epicuräismus die Philosophie des Egoismus und der Genußsucht, eine Philosophie, die bis irl die neueste Zeit hinein ihre Jünger'gefunden hat. — Weit ernster und in sittlicher Beziehung dem Christlichen näher stehend erscheint uns der Stoicismus, als dessen Stifter uns Zeno (3-w—260 v. Chr.) bezeichnet wird, und dem Viele der Edelsten unter den Alten ergeben waren. Nicht die Lust und das wechselnde Spiel des Zufalls, sondern die allem Dafein zu Grunde liegende, nach ewigen Gesetzen waltende Kraft war das oberste Princip dieser Philosophie, die nach ihrer theoretischen Seite als Pantheismus sich ausprägte. Wie aber im Gebiete der Physik die Kraft es ist, die alles hält und trägt, so ist es auf dem sittlichen Gebiete die Tugend, die allein dem Menschenleben Werch und Bedeutung giebt. Nicht die Welt zu genießen, sondern durch Selbstbeherrschung über sie zu herrschen und mit kalter Resignation in das Unabänderliche sich zu ergeben, zufrieden mit dem Bewußtsein, vernunft- und pflichtgemäß gehandelt zu haben, das ist stoische Weisheit. Aber wenn auch diese stoische Resignation an die christliche Entsagung und Ergebung erinnern mag, wenn sie mit ihr das edle Streben theilt, dem Geist über das Fleisch den Sieg zu verschaffen, wenn sie die Tugend nach ihrem innern Werthe und nicht nach ihrem äußern Erfolge schätzt, wie ganz verschieden sind doch wieder beide von einander in ihrer Erscheinung! Was dem Christen Ergebung ist in einen väterlichen Willen, der in Allem unser Bestes beabsichtigt, das ist dem Stoiker Unterwerfung unter die eiserne Nothwendigkeit des Schicksals, und was der <5hrist als Gnadengeschenk aus der Hand seines Gottes nimmt, das rechnet sich der Stoiker zum sittlichen Verdienst an. Ja, darin begegnen sich der Epicuräismus und der Stoicismus, daß beide eine unüberwindliche Kluft setzen zwischen der Gottheit und der Menschheit; beiden fehlt der Glaube an ein die Menschen liebendes Naterherz. Sind die epicuräischen Götter zu weich und zu üppig, «m an den menschlichen Leiden theilzunehmen, so ist das stoische Fatum zu starr und zu hart, um sich der Leidenden zu erbarmen,

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