صور الصفحة
PDF
النشر الإلكتروني

kein Falsch ist. Wie sollte uns diese Frage an einem Manne wundern, der von der Höhe des Kaiserthrones und — was ihm persönlich mehr galt — von der Höhe des Philosophenstuhles herunter das im Reiche auskommende Christenthum nur aus der Vogelperspectivc erkannte? — Jhm mußte es, wie seinem Vorgänger Trajan, im besten Fall als Fanatismus erscheinen, und es ist ja keine seltene Sache, daß die entschiedene Abneigung gegen alles Fanatische selbst wieder in Fanatismus umschlagen kann. Ja von den verschiedenen Formen des Fanatismus ist der Vernunft-Fanatismus (so seltsam und widersprechend das Wort klingen mag) nicht der geringste. Wie weit nnn bei Mark Aurel auch dieser Fanatismus und der stoische Sectenhaß mitgewirkt haben, ihn gegen die Christen zu verstimmen (wie Einige vermuthen), lafsen wir unentschieden. Thatsache ist, daß er seiner stoischen Philosophie gemäß, die alles Aufregende als ein Uebel betrachtete, ein Edict erließ, wonach alle die, welche neue Religionen einführten, wodurch die Gemüther der Menschen könnten beunruhigt werden, entweder zur Verbannung oder zum Tode verurtheilt wurden. — Jhm stand, wie die Ruhe der Seele des Einzelnen, so auch die Ruhe des Staates obenan; alles Eraltirte, das Gleichgewicht des Lebens Störende, erschien ihm, besonders unter den herrschenden Zcitverhältnissen, als staatsgefährlich. Wie man es etwa zu unsern Zeiten erlebt hat, daß auch die Staatsraison christlicher Regierungen alle anßerkirchlicheu religiösen Versammlungen darum verbieten zu müssen glaubte, damit kein Anlaß zu Unruhen entstände, und wie sie die Theilnehmer au diesen Versammlungen für alle Unordnungen des Pöbels verantwortlich machte, so betrachtete Mark Aurel die Christen mit ihrer aufregenden Bußpredigt, mit ihrer überspannten Lehre von einem unter den Menschen aufzurichtenden Himmelreich als unruhige Köpfe, die man in einer ohnehin aufgeregten Zeit nicht dürfe gewähren lassen, und obgleich sie im Edict nicht mit Namen genannt waren, so waren sie doch deutlich genug bezeichnet, als daß nicht das Volk darin einen Freibrief hätte erblicken sollen, mit den Christen nach den Eingebungen seiner Leidenschaft zu verfahren.

Als ein Opfer des philosophischen Sectenhafses siel zuerst in Rom einer der ausgezeichnetsten christlicher Denker, Justinus, den die Kirche eben darum Justin den Märtyrer nennt. Er ward auf Anstiften eines cynischen Philosophen Crescens mit noch fünf andern Christen enthauptet, nachdem schon ähnliche Hinrichtungen früher stattgefunden. Wir werden auf seine Leistungen als Schriftsteller und gelehrter Vertheidiger des Christenthunis später zurückkommen. Jetzt wenden wir unsere Blicke nach Klein-Aslen, einem Hauptschauplatzc der Verfolgung; namentlich auf die Gemeinde zu Smyrna und ihren Bischos Polykarp, im Jahr 167. — Wir haben noch einen Brief dieser Gemeinde an ihre Schwestergemeinde Philadelphia, worin der nähere Vorgang dieser Verfolgung und namentlich der Zeugentod Polykarps uns beschrieben wird. — Sie erlassen mir gerne die Ausführung der entsetzlichen Qualen, denen die Christen durch Geißelung und ausgesuchte Marterwerkzeuge ausgesetzt wurden. Unter den Hingerichteteu wird uns ein Jüngling Germanicns genannt, der die Aufforderung des Proconsuls, seiner Jugend zu schonen und von dem Christenthum abzulafsen, standhaft von der Hand wies, und da er zum Thierkampfe verurtheilt wurde, sogar selber die Bestie anreizte, die wider ihn gehetzt wurde. An den Tod dieses Jünglings reihte sich der Tod des greisen Polykarp, dieses ehrwürdigen Schülers des Apostels Johannes. Er wollte als treuer Hirte seine Heerde nicht verlafsen, und erst auf das Zureden seiner Freunde ließ er sich bewegen, sich auf ein Landgut zu flüchten, damit er nicht den Verfolgern in die Hände fiele. Allein auch da blieb er nicht lange sicher. Einmal träumte ihm, daß sein Kopfkissen in Flammen aufgehe, und dieß deutete er aus den ihm bevorstehenden Tod. Er ließ sich zwar bewegen, als er auf seinem Landsitze vor den Nachstellungen seiner Feinde nicht mehr sicher war, auf ein anderes, benachbartes Gut zu fliehen, allein auch dieser Aufenthalt ward den Häschern verrathen. Polykarp sprach: Wohlan, der Wille des Herrn geschehe. Mit heiterer Miene ging er seinen Häschern entgegen; seine ehrwürdige Gestalt machte einen mächtigen Eindruck auf sie. „Brauchte es solcher Eile, sagten sie zu einander, um einen Greis, wie diesen, zugreifen?" Polykarp ließ ihnen einen Tisch vorsetzen und sie bewirthen, und bat sich nur eine Stunde Zeit aus, um sich im Gebet zu stärken. Er betete laut und so eindringlich, daß alle Anwesenden davon erbaut wurden. Nun ward er auf einen Esel gesetzt und am Vorabenr des Osterfestes durch die Stadt geführt. Hier begegnete ihm der Jrenarch Herodes mit dessen Vater Nicetas, die ihn zu sich in ihren Wagen nahmen und ihm zuredeten, er möge doch dem Kaiser opfern und so sein Leben retten. Als aber der Greis sich dessen standhaft weigerte, stießen sie ihn endlich unter Schimpfreden aus dem Wagen, so daß er sich noch das Schienbein schürfte. Nun ward er in das Amphitheater geführt, wo schon das Volk seiner harrte unter großem Getümmel. Da war ihm, als flüsterte ihm eine Stimme von oben zu: Sei stark, Polykarp, und mannhaft. Er ward vor den Proconsul geführt. Auch dieser wollte ihn bereden, Christum zu verleugnen. „Bedenke doch, sagte er, dein hohes Alter; schwöre bei dem Glück (der Fortuna) des Kaisers, stehe ab von deiner Meinung und rufe mit den Uebrigen: Weg mit den Gottesleugnern!" — Mit ernstem Blicke sah sich Polykarp im Kreise um, seufzte, sah gen Himmel und sprach (freilich in anderm Sinne als der Proconsul es meinte): „Räume die Gottesleugner aus dem Wege!" — Der Proconsul aber drang weiter in ihn; er solle den Glauben abschwören und Christum lästern. Da gab Polykarp die große Antwort: „Sechs und achtzig Jahre diene ich ihm, und er hat mir nichts zu Leide gethan; wie könnte ich denn jetzt meinen König und Heiland lästern?" — Der Proconsul fuhr fort: „schwöre bei dem Glück des Kaisers!" — Auch dieß lehnte Polykarp ab mit dem Vekenntniß: „Jch bin ein Christ, und willst du die Lehre Christi kennen, so gieb mir einen Tag Zeit, und du sollst sie hören." — „Berede das Volk dazu", sagte der Proconsul. Polykarp erwiederte: „Jch habe es für meine Pflicht gehalten, dir zu antworten; denn wir sind angewiesen, den von Gott eingesetzten Obrigkeiten und Gewalten die gebührende Ehre zu erweisen. Aber jene, die Volksmasse, achte ich nicht werth, mich vor ihnen zu rechtfertigen." — „Jch habe wilde Thiere", schnaubte der Proconsul, „und denen will ich dich vorwerfen lassen, damit du dich bekehrest."

— „Laß sie herankommen", entgegnete ruhig Polykarp. „Eine Bekehrung vom Bessern zum Schlimmern findet bei uns nicht statt; schön ist es hingegen, wenn man sich von der Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit bekehrt." — „So will ich dich durch's Feuer zwingen."

— „Du drohest mit Feuer, das nur kurze Zeit brennt und bald wieder verlöscht, weil du das Feuer des zukünftigen Gerichtes und der ewigen Strafe nicht kennest, das für die Gottlosen aufbew»^ wird. Aber was zögerst du? bring's herbei, was dir beliebt

[ocr errors]

Das Alles sagte er mit der größten Gemüthsruhe, so daß der Proconsul selbst ob der Standhaftigkeit und Heiterkeit des alten Mannes erstaunte. Nun ließ der Proconsul den Herold auftreten und dreimal öffentlich rufen' „Polykarp bekennt, daß er ein Christ sei." Da brach das Volk (eine Mischung von Heiden und Judeul in Wuth aus und schrie: „Dieß ist der Lehrer Asiens, der Vater der Christen, der Zerstörer unserer Götter, der so Viele ermahnt, nicht zu opfern und die Götter nicht anzubeten." — Einstimmig verlangten sie von dem Astarchen, dem Vorsteher der Thierkämpfe, Philippus, daß er einen Löwen auf Polykarp loslasse. Als dieser sich dessen weigerte unter dem Vorwande, daß die für die 3hiergefechte bestimmte Frist vorüber sei, verlangte das Volk, man soll den Polykarp lebendig verbrennen. Sofort wurden aus den Werkstätten und den Bädern Holz und Reisig zufammengerafft, wobei auch die anwesenden Juden sich besonders geschäftig zeigten. Als der Holzstoß errichtet war, entkleidete sich Polykarp selbst und ließ sich die Zubereitungen gefallen, die mit ihm vorgenommen wurden. Als man ihn mit Nägeln an den Pfahl heften wollte, bemerkte er: „Laßt mich; denn der mir Kraft giebt, das Feuer auszustehen, wird mir auch Kräfte geben, ohne die Befestigung eurer Nägel, auf dem Scheiterhaufen Stand zu halten." So wurde er nur gebunden. Er betete also: „O Vater deines geliebten und hochgelobten Sohnes Jesu Christi, durch den wir deine Erkenntniß erlangt haben, o Gott der Engel und Kräfte und aller Kreatur und aller Gerechten, die vor dir leben: ich danke dir, daß du mich dieses Tages und dieser Stunde gewürdigt hast, teilzunehmen an der Zahl der Märtyrer und an dem Kelch Christi zur Auferstehung der Seele und des Leibes zum ewigen Leben, in der Unverweslich- keit des heil. Geistes, unter welche ich heute von dir aufgenommen zu werden wünsche zu einem dir angenehmen Opfer, wie du, wahrhafter Gott, der du nicht lügen kannst, mich dazu vorher bereitet, es mir vorher verkündigt und nun erfüllet hast. Dir danke ich, dich lobe ich, dich preise ich für dieses alles durch den ewigen Hohenpriester, Jesum Christum, deinen geliebten Sohn, durch ihn sei dir mit ihm in dem heil. Geist Ehre jetzt und in alle Ewigkeit. Amen." — Alsobald loderte die Flamme auf in Gestalt eines Schwibbogens und wie ein Schiffssegel, vom Winde geschwellt, umgab es den Leib des Märtyrers. Die Umstehenden wollten einen süßen Wohlgeruch, wie Weihrauchduft, verspurt haben. Jmmer mied das Feuer den Leib des Heiligen, der unangetastet blieb, gleich Gold und Silber, das im Ofen geläutert wird. Da stießen ihm die Henker das Schwert in den Leib, und die Ströme seines Blutes löschten die Flamme. Die Leiche ward nach römischem Gebrauche verbrannt, aber die Gebeine wurden von der Gemeinde aufbewahrt und köstlicher gehalten als Edelstein. — So weit der Bericht der Smyrnäer über den Tod ihres Bischoss y. Mag es auch schwer sein, die reine Thatsache von dem zu unterscheiden, was die fromme Phantasie vielleicht schon im Anblick dieses Todes selbst, oder später hinzugethan, immerhin giebt uns dieser Tod eines der würdigsten und ergreifendsten Bilder der ältern Kirchengeschichte. Der feinsinnige Herder hat ihn im Gedichte gefeiert»), und viele spätere Märtyrer haben sich an diesem Vorbilde gehoben und gestärkt.

Wir haben von P olykarp weiter keineSchriften, als einen einzigen Brief, den er an die Gemeinde zuPhilippi schrieb. Diese Gemeinde hatte ihn um die Briefe desJgnatius ersucht, die er ihr auch übersandte. Bei diesem Anlaß erinnert er die Gemeinde an die Zeit, da Paulus sie gestiftet und seinen Brief an sie gerichtet habe. Jn schlichten Worten ermahnt erste, festzuhalten indem Glauben an Christum, den Gekreuzigten und Auferstandenen, und sich vor den Jrrlehrern zu hüten. „Jeder, der nicht bekennet, daß Jesus Christus im Fleische erschienen ist (so schreibt er wohl mit Anspielung auf die Gnostiker, von denen wir in der vorigen Stunde gehandelt haben), ist der Antichrist, und wer nicht bekennet die Leiden am Kreuze, der ist vom Teufel, und wer die Worte des Herrn nach seinen eigenen Begierden umwandelt und nicht bekennet die Auferstehung und das Gericht, der ist der Erstgeborene des Satans." — Er ermahnt dann ferner die Gemeinde zum Gebet, zur Geduld, zur Ausübung jeder christlichen

?) Bergt. Euseb Kircheng. IV, lö, der den Brief nur fragmentarisch giebt. Bekanntlich ist derselbe erst später durch den gelehrten englischen Bischof Usher entdeckt und herausgegeben worden (M?); der Brief selbst fällt m's Jahr 168 n. Chr.

») Jn den Legenden, f. Werke zur Litteratnr und Kunst IN. S. 289: der Tapfere.

« السابقةمتابعة »