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hausartigen Charakter an. Die Vermittlung zwischen dem Fremden und dem Einheimischen, zwischen der Schule und dem Leben wurde immer mchr vermißt. Es war etwas Künstliches und Gemachtes in dieser Wissenschaft, was sich auch in Styl und Sprache der damaligen Schriftsteller ausdrückt, und wie die Kunst in Manier, so artete die Philosophie in Sophistik 'aus. Nicht alle trieben, wie Mark Aurel selbst, die Philosophie aus innerm sittlichen Antriebe, sondern die eitle Disputirsucht hatte großen Theil an den Bestrebungen der Philosophie, und daß diese Disputirsucht sich nun auch an das Christenthum wagte, daß sie alles aufbot, dasselbe als eine Religion des unwissenden Pöbels vorzustellen, kann uns nicht befremden.

Aber auch das Christenthum tritt in diesem antonimschen Zeitalter in ein neues Stadium. Es tritt aus der Verborgenheit der Secte mehr und mehr heraus an's Licht der Oeffentlichkeit; aus der Zeit der ersten Jugend thut es den Schritt in die Zeit des reifern Alters. Dadurch wurde auch seine Stellung zum Heidenthum und zum römischen Staatsleben eine veränderte. Hatte man bisher nur die Christen als Anhänger einer Lehre gekannt, die man kaum der Mühe werth hielt, naher zu untersuchen, so fingen jetzt die Gebildeten unter den Heiden an, sich auch um diese Lehre zu bekümmern, und namentlich hatten die Gnostiker dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit der Philosophen auf die Mysterien dieser neuen Religion zu lenken. Jetzt wurden auch schon die geistigen Waffen geschmiedet, mit denen man das Christenthum zu bekämpfen suchte, während man es bisher nur mit den rohen Waffen der Gewalt verfolgt hatte. Aber auch die Art der Verteidigung von Seiten der Christen wurde eine andere; sie nahm unwillkürlich eine mehr wissenschaftliche und philosophische Gestalt an. Ja, wir können auch das mit als einen Segen der Verfolgung ansehen, daß durch sie die geistige Kraft der Christen geweckt, daß sie zum Nachdenken über das eigenthümliche Wesen ihrer Religion und über die höchsten und letzten Gründe ihres Glaubens hingeleitet wurden.

Wenn der Apostel Petrus den ersten Christen schrieb: seid allezeit bereit zur Verantwortung jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist (1 Petr. 3, 15), so sinden wir zwar, daß schon die ersten Märtyrer dieser apostolischen Mahnung nachzukommen suchten. Diese Verantwortung konnte ihrer Natur nach eine sehr einfache sein: mit Recht konnten sie sich auf ihr gutes Gewissen berufen, das schon vom Apostel als die heilige Macht bezeichnet wurde, die am erfolgreichsten die Verleumdungen der Gegner niederschlug. Jndessen je verwickelter die Anklagen, je spitzer und schärfer die Pfeile wurden, die man gegen die Christen richtete, desto nothwendiger war auch, diesen Angriffswaffen Schutz- und Trutzwaffen ähnlicher Art entgegen zu setzen.

Wo das gute Gewissen des Einzelnen nicht mehr ausreichte, gegen boshafte Anschuldigungen und Verdrehungen sich mit Erfolg zu vertheidigen, da mußten eben die Vegabtern, die in der Schule des Denkens und des gelehrten Kampfes Geübten in die Schranken treten und mußten als die Anwalte der verfolgten Unschuld das Wort führen im Namen der ganzen Gemeinde. Sie mußten, wollten sie mit Erfolg kämpfen, in gehöriger Form vor die Richterstühle treten, und den Sophismen der Gelehrten, wenn nicht ebenfalls Sophismen'), so doch einen Scharfsinn entgegen setzen, der dem ihrigen die Spitze bot. Auf diesem naturgemäßen Wege entwickelte sich, namentlich im Zeitalter Hadrians und der Antonine, die christliche Apologetik, d. h. die Wissenschaft oder noch besser die Kunst der Vertheidigung des Christenthums. Diese Vertheidigung konnte bald eine mehr juridische, bald eine mehr theologische und philosophische Gestalt annehmen. Sie konnte entweder formell das Unrechte und Ungesetzliche der Verfolgungen nachweisen, sie konnte den Schutz der Gesetze gegen die boshaften Verleumdungen anrufen, indem sie den Ungrund der den Christen schuldgegebenen Verbrechen dem Richter vor Augen legte; oder sie konnte auch weiter gehen und sich auf den Jnhalt der christlichen Lehre selbst einlassen, wobei dann der Schritt aus der bloß vertheidigenden Stellung in die angreifende sich von selbst machte; denn wie sollte die Wahrheit und Göttlichkeit des Christenthums anders bewiesen und der Vorwurf der Gottlosigkeit, den man den Christen machte, anders abgewehrt werden, als dadurch, daß man eben

') Obgleich dieß bisweilen auch der Fall war.

diesen Vorwurf den Gegnern zurückgab, daß man das Unvernünftige, das Unsittliche und Verkehrte des Heidenthums in ein grelles Licht stellte und dagegen das Gotteswürdige, das Erhebende, Bessernde, Tröstende des Christenthums hervorhob? — Beides geschah nun, und es dürfte nicht außer unserm Wege liegen, uns von dieser Vertheidigungsweise des Christenthums eine nähere Anschaunng zu bilden.

Schon im Zeitalter Hadrians hatten einige Apologeten Schutzfristen für die Christen eingereicht. So Quadratus und Aristides, und auch unter den Antoninen werden uns die Namen eines Melito von Sardes, Miltiades, Claudius Apollinaris genannt. Wir sind aber nicht mehr so glücklich, ihre Werke zu besitzen, wir kennen nur noch einzelne Bruchstücke davon 2). Dagegen besitzen wir noch zwei Apologien und noch andere Schriften ähnlichen Jnhaltes von dem Manne, dessen Schicksal wir in der vorigen Stunde erwähnt haben, ich meine Justin den Märtyrer. Dieser Mann verdient es, d»ß wir einen Augenblick bei ihm verweilen').

Justinus ist geboren zu Anfang des zweiten Jahrhunderts, um's Jahr 103 zu Flavia Neapolis (dem heutigen Naplus, dem ehmaligen Sichem in Samarien). Seine Eltern waren Griechen, die sich in Samarien niedergelassen hatten. Justin erzählt uns selbst, wie er, ein philosophisch gebildeter Denker, überall und in allen Schulen der Griechen die Wahrheit gesucht, sie aber nirgends gefunden habe. Erst wurde er Stoiker. Als er aber sah, daß ihn die stoische Weisheit in der Gotteserkenntniß nicht förderte, ja, daß sein eigener Lehrer dieselbe vernachlässigte, wandte er sich an einen Peripatetiker. Die erste Frage, die dieser an den wißbegierigen Schüler that, war die nach dem Lehrgelde, das er ihm

2) Bei Euseb Kircheng. IV, 3. 26. 27. V, 17.

3) Seine frühere Lebensgeschichte erzählt er uns selbst in seinem Gespräch mit dem Juden Trypho. Eine übersichtliche Darstellung giebt Karl Otto, zur Charakteristik des heil. Justinus, Philosophen und Märtyrers. Wien 1852. Desgl. Bohringer in seiner Kirchengesch. in Biographien. Nd. 1., auf welches Werk wir überhaupt in biographischer Hinsicht unsere Leser verweisen. Die ausführliche wissenschastliche Bearbeitung von Semisch (Berlin 1810) verdient von denen beachtet zu werden, die sich noch gründlicher unterrichten wollen.

bezahlen wolle. Abgeschreckt von diesem Eigennutz, wandte er auch diesem Lehrer den Rücken und ging zu einem Pythagoräer. Dieser verlangte von ihm vor allen Dingen, daß er in der Mathematik etwas Außerordentliches leiste: denn nur auf diesem Wege sei es möglich, zur Erkenntniß des Uebersinnlichen zu gelangen. Als Justin seine Unwissenheit in dieser Wissenschaft gestand, wies ihn der Pythagoräer mit Verachtung von sich. Nun wollte er's mit den Platonikern versuchen. Seit kurzer Zeit hatte sich ein einsichtsvoller Mann dieser Secte an dem Orte seines damaligen Aufenthaltes niedergelassen. Justin genoß seinen Unterricht und machte große Fortschritte. Die Erkenntniß der übersinnlichen Dinge riß ihn hin und gab seinem Geiste einen höhern Schwung. Jn kurzer Zeit glaubte er ein Weiser geworden zu sein, und hoffte bald zum Anschauen Gottes zu gelangen, das diese Philosophie verheißt. Um diesen geistigen Prozeß zu beschleunigen, beschloß er, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, und da ganz den philosophischen Betrachtungen nachzuhängen; er wählte das Ufer des Meeres. Hier begegnete er einem Greise, aus dessen Angesicht Milde und Würde leuchteten. Er betrachtete ihn in stiller Ehrfurcht, ohne ein Wort zu sagen. Endlich entspann sich zwischen ihnen ein Gespräch über die unsichtbaren und ewigen Dinge. Justin hatte sich dem Greise als einen Philosophen, d. h. als einen Liebhaber der Weisheit und der Erkenntniß dargegeben. Der Greis aber wollte von ihm wissen, worein er das Wesen der Philosophie setze, und suchte ihn zu der Einsicht zu bringen, daß das bloße Wissen der göttlichen Dinge den Menschen nicht befriedigen könne, wenn diesem Wissen nicht ein Thun entspreche. Er suchte den Schulstolz in ihm niederzuschlagen und ihn vor allen Dingen zur Demuth hinzuleiten, ohne die der Mensch nimmermehr zur praktischen Erkenntniß des Guten und des Göttlichen gelange. Er bekannte sich endlich als Christ und wies auch den jungen Mann, den er während des Gespräches immer mehr lieb gewonnen, auf die Propheten, auf Christus und die Apostel. „Vor Allem aber," sagte er, „bete, daß dir geöffnet werde das Verständnis denn niemand kommt zur Erkenntniß der Weisheit, wenn nicht Gott und sein Gesalbter ihm die Augen öffnen." Da brannte ein göttliches Feuer in der Seele Justins. Er sing an, die heiligen Bücher der Christen zu studiren, und überzeugte sich mehr und mehr, daß in ihnen und sonst nirgends die wahre Philosophie, die er suche, enthalten sei. Was ihn aber auch noch besonders günstig für das Christenthum stimmte, das war die todesmuthige Gesinnung der Märtyrer, die eben in den damaligen Verfolgungen so freudig für ihren Glauben in den Tod gingen. So, dachte er, sterben keine Bösewichter, keine Thoren, keine Schwärmer, und von nun an kannte er kein größeres Verlangen, als ein christlicher Philosoph zu sein und Andern zu dieser christlichen Philosophie zu verhelfen. Er behielt daher auch als Christ seine Philo- > sophenkleidung und seinen Philosophenberuf bei, die ihm beide das Recht gaben, mit den Leuten Gespräche und Disputationen anzuknüpfen. So machte er, ohne daß ihn ein bürgerliches oder kirchliches Amt an einen festen Aufenthalt gebunden hätte, verschiedene Reisen, hielt sich bald in Palästina, bald in Aegypten (Alerandrien), bald in Kleinasien (Ephesus), zuletzt in Rom auf. Auf allen diesen gleisen war er bemüht, die irrenden, nach Wahrheit durstenden Gemüther zu dem Quell der ewigen Wahrheit hinzulegen, aus dem er selbst geschöpft hatte, bis er endlich, wie wir schon früher gesehen, in Rom. durch den cynischen Philosophen Crescens verfolgt, unter Mark Aurel den Märtyrtod litt (im Jahr 166). „Freudig und unerschrocken wie im Leben, zeugte er auch im Angesicht des Todes für die evangelische Wahrheit."

Was seine beiden Apologien betrifft, so schrieb er die erste, größere derselben, unter Antonin d. Fr. um's Jahr 138 oder 139 und reichte sie dem Kaiser und seinen Adoptivsöhnen, dem jungen Mark Aurel und Lucius Verus ein. Vor allen Dingen zeigt Justin das Unbillige, Christen um des bloßen Namens willen zu verfolgen. „Die Vernunft," sagt er, „lehrt, daß die, welche fromm und Philosophen sein wollen (mit Anspielung auf die Namen Pius und Philosophus), auch allein der Wahrheit die Ehre geben müssen. Wie verträgt sich also damit, die Christen auf das bloße Gerücht hin, zu verurtheilen? Man wirft den Christen Atheismus vor; allein weit entfernt, den Glauben an Gott zu untergraben , sucht das Christenthum die Menschen aus der Gewalt der Dämonen zu befreien und sie zur Erkenntniß des wahren Gottes zu führen. Das haben schon die bessern der griechischen Weisen,

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