صور الصفحة
PDF
النشر الإلكتروني

heraus zu finden zwischen dem alten und neuen Testament; ein Beginnen, an welchem allerdings Phantasie und Witz eben so viel Antheil hatten, als der nüchterne Verstand. Worauf aber Justin in dieser Schrift besonders ausgeht, ist das, zu zeigen, daß nicht nur durch die einmalige Ankunft Christi im Fleisch die Weissagungen der Propheten erfüllt seien, sondern daß noch eine zweite Ankunft bevorstehe, die zum Gericht, wobei er auch wieder zu seltsamen Beweisen seine Zuflucht nimmt 2). Nachdem er dann noch überhaupt seinem jüdischen Gegner die Hauptlehren des christlichen Glaubens auseinandergesetzt, unter beständiger Hinweisung auf das alte Testament, spricht er sich mit froher Zuversicht dahin aus,' daß, wie man auch immer die Christen verfolgen möge, sich doch ihre Zahl vermehren werde, gleich wie die Rebe neue Schosse treibt, jemehr man sie zurück schneidet. Der von Gott gepflanzte Weinstock ist das Volk Gottes; das wahre Volk Gottes aber, das geistliche Jsrael sind die Christen.

An Justin den Märtyrer reihen sich dann noch im Zeitalter der Antonine oder bald nachher mehrere Apologeten an, wie ein Tatian, ein Athenagoras, ein Theophilus von Antiochien, deren Schriften für den Theologen von dem höchsten Interesse sind, von denen es aber schwer sein dürfte, hier ein genügendes Vild zu geben. Dasselbe Zeitalter brachte uns aber nicht nur gelehrte Vertheidigungen des Christenthums, sondern, wie schon bemerkt, auch die Gegner traten jetzt mit Schriften hervor, in denen sie bald mit Ernst, bald mit Spott und mit Satyre die neue Religion angriffen. Wir begnügen uns mit zweien, mit Celsus und Lucian. Der erstere, den die Einen für einen Epicuräer, d« Andern für einen Platoniker ausgeben, bekämpfte um die Mitte des zweiten Jahrhunderts die Lehre der Christen in einer Schrift, die er die „wahrhafte Belehrung" («^^z ^°>z) betitelt. Wir haben diese Schrift nicht mehr und kennen sie nur aus der Widerlegung des großen Kirchenlehrers Origenes, auf den wir später werden zu reden kommen. So viel wir aus dieser Widerlegung

«) S« müssen z. V. die beiden Nöcke, «ovo« der eine die Sünden in die Wüste wegtrug, der andere geopfert wurde, Vorbilder der beiden An« kunften Christ, sein.

[graphic]

«kennen, hatte Celsus sehr schiefe und unvollkommene Begriffe vom Christenthum und vermengte dasselbe — ob absichtlich oder unabsichtlich, bleibt dahin gestellt — mit den Lehrsätzen der Gnostiker, deren Extravaganzen er den Christen uberhaupt aufbürdet. — Er verspottete die Geschichten des alten, wie des neuen Testamentes als elende Mahrchen und namentlich war ihm bei seiner epiwräischen Gesinnung die Jdee eines um die Menschen sich mühenden, zu den Menschen sich herablafsenden, eines zürnenden wie eines liebenden Gottes höchst anstößig. Gott kümmere sich, meinte er, um die Menschen eben so wenig, als um die Affen und Fliegen. Auch die Sünderliebe des Heilandes machte er lächerlich, so wie die Hoffnungen der Christen auf ihn. — Vei allem Spotte, in den sich Celsus ergießt, scheint er das Christenthum leidenschaftlich gehaßt zu haben. Nicht eben so Lucian von Samosat (um's Jahr 180). Lucian bestritt das Christenthum nicht etwa — wie das wohl Andern begegnet — aus heidnischem Fanatismus; er sah nicht in den Christen die Zerstörer der ehrwürdigen alten Religion. Jm Gegentheil wetteiferte er mit ihnen in der Vekämpfung der alten Mythologie, indem er über diese bekanntlich seinen ganzen Spott ausgoß. Man hat Lucian den Voltaire seiner Zeit genannt«), und in der That war er Religionsspötter nach allen Seiten hin; wenn auch sein Spott harmloser sein mochte, als der des Philosophen von Ferney. Kein Christ hat die alten Gottheiten der Heiden so lächerlich gemacht, als Lucian in seinen „Göttergesprächen", und eben so wenig verschont seine Geißel die alten Philosophen und ihre Lehre. Er zeigt also das Ungenügende des Heidenthums ganz im Jnteresse der Christen: in der Negation stimmt er mit ihnen überein. Aber weil er gewohnt war, die Dinge von ihrer lächerlichen Seite zu betrachten, so sah er auch in der christlichen Religion nur eine Art von Aberglauben. und zu dem bot ihm das auffallende, mit den Sitten der Well so sehr contrastirende Benehmen der Christen Stoff genug zur Satyre. Jn seinem „Peregrinus Proteus", einem historischen Roman, den bekanntlich Wieland neu bearbeitet hat, schildert Lucian uns

«) Er war Wielands Lieblingsschriftsteller, der ihn auch trefflich übersetzt hat.

einen abenteuerlichen Philosophen, einen Cyniker, der früher Christ gewesen, aber wegen einer verbotenen Speise, die er genoffen, von den Christen aus ihrer Gemeinschaft ausgestoßen worden sei, und der nach einem Handlichen Lebenswandel zuletzt seiner Narrheit die Krone aufsetzte, indem er in der Stadt Olympia, wo einst die berühmten Spiele gefeiert wurden, im Beisein einer großen Volksmenge sich selbst verbrannte, um, wie Herkules auf dem Oeta, zu sterben. — Dieß soll im ersten Jahre der 236. Olympiade oder im Jahr 165 unserer Zeitrechnung geschehen sein. Wie viel Wahres an der Geschichte des Peregrinus Proteus und seiner Selbstverbrennung sein mag, haben wir hier nicht zu untersuchen. Jedenfalls erzählt Lucian die Geschichte in einem spottenden Ton; sein Spott gilt zunächst nicht den Christen, sondern den cynischen Philosophen, die er aufs Unbarmherzigste persiflirt. Nur im Vorbeigehen macht er sich auch über die Christen lustig; namentlich muß ihre Leichtgläubigkeit und Gutmüthigkeit seinem Witze zur Zielscheibe dienen; er spottet darüber, wie sie den nächsten besten Abenteurer, der sich ihnen als Bruder dargiebt, mit Wohlthaten überhäufen und nachher von ihm geprellt werden. Unter cmderm kommt über die Christen folgende Stelle vor: „Diese armen Leute haben sich in den Kopf gesetzt, daß sie mit Leib und Seele unsterblich seien und in alle Ewigkeit leben werden, daher verachten sie den Tod und viele unter ihnen suchen ihn freiwillig auf. Außerdem hat sie ihr erster Gesetzgeber überredet, daß sie alle unter einander Brüder seien, wenn sie nur erst uns verlassen und die griechischen Götter verleugnet haben und ihren gekreuzigten Sophisten anbeten und nach seinen Vorschriften leben; daher verachten sie auch alles ohne Unterschied, und wenn irgend ein schlauer Betrüger zu ihnen kommt, der die rechten Schliche weiß, so wird er in kurzer Zeit auf ihre Unkosten reich und verlacht die einfältigen Leute." — Jn den übrigen Schriften Lucians finden sich höchstens Anspielungen auf die Christen. So erwähnt er ihrer nur im Vorbeigehen in seiner Geschichte des falschen Propheten Alerander Abonoteichos, dessen Charlatanereien und vorgebliche Wunder er lächerlich macht. Eben so erklärt er sich gegen den Wunderglauben überhaupt und den seiner Zeit insbesondere in seiner Abhandlung: „wie man die Geschichte schreiben müsse", worin sich übrigens viel gute und gesunde Jdeen finden und worin el die Sünden und Unarten schlechter Historiographen nach Verdienen züchtigt. Eine boshafte Anspielung auf die biblischen Wunder kann ich in dieser Schrift kaum finden, obgleich man aus seiner ganzen Gesinnungsweise abnehmen kann, daß ihm auf seinem Standpunkte auch die biblischen Wunder als Mährchen und Abenteuerlichkeiten erscheinen mußten.

Ob Lucian die christlichen Verteidigungsschriften kannte, läßt sich nicht mit Sicherheit ermitteln. Schwerlich würde er durch sie auf andere Gedanken gebracht worden sein. Die Vertheidigungsschriften konnten nur bei denen Eingang finden, die zu einer ruhigen Prüsung der Wahrheit gestimmt waren und die ihr vor allem eine religiöse Empfänglichkeit entgegen brachten. Weit mehr haben jene Werke nach innen als nach außen gewirkt. Sie haben die Christen selbst veranlaßt, über die Gründe ihres Glaubens nachzudenken; sie haben die ersten Bausteine gelegt zum Gebäude der christlichen Theologie; sie haben den schönen Versuch gemacht, Glauben und Denken, Philosophie und Christenthum miteinander zu vermitteln, und in dieser Beziehung ist ihr Studium noch immer von unschätzbarem Werthe. Während die Schriften der Spötter jetzt nur noch der geschichtlichen Merkwürdigkeit wegen gelesen werden, lafsen sich aus den christlichen Apologeten noch immer eine Menge von christlichen Lebensanschaunngen und Zeugnisse von innern Lebenserfahrungen gewinnen, die ihren ewigen Gehalt, ihre ewige Bedeutung haben für das einfache Christengemüth wie für den tiefsten christlichen Denker; auch auf die Gefahr hin, daß manche der einzelnen Beweise, die sie zur Stützung ihres Glaubens vorgebracht haben, nicht als stichhaltig sollten erfunden werden. Das Christenthum (mit dieser Bemerkung möchte ich die heutige Vorlesung schließen) hat von Anfang darauf verzichtet, durch andere Beweise gehalten zu werden, als durch den Beweis des Geistes und der Kraft?). Mit andern Worten: es beweist sich jedem durch sich selbst; innerlich durch den Lebensgeist, der es beseelt und der unserm Geiste sich als göttlich bewährt und bezeugt, je mehr wir in seine Tiefen eingehen; äußerlich durch die Lebenskraft, womit es den natürlichen Menschen umwandelt in einen Menschen Gottes, und die Welt der Sünde in ein Gottesreich der Liebe. Von diesem täglichen Wunder aus sind alle geschichtlichen Wunder, von dieser täglich sich erfüllenden Gnadenverheißung aus auch die geschichtlichen Verheißungen und Weissagungen zu würdigen, und wenn auch nicht zu begreifen, doch zu verstehen, soweit ein Verständnis; in solchen Dingen gegeben ist. Die oberste Regel aller Apologetik ist die, welche der Herr selbst gegeben hat: So jemand will den Willen dessen thun, der mich gesandt hat, der wird inne werden, ob meine Lehre von Gott sei oder ob ich von mir selbst rede (Joh. 7, 17). — Wenn wir den verschiedenen historischen Fäden nachgehen, durch welche die Verbindung der Welt mit dem Christenthum eingeleitet wurde, so können wir allerdings auch äußere, mitunter sogar zufällige Ursachen anführen, die zu diesen Bekehrungen mitwirkten. Wir können aufmerksam werden auf den innern Verfall des Heidenthums, auf den Hang der Menschen zum Neuen, zum Wunderbaren, auf die Macht des Beispiels und ähnliches; aber was sich auf diesem zufälligen Wege zusammengefunden, das würde auch eben sobald wieder zerstoben sein, wäre es nicht zusammengehalten worden durch ein mächtiges Band der Wahrheit, das stärker war als die auflösenden und zerstörenden Kräfte. — Eben so, wenn wir die einzelnen Beweise erwägen, welche die Vertheidiger zu Gunsten des Christenthums aufführten, und sie mit den Einwürfen vergleichen, die von gegnerischer Seite gemacht wurden, so werden wir kaum sagen, die Bündigkeit dieser Beweise sei es, welche die Gegner auf immer aus dem Felde geschlagen hätte. Wir sehen sogar, daß die Apologien eines Justin und Anderer einen sehr geringen äußern Erfolg hatten; man legte sie, wenn sie je wirklich an Adresse gelangt sind, nä nol», und die Verfolgungen dauerten fort, nach wie vor. Das Christenthum hat sich — das ist das Resultat unserer Betrachtung, und davon ist gerade Justin der Märtyrer ein sprechender Zeuge — seine Wege selbst gebahnt durch die innere Macht seines Wesens, indem es sich an den Gemüthern bewährte als eine beseligende Gotteskraft, und alles was von dieser Kraft zeugt, sei es in Wort, in Schrift, in

Hagendach, Vorlesungen II. 12

« السابقةمتابعة »