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Tertullians Ansichten von der Ehe. Er ging von dem Begriff der Heiligkeit und Unauflöslichkeit derselben aus. Deßhalb verwarf er, sich streng an das Gebot des Herrn haltend, jede Scheidung derselben. Aber auch selbst der Tod scheidet nicht, nach seiner Ansicht. Die Verbindung dauert auch nach dem Tode als eine eheliche Verbindung fort, deßhalb verwarf Tertullian (und mit ihm die Montanisten) die zweite Ehe. Aber so hoch auch Tertullian die Ehe stellte, noch höher stand ihm das freiwillig erwählte ehelose Leben, das Cölibat, und obgleich in unserer Periode die Kirche noch weit davon entfernt war, die Ehelosigkeit von ihren Priestern oder Bischöfen zu verlangen (Tertullian selbst war verehlicht), so trugen doch diese überspannten Ansichten von der besondern HeiligKit des ehelostn Standes dazu bei, dem spätern Cölibatsgesetze Eingang in die katholische Kirche zu verschaffen.

Funfzehnte Vorlesung.

Die nordafnkanische Kirche. — Cyprian. — Die novatianischen Handel. —

Streit mit Stephann« über die Ketzertaufe. — Märtyrertod Cyprians. — Seine Ansichten über Kirche und Kirchenzucht.

Origenes und Tertullian sind uns in der letzten Stunde als die Vertreter zweier Geistesrichtungen vorgeführt worden, wovon wir die eine, welche vorwiegend der alerandrinischen Kirche des Morgenlandes angehörte, die idealistische, die andere, die in dem nordafrikanischen Boden Wurzel faßte, die realistische genannt haben. Solche Benennungen sind immer nur Nothbehelfe, und wir müssen uns wohl hüten, das in mannigfaltigen Abstufungen und Schattierungen sich kundgebende Leben der Geschichte in diesen Kategorien beschlossen zu sehen. Aber einmal diese Benennungen zugelassen, so ist schwer zu sagen, welcher von beiden Auffassungsweisen unbedingt der Vorzug gebührt, ob der idealistischen oder der realistischen? Je nach der eigenen Stimmung unseres Wesens und der vorwiegenden Richtung, die unser religiöses Denken genommen hat, werden wir geneigt sein, der einen oder andern unsern Beifall zu schenken. Jede hat ihr Gutes und Wahres, das Anerkennung verdient, jede auch wieder ihre Mängel und Einseitigkeiten, die wir uns können zur Warnung dienen lassen. Jn Origenes mußten wir das schöne Streben ehren, eine Vermittlung zu suchen zwischen dem Christenthum und der hellenisch-platonischen Philosophie, welche gewiß der edelste Ausdruck des philosophirenden Geistes im Alterthum war, während uns in Tertullian nicht weniger der großartige Versuch freuen mußte, mit Hintansetzung aller ftemdartigen Philosophie, sich des christlichen Lebensprincips unmittelbar zu bemächtigen und sich mit Hülfe der ihm zunächst, liegenden römisch-punischen Sprache eine eigene christliche Terminologie zu schaffen. An beiden Orten begegnet uns ein Ringen des christlichen, seinen Ausdruck suchenden Geistes mit der Sprache und den Denksormen, wie sie die Zeit darbot; an beiden Orten das Zugeständnis) eines überschwänglichen Jnhaltes, für den eben die angemessene Form noch nicht gesunden war. Wo nun bei diesem Ringen und Suchen die eine Richtung sich bei ihrem Aufschwung in dem lichten Aether des Jdealen zu verlieren drohte, da lief die andere, bei ihrem Graben nach der Tiefe Gefahr, in den dunkeln Gängen sich zu verirren, oder gar von ihrem eigenen Bau verschüttet zu werden, wenn das Grubenlicht, dem sie traute, ihr ausging. Wo die eine mit einer willkürlichen Eregese von dem Buchstaben sich lossagte, da klammerte sich die andere nicht weniger willkürlich so fest an denselben, daß der Geist darüber zu erstarren und die evangelische Freiheit in die Schroffheit des Gesetzes umzuschlagen drohte. Wo die eine dem Gnosticismus sich annäherte, ohne jedoch sich von ihm bis zum Aeußersten fortreißen zu lassen, da ging die andere mit dem schwärmerischen Montanismus ein bedenkliches Vündniß ein. Und doch müssen wir sagen: Beide Richtungen haben, bei all ihren Fehlern, etwas Gewaltiges und Jmposantes, und bildeten eine jede in ihrer Weise den besten Damm gegen die Uebergriffe des Häretischen, indem sie das, was Gutes und Brauchbares an jenen häretischen Erscheinungen war, in das kirchliche Bewußtsein verarbeiteten, so gut es ihnen gelang. Nicht nur aber in der Stellung zu ihrer Zeit mußten uns Origenes und Tertullian als die Träger von zwei gleichberechtigten Richtungen erscheinen, sondern, wie ich schon das letztemal andeutete, sie reichen gewissermaßen auch noch in unsere Zeit hinein. Auch die Gegenwart ist ja noch immer im Ringen und Kämpfen begriffen nach dem rechten Ausdruck dessen, was christlich heißen und was als christlich im Leben gelten soll. Noch jetzt sagen die Einen: Fasset das Christenthum nur einmal geistig auf, entkleidet es der allzumenschlichen Hülle, lasset ab von der strengen buchstäblichen Fassung eurer Dogmen, so wollen wir gerne uns anschließen an diese humanisirte und vergeistigte Religion, wie sie unserm modernen Bewußtsein sich empsiehlt. Dagegen legen die Andern ihren Protest ein, indem sie daran erinnern, wie bei dem Vergeistigungsprozesse die eigentliche Kraft des Christenthums, die gerade in seinen Geheimnissen und Wundern liege, verloren gehe. Nur in der unbedingten Rückkehr zum positiven Wortlaute der Bibel und der kirchlichen Bekenntnisse, in der heilsamen Beschränkung der subjectiven Vernunft, in der rücksichtlosen Zucht des Geistes, auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft, verbunden mit der äußersten Sittenstrenge, auch in den socialen und persönlichen VerhältniSw.Wm sie das Mittel, dem Christenthum wieder aufzuhelfen mitten in einer verweichlichten und geistig-verwöhnten Zeit.

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An redlichem Willen und Streben gebricht es weder den Einen, noch den Andern (ich rede von den bessern unter ihnen, denen es ernst ist mit ihrer Ueberzeugung), aber von Einseitigkeiten sind die Einen so wenig frei als die Andern. Eine totale Vereinigung und Verschmelzung der beiden Standpunkte wird sobald nicht möglich sein. Je nach der geistigen Eigenthümlichkeit, die ein Mensch nicht sich selbst giebt, sondern die er von Gott empfangen hat, wird der Eine mehr dieser, der Andere mehr jener Richtung sich zuneigen. Es ist schon viel gewonnen, wenn nur Jeder der andern Ansicht die Gerechtigkeit widerfahren läßt, daß er in ihr ein Bruchstück der Wahrheit erkennt und achtet, und daß erstrebt, das ihm noch Mangelnde aus dem Guten und Richtigen zu ergänzen, das er an der entgegengesetzten Ansicht wahrnimmt. Für den Jdealisten ist es gut und heilsam, vor hochmüthigem Gedankenschwindel bewahrt zu werden durch die beständige Hinweisung auf die Macht der Thatsachen und der Wirklichkeit, die sich nicht so leicht durch den Zauberspruch einer philosophischen Formel beseitigen lassen; während es den positiven Geistern auch wieder wohl thut, von Zeit zu Zeit eine geistige Anregung zu empfangen, die aus der trägen Sicherheit ihres Besitzstandes sie aufrüttelt und ihnen die Arbeit eines prüfenden Denkens zumuthet, das sie gegen Verdampfung und Erstarrung des Geistes schützt. — Nicht in diesem, nicht in jenem Systeme, wohl aber im Christenthum, das über den Systemen steht, liegt die ganze, die volle Wahrheit. Das Christenthum ist weder haltloser Jdealismus, noch geistleerer, bloß am sogenannten Positiven sich haltender Realismus. Es ist Geist und Leben. — Geistiges und Leibliches, Sinn und Wort und That durchdringt sich in ihm zu lebendiger Einheit einer allseitigen Gottesoffenbarung. Je mehr wir aus seinen Lebensquellen, zu denen wir immer wieder zurückkehren, die ganze Wahrheit zu schöpfen und an seiner ewigen Norm die Einseitigkeiten unseres Wesens auszugleichen bemüht sind, desto leichter werden wir zum Ziel gelangen. Der Geist allein thut's nicht, wenn nicht das Geistige sich auch in That und Wahrheit bewährt und bekundet. Der Buchstabe thut's eben so wenig, wenn er nicht immer wieder auf's Neue vom Geiste belebt wird. Selbst das, was wir daS Wirkliche nennen, ist nur dann ein Wirkliches und ein Wahres, wenn es in den Geist aufgenommen, in das Wesen des Geistes verwandelt und verklärt und aus ihm wiedergeboren ist. — Es giebt nicht nur ein Schein- und Traumleben des Jdealismus, dem es an aller Realität gebricht, es giebt auch ein Scheinleben des Realismus, der sich einbildet, die Wirklichkeit zu besitzen, wo er nur ein todtes Erbe festhält, wo er die bloße Form schon für die Sache und den Leichnam für den lebendigen Leib nimmt, und dieses Scheinleben ist ost noch gefährlicher und trügerischer als jenes. — Davon ist eben die Kirche Christi und ihre Geschichte ein sprechendes Zeugniß.

Auch das Thema der heutigen Stunde, zu dem wir nun übergehen, wird uns zeigen, wie nothwendig es ist, daß die Kirche sich fort und fort erbaue auf dem einen festen Grund, der für alle Zeiten gelegt ist, wenn sie nicht haltlos in der Luft schweben soll, wie sie aber auch immer wieder sich erneuern muß im Geiste, wenn sie nicht trotz ihrer festen positiven Grundlage im Sumpf der Gewohnheit versinken oder zur leblosen Ruine erstarren soll.

Wir dürfen den Boden der nordafrikanischen Kirche, den wir mit Tertullian betreten haben, noch nicht verlassen. Die heutige Stunde wird uns noch auf demselben festhalten, und zwar wenden wir uns jetzt einem andern Gebiete der Kirche zu, als dem der Lehrbestimmungen, nämlich dem Gebiete der Kirchenverfassung und Kirchenzucht. Auf diesem Gebiete tritt uns ebenfalls eine große Persönlichkeit entgegen, die sich unmittelbar an Tertullian (der um's Jahr 220 starb) anreiht und in manchen Stücken in

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