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Dritte Vorlesung.

Weltlage zur Zeit der Geburt Christi. — Geburtsjahr und Geburtstag. — Johanne« der Täufer. — Jesus Christus. — Die evangelischen Berichte über ihn. — Die Stisimig ter Kirche durch einen Gekreuzigten.

Das jüdische Volk, von dem wir in der vorigen Stunde gesprochen haben, trug den Keim seiner Auflösung bereits in sich. Der Verwesungsgeruch zog die Adler herbei, die in immer engern Kreisen es umschwirrten. So weit wir unsern Blick schweifen lassen über die damalige Welt, so weit beinahe sehen wir diese Feldzeichen der römischen Adler aufgepflanzt: nordwärts bis an den Rhein und die Donau, ostwärts bis an den Euphrat, westwärts bis zum atlantischen Meer, südwärts bis an die arabischen und afrikanischen Wüsten. Jn einem Zeitraum von sieben Jahrhunderten war die von Romulus gegründete Stadt der sieben Hügel zur allmächtigen Weltstadt, zur Beherrscherin der Völker geworden. Das Erbtheil früherer Eroberer, eines Cyrus, eines Aleranders war großemheils von der Allgewalt des römischen Namens verschlungen, und mit dem Reichthum und den Schätzen der alten Welt war auch die Summe der geistigen Bildung auf diesen Namen übergegangen. Griechisches Leben, griechische Sprache, griechische Dichtung und Kunst wurden nicht nur in Athen und andern griechischen Städten durch blühende Schulen gepflegt, sie hatten ihren Mittelpunkt, ihren Heerd in Rom selbst. Hier fand auch jeder Cultus Duldung, jeder Gott seinen Tempel. Der ganze Weltverkehr ging von da aus und strömte dahin wieder zurück. Prachtvolle Heerstraßen durchzogen das Reich und erleichterten den Verkehr der Völker. Handel, Schifffahrt, Gewerbe blühten. Der Sinnengenuß war aufs Höchste gesteigert und durch eine seinen Zwecken dienende Kunst verfeinert. Jn Absicht auf Bildung und Litteratur führt dieses Zeitalter den Namen des goldnen. Nach den langen, blutigen Bürgerkriegen, die Rom im Jnnern verzehrten und der Republik ein Ende machten, war der Triumvir Octavianus als Sieger über seine Nebenbuhler in der Schlacht von Actium (2. Sept. 31) hervorgegangen und herrschte nunmehr als Cäsar Augustus, gefeiert von den Dichtern, die um seine und seines Freundes, des feingebildeten Mäcenas Gunst buhlten. Jm Reich herrschte Friede, und auch nach außen ruheten großentheils die Waffen. Ein Kirchenschriftsteller aus dem fünften Jahrhundert(Orosius) meldet, daß zur Zeit der Geburt Christi der Janustempel geschlossen gewesen, seit sieben Jahrhunderten zum zweitenmal. Gleichzeitige Schriftsteller wissen zwar davon nichts. Jm Gegentheil, sie melden von wiederholten kriegerischen Bewegungen, die nach dem Oriente hin stattfanden; doch war der öffentliche Zustand immerhin von der Art, daß ein „ruhiges und stilles Leben zu führen", wie Paulus an Timotheus (1 Tim. 2, 2) es von den Christen verlangt, den Bewohnern des Reiches möglich war, im Vergleich mit frühern Zeiten. — So schienen auch die Zeitumstände geeignet, um jenen allgemeinen Census, jene Reichsschatzung vorzunehmen, der das Evangelium Lucä gedenkt, und um derentwillen Maria mit ihrem Verlobten von Nazareth nach Bethlehem wanderte, wo sie den Heiland der Welt in einem Stalle oder, wie einige der Kirchenväter annehmen, in einer Höhle gebar. — Ueber diese allgemeine Schatzung zur Zeit der Geburt Jesu haben sich nun freilich chronologische und historische Schwierigkeiten erhoben, die sogar ausgebeutet worden sind, um die Glaubwürdigkeit der evangelischen Geschichte, wenigstens in dieser Parthie zu bestreiten. Wir können uns darauf nickt einlafsen, und bemerken einstweilen nur so viel, daß neuere Forschungen, die hierüber von rein wissenschaftlicher Seite angestellt worden sind, zu Gunsten des evangelischen Berichtes ausgefallen sind>). Auch über das eigentliche Jahr der Geburt Jesu und

>) Huschke, über den Census der früher« römischen Kaiserzeit. — Vollkommen erledigt ist damit die Sache freilich noch nicht. — So viel ist über die Richtigkeit nnserer gewöhnlichen Zeitrechnung will ich Sie hier nicht aushalten. Bekanntlich hat das Zählen der Jahre nach Christi Geburt nicht gleich in der christlichen Zeit begonnen. Man zählte theils nach Erschaffung der Welt, theils nach der Erbaunng Roms, theils nach andern Aeren. Erst mit dem sechsten Jahrhundert wurde durch den römischen Abt Dionysius den Kleinen unsere jetzige Zeitrechnung festgestellt, wonach die Geburt Jesu im Jahr 754 nach Erbaunng Roms oder im Jahr 4714 nach Erschaffung der Welt fällt. Neuere Untersuchungen haben indessen auf die Vermuthung geführt, daß dieses Jahr etwas zu spät augesetzt und daß Christus (so seltsam das klingen mag) einige Jahre vor Christi Geburt, d. h. einige Jahre vor der von uns üblichen Zeitrechnung geboren sei, wie jetzt Manche annehmen, im Jahr 747 nach Erbaunng Roms; doch sind auch darüber die Akten noch nicht geschlossen und Manche haben wieder die Dionysische Rechnung als die richtige erfunden. Noch viel weniger ist es der Wissenschaft gflungen, den eigentlichen Geburtstag des Herrn festzustellen, da wir darüber weder in den Evangelien noch sonst etwas Sicheres finden; denn die Feststellung desselben auf den 25. December, an dem wir unser Weihnachtfest feiern, hat bekanntlich erst in weit späterer Zeit und aus andern Gründen stattgefunden, die wir hier nicht weiter verfolgen können. Die einzigen chronologischen Haltpunkte, die uns das neue Testament selbst giebt, sind einmal die Nachricht bei Lucas, daß eben die Geburt Jesu stattfand zur Zeit jenes römischen Census, und (nach Matthäus) zur Zelt, da Herodes der Große noch lebte, und daß sein öffentliches Auftreten ungefähr im dreißigsten Jahr seines Alters, in das fünfzehnte Regiegierungsjahr des Tiberius fällt. Wie sich das unter sich vereinigen lasse, ist unsere Sache nicht, zu untersuchen.

Weit wichtiger ist es für uns, das Bild des Herrn so in den Vordergrund unserer Geschichtsbetrachtung zu stellen, daß wir daraus einen sichern Schluß ziehen können auf das Wesen und die Bestimmung der Kirche, die nach ihn, sich nennt.

gewiß, daß die innere Glaubwürdigkeit der evangelischen Berichte nicht abhängig ist von der größern oder geringern Genauigkeit in chronologischen Angaben n. dg!.

Wie ich schon früher bemerkte, so gilt es hier nicht, das Leben Jesu ausführlich zu erzählen. Es gilt vielmehr, uns einen Gesammteindruck seiner historischen Persönlichkeit als des Stifters der Kirche zu verschaffen. Und da müssen wir einen Augenblick vergessen, sowohl was die Kirche über seine Person Dogmatisches ausgesagt, als was unser Glaube persönlich in ihm findet, als dem Gottes- und Menschensohn. Wir müssen uns in rein historischer Verfassung zurückversetzen in die Zeit seines Auftretens, da noch kein Vekenntniß von ihm sich gebildet hatte, da es sich erst allmälig aus der lebendigen Anschaunng seiner Persönlichkeit heraus bilden sollte in den Gemüthern der Jünger. Da tritt uns denn zunächst als Vorläufer des Herrn eine andere Gestalt entgegen; es ist der Sohn des Priesters Zacharias, Johannes, der in der strengen Weise eines Elias und der alten Propheten in der Wüste Jnda Buße verkündigte und auf diese Buße hin am Jordan taufte. Seine Bußrede bildet einen merkwürdigen Beleg zu dem, was wir in der vorigen Stunde von den Zuständen des Volkes bemerkt haben. Die Art, sagt er, ist den Bäumen an die Wurzel gelegt, und jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und in's Feuer geworfen. Zugleich aber weist er hin auf den Stärkern, der nach ihm kommen wird mit der Wurfschaufel in der Hand, seine Tenne zu fegen, und der nicht mit Wasser, sondern mit Feuer tausen werde. Diesem Höhern, erklärt er offen, sei er nicht werth, die Schuhriemen aufzulösen und wiederum weist er auf ihn hin, als auf das Lamm Gottes, das der Welt Sünde nägt. Wir wissen auch, wie er im Gefühl seiner Unterordnung sich sträubte, den zu taufen, der keiner Reinigung und Sündenvergebung bedürfe und wie er sich nnr auf den ausdrücklichen Befehl Jesu selbst diesem Werk unterzog. Um so auffallender mag freilich das spätere Verhalten des Johannes erscheinen, da er, nachdem Jesus bereits aufgetreten, seine Jünger mit der Frage an ihn sendet, ob er der erwartete Messias sei oder ob eines Andern zu warten? Wir kennen die Antwort des Herrn an ihn und sein Zeugniß über ihn. Er weist die Jünger des Johannes an das, was sie gesehen und gehört haben: Die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein, die Tauben hören, die Todten stehen auf, den Armen wird das Evangelium gepredigt, und selig ist, der sich nicht ärgert an mir (Match. 11, 1—6). Offenbar galten diese Worte nicht nur den Jüngern des Täufers, sie galten ihm selbst. Bei aller Ehrfurcht vor der Person Jesu, scheint Johannes doch irre geworden zu sein an der Art seines Auftretens. Ganz und gar der Mann des alten Prophetenthums, wußte er sich nicht zu finden in die neue Ordnung des göttlichen Reiches. Darum sagt auch Christus die bedeutsamen Worte, die eben so sehr die Anerkennung seiner Würde, als die Schranken derselben in sich fafsen: „ich sage euch, unter denen, die von Weibern geboren sind, ist kein größerer Prophet, denn Johannes der Täufer; der Kleinste aber im Reich Gottes ist größer, denn er." (Ebend. V. 1l.)

So hatte sich denn also noch einmal in Johannes dem Täufer die alte Ordnung des Prophetenthums gleichsam zusammengenommen , um dann für immer der neuen Ordnung der Dinge zu weichen. Die alte Strenge, das rauhe Vußgewand, sie hatten ihre hohe Vedeutung, ihre volle geschichtliche Berechtigung. Die ernste sittliche Erweckung im Volke sollte, auch unter strengen Formen, dem Reiche Gottes Bahn machen. Das Reich selbst aber sollte nicht kommen mit äußern Geberden., sondern durch den Glauben sich erbauen im Jnwendigen der Menschen. — Wir haben früher gesagt, es sei mißlich von einer Stiftung der Kirche zu reden, insosern man dabei an willkürlich Formulirtes und Statutarisches denkt, und wenn wir daher Jesum gleichwohl den Stifter der Kirche nennen, so haben wir wohl darauf zu achten, daß auch hier nicht falsche Nebenbegriffe sich einschleichen. — Die Frage, hat Jesus eine Kirche stiften wollen oder nicht? kann verneint und bejaht werden, se nachdem man eben diese Stiftung faßt. Sehen wir auf die Art, wie Jesus auftritt, wie er lehrt und handelt, so sieht das alles nicht einer Stiftung ähnlich in dem vorhin bezeichneten Sinne. Jesus entwirft, um mich eines modernen Ausdrucks zu bedienen, kein Programm seiner neuen Religionsverfassung. Er stellt weder einen Compler von dogmatischen Lehrsätzen, noch von Cultusvorschriften, noch von einer Kirchenverfassung an die Spitze seines Werkes. Selbst die, welche von einer Lehre Jesu reden, haben sich wohl vorzusehen, daß sie damit nicht zu viel sagen; wenigstens darf an ein Lehrsystem, an einen zusammenhängenden Lehrvortrag, an eine auch nur von ferne wissenschaft

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