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scheidet von der Zeit, da er nicht mehr bei ihnen sein werde, und wie er sie hinweist an den Tröster, den er ihnen senden und der sie in die ganze Wahrheit leiten werde, so muß uns doch wohl die Ausgießung des Geistes am Pfingstfeste als die That Gottes erscheinen, die wir als die eigentliche Schöpfung der Kirche, als die Gründung einer heiligen, nach ihrem innern Wesen unsichtbaren, aber nach ihren Erscheinungsformen in die Sichtbarkeit heraustretenden Gemeinschaft im Geiste begrüßen. Nun hebt sich aber auch wieder die Zeit, die unmittelbar auf die Ausgießung des heil. Geistes folgt, die Zeit der Apostel, die Urzeit aufs bestimmteste ab von der Kirchenzeit, die wir als die nachapostolische, als die Kirchenzeit im engern Sinn begreifen. Die Geschichte der apostolischen Kirche gehört noch in die Offenbarungsgeschichte des neuen Bundes; sie hat daher auch ihre Quellen noch großentheils in den biblischen Urkunden, während die Kirchengeschichte (im engern und geläufigen Sinn des Wortes) da erst beginnt, wo die Zeit der Offenbarung vorüber ist, wo die von den Aposteln gegründeten Gemeinden zu einer Gesammtgemeinde, d. i. eben zu einer Kirche im eigentlichen Sinn sich zusammen schließen und dieses Gemeinschaftsleben sich zu organifiren beginnt, also um die Zeit nach der Zerstörung Jerusalems, um die Zeit der sogenannten apostolischen Väter. Da tritt uns erst die Kirche in sichtbarer, gleichsam in leiblicher Gestalt entgegen, und von da an nennen wir auch den geschichtlichen Stoff den kirchenhistorischen in seinem Unterschiede von dem, was wir dem Bibelstudium zuweisen. Dabei aber versteht sich von selbst, daß sich die Grenze nicht scharf bestimmen laßt: und darum wird jeder, der die Geschichte der Kirche lebendig und verständlich darstellen will, auch genöthigt sein, in die apostolische Zeit zurückzugreifen, ja noch weiter zurück, in das Leben Jesu selbst; denn ohne daß wir das Bild des Herrn, der der Schöpfer der Kirche ist, uns klar vor die Seele gestellt haben, wie könnkn wir seine Kirche, wie ihre Geschichte begreifen? Eben weil die Kirche nicht etwas von Menschen Erfundenes und Gemachtes, nicht etwas durch Willkür eines Menschen Eingeführtes, sondern weil sie ein lebendig Gewordenes, ein aus dem Geiste Geborenes, nach dem Gesetze des Wachsthums nur allmälig zur Entfaltung Gekommenes ist, eben darum läßt sich nicht ein bestimmtes Datum angeben, womit ihre Geschichte absolut begönne. Es ist daher sogar mißlich, von einer Stiftung der Kirche zu reden, weil sich leicht mit diesem Worte die Vorstellung verbindet, als sei die Kirche ein freiwilliger Verein von Gleichgesinnten, die mit bewußter Absicht an dem und dem Tage zusammen getreten seien zu einer Religionsgesellschaft mit den und den Statuten, wie das etwa bei der Stiftung anderer menschlichen Gesellschaften der Fall ist. Die Zeit ist zwar noch nicht so ferne, wo man wirklich die Entstehung der Kirche sich in ähnlicher Weise dachte, wie etwa die Entstehung eines wissenschaftlichen Vereins oder einer gemeinnützigen Anstalt; hat man ja auch den Staat als einen geselligen Vertrag der Menschen unter einander begreifen zu müssen geglaubt! Allein, Dank sei es der neuern, auf die liefern Lebensgesetze zurückgehenden Wissenschaft, daß wir von dieser mechanischen und unwahren Betrachtung der Dinge wieder los geworden sind, und daß die Ueberzeugung doch wohl unter allen Denkenden feststeht, Staat und Kirche seien göttlich geordnete, göttlich gewollte Schöpfungen, ähnlich der Schöpfung der Natur; Schöpfungen, an denen zwar der menschliche Geist zu allen Zeiten in freier Weise sich betheiligte, die aber gleichwohl über menschliche Berechnung „nd Willkür weit hinaus liegen, und die bei allem Eingehen in die menschlichen Formen, dennoch das höhere Gesetz ihrer Entwicklung in sich selbst tragen, dieweil es der Schöpfer in sie gelegt' hat. Erst von diesem Standpunkte aus gewinnt auch das Studium der Völker- wie der Kirchengeschichte sein höheres Jnteresse; denn nun haben wir es nicht zu thun mit den flüchtigen Einfällen menschlicher Willkür und Laune, nicht mit einem eiteln Gewebe menschlicher Thorheiten und Leidenschaften und dem Spiel'des Zufalles, sondern eben mit einer Geschichte, die dieses Namens würdig ist, mit einer höhern Nothwendigkeit, die aber gleichwohl im Bereiche menschlicher Freiheit und in beständiger Wechselbeziehung mit ihr sich vollzieht. Wie die einzelne menschliche Seele, einmal von dem Lebenshauch des Christenthums berührt, und von seiner Macht ergriffen, eine Wiedergeburt erfährt und die Regungen der Gnade nicht als ein Fremdes und 3odtcs in sich aufnimmt, sondern dieselben sich als neues Lebensprincip aneignet, durch das sie hinfort bestimmt und geleitet wird, so sehen wir auch die Welt, so sehen wir ganze Völker ihre Wiedergeburt feiern. Ein

neues Leben, das nichr aus dieser Welt stammt, nicht aus den Bedingungen dies« Welt zu begreifen ist, tritt gleichwohl in die Welt ein, um sie zu besitzen, zu beherrschen, zu verklären. Dir Welt sträubt sich gegen die Macht dieses neuen Lebens, es entsteht ein Kampf zwischen dem Alten und Neueu, zwischen Finsterniß und Licht. Jn diesem Kampfe erscheinen indessen die Gegensätze nicht immer rein und gesondert; auch das Licht erfährt seine Trübung, auch an die himmlische Wahrheit hängt sich das Mißverständniß; Jrrthum und Sünde dringen in die Kirche ein und «rzeugen in ihr die Truggestalteu falscher Lehre und verkehrter Lebensrichtung. Selbst die reinern, edlern Seelen bleibeu nicht unberührt von dem Hauch der Sünde, und darum ist auch das Spiegelbild, das sie zurückwerfen, nicht immer dem Urbilde getreu, fondern von Irrthum, von Leidenschaft, von menschlicher Befangenheit getrübt. Ihr Widerstand gegen das Böse schlägt oft in Verkemmng des Guten um, das auch am Gegner zu beachten ist; der Geist des Widerspruchs bemächtigt sich der allseitigen, lebendigen Wahrheit und verhärtet sie zum Buchstaben, die Rcchtgläubigkeit wird zur Starrgläubigkeit, und die Begeisterung steigert sich zur Schwärmerei. Für alle diese Erscheinungen, für alle Nüancirungen von Licht und Schalten, wie sie in dem großen Gemälde vorkommen, muß die Kirchengeschichte ein offenes Auge behalten. Wer nur von dem Standpunkte der Welt aus die Geschichte der Kirche Christi betrachtet, der sieht in ihr nur ein Chaos von Leidenschaften, von menschlichen 3horheiten und Schlechtigkeiten, und unbefriedigt wendet er sich von ihrem Gebiete ab. Wer dagegen mit frommer Gemüthsstimmung in ihr nur Erbauliches sucht, der wird zwar vieles finden, das seiner Seele Nahrung giebt, aber eben so ost wird er sich auch in feinen Erwartungen getäuscht finden. Die Kirchengeschichte bietet uns weder rein Weltliches noch rein Himmlisches, fondern beides in mannigfacher Mischung. Das einemal läßt sie uns Blicke thun in das innerste Heiligthum des Glaubens, so daß wir ausrufen möchten, hier ist wahrhaft Gottes Haus, hier ist die Pforte des Himmels, während das anderemnl wieder dieser Himmel sich trübt, von düsterm Gewölke des Aberglaubens umzogen. Das eineiual sehen wir die Engel des Friedens sich herabneiqeu auf die Erde, und das anderemal scheint es, als wolle die Hölle ihren Abgrund öffnen und als sähen wir jene Thiergestalten aufsteigen, die der Seher der Apokalypse uns als bereutsame Typen vor Augen stellt. Das einemal werden wir hingerissen zur Bewunderung, zur Anbetung — das anderemal fühlen wir <ins abgestoßen durch den Gegensatz. Noch öfter aber befinden wir uns in der mittlern Stimmung des ruhigen Beobachters, des nüchternen Kritikers, dessen Aufgabe es ist, das Richtige vom Unrichtigen, das Licht von der Finsterniß zu scheiden, jede Erscheinung aus ihren Umgebungen zu begreifen, sie auf ihr Maaß zurückzuführen und so das geschichtliche Urtheil, wenigstens annähernd, festzustellen. Dazu bedarf es nicht nur eines empfänglichen und erregbaren Gefühles, es bedarf der Weisheit, der Mäßigung, der Umsicht; es bedarf jenes Sinnes, der die Geister zu prüsen im Stande ist.. Möge mir von diesem Sinne so viel geschenkt werden, als nöthig ist, wenigstens auf die Spur der Wahrheit zu leiten. Jn gelehrte Untersuchungen werden wir uns nicht einlassen. Manches, das noch in der Untersuchung liegt und worüber die Akten noch keineswegs geschlossen sind, werden wir müssen unerledigt lafsen; doch so weit die Ergebnisse freier und unbefangener Forschung reichen, so weit werden wir auch von ihnen Gebrauch machen. Jch werde mich eben sowohl hüten, Unerwiesenes oder gar erwiesen Fabelhaftes nur um des Effektes willen als Thatsache mitzutheilen, als ich mich auch wieder hüten werde, voreilig über Nachrichten den Stab zu brechen, die zwar nicht über allen Zweifel erhaben, aber gleichwohl nicht von der Kritik beseitigt sind. Jch werde das historisch Ausgemachte, durch vollgültiges Zeugniß Beglaubigte so viel als möglich zu scheiden suchen von dem einfach Ueberlieferten, Und das Ueberlieferte wieder von dem rein Erdichteten, dem Legendenhaften. Doch auch die Sagen und Legenden der Kirche, selbst wo sie in das Abenteuerliche und Mährchenhafte sich verlieren, werde ich nicht mit Stillschweigen übergehen, sondern sie als Keue Reflcre des Zeitgeistes, dem sie angehören, in die Darstellung einflechten, ohne sie jedoch als ächte Perlen zu verkaufen. Wahrheit und Dichtung gehen in der Geschichte Hand in Hand; gewaltsam lassen sie sich nicht trennen. Einer sorgfältigen Hand mag es bisweilen gelingen, den Kern aus der Schale zu lösen, öfter aber müssen wir daraus verzichten, eine völlige Scheidung zu vollziehen. Genug,

daß wir jede so viel als möglich in ihrem eigenen Gewande auftreten lassen, damit nicht durch unsere Schuld beide miteinander vermengt, und ihre Gebiete untereinander verworren werden. "Eines ist so gefährlich als das andere, Dichtung in Wahrheit, als Wahrheit in Dichtung verkehren, und doch geschieht es so leicht, daß während wir die eine Richtung vermeiden, wir der andern verfallen. Ehe wir nun die Anfänge der Kirche selbst aufsuchen, wird es vor allen Dingen nothwendig sein, den historischen Boden genauer zu betrachten, auf den sie Gott hingestellt hat; denn wenn auch das Christenthum nicht aus den schon vorhandenen Zuständen zu begreifen ist, sondern vielmehr als ein Neues, als ein noch nie Dagewesenes in die Welt tritt, so durfen wir doch seine Erscheinung nicht als eiue zufällige, geschichtlich unvermittelte Erscheinung auffassen. Gott thut nichts durch Sprünge, eben so wenig als alles nach gleichmäßigen Schritten geschieht. Wie in der Natur, so giebt es auch in der Geschichte außerordentliche, überrafchende Wendungen der Dinge, Zeiten des Umschwunges, die uns als Sprünge erscheinen, indem sie zuvor nicht Geahntes unerwartet' an's Licht treten lassen. Wenn eine geschichtliche Erscheinung als eine neue Schöpfung zu begrüßen ist, so ist es das EhristenthUm. Und gleichwohl geht auch diese neue Schöpfung nicht aus einem absoluten Chaos hervor; sie ist vorbereitet, eingeleitet durch frühere Entwicklungen; sie schwebt nicht in der Luft, sie hat eine Vergangenheit hinter sich, einen geschichtlichen Boden unter sich. Darum sagt auch die Schrift so bedeutungsvoll: Christus sei erschienen, da rie Zeit erfüllet war. Wir können das Christenthum nicht bloß begreifen, als das Produkt früherer Zeiten; es ist unendlich mehr als dieses; aber wir können es doch wieder nicht als ein Ganzes erfassen, wenn wir nicht es betrachten im innigsten Zufammenhange mit der Zeit, in der es erschien. Wir fasse?, diese Zeit zusammen unter dem Begriff des Altcrthums, der alten Geschichte, während mit Christus die neue Zeit beginnt; denn er ist, wie Johann von Müller sagt, „der Schlüssel der Weltgeschichte, der das Alte abschließt, das Neue eröffnet". Diese ganze alte Welt zerfällt nun aber für,d« religiöse und religionsgeschichtliche Betrachtung in zwei ungleiche Hälften, in die heidnische und in die jüdische Welt. Die eine umfaßt.

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