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Beweis von seiner Freimütigkeit und Unabhängigkeit: zugleich auch ein Beweis davon, daß die Apostel, auch nach Empfang des heil. Geistes am Pfingstfeste, nicht über alle Schwankungen des (Glaubens erhaben waren. Aber von allen Gemeinden, an die wir Vriese der Apostel haben, erhalten wir von keiner ein so anschauliches und in Einzelheiten gegliedertes Bild, als von der Gemeinde zu Corinth. Da sehen wir, wie diese Gemeinde schon frühzeitig in Parteiungen zerfallen war, indem die eine sich an Paulus, die andere sich an Kephas (Petrus), wieder andere an Apollos anschlössen und eine vierte Partei sich zusammenthat, die sich die Christuspartei nannte. Und wie sehr hatte der Apostel zu kämpfen gegen diesen Parteigeist, indem er darauf hinwies, daß Christus nicht getheilt, und daß auch ihrer Keiner auf Paulus oder Apollos getauft sei. Wie remüthig redet er da von seiner Arbeit und roch wie entschieden von seiner Stellung zu den übrigen Lehrern. — Wir erfahren ferner, daß der sittliche Zustand der corinthischen Gemeinde keineswegs ein musterhafter war, wie man sich ihn wohl bei einer christlichen Gemeinde der Urzeit denken möchte. Wir hören von Ausschweifungen, „wie sie selbst bei den Heiden nicht vorkommen" (1. Cor. 5, 1), von ärgerlichen Prozessen, von Absonderung der Reichen bei den gemeinschaftlichen Liebesmahlen und von Entweihung des h. Mahles selbst. Dabei thun wir aber auch Blicke in die gottesdienstlichen Einrichtungen rer Gemeinde, wir werden bekannt mit ihrer Art zu beten, zu weissagen: es treten uns merkwürdige Aeußerungen der Geistesgaben entgegen in dem s. g. Zungenreden, das einen gehobenen Seelenzustand voraussetzte, von dem wir uns kaum einen richtigen Begriff machen können, und in der Weissagung, die mehr aus einer verständigen Schriftauslegnng zu bestehen schien, wie sie auch noch unsere Kirche bedarf. Ueberall sehen wir da den Apostel belehrend, zurechtleitend eingreifen. Wir begegnen schon den Anfängen einer christlichen Kirchenzucht und einer Verbindung der Gemeinden untereinander durch Reisen, durch Sendbriefe, durch Betreibung von Liebessteuern. Und auch von den persönlichen Schicksalen des Apostels, von den Gefahren, die c.r um des Evangeliums willen ausgestanden, bietet der zweite Brief an die Connther uns manche Ergänzung zu dem, was die Apostelgeschichte erzählt. Wir erfahren da, wie er unter anderni mit den Thieren gekämpft, wie er auf dem Meere Schiffbruch gelitten u. a. m. Wie in der Gemeinde von Thessalonich, so waren auch in der von Corinth Streitigkeiten, Zweifel und Zerwürfnisse entstanden über die letzten Dinge, namentlich über die Auferstehung der Todten. Da entwickelt denn Paulus in großartigen Zügen seine Ansichten hierüber, die er nicht nur als persönliche Ansichten, sondern als Offenbarung mittheilt. Wie geistig und erhaben behandelt er seinen Gegenstand! wie großartig erscheint der Zusammenhang zwischen Christus dem Auferstandenen und der Gemeinde, von der er das Haupt und der Erstling ist. wie ferne von allem krafsen Veaterialismus seine Jdeen über den einstigen Auferstehungsleib! — Den innersten Kern seiner Theologie aber, die Lehre von der Rechtfertigung, sehen wir ihn entwickeln in seinem Brief an die römischen Christen. Er hatte diesen Brief, wie schon bemerkt, von Corinth aus geschrieben, noch ehe er persönlich mit der Gemeinde zu Rom bekannt war.

Wie sich diese Gemeinde in Rom gebildet? läßt sich nicht in Namen und Zahlen angeben. Es ist schon früher erwähnt worden. daß die Sage den Apostel Petrus dahin kommen läßt, und wenn wir auch diese Sage nicht als grundlos verwerfen, so sind ».'ir doch keineswegs berechtigt, Petrus ohne weiters als den Stifter der Gemeinde von Rom zu bezeichnen. Wir wissen aber, daß seil Pompejus Juden in Rom wohnten: auch auf dem ersten christlichen Psingstfeste waren Juden und Judengenossen aus Rom gegenwärtig und konnten die ersten christlichen Eindrücke mit nach Hause genommen haben. Auch der Bewegung unter Claudius und der Vertreibung der Juden aus Rom haben wir erwähnt. Aquila und Priscilla gehörten zu jenen Vertriebenen, kehrten aber bald, und zwar als Christen, wieder dahin zurück. Wir haben uns diese erste christliche Gemeinde in Rom nicht als sehr bedeutend zu denken in weltlichem Sinne (Vornehme und Reiche gehörten nicht zu ihr); doch mußte sie in den Augen des Apostels bedeutend genug sein, um ihn zur Abfassung eines so inhaltreichen Briefes an sie zu bewegen. Sie scheint aus Juden- und Heidenchristen bestanden zu haben; denn Paulus nimmt in seinem Brief auf beide Rücksicht, indem er zeigt, wie weder Juden noch Heiden einen rechtmäßigen Anspruch haben auf die Gnade Gottes, sondern wie Gotl alles beschlossen unter dem Unglauben, damit er sich aller erbarme; und so vergleicht er denn die Heiden dem wilden Oelbaum, dem die edlern Zweige des Judenthums aufgepfropft worden, eine kirchenhistorisches Bild, das uns immer vor Augen stehen sollte, wenn wir die Verhältnisse des Judenthums zum Heidenthum und beider zum Christenthum richtig beurtheilen wollen.

Nun die Gemeinden, an die Paulus aus der Gefangenschaft schrieb. Da ist uns Colossä in Phrygien wichtig. Hier hatte eine eigenthümliche Jrrlehre überhandgenommen. Die Phrygier waren von jeher empfänglich für ertravagante Religionsvorstellungen und Religionsübungen. Schon in der heidnischen Zeit hatte dort der Dienst der Göttermutter (Cybele) zu schwärmerischem Unwesen geführt. — Und so scheinen auch jetzt unter dem Namen der Philosophie allerlei unfruchtbare Speculationen über die Natur der Engel u. dergl. an die Stelle des einfachen Christenthums getreten zu sein, verbunden mit selbsterwählten Kasteiungen in Absicht auf Speise und Trank oder auf bestimmte Feiertage, Neumonde und Sabbathe. Daher warnt der Apostel: „Lasset auch niemand das Ziel verrücken, der nach eigner Wahl einhergehet in Demuth und Geistlichkeit der Engel, deß er nie keines gesehen hat, und ist ohne Zache aufgeblasen in seinem fleischlichen Sinn." (Col. 2, 18 ff.) Und so weist er sie auf Christum, als das Haupt der Gemeinde, als den, in welchem allein alle Schätze der Weisheit und der Erkenntniß verborgen liegen. — Jn diesem Colossä lebte auch jener Christ Philemon, an den wir einen kleinen Brief des Apostels haben, der uns zeigt, in welchem innigen, freundschaftlichen Verhältnis; Paulus zu diesem Manne stand, den erst die spätere Sage zum Bischof von Colossä gemacht hat. Bald nach Empfang dieses Briefes traf übrigens die Stadt Colossä ein trauriges Schicksal. Sie wurde im fünften Regierungsjahr des Nero (62) durch ein Erdbeben verschüttet. —

Von den verschiedenen Gemeinden scheint dem Apostel keine so sehr am Herzen gelegen zu haben, als die Gemeinde zu Philippi, in Macedonien. Er nennt sie (wie übrigens auch die Gemeinde zu Thessalonich, 1 Thess. 2, 19) seine Freude, seine Krone (Phil. 4, 1). Er rechnet es ihr zum Vorzug an, daß er von ihr Liebesgaben empfängt (Phil. 4, 15) und rühmt es an ihren Gliedern, Hogendoch, Vorlesungen II.?

daß sie ihm allezeit gehorsam gewesen. Gleichwohl scheinen auch hier falsche Apostel Eingang gefunden zu haben, vor denen Paulus in starken Ausdrücken (Phil. 3, 2) zu warnen für gut fand. — Weniger persönliche Beziehungen treten dagegen an dem Brief an die Epheser hervor, der seinem Jnhalte nach manches mit dem Brief an die Colosser gemein hat. Man hat sich dieß auf verschiedene Weise erklärt, was uns aber hier nicht aufhalten kann. Daß Paulus sonst gerade zu dieser Gemeinde in einem engem Verhältniß stand, daß er sich sogar längere Zeit (zwei Jahre) bei ihr aufhielt und noch auf seiner Heimreise sich von ihren Aeltesten in Milet verabschiedete, haben wir schon früher erwähnt. Bei seinem Abgange hatte Paulus seinen Schüler Timotheus dafelbst gelassen, an den auch die beiden Hirtenbriefe im neuen Testament gerichtet sind. Auch den Tychicus ordnete er dahinab. (Ephes. 6, 21.) So ward durch die paulinische Thätigkeit, verbunden mit der glücklichen Lage der Stadt, Vphesus der Mittelpunkt des Christenthums in Kleinafien, und als dann später nach dem Tode des Paulus der greise Johannes seine letzten Tage dafelbst zubrachte, wie eine frühere Stunde uns gezeigt hat, so mußte das Ansehen dieser beiden großen Apostel zusammenwirken, um dieser Metropole eine geschichtliche Bedeutung zu geben, die der von Jerusalem und Antiochien gleich kam. — Aus dem Brief an Titus lernen wir endlich auch noch die Verhältnisse der Kretensischen Gemeinden kennen Die Apostelgeschichte bringt zwar Paulus mit der Jnsel Kreta (dem heutigen Candia) nur in flüchtige Berührung (Apostelg. 27, 7); den Titus nennt sie uns gar nicht; doch.wäre möglich, daß Paulus schon früher von Corinth oder Ephesus aus einen Besuch dafelbst gemacht und die Gemeinde gestiftet haben könnte; wenn wir nicht einen spätem Zeitraum, unter Voraussetzung einer zweiten Gefangenschaft Pauli, dafür iu Anspruch nehmen dürfen. Aus dem Briefe an Titus sehen wir, daß dieser schon auf des Apostels Geheiß eine gewisse Gemeindeorganisation auf der Jnsel einführte. indem er von Stadt zu Stadt Aelteste verordnete.. Auch da fehlte es nicht an Kampf mit allerlei Widersachern und an Solchen, die Fabeln und Menschengebote an die Stelle der Wahrheit zu setzen sich bemühten, so daß Paulus sich veranlaßt sah, an den Spruch eines griechischen Dichters zu erinnern, der die Kreter Lügner, böse Thiere und faule Bäuche nennt.

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So weit über die Gemeinden, an welche Paulus Briefe gerichtet hat. Es fragt sich, besitzen wir alle Briefe des Paulus? Diese Frage muß aus den eigenen Briefen des Apostels verneint werden- denn im Brief an die Colosser beruft sich Paulus an einen Brief an die Laodicäer (Col. 4, 16), den wir nicht mehr haben, es wäre denn, daß der Brief an die Epheser seine Stelle verträte. Eben so ist nicht unwahrscheinlich, daß er auch an die Corinther einen frühern Brief geschrieben hat, der.nicht mehr vorhanden ist (1 Cor. 5, 9). Dem sei wie ihm wolle, schon aus diesen Briefen, so weit sie uns sind erhalten worden, ergiebi sich, wenn auch ein nicht vollständiges, doch sehr willkommenes Bild von dem Zustande der Gemeinden im apostolischen Zeitalter. Nun aber sind uns außer den paulinischen noch andere Briefe apostolischer Männer in unserm Bibelkanon aufbewahrt, aus denen sich noch einige weitere Züge zur Vervollständigung des Bildes der ersten Kirche entnehmen lafsen. Der Brief an die Hebräer, über dessen Abfafsung von Alters her die Meinungen getheilt waren, indem die Einen ihn dem Apostel Paulus zufchrieben, Andere einem seiner Schüler oder Gehülfen (man hat auf Lucas, auf Barnabas, auf Apollos gerathen), muß zu einer Zeit an die Judenchristen in Jerusalem geschrieben worden sein, als die Apostel bereits dafelbst theils ausgestorben waren, theils ihre Sitze verlassen hatten (vgl. Hebr. 2, 3). Er zeigt, wie die alte Religionsverfafsung, die in dem .Tempeldienst ihren Mittelpunkt hatte, nunmehr ihre Bedeutung verloren habe und wie das, was nur als Vorbild und Schatten gedient, in Christo erfüllt sei. Es deutet der Brief ferner auf eine Zeit, da der Gemeinde die schwersten Prüsungen und Verfolgungen noch bevorstanden und deshalb sucht er ihr Muth und Glauben einzuflößen, indem er sie aufschauen lehrt auf den, der allenthalben Versucht ward, auf den Anfänger und Vollender des Glaubens, Christum (Hebr. 12). Auf eben solche drangvolle Zeiten weisen auch die Briefe hin, die wir unter dem Namen der katholischen Briefe besitzen. So ist der erste Brief des Petrus gerichtet an die Christen in Pontus, Galatien, Cappadocien, Asien und Vithynicn, der des Jacobus an die hin und her zerstreuten

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