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II.

Allgemeine Bibliographie

der deutschen neuesten theologischen Literatur,

. bearbeitet von
A. G. Rudelbach und H. E. F. Guericke,

mit Beiträgen von F. Delitzsch, C. P. Caspari, H. A. Pistorius, W. F. Besser, K. Stroebel, B. A. Langbein, T. F. Karrer, Wilh. Neumann, : J. Pasig, F. R. Zimmermann, A. Schütz, G. C. H. Stip,

und Anderen *).

II. Theologische Literaturkunde. Dr. Clans Harms Lebensbeschreibung, verfasset von ihm selber. Mit Bildn. Kiel (akadem. Buchhandl.) 1851. 8.

Man wird erwarten, dass die Lebensbeschreibung des jetzt, wie er sich selbst darüber ausdrückt, „im Herrn gebundenen,“ des Augenlichts beraubten, grossen evangelischen Predigers Claus Harms einen Nachklang von und einen Commentar zu dem enthalten werde, was sein Leben am meisten bewegt, und worin es sich zumal bewegt, zu seinen Predigten, seinen Thesen von 1817, seiner Pastoraltheologie dann aber, dass sie zu alle dem noch Etwas bieten werde, das die eigentliche Lebensbeschreibung (wie der Verfasser sie gerade gehalten wissen will) constituirt, nämlich das Lebensbild selbst, so dass man den Mann, den man aus seinen Schriften lieb gewonnen hat, hier noch mehr lieb gewinnt. Und man wird sich in dieser Erwartung nicht getäuscht finden. Sagen wir denn zuerst, es ist eine solche Lebensbeschreibung, worin Vieles wirklich beschrieben wird, worin, nach frommer Väter Weise, Jahr und Tag, Aeusseres und Inneres, Freude und Leid, Gesundheit und Krank

*) Jeder einzelne Artikel wird mit dem Anfangsbuchstaben des Namens des Bearbeiters bezeichnet (R. G. D. Č. Pi. B. Str. L. K. N. Pa. Z. Sch. Sti.).

heit, Vermögen und Schulden, Familien, Freunde und Amtsgenossen mit Fleiss bemerkt sind, worin allen diesen Punkten das Gebührende zuertheilt ist, so dass die Nachwelt einst mit den lebendigen Manne leben, in seine Zeit, seine Verhältnisse, seine Umgebung sich bineinversetzen kann. Die Form des Kapitelmässigen, wie sie im Buche erscheint, ist dadurch als die natürliche bestimmt. Sagen wir ferner, es ist eine solche Lebensbeschreibung, worin nicht mehr herbeigezogen wird von den grossen Kreisen der Zeit, als gerade was in dieses Leben eingegangen ist, eben aber dadurch es sich aufs herrlichste herausstellt, wie wunderbar die Waltungen des Höchsten sind, der in einem so beschränkten Menschenleben die ganze Zeit mit allen ihren gewaltigen Regungen und Strömungen sich abspiegeln lässt. Sagen wir endlich, es ist eine solche Lebensbeschreibung, worin die Fehler und Verirrungen des sich Darstellenilen nicht verschwiegen, aber auch nicht à la Rousseau mit denselben kokettirt wird (nur in einem einzigen Falle wird ein solcher Fehler als eine Tugend in Schutz genommen, und das ist das uroTQ10ENTIOXONữv, w'ss 'der theure Harms mit so vielen Standesgenossen in Schleswig-Holstein theilte, worin er auch wohl die Meisten überbot - das, was er seine zwei Politiken nennt: die Communal- und die Staatspolitik S. 183, von seinem Anite in Londen an, S. 101 ff., bis zur Schleswig-Holsteinschen Revolution, wo er noch als blinder Prediger die sogenannte l'olks - Erhebung, d. h. die Empörung in Schutz nimmt *)!, vor Allem aber die Gnade Gottes mit dem gebrechlichen Werkzeuge hoch gepriesen

*) Tergl. einen Bericht über die von ihm am 10. Nov. 1850 in der Nicolaikirche gehaltene Predigt; Allgemeine Kirchenzeit., Nov. 1850, No. 188. Uebrigens hat Harms über dieses áldoto1o ET102078iv wohl hin und wieder eine strafende Stimme vernom. men; „es liegt,“ gesteht er (S. 101), „ eine grosse Versuchung darin." Dennoch versucht er – aber freilich auf eine wenig überzeugende, unser Augsburgisches Bekenntniss in diesem Punkte auflösende, Weise - ein solches Ungehen des Geistlichen niit politischen Dingen zu vertheidigen; er meint (hier 2014leich ini Widerspruch mit dem Herrn und seinen Apusteln selbst), in diesem zugespitzten Worte: ,, Christi Reich sey zwar nicht von dieser Welt, aber doch in dieser Welt" liege die genügende Lösung (vergl. 2 Tim. 24). S. die 9te Predigt über die Augsburgische Confession. Ja Harms geht so weit, dass er ein förmliches politisches System verficht, und so sich selbst unter die Botmäs. sigkeit eiues fremden Geistes begiebt (wenigstens gehört er nicht denen an, welcher molite vuce im Himmel ist); „bevor nicht,“ äussert er unter Andern, „alle Constitutionen wieder aufgehoben, alle Volksvereine, die einen politischen Zweck haben, wiederum verboten, alle Repräsentantenwahlen mit ihren Bahnen ungesetzlich geworden, und alle öffentlichen Blätter und politische Schriften unter das gute alte Pressgesetz gestellt

Zeitschr. f. luth. Theol. I. 1852.

wird. So werden dann zuerst die christlichen Prediger : ringsum aus dieser Lebensbeschreibung des Predigers manchen reellen, unschätzbaren Gewinn ziehen können; sie werden ihn bei der Beschreibung seiner Bildung zum Prediger, bei der l'ertheidigung seiner Predligtweise (die bekanntlich, abgesehen von der eigenthümlichen Gabe, einen bedingten, aber doch strengen Gegensatz gegen den freien Vortrag in sich hält), bei der Erzählung von dem Entstehen, der Wirksamkeit, den Arbeiten der Predigerconvente in Barkau und Kiel, bei der eingreifenden Anweisung zum Umgange und Verfahren mit Wahnsinnigen (S. 89. 145 tf.), bei der Darlegung vieler besondern Amtshandlungen, bei der Entwickelung der von ihm gepflegten Missionsthätigkeit (S. 198 ff.), mit grosser Theilnahme begleiten und ihr Urtheil, ihre Ansicht in gegebenen Fällen berichtigen oder befestigen. Es werden auch christliche Theologen diese Lebensbeschreibung nicht unbefriedigt aus der Hand legcn. Abgesehen von dem Interesse an der getreuen Schilderung einer gewaltigen und doch demüthigen Persönlichkeit, werden sie den hier, noch mit glühenden Lebenslarben, dargestellten Uebergang Harm s' von der Nacht des Rationalismus zum Sonnenglanze des Christenthums, vermittelt durch „Schleiermachers Reden über die Religions (,,obwohl der mich gezeugt hatte, hatte kein Brod für mich," S. 69), als ein höchst merkwürdiges Factum in ihre Betrachtung aufnehmen ; werden ferner der Darstellung des Thesenstreits hier (obgleich zunächst nur ein Auszug aus Prof. Asmussens Darstellung in der Ev. Kirchenz. 1829) mit Aufmerksamkeit folgen; werden endlich aus der Darstellung der Wirksamkeit Harms' in verschiedenen Beziehungen nicht ungültige Schlüsse ziehen kön. nen auf den Stand und die eigenthümliche Gestaltung der erangelisch-lutherischen Kirche in Schleswig - Holstein. Zuletzt aber werden auch Christen überhaupt nicht nur viel des Erfreulichen und Erwecklichen aus besondern Zügen dieser Lebensbeschreibung hinnehmen, sondern durch die Darstellung der Lebensführungen des alten Glaubenskämpen ein Denkmal der Güte und Treue unsers Gottes aufgerichtet sehen. (R.]

III. Patrologie und Patristik. 1. Tatiani oratio ad Graecos. Als Corpus upologetarum

sind, ist keine Freiheit, keine Ruhe und kein Wohlstand zu hoffen“ (S. 187). Doch selbst solche Verirrungen, wirklich tiefe Verirrungen, können uns lehrreich werden. Vergessen wir nicht, dass Harms selbst zuletzt seufzt: „Gott gebe uns, dass unsre Häup. ter und Herzen minder von den politischen Dingen eingenonimen sind!“ (S. 202).

christianorum saeculi secundi Vol. VI. Ed. J. C. T. 0110 (Prof. Jen.). Jen. (Mauke'. 1851. 202 s.

l'on der Ausgabe der Werke Justins in 5 Bden, die 1842 begonnen, 1847 – 50 schon in der 2ten Aufl. erschienen war, geht der Herausgeber nun zu dem schwierigeren und dunkleren Tatian über, dessen Apologie seit mehr als 100 Jahren keinen unmittelbaren Ausleger (wenn schon an Daniel's Tatian. Halle. 1837 einen namhaften mittelbaren) gefunden hatte. Er bekundet auch hier , ja hier vorzugsweise, wo in Einen schwachen Bande Alles zusammengefasst werden konnte, seinen ausnehmenden l'act zu Editionen, indem er wesentlich gerade nicht mehr, und doch auch nicht weniger gibt, als beim Gebrauch Tatians erwünscht ist: einen reinen griechischen l'ext, nach dem ältesten Codex (codex Parisinus n. 174) mit Hülfe der jüngeren, der Eusebianischen Fragmente und eigner Conjectur hergestellt, daneben die lateinische Uebersetzung Maran's, darunter zur Rechtfertigung der gebotenen Lesart kritische und zur Erläuterung Tatianischer Schwierigkeiten und Dunkelheiten exegetische Noten (beide bescheiden genug, um den Text selbst nicht zu überschwemmen, und nur die letzteren, in Mittheilungen aus Anileren, mitunter etwas reichlicher), so wie die Scholien des alten Pariser Codex, voran als Prolegomena in 6 Rubris (über den Plan der Ausgabe, die vorhandenen Mscrr., die gedruckten Ausgaben, die Uebersetzungen, die Tatianische Diction und über den Inhalt der Apologie; so kurzes und Gutes, dass es nichts zu wünschen übrig lässt , zum Schluss die spärlichen anderweiten Tatianischen Fragmente und endlich einen trefflichen dreifachen Index (verborum , rerum, lucorum). Kein Wunder, dass so verständig angelegte Ausgaben (auch äusserlich würdig ausgestattet) nicht nur in Deutschland, sondern auch in England, Frankreich, Russland zahlreiche theolog. Freunde sich erwerben. Athenagoras, Theophilus und Hermias, bald je in 1 Bde folgend, werden das Corpus apologetarum saec. II. vervollständigen. [G.) 2. Berengarius Turonensis, oder eine Sammlung ihn betref

fender Briefe, herausgeg. von H. Sudendorf. Hamb. u. Gotha (F. & A. Perthes). 1850. 8. 1 Rthlr. 3 Ngr.

Seitdem 1834 die Gebrüder A. F. und F. Th. Vischer das zweite Buch von Berengars Schrift wider Lanfranc de sacra Coena aus der bekannten, von Lessing entdeckten, nachher von Stäudlin (s. dessen Berengarius Turon.; Archiv für alte und neue Kirchengeschichte, 11.) vollständig benutzten Il'olfenbütteler Handschrift, leider fehlerhaft genug, herausgaben, ward - ausser der trefflichen Darstellung Neanders, in seiner Kirchengeschichte, Vili. - $0 gut wie Nichts für Berengar geleistet; um so erfreulicher ist der vorliegende äusserst reichhaltige Beitrag zur Geschichte seines Lebens und seiner Zeit, eine reife Frucht unermüdlicher kritischer Geschichtsforschung. Versuchen wir einen Ueberblick zu gewinnen von dem, was uns hier dargeboten wird. In einer von G. H. Pertz schon verzeichneten Handschrift der Königl. Bibliothek zu Hannover, einen papiernen Codex aus dem 16ten Jahrhundert, den der erwähnte Forscher, aber fehlerhaft (warum, beweist Sudendorf ausführlich), als ein cimelium des Matth. Flacius Illyricus bezeichnete, finden sich unter der dritten Lage oder Sammlung - ausser dem, was bereits in Eccards Corpus historicorum medii aevi T. II., Dachery's Spicilegium T. III, der neuen Ausg., Martenes Thesaurus T. I., Mabillons Analecta T. I., Pertz Legum T. II. und Sudendorfs Registrum schon mitgetheilt auch 22 Briefe von und an Berengar so wie ihn betreffend, Diese Briefe bilden die Substanz der gegenwärtigen Schrift, wobei der Verf. sich als Zweck vorsetzte: „dem Freunde der Kirchengeschichte eine möglichst treue Auskunft über Berengars Leben zu ertheilen, insofern dieselbe nicht schon in der erwähnten Stäudlin'schen Monographie enthalten, dem Kirchengeschichtschreiber neues Material zu liefern, und ihn nancher, bis auf die kleinsten Einzelnheiten sich erstreckender, zur Ermittelung der Wahrheit nothwendiger, Forschungen zu überheben“ (Vorrede, S. XIII). Dieser Zweck ward auf die vollständigste, entsprechendste, zum tiefsten Dank verpflichtende Weise so erreicht. Vorauf geht ein genaues „Verzeichniss der citirten (und benutzten) Werke. Unter der bescheidenen Ueberschrift: „Verzeichniss der bisher bekannten Schriften Berengars, seiner Freunde und Gegner, nebst Bemerkungen über dieselben“ liefert demnächst die zweite Abtheilung (S. 7 — 68) die ausführlichste Literaturgeschichte Berengars, die uns bis dahin geboten ward – wobei nicht nur die Hinweisungen vollständig und die frühern Angaben theils constatirt, theils berichtigt, sondern auch eine Menge kritisch-historischer Punkte erörtert werden. Eine dritte Abtheilung führt uns - mit Beziehung auf die Perle der vorliegenden Briefsammlung, einen Brief des Grafen Gau. fried von Anjou an den Cardinal Hildebrand vom März 1059 – die treu fleissigst gearbeitete Geschichte dieses Grafen vor (S. 69 - 87), den wir als „, den eifrigsten Anhänger und Beschützer Berenga rs“ kennen lernen, „einen Blutsverwandten des Königs Heinrichs I. von Frankreich, Stiefvater der regierenden Kaiserin von Deutschland, Freund des Cardi

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