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ist, so finden wir uns zunächst mit Str. 269—273 leicht ab. Hier haben wir in der That eine unzweideutige Interpolation. (Das 'aber Str. 274,1 rührt von dem Interpolator der Str. 269 ff. her.) Auch Str. 257—264 laßen sich noch hinnehmen als die Erfindung eines gedankenarmen Kopfes, der dem Drang, die Strophenzahl zu mehren, nicht widerstehen kann. Dagegen wird die Annahme der Interpolation schwerlich ausreichen, um die Existenz der Str. 266—268 begreiflich zu machen. Die Abgeschmacktheit, daß Alphart 266, 2 ohne Vorbehalt den Kampf annimmt, um gleich, darauf um Sicherheit zu bitten, mag noch hingehen. Mit den Worten 266, 3 aber: 'weit ir strites ere an mir beide begän ...' kann er doch nur eine Herausforderung zu ehrlichem Kampfe annehmen, nicht aber auf Heimes Drohung Str. 265 antworten. Oder glaubt er, Heime scherzt? Daß ferner ein Interpolator zwischen 267, 4 und 269, 1 eine engere Verbindung hätte herstellen wollen, ist wohl denkbar. Dann mußte er schildern, wie Alphart in Noth geräth. Die Noth mußte ihm seine Bitte 269 abringen. 268, 3. 4 aber lesen wir:

er begunde si umbe triben al üf der heide wlt.

si muosten im entwichen: so herte was des ritters strit. So ruft denn Alphart den Entweichenden nach: 'begent an mir iur ere! Str. 263 f. dienen demselben Zweck wie Str. 248. Heime sucht vergeblich zu erfahren, wer sein Gegner ist. Sucht 249 Heime Alphart zu friedlichem Auseinandergehen zu bewegen, um den Kampf zu vermeiden, so entspricht es dem, wenn Heime Alphart Str. 257 auffordert, sich ohne Kampf zu ergeben. So können Str. 248. 249, Str. 263 f. 257 in den älteren Texten entsprochen haben. Die unentbehrliche Antwort auf Str. 257 erhalten wir Str. 259. Doch sie hat Cäsurreim wie Str. 260. 262. Auch Str. 258 wird der Reim 'stoze — erblöze' (s. 257, 4), wie ihn v. d. Hagen nach 249, 4 bietet, herzustellen und der Abschnitt Str. 258—262 in die Dichtung c zu verweisen sein. Über Str. 260, 2 s. o. Zum dritten Mal in unserem Texte möchte Heime Str. 260 wißen, mit wem er es zu thun hat. In dem älteren Texte antwortete Alphart auf Heimes Erklärung:

swann ich min swert erblceze, so läz ich genesen keinen man.

Str. 266: 'swem got des heiles gunne, der mac wol geleben'. Wie es Alphart Str. 266, 3 voraussetzt, läuft ihn Str. 267, 3 Heime allein an. Nach Str. 267 muß sich Witege eingemischt haben. Er bot wahrscheinlich Heime seine Hilfe an und motivierte den feigen Vorschlag wie Str. 256. Der Contaminator überging die Strophe mit Rücksicht auf 256. Um nach 267 Alpharts Bitte um Sicherheit zu motivieren, griff er die erste beste Strophe heraus, die mit den Worten begann: 'An liefen si dö beide den kindeschen man. Was darauf folgte schrieb er ab, ohne sich den Inhalt weiter klar zu machen. So könnten in a Str. 263. 264. 257. 266. 267, in b 248-256. 265. 269 aufeinander gefolgt sein.

Die äußerst thörichte Interpolation Str. 284—292, nach der derselbe Witege Alphart 'vride' gewährt, der eben davon abgemahnt hat, ist natürlich jünger als 269—273, darf aber aus dem Texte nicht entfernt werden, da sie doch immer schon von dem Dichter b herrühren könnte, deßen Text von Str. 269 an vielleicht zusammenhängend vorliegt.

Bei Vermuthungen muß es natürlich einem so verwahrlosten Texte gegenüber in vielen einzelnen Punkten sein Bewenden haben; als gesichertes Endresultat der gesammten Untersuchung aber können wir es wohl ansehen, daß der vorliegende Text durch Contamination verschiedener Vorlagen entstanden ist. Diese Vorlagen wieder waren zweifellos weit jünger als die älteste Alphart-Dichtung. In ihr, sahen wir, trat nach Heimes Abschied Dietrich sofort vor seine Recken (44, 4. 72, 1), erschien nach dem Kampf mit den wartman (169. 180, 1. 2) sofort Witege; die Texte a und b dagegen ließen beide Amelolt und Nere Heime das Geleit geben (Str. 47 und 56), also sicher auch nach Heimes Rückkehr Ermenrich die wartman besonders aussenden, beide ließen, wie auch Martin noch in seinem Texte, die tiberlebenden wartman zurückkehren und einen Kriegsrath zur Entsendung Witeges führen. Äußere Anzeichen ferner sprachen dafür, daß der älteste Text noch viel knapper und energischer von Handlung zu Handlung schritt, als dieß Martin verlangt, während a und b in behaglicher Breite erzählen. Läge uns nun einer dieser jungen, in sich zusammenhängenden Texte vor, so müßte bei dem völlig verschiedenen Charakter der alten und der jüngeren Dichtung auch solchem Texte gegenüber der Versuch, den alten Kern herauszuschälen, nothwendig mißglücken; wiederholt sahen wir die junge Zuthat in derselben Strophe sich unmittelbar an alt überlieferte Züge anschließen. Selbst so unzweideutige Interpolationen wie Str. 188—192 auszustoßen, wäre unstatthaft. Denn der Dichter dieser Strophen beherrscht Sprache und Metrum gerade so sicher, wie der der umstehenden Strophen. Warum soll nun nicht, wer diesen Zusatz machte, auch sonst zuzusetzen und, wo es ihm gut schien, zu beßern sich erlaubt haben? Ja, warum soll er nicht den ganzen Text nach seinem Geschmack umgearbeitet haben? Um so weniger würde in unserem Falle das Auswerfen von Interpolationen zuläßig sein, als wir statt eines Textes die elenden Trümmer dreier Texte vor uns haben, über deren keinen wir uns ein festes Urtheil bilden können. Denn von einer großen Anzahl der erhaltenen Strophen läßt sich nicht entscheiden, welchem Texte sie angehörten, und selbst wenn eine strenge Sonderung gelänge, würden immer noch empfindliche Lücken bleiben. Die Aussendung der wartman z. B. würde in a und b fehlen.

Wie nun, wenn gar der letzte Contaminator selbstgestaltend in die drei Vorlagen eingegriffen hätte? Daß Interpolationen, wie die eben besprochene, von ihm herrühren, glaube ich nicht. Wer so bedächtig den Anschluß an die umgebenden Strophen sucht, wie der Dichter der Str. 188 und 192, der, meine ich, mußte auch, wenn er ans Contaminieren ging, sofort merken, welch heillose Verwirrung er durch seine Zusammenstellungen anrichtete, und folglich von seinem Versuche abstehen. Der rohe, völlig ungebildete Compilator, der offenbar einzig zu dem Zwecke, einen längeren Text zu schaffen, als ihm seine Vorlagen boten, die Contamination vollzog, wird schwerlich im Stande gewesen sein eine regelrechte Nibelungenstrophe zu bauen, geschweige denn ihr einen erträglichen Inhalt zu geben. So mechanisch er aber auch bei seinen Strophenzusammensetzungen verfuhr, an den einzelnen Strophen kann er sich darum immer noch arg genug vergriffen haben. Lebte er im 14. oder 15. Jahrhundert, so mag ihm schon manches Wort und manche Wendung nicht recht verständlich gewesen sein, und mancher ganz verständliche Gedanke wieder mag über sein beschränktes Faßungsvermögen gegangen sein. Da könnte er wohl nachgeholfen haben. Viele freilich von den handgreiflichen Verunstaltungen unseres Textes werden auf den letzten Abschreiber kommen; denn schließlich ist uns von unserem Texte nur eine einzige Handschrift erhalten, deren Schreiber in Gedankenlosigkeit und Nachlaß igkeit mit unserem Contaminator wetteifert.

Für den, der diesen Ausführungen beistimmt, ist der Martin'sche Bau ein Trümmerhaufe, zusammengeschichtet aus dem Gestein, das von Ruinen geblieben ist. Wenn wir an seiner Stelle keinen neuen Bau auffuhren konnten, so ist das Resultat darum kein negatives, wofern der Beweis gelungen ist, daß sich hier nur ein in diesem Sinn negatives Resultat erzielen läßt. Wenn die Kritik auf dem Gebiet des deutschen Epos Gedeihliches fördern soll, so darf sie nicht ferner geistesgestörte Interpolatoren zu Hilfe rufen, um aus der Welt zu schaffen, was ihr nicht bequem ist. Ein bei einem Dichter unbegreiflicher Einfall ist bei einem Interpolator gerade so unbegreiflich; denn Dichter und Interpolator denken nach gleichen Gesetzen. Begreifen wir daher die Entstehung einer Strophe nicht, so bleibt die Strophe stehen, bis sie erklärt ist. So lange die Kritik diesem Grundsatze nicht folgt, läßt sie ungelöste Räthsel, kann sie folglich keine überzeugenden Resultate gewinnen; folgt sie ihm aber, so muß sie auch erkennen, daß alle bisher gemachten Versuche, einheitliche Texte aus unseren Epen herauszusuchen, völlig haltlos sind. Bei allen uns erhaltenen Texten epischen Inhalts — so verschieden ihre Entstehungsgeschichte sein mag — stellt sich dasselbe Resultat heraus, wie bei der aufmerksamen Leetüre des Alphart: der Text muß bleiben wie er ist.

BERLIN. FRIEDRICH NEUMANN.

ZU HARTMANNS EREC.

14. Aventiure. Conjecturen und Restitutionen.

6230. Dieser Vers hat unter allen wohl das meiste Kopfzerbrechen verursacht; und noch immer ist er nicht wirklich befriedigend hergestellt. Ich führe zunächst die verschiedenen Lesarten nacheinander an und füge dann meine Bemerkungen hinzu.

1. Handschrift: für schaden, der euch wenig frumb ist.

2. Lachmann: für schaden, der ouch veige ist.

3. Pfeiffer: für schaden, der unwendec ist.

4. Müller: für schaden, der ouch (oder doch) frum ist.

5. Bech: für schaden, der ouch wendic ist.

6. Haupt: für schaden, der et gefrumt ist.

Ad 1. Der Schreiber muß seine Vorlage gar nicht verstanden haben, sonst hätte er nicht so gefaselt. Es muß entweder ein schweres ungewöhnliches Wort, an dem er strauchelte, vorhanden gewesen sein, oder er hat sich verlesen und dann auf gut Glück irgend etwas, was ihm halbwegs passend schien, hingeschrieben. Auf Grund dieser oder jener Möglichkeit muß die Heilung versucht werden.

Ad 2. Lachmann hat offenbar nach einem schweren ungewöhnlichen Worte gesucht, und da fand er für wenig : veige, was Haupt in der ersten Ausgabe willig aufnahm, ouch für euch liegt nahe, und doch ist es bedenklich. Denn da hier der Dativ euch vorliegt, so darf geschlossen werden, daß der Schreiber iu vorfand oder iu in einem andern Worte oder in einer andern Buchstabenverbindung zu erkennen glaubte. Von Seite des Sinnes ist Lachmanns Conjectur so unglücklich wie möglich, und wo bleibt das hsl. frumb? Kann das so ohne Weiteres weggeworfen werden? Allzugewöhnlich ist doch frumb wahrlich nicht, daß es als Erfindung des Schreibers gelten könnte, zumal es das gewichtigste Wort des Satzes ist und dicht vor dem Verbum steht.

Ad 3. Pfeiffer erklärt sich (Germ. 4, 221 fg.) sehr scharf gegen Lachmanns Conjectur. Sein eigener Vorschlag, im Principe Lachmanns Conjectur gleich, ist insofern beßer als Lachmanns veige, als wendic dem hsl. wenig näher steht. Diq Vorsetzsilbe un- könnte leicht vom Schreiber als iu gelesen worden sein. Der Sinn von Pfeiffers Herstellung ist ganz vortrefflich, aber wir sind doch nicht befriedigt, weil wiederum von frumb ganz abgesehen ist.

Ad 4. Müller adoptiert Lachmanns ouch, setzt ihm aber ein mögliches doch an die Seite, sonst aber geht Müllers Conjectur umgekehrt zu Werke. Sie hält sich an das vorhandene letzte Wort und läßt das erste weg. An die Möglichkeit einer starken Verlesung denkt Müller nicht, ebensowenig an das Vorhandensein eines dem Schreiber ungeläufigen Ausdruckes, dafür sieht er in wenig einen müßigen Zusatz, der einfach zu streichen sei. Aber, kann man fragen, wie kommt der Schreiber gerade zu diesem wenig? Brauchte er einen negativen Ausdruck, warum nahm er nicht die einfache Negation? Durch nicht wäre ja auch sein Vers glatter gerathen. Hinsichtlich des Sinnes weicht Müllers Conjectur bedeutend von der vorausgehenden Pfeiffers ab. So einfach und natürlich und angemeßen auch Pfeiffers Satz erscheint, so ist Müllers Anschluß an die Überlieferung von frumb doch deßhalb beßer, weil dadurch der Zusammenhang mit den Versen 6266 fg., auf die Müller mit Recht verweist, gewahrt wird. Gerade bei Hartmann stehen die einzelnen Aussprüche außerordentlich häufig miteinander in Correspondenz. Die Verse 6266, 67 seht, wirt iu wol schin, daz iu iuwers mannes totfrumt wären ohne vorausgehenden ähnlichen Ausspruch nicht leicht denkbar.

Ad 5. Bechs Herstellung in seiner Ausgabe (in beiden Auflagen) ist eine Vermittelung zwischen der Conjectur Pfeiffers und der Müllers. Bech schließt sich diplomatisch vorzugsweise an Pfeiffer an (tcendic ohne Berücksichtigung von frumb), zu kleinerem Theile an Müller (ouch); inhaltlich nähert sich der Sinn des gewonnenen Satzes einigermaßen dem der Müller'schen Conjectur, doch ist wendec nicht so bestimmt und so weitgehend wie frum.

Ad. 6. Haupt hat in der zweiten Ausgabe den früheren Einfall Lachmanns Preis gegeben, geht wie Müller dem hsl. wenig aus dem Wege und hält sich an frumb. Die Wendung schcuhn frnmen, die mit

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